Magazinrundschau

Überaus widerstehliche Prosa

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
19.08.2008. The Atlantic fordert mehr Termiten-Effizienz: dann klappts auch mit der Umwelt. In Tygodnik Powszechny beschreibt der Schriftsteller Marek Nowakowski seine Anpassungsstrategie im Kommunismus. In Letras Libres vermisst Rafael Gumucio die Streitlust Roberto Bolanos. Outlook India porträtiert den neuen Bollywoodstar Akshay Kumar. In Rue89 warnt Michel Wieviorka vor dem neuen Rassismus in Frankreich. Die New York Times demontiert den führenden amerikanischen Literaturkritiker und die Klassifikation der St.-Emilion-Weine.

The Atlantic (USA), 01.09.2008

Faszinierende Einblicke in die gescheiterte Präsidentschaftskandidaturbewerbung Hillary Clintons bietet ein Dossier, für das in erstaunlicher Offenheit das Kampagnen-Team interne Dokumente freigegeben hat. Joshua Green hat sie gelesen und erzählt die Geschichte einer völlig unerwarteten Niederlage chronologisch nach. Er fasst zusammen: "Zwei Gedanken drängten sich mir nach der ersten Lektüre auf. Der eine war, dass die Kampagne, dem äußeren Anschein zum Trotz, eine klare Strategie besaß und weit vorausgedacht war... Der zweite war: Wow, das war sogar schlimmer, als ich vermutet hatte! Selbst die zurückhaltendsten Weisen Washingtons hatten sich von Wut und fatalen Obsessionen überwältigen lassen."

Nicht weniger faszinierend sind die von Lisa Margonelli vermittelten Einblicke ins Innere der Termiten - genauer gesagt in deren dritten Darm. Dort finden sich nämlich sonst unbekannte Mikrobenarten, die können, was der Mensch bisher nur unter massivem Aufwand leisten kann: Sie zerlegen Holz in Wasserstoff. "Geben Sie einer Termite diese Seite und ihre mikrobischen Helfer werden daraus zwei Liter Wasserstoff erzeugen, genug, um damit zehn Kilometer in einem Brennstoffzell-Auto zu fahren. Wenn wir Holzabfälle auch nur mit einem Bruchteil der Termiten-Effizienz in Treibstoff verwandeln könnten, wären wir in der Lage, unsere Wirtschaft aus Sägemehl, gemähtem Rasen und alten Zeitschriften in Gang zu halten."

Außerdem: Robert D. Kaplan informiert mit Hilfe von vier amerikanischen Experten über die Situation in Burma und Christopher Hitchens bespricht einen Band mit Norman Mailers Politreportagen aus dem Jahr 1968.
Archiv: The Atlantic

Tygodnik Powszechny (Polen), 17.08.2008

Der Schriftsteller Marek Nowakowski spricht im Interview über seine Kindheit im Warschauer Vorort Wlochy, wo er sich unter den Kleinkriminellen am wohlsten fühlte, über seine Abneigung gegen elitäre Literatenzirkel und seine Anpassungsstrategie im Kommunismus: "In jeder Gesellschaft, nicht nur der totalitären, kann man seine Nische finden. Ich dachte nie ans Auswandern - als man mich nicht Reisen ließ, machte das auf mich keinen Eindruck, ich ging eben in den Karpaten wandern. (...) An Publikationsverbote dachte ich nie in apokalyptischen Dimensionen. Ich fühlte auch nie, dass ich für die Menschheit leide. Alles was ich tat, ging auf meine Rechnung, das Schreiben war meine Enklave der Freiheit. Im Guten oder im Schlechten - auf diesem Gebiet war ich souverän."

Weitere Artikel: Jussi Jalonen erinnert an Kaarlo Kurko, einen finnischen Antibolschewisten, der sich 1920 freiwillig zur polnischen Armee meldete, um gegen die Rote Armee zu kämpfen, die damals vor Warschau stand. Und Agnieszka Sabor lobt eine Krakauer Ausstellung von Fotografien, die Wilhelm Ze'ev Aleksandrowicz 1934 während einer Japan-Reise machte: "Der Wert dieser Bilder rührt vielleicht nicht aus ihrem künstlerischen Niveau - es sind schwarz-weiße Schnappschüsse, gleichzeitig statisch und grobkörnig. Sie halten aber diese besondere, wenn auch bekannte, gleichzeitig faszinierende und unerträgliche Erfahrung fest: die unüberbrückbare Grenze zu einer anderen Kultur; eine Grenze, die zur Unterscheidung in 'Wir' und 'Sie' zwingt."
Stichwörter: Auswanderer, Krakau, Rote Armee

New Yorker (USA), 25.08.2008

Als eine "Geißel der Linken" stellt Ben McGrath Jerry Corsi vor, Autor des Buchs "The Obama Nation", das es binnen zwei Wochen auf Platz eins der Sachbuch-Hitliste der New York Times geschafft hat. In dessen Vorwort erklärt Corsi, weshalb er "grundsätzlich" gegen Barack Obamas Kandidatur ist. "In diesem Buch beabsichtige ich zu begründen, dass eine Präsidentschaft Obamas uns in eine 'Obama-Nation' führen würde. Dieses Wortspiel ist ausdrücklich beabsichtigt, da Obamas linksradikale, von seinem vorsätzlich betriebenen Personenkult gesteuerte Politik eine Abscheulichkeit wäre, weil das Ergebnis dieser Politik die Vereinigten Staaten in eine kostspielige und selbstzerstörerische Richtung führen würde, sowohl national wie international."

Weitere Artikel: In einem Brief aus Rangun geht George Packer der Frage nach, ob sich das burmesische Volk selbst retten kann. Antony Lane berichtet über "Politik, Pomp und Phelps" bei den Olympischen Spielen in Peking. David Remnick denkt darüber nach, was Putin ("Er ist weder Hitler noch Stalin, nicht mal Leonid Breschnew. Er ist, was er ist, und das ist schlimm genug.") in Georgien will. Zu lesen sind weiter die Erzählung "Awake" von Tobias Wolff und Lyrik von C.K. Stead und des kürzlich verstorbenen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish.

Joan Acocella bespricht die Biografie "Giordano Bruno: Philosopher/Heretic" (Farrar, Straus & Giroux) von Ingrid Rowland. Paul Goldberger besichtigt das neue Gebäude, das Brad Cloepfil für das Museum of Arts and Design an die Stelle der alten Gallery of Modern Art setzte. Und Anthony Lane sah im Kino die Action-Komödie "Tropic Thunder" und den Thriller "A Girl Cut in Two" ("Die zweigeteilte Frau") von Claude Chabrol.
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Archiv: New Yorker

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 17.08.2008

Der Schriftsteller Rafael Gumucio vermisst in der spanischsprachigen Literatur die Streitlust des vor fünf Jahren verstorbenen chilenischen Autors Roberto Bolano: "Vielleicht sollten wir all der Sympathie und gegenseitigen Wertschätzung unter den jungen lateinamerikanischen Schriftstellern misstrauen. Sie entstammen verschiedenen Ländern und Ethnien, aber doch fast alle der gleichen sozialen Schicht, den gleichen Schulen, Postgraduiertenkursen, haben die gleichen Väter und Freunde. Die für die Entstehung von Literatur notwendige Anzahl von Monstern lässt sich unter ihnen jedenfalls nicht entdecken. Dabei spricht nichts dafür, dass bessere Bücher entstehen, wenn alles ruhig ist und die Kritiker ihre Autoren verwöhnen und liebhaben. Die Geschichte der Literatur erzählt vielmehr genau das Gegenteil: Kämpferische Auseinandersetzungen zwischen Autoren, untereinander oder mit ihren Kritikern, sind keineswegs bloß unangenehme Episoden, die zeigen, wie schlecht die Menschen doch eigentlich sind, sondern die fruchtbare Grundlage, aus der gute Literatur erst hervorgeht."

Economist (UK), 15.08.2008

Symptomatisch für den relativen Aufschwung im subsaharischen Afrika findet der Economist den Erfolg eines neuen Pay-TV-Satellitensenders: "Der Wirtschaft in der Region geht es besser als seit Jahrzehnten und in vielen Ländern existiert eine kleine, wachsende Mittelschicht, die ihr Geld auch ausgeben möchte. Das ist jedenfalls das Kalkül von GTV, einem vor einem Jahr gegründeten Satellitensender. Bisher hat er mehr als 100.000 zahlende Kunden in zwanzig Ländern gefunden, was, so rechnet GTV, ungefähr 1,25 Millionen Zuschauer bedeutet." Am beliebtesten ist Fußball, insbesondere Übertragungen von Spielen der britischen Premier League. "Neben Sport hat GTV aber auch beliebte Soap Operas, Serien und Filme aus Hollywood und Nollywood (der nigerianischen Filmindustrie) und anderen Teilen Afrikas im Programm. Aber das Angebot umfasst auch internationale Nachrichten und Religion sowie Kinderprogramme."

In weiteren Artikeln geht es um die US-Poetry-Slam-Meisterschaft und - unter der Überschrift "Die Deutschen kommen" - den Siegeszug vor allem deutscher Discounter in Ländern wie Frankreich und Großbritannen, deren Supermärkte lange erfolgreich die Preise hoch hielten. Besprochen werden unter anderem ein Buch über die zweitausendjährige Geschichte der Jüdischen Gemeinde im indischen Kerala und Ophelia Fields Studie über den "Kit-Cat Club", zu dem führende britische Künstler und Intellektuelle des 18. Jahrhunderts wie William Congreve oder der Spectator-Gründer Sir Richard Steele gehörten.
Archiv: Economist

Outlook India (Indien), 25.08.2008

Soeben hat "Singh is Kinngh", der neue Film mit Akshay Kumar, ein sensationell erfolgreiches Startwochenende hingelegt. Es wird Zeit, findet Namrata Joshi, dem von den Massen geliebten, von den Kritikern eher belächelten Star ernst zu nehmen. Außergewöhnlich sind nicht nur seine Erfolge, außergewöhnlich ist im oft dynastisch organisierten Bollywood auch sein Werdegang: "Er wuchs auf in Delhi... ging nach Bangkok, um dort Martial Arts zu lernen, wo er als Koch sein Geld verdiente. Als er nach Indien zurückkehrte, ... bekam er aus heiterem Himmel einen Model-Job und schnell wurde ihm klar, dass sich im Showbusiness mehr als im Karatebusiness verdienen lässt. Die Frau, die beim Shoot sein Makeup machte, leitete die Aufnahmen an den Produzenten Pramod Chakravarty weiter und er bekam eine Rolle im nicht weiter erwähnenswerten Film 'Saugand'. Von da an ging es langsam, aber sicher aufwärts. Er begann als Action-Star, wandte sich Komödien zu und heute sind seine Filme eine Mischung aus Stunts, Witzen und Liebesgeschichte. Mehr als hundert Filme später ist er heute, mit vierzig, der Star, der die sichersten Hits produziert."

Im Interview ärgert sich Kumar über die intellektuellen Kritiker, ist aber insgesamt bester Laune. (Bei Youtube kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen.)

The Nation (USA), 13.08.2008

Der in Moskau tätige Journalist Mark Ames bricht eine Lanze für die Südosseten. Es handle sich hier um zwei wie russische Puppen ineinandergeschachtelte David-Goliath-Konflikte: Goergien ist der David Russlands, und Südossetien ist der David Georgiens: "Und die Osseten haben sich traditionell auf ihren mächtigen Nachbar in Norden Russland gestützt, um Schutz vor Georgien zu suchen. Die Georgier wiederum versuchten, der russischen Hegemonie zu begegnen, indem sie sich eng an die Vereinigten Staaten banden, wo sie bei alten Kaltern Kriegen und Neocons aus der Bush-Ära auf offene Ohren stießen."
Archiv: The Nation

Rue89 (Frankreich), 17.08.2008

Sind die Franzosen insgesamt rassistischer geworden oder neigen sie im Gegenteil zu politischer Korrektheit? Die jährliche Erhebung der "Commission nationale consultative des droits de l'homme" (CNCDH) hat ergeben, dass 48 Prozent der Ansicht sind, es gebe "zu viele Einwanderer in Frankreich", und sich satte 30 Prozent ausdrücklich für "rassistisch" erklären. Und der Rassismus kommt heute nicht mehr nur von rechts, sondern auch von der antikolonialistischen Linken und aus islamistischen Kreisen. Der Soziologe und Antisemitismus-Experte Michel Wieviorka warnt deshalb: "Vorsicht: Man kann darauf wetten, dass sich in Umfragen nicht alle Rassisten als solche bezeichnen. Deshalb sind die 30 Prozent unterbewertet, siehe die Stimmergebnisse für den Front National. Sich rassistisch zu nennen, steht heutzutage gesetzlich unter Strafe, für den FN zu stimmen dagegen nicht. Des Weiteren gilt es heute als legitim, die extreme Rechte zu wählen: Der Front National hat diesen Ansichten demokratische Legitimität verschafft."
Archiv: Rue89

Times Literary Supplement (UK), 15.08.2008

Zum richtigen Zeitpunkt fertig geworden ist Charles Kings Geschichte des Kaukasus "The Ghost of Freedom", Donald Rayfield kann sie sehr empfehlen, vermisst aber ein entscheidendes Kapitel: "In einem Buch, das den 'Geist der Freiheit' behandelt, würde man einen etwas gründlicheren Blick auf die 'kleinen Kosovos' im Kaukasus erwarten, in denen sich ethnische Gruppen wie die Abchasen und Südosseten vom neuen unabhängigen Georgien abzuspalten versuchten, nur um sich selbst als internationale Parias wiederzufinden, deren einzige Möglichkeit es war, in Russlands Schoß zurückzukehren. Hier trifft Putins Salamitaktik, sich verlorenes Sowjet-Territorium wieder einzuverleiben, leider auf keinerlei angemessene oder auch nur intelligente Antwort der Betroffenen, zuvorderst der Georgier, oder der Europäischen Union und der USA, die sich schon im Gewirr des früheren Jugoslawien verheddert haben. Sie können nur die Hände ringen, wenn sie sehen, wie Russland mit Hilfe seiner schwerbewaffneten Friedenstruppe Abchasien wieder in sein eigenes privates Erholungsgebiet verwandelt."

Beglückt hält Toby Barnard den "Oxford Guide to Literary Britain and Ireland" in Händen, der sehr anschaulich mache, wie bestimmte Orte die Literatur verändert haben - und die Literatur Städte: "An einigen Städte haben sich Schriftsteller zu unrecht gerächt. Slough allerdings war nicht ganz schuldlos daran, dass John Betjeman es für seinen Bombenhagel auswählt hat."

Espresso (Italien), 14.08.2008

Umberto Eco fühlt sich furchtbar und sein Italien in die dunklen vierziger Jahre zurückversetzt. "Ich kann nicht behaupten dass alles wieder wie früher ist, sicherlich nicht zur Gänze. Aber es beginnt langsam wieder danach zu riechen. Zunächst einmal gibt es Faschisten in der Regierung. Gut, es sind nicht unbedingt richtige Faschisten, aber es stimmt, Geschichte entfaltet sich beim ersten Mal als Tragödie, beim zweiten Mal als Farce. In den Vierzigern entdeckte man an den Mauern Plakate, die einen schwarzen Amerikaner zeigten, abstoßend (und betrunken), der seine gekrümmte Hand in Richtung einer weißen Venus von Milo ausstreckte. Heute blickt man im Fernsehen in die bedrohlichen Gesichter abgemagerter Schwarzer, die zu Tausenden unserer Land überschwemmen. Meiner Meinung nach sind die Leute heute sogar eingeschüchterter als damals."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco

Portfolio (USA), 01.09.2008

In einem großen Report über die Zukunft des Fernsehens stellt Mark Harris den drei großen Fernsehstationen ABC, CBS, und NBC einen vorläufigen Totenschein aus. Todesursache: Exzessives Leben und schlechte Planung: "Die Abendnachrichten wurden niedergemäht von der hitzigen, schnellen Rund-um-die-Uhr-Aktualität der Kabelsender. Zur Primetime sieht sich niemand mehr Wiederholungen an - und Wiederholungen waren das einzige Mittel, mit Comedies und Serien Geld zu machen. Apropos alte Schule und halbstündige Sitcoms: Es gab einmal eine Zeit, da liefen 50 von ihnen gleichzeitig - heute keine einzige mehr. Auf einmal haben die Leute aufgehört, sie zu mögen. Nachrichtenmagazine am Abend? Gerade noch gehalten. Geschützte Zeitfenster? Zuschauer, die ans Websurfen in Hypergeschwindigkeit gewöhnt sind, werden sich wohl kaum noch eine neue Show ansehen, nur weil sie zu faul sind, den Sender nach 'Der größte Verlierer' zu wechseln. Das Publikum für Nachmittagssoaps, lange eine verlässliche Einnahmequelle, ist so dramatisch geschrumpft, dass dieses Format in den nächsten Jahren ganz verschwinden könnte. Das sind alles sehr schlechte Nachrichten für ein Medium, das keine neue Idee seit dem Jahr 2000 hatte, als CBS mit 'Survivor' den Goldrausch mit Reality-TV-Wettbewerben eröffnete."
Archiv: Portfolio
Stichwörter: Geld, Sitcom

Express (Frankreich), 13.08.2008

In einem ausführlichen Interview spricht der Schriftsteller und ehemalige Präsident der Tschechischen Republik Vaclav Havel über den Prager Frühling, Europa und seinen Favoriten für die amerikanische Präsidentschaftswahl. Für Putins Russland findet er deutliche Worte: "Mit Putin offenbart sich uns ein neuer Typus der Diktatur, eine äußerst raffinierte. Es geht nicht mehr um Kommunismus, nicht mal um reinen Nationalismus. Man muss offen darüber sprechen. Man kann nicht weiter die Augen verschließen. Dieses vollständig private Regime ist verknüpft mit einem bestimmten wirtschaftlichen Aufschwung, was nicht weiter überraschend ist. Der Zerfall der Sowjetunion war traumatisierend, und Putin will dieses Ensemble wieder neu aufbauen, vielleicht in neuer Form. Er kann die Verkleinerung der Einflusssphäre der alten UdSSR sehr schlecht verwinden. Infolgedessen beruht das System, das er errichtet hat, auf einer Art politischer und wirtschaftlicher Bruderschaft. Es ist ein geschlossenes System, in dem der Erste, der die Spielregeln verletzt, nach Sibirien geschickt wird."
Archiv: Express

New York Times (USA), 17.08.2008

James Wood ist eindeutig der MRR Amerikas, allerdings nicht halb so alt. Im New Yorker informiert er die führenden Schichten über die neueste Literatur und was man von ihr zu halten hat (hier eine Liste seiner Artikel). Sein Buch "How Fiction Works" wird in der New York Times vom Romancier Walter Kirn besprochen, der Wood für reichlich prätenziös hält: "Die großen Helden der künstlerischen Arbeit sind für ihn halb klösterlich lebende Introvertierte, die, wie Woods Idole Henry James und Gustave Flaubert, hinter verschlossenen Türen schuften und in abgedämpfter splendid isolation den subtilen Reibungen zwischen Adjektiven und Hauptwörtern hinterherlauschen. Durcheinandergebracht wird dieses Experiment von Typen wie David Foster Wallace, die sich vom Lärm der Straßen und den Stimmen der Masse ablenken lassen." Am Ende legt Kirn alle Reserven ab: "Wood behauptet, die feinsten Verästelungen einer Personencharakterisierung zu verstehen und scheint doch ganz schön blind für die überaus widerstehliche Prosa seine oberlehrerhaften und geschmäcklerischen Person."

Edward Lewine hat für das Sunday Magazine in Saint Emilion im Bordeaux recherchiert, wo ein erbitterter Streit um die Klassifizierung der Weine ausgebrochen ist. Nach einer Überarbeitung durch die Behörden 2006 haben ein paar Chateaus den Status des Grand Cru verloren und prompt geklagt. Nun ist alles offen: "Es ist ein klassischer Dorfkrieg, aber ein Dorfkrieg, der weltweite Folgen haben könnte. Es ist ein Kampf um die Frage, wer die Autorität hat, die Qualität eines Weins zu definieren, ein Ringen zwischen einer agrarischen Tradition des 19. Jahrhunderts und der Verwaltungsgesetzgebung des 21. Jahrhunderts, und auch ein Zeichen der wachsenden Spaltung zwischen einer Handvoll von superelitären Chateaus, die ihre Flaschen für bis zu 2.000 Dollar verkaufen, und den weniger prestigeträchtigen Weingütern in ihrer direkten Nachbarschaft. Es könnte das Ende der 150 Jahre alten Klassifizierung der Bordeaux-Weine sein."