Magazinrundschau

Datenfluss, der nie beginnt

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
07.06.2011. Die NYRB fürchtet, dass man ihr künftig ins Gehirn schauen kann. Der Economist prophezeit unsere Versklavung durch SARTRE. In Prospect schildert Lionel Shriver die Freuden des manipulierenden Einwirkens auf einen Tennisball. Die jungen Ungarn sehnen sich nach dem 19. Jahrhundert, fürchtet Elet es Irodalom. In Rue 89 macht Jeff Jarvis den Journalismus zum Prozess. In Vanity Fair fordert Christopher Hitchens: die Amerikaner sollen sich mit Indien verbünden statt mit Pakistan.

New York Review of Books (USA), 23.06.2011

Sue Halpern hat drei Bücher gelesen, die ihr, zusammen betrachtet, Angst und Bange vor der digitalen Zukunft machen: Eli Pariser beschreibt in "The Filter Bubble", wie Googles Suche durch ihre Personalisierung zunehmend die Realität verzerrt, Jaron Lanier fürchtet in "You Are Not a Gadget", dass wir alle nur noch Zielscheiben von Werbung werden. Michael Chorost preist dagegen in "World Wide Mind" unsere Zukunft als Cyborgs. Demnach sind Gehirn-Computer-Schnittstellen das nächste große Ding, was sie selbst schrecklich findet, offenbar aber nicht die Ingenieure dieser Welt: "Vor einigen Jahren stellte sich Stuart Wolf (einer der Erfinder des magnetischen Speichers bei DARPA, der Militärbehörde, die den Internet-Vorgänger Arpanet erfand), die digitale Zukunft so vor, dass wir alle ein Stirnband tragen, dass direkt ins Gehirn führt und uns unter anderem ermöglicht, zu sprechen, ohne zu reden, um die Ecke zu sehen und allein durch Gedanken ein Auto zu lenken. Ein anderer Zweig von Darpa schwemmt Millionen von Dollar in die Entwicklung eines militärischen Gedankenhelms, der Soldaten im Feld miteinander wortlos kommunizieren lässt, indem er Gedankenwellen überträgt, die dann von Sensoren im Helm gelesen und in Radiobotschaften umgewandelt werden. Bereits 2000 begann Sony an einem patentierten Weg zu arbeiten, Videospiele direkt ins Gehirn zu beamen, wobei sie Ultraschall-Impulse benutzen, um sensorische Bilder für ganzheitliche und unentrinnbare Spielerlebnisse zu schaffen. Erst kürzlich haben sich Wissenschaftler an der FU in Berlin an Wolfs Vision eines Autos gemacht, das allein durch Gedanken gesteuert wird."

Weiteres: Daniel Wilkinson kennt den Preis, den Kolumbien für seinen erfolgreichen Kampf gegen die linke Drogenmafiaguerilla FARC zu zahlen hat: den Aufstieg der rechten Drogenmafiaparamilitärs AUC. Adam Thirwell stellt den ukrainischen Schriftsteller Sigizmund Krzhizhanovsky vor, der gerade wiederentdeckt wird.

Economist (UK), 02.06.2011

Zeit, Energie, Nerven könnte man sparen, wenn Autos auf längeren Reisen nicht selbständig führen, sondern in einer zentral gesteuerten Kolonne hintereinander her rollten. Tatsächlich gibt es ein Forschungsprojekt, das genau die Bedingungen der Möglichkeit des Kolonnenverkehrs untersucht. Es trägt den sehr schönen Akronymnamen SARTRE (Safe Road Trains For The Environment) und der Economist stellt es in seiner Technikbeilage vor: "Die Idee ist, dass Fahrer durch die Einordnung in die Kolonne und die Übergabe der Kontrolle über den Wagen an einen professionellen Führfahrer die Fahrt viel angenehmer verbringen. Als Passagiere können sie lesen, einen Film sehen, im Netz surfen und sogar schlummern... Die Lücke zwischen den Kolonnen-Fahrzeugen wird eng sein, aber computerkontrollierte Systeme könnten auf jedes plötzliche Bremsen oder anderes erratisches Verhalten viel schneller reagieren als ein menschlicher Fahrer und so Kollisionen verhindern... Allerdings ist der technologische Aufwand für das Vorhaben beträchtlich. Jedes Auto, das in eine Kolonne hineinmöchte, müsste sein Fahrtziel angeben, um dann über eine passende Kolonne in seiner Nähe informiert zu werden. Das Auto fährt dann ans rückwärtige Ende der fahrenden Kolonne und ein drahtloses Funksystem mit dem Namen IEEE 802.11p, das speziell für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen entwickelt wurde, ermöglicht dem Magen, sich von einem Führfahrzeug - wohl einem LKW - versklaven zu lassen."
Archiv: Economist

MicroMega (Italien), 03.06.2011

Die Biennale in Venedig war von Politik durchdrungen, meint Mariasole Garacci. "Es gibt das Bedürfnis, Position zu beziehen, es ist in den Kunstwerken spürbar, aber auch bei den Leuten. Eine der Fragestellungen, mit denen sich die Künstler beschäftigen, ist jene, ob es so etwas wie eine Nation der Künstler gibt. Die Antworten sind unterschiedlich, aber sicher ist, dass diese Künstlernation über ihre eigenen Mythen und ihre eigenen Helden verfügt. Einer davon ist in diesen Tagen Ai Weiwei. Der Präsident der Biennale, Paloa Baratta, hat die Hoffnung ausgedrückt - der chinesische Pavillon ist direkt neben dem italienischen - dass das Land bald 'etwas Positives' über den Künstler verlauten lässt, der am 2. April verhaftet wurde. Das unerlässliche Statussymbol in diesen Tagen ist ohnehin die Leinentasche mit dem Aufdruck 'Free Ai Weiwei'."
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Archiv: MicroMega
Stichwörter: Ai Weiwei, Venedig

Prospect (UK), 25.05.2011

Die Schriftstellerin Lionel Shriver ist, wie sie in einem leidenschaftlichen Artikel bekennt, dem Tennis verfallen. Sie nutzt jede Gelegenheit zum Trainieren und Spielen. Was das Einzigartige an diesem Sport ist, versucht sie so zu erklären: "In seinen Grundzügen ist Tennis auf erhabene Weise einfach, und der Laie hat guten Grund, sich erst einmal entgeistert zu fragen, was so großartig daran sein soll, eine unter Luftdruck gesetzte Kugel wiederholt über ein Netz zu schlagen. Allerdings ist das manipulierende Einwirken auf einen Tennisball mit dem Schläger eine schauderhaft subtile und suchterzeugend schwierige Sache... Es ist im übrigen fabelhaft, dass man etwas dermaßen hart prügeln darf, wieder und wieder, und nicht verhaftet wird dafür. Das Klang des Balls beim Aufprall auf die Saiten bietet dieselbe perkussive Befriedigung wie das Ploppen eines Steins in einen Teich, das Aufsprengen einer Erbsenhülse oder das Einschnappen der Teile eines neuen Druckers, wenn das Plastik dabei nicht bricht."
Archiv: Prospect
Stichwörter: Lionel Shriver

Elet es Irodalom (Ungarn), 03.06.2011

Seit 2010 ist der 4. Juni ein so genannter "Trianon-Gedenktag" - der Jahrestag des Friedensvertrags von Trianon im Jahr 1920, als Ungarn etwa Zweidrittel seiner Territorien und knapp ein Drittel der ungarischen Bevölkerung an die Nachbarstaaten verloren hatte. Aufgrund der fehlenden Aufarbeitung florieren Lügen und historische Mythen wie eh und je, was sich auch an einer Umfrage unter jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren aus dem Jahre 2009 zeigen lässt: Nur fünf Prozent der Befragten betrachten den Trianon-Vertrag als Ergebnis der repressiven Minderheitenpolitik der ungarischen Elite vor 1918. Mehr als die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass sich die Ungarn niemals mit den Verlusten von Trianon abfinden dürften. Offenbar lernen sie weder in der Schule noch in der Familie die wichtigsten Fakten, ihre Meinung wird daher von den Politikern geprägt, stellt die Soziologin Maria Vasarhelyi fest: "Der Eckpfeiler der politischen Identitätsbildung der Rechten ist das Mantra über das Unrecht von Trianon und die niemals ausgesprochene, aber stets angedeutete Option einer territorialen Revision - während die Stimme dieser aggressiven und unfruchtbaren Rhetorik vom leeren Schweigen der Linken nur noch verstärkt wird. Das unaufgearbeitete Trauma von Trianon und die damit verbundenen Irrglauben und Lügen werden seit einem knappen Jahrhundert von einer Generation an die andere weitergegeben. Allmählich gelangen wir aber in dieser Frage an einen Wendepunkt; als aussichtsreiche Alternative zur jetzigen autokratischen Macht wird sich in den kommenden Jahren allein eine politische Kraft durchsetzen können, die eine ausgereifte und mit den veränderten europäischen Verhältnissen im Einklang stehende Auffassung davon vertritt, wie Ungarn im 21. Jahrhundert mit dem Vertrag von Trianon und den Problemen der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern umgehen sollte."
Stichwörter: Minderheitenpolitik

Rue89 (Frankreich), 05.06.2011

Laurent Mauriac informiert über eine These des amerikanischen Journalisten und Medienprofessors Jeff Jarvis, wonach der ganz gewöhnliche Zeitungsartikel ein aussterbendes Genre sei. Abgelöst werde er von einer eher "prozesshaften" Berichterstattung über elektronische Medien wie Twitter. Dieses Thema wird in den USA von Medienschaffenden heiß diskutiert und vielfach bestätigt. "Laut Jarvis sind Artikel keine notwendige Form mehr, um Ereignisse abzudecken. Sie sind es noch für Printmedien, nicht jedoch 'für den Datenfluss, der nie beginnt und nie endet' ... Aber was ist ein Artikel dann noch?, fragt sich Jeff Jarvis und antwortet: 'Ein Artikel kann ein Unterprodukt in dem Prozess sein, er ist aber nicht mehr der Zweck des Prozesses'. Außerdem könne ein Artikel 'ein Luxus' sein, wenn eine komplexe Geschichte sich weiterentwickelt, 'dann ist er ein großer Service, der sie zu einer schlüssigen und prägnanten Erzählung zusammenbindet'."

Wie ein Abwehrzauber mutet in diesem Zusammenhang eine reichlich absurde Entscheidung der französischen Regulierungsbehörde CSA an: Um versteckte Werbung zu vermeiden, berichtet Pierre Haski, dürfen die Worte Twitter und Facebook künftig im französischen Radio und Fernsehen nicht mehr ausgesprochen werden - es sei denn, es ist für die Berichterstattung absolut erforderlich (mehr dazu auf Englisch bei Gizmodo).
Archiv: Rue89

This Recording (USA), 03.06.2011

Nach einigen Jahren im Ausland ist Saratu Abiola (Blog) nach Lagos zurückgekehrt. In Nigeria bewegt sich alles sehr schnell, stellt sie fest, das verdecke leicht, dass sich manche Dinge überhaupt nicht verändern: "Nigerianische Filme sind dafür ein sehr gutes Beispiel. Egal wieviel besser die Vorführhäuser heute sind, wieviel mehr Geld die Schauspieler verdienen, wieviel populärer die Filme geworden sind - die Filme sind und waren immer warnende Erzählungen, eindimensionale Lehrstücke über die Ehe und die Gefahren eines gottlosen, heidnischen Lebens. Europa hat seine Monster und Märchen. Amerika hat seine Superhelden. Nigeria hat Jesus. Religion füllt unsere gemeinsame Vorstellungskraft, sie gibt Antwort auf Fragen, die wir anscheinend haben. Das war schon immer so. Es hat sich nicht geändert. Kein Stück."

Magyar Narancs (Ungarn), 26.05.2011

Ungefähr seit dem Regierungsantritt der Fidesz-Partei vor einem Jahr wird von der rechtsradikalen Jobbik und der Regierungsfraktion KDNP eine Hexenjagd gegen den Direktor des ungarischen Nationaltheaters, Robert Alföldi, geführt - es könne nicht angehen, dass ein "Schwuler" und "Jude" das Theater der Nation leitet. Bislang hielt Alföldi dem Dauerbeschuss ganz tapfer stand, doch bei einer jüngsten Pressekonferenz ist ihm offenbar der Kragen geplatzt: Die Reporterin eines national gesinnten Fernsehsenders hatte ihn gefragt, ob er nicht seinen Posten räumen wolle, weil es in seiner Inszenierung von Imre Madachs Stück "Die Tragödie des Menschen" eine Szene mit Oralsex gibt. "Würden Sie das einen 12-jährigen Schüler sehen lassen?" fragte die Reporterin. Darauf Alföldi: "Das würde ich. Ich hoffe, Sie haben solchen oralen Sex, bis ans Ende Ihrer Tage." Diese Antwort hält auch die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs für inakzeptabel. Dennoch: "Ob nun Alföldi eine Kinderstube gehabt hat oder nicht, sehr geehrte Herren Minister und Ministerpräsident, ändert am Lauf der Dinge herzlich wenig. Es sei denn, man hatte einst in seinem Kontrakt festgelegt, dass er mit Reportern rechtsradikaler Nachrichtensendungen wie mit rohen Eiern umgehen müsse. Wie dem auch sei - wenn Alföldi jetzt den Chefsessel des Theaters der ungarischen Nation verlassen muss, wird dies nicht geschehen, weil er sich gegenüber einer jungen Dame daneben benommen hat. Sondern, weil die erbarmungslose Hetzjagd von Jobbik und KDNP ihr Ziel erreicht hat; er wird gehen müssen, weil sie meinen, Alföldi sei 'schwul' und ein 'Jude'. Und wenn er jetzt gefeuert wird, wird diese Einstellung zum offiziellen Standpunkt der ungarischen Regierung. Auch das ist inakzeptabel!"
Stichwörter: Hexenjagd

La vie des idees (Frankreich), 31.05.2011

Unter der Überschrift "Die israelische Verlockung des Verzichts auf die Vergangenheit" beschäftigt sich der in Jerusalem lehrende Linguist Cyril Aslanov ausführlich Essay mit der Frage, aus welchen Gründen Romane aus Israel in Europa so erfolgreich sind. An ihrer literarischen Qualität alleine könne es nicht liegen, meint er, vielmehr spiele neben einem gewissen Orientalismus auch eine verzerrte Optik eine Rolle. Aslanov schreibt unter anderem: "Wenn die Rolle von Amos Oz als Wortführer der israelischen Linken auch unleugbar ist, ist sein Erfolg im Ausland teilweise einer Überakzentuierung seines politischen Engagements geschuldet. Die europäischen Medien versuchen, ihn vor allem als einen militanten Humanisten und Pazifisten darzustellen, als Gefangenen eines Staats, der als zynisch und kriegstreiberisch wahrgenommen wird. Der taube Dialog zwischen dem Schrifsteller und den Lesern ... leistet einem viel allgemeineren Missverständnis Vorschub, der sich in der Rezeption von Amos Oz, A. B. Yehoshua und David Grossman durch die europäischen Leser zeigt, welche die Tendenz haben, diese Autoren als viel pazifistischer wahrzunehmen, als sie in Wirklichkeit sind."

Vanity Fair (USA), 01.07.2011

Christopher Hitchens macht seiner Verachtung für Pakistan Luft, dessen Militärs seit Jahrzehnten ein doppeltes Spiel treiben, dessen Präsident jeden Tag wieder vor den Mördern seiner Frau Benazir Bhutto kuscht und in dem Ehre von der Bereitschaft abhängt, seine Schwester zu töten: Warum noch mit dem Land zusammenarbeiten? "Wenn wir aufhörten, unseren Stolz herunterzuschlucken, so wird mir in Washington ständig gesagt, würde sich die pakistanische Oligarchie noch grauenvoller verhalten und die Situation verschlimmern. Dieses schale und oberflächliche Argument ignoriert die schreckliche historische Tatsache, dass die pakistanische Führung jedes Mal, wenn sie schlimmer agierte, von den USA belohnt wurde. Wir haben jeden einzelnen Schritt in der Gegenevolution dieses elenden Staats unterstützt, bis zu dem Punkt, an dem er eine ernsthafte Bedrohung in der Region und zu einem unverhüllten Alliierten unseres schlimmsten Feindes wurde. Wie kann es schlimmer werden, wenn wir uns stattdessen mit Indien verbünden würden, unser einziger Rivale als multiethnische und multireligiöse Demokratie, eine Nation, in der genauso viele Muslime leben wie in Pakistan?"
Archiv: Vanity Fair