Heute in den Feuilletons

Absolute Theatermanie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2014. Im Tagesspiegel erklärt die schwarze Autorin Zadie Smith, warum alle weißen Figuren in ihrem Roman "London NW" als solche ausgewiesen werden, während die Hautfarbe der anderen Personen nicht benannt wird. Die taz erklärt, warum das digitale Filmerbe zurück auf Zelluloid soll. In der NZZ schreibt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova über das traurige Leben der Architekten in Petersburg. In der Zeit feiern Haruki Murakami und Thomas Hitzlsperger ihr Coming Out - der eine von beiden als Superman.

Tagesspiegel, 09.01.2014

Zadie Smith erklärt im Interview, warum in ihrem neuen Roman "London NW" alle weißen Figuren als solche bezeichnet werden, andere Hautfarben dagegen nicht erwähnt werden: "Weiße sind nicht das Maß aller Dinge. Aber sie halten sich dafür. Dabei befinden sie sich global gesehen in der Minderheit. Ihre Sorgen, ihre Fernsehserien, ihre Zeitungen spielen im Alltag der Mehrheit auf diesem Planeten keine Rolle. Ich selber bin im Bewusstsein aufgewachsen, eben nicht das Zentrum der Welt zu sein. Trotzdem ärgert es mich, ständig durch dieselbe Brille angeschaut zu werden."

TAZ, 09.01.2014

Das Outing des Fußballspielers Thomas Hitzlsperger in der Zeit (nicht online) ist das Thema heute in den Zeitungen. Man wundert sich ein bisschen, dass Homosexualität nach einem schwulen Außenminister und einem schwulen Bürgermeister von Berlin noch ein Aufreger ist, aber im Sport hinkt man offenbar hinterher, liest man Markus Völker: "Die Premier League ist bis heute ein Hort des Machismo. Das sollte sich auch nicht ändern, als die Sun vor 24 Jahren titelte: 'I am gay'. Geoutet hatte sich der schwarze Fußballer Justin Fashanu, der bis dahin für renommierte Klubs wie Nottingham Forrest, West Ham United oder Manchester City gespielt hatte. Mit seiner Karriere in der Premier League war es allerdings nach dem großen Aufmacher in der Sun vorbei; Fashanu nahm sich 1998 das Leben. Auch heute hätte es wohl ein offen schwuler Fußballer in den Topligen von England, Spanien, Italien oder Deutschland schwer. Das bestätigt nun auch Thomas Hitzlsperger".

Als sinnlosen Aktionismus bezeichnet Andreas Busche die geforderte Digitalisierung des deutschen Filmerbes, solange keine Langzeitstrategie damit verknüpft sei. Die Bewahrung der Bestände, als politische Willenserklärung im Koalitionsvertrag festgeschrieben, sei immerhin ein Anfang. "Nach der Digitalisierung und der Restaurierung muss die digitale Fassung zu konservatorischen Zwecken wieder auf Filmmaterial ausbelichtet werden. Denn in der Archivwelt ist unbestritten, dass eine photochemische Umkopierung bis auf Weiteres die sicherste Methode für den langfristigen Erhalt eines Filmwerks ist."

Weitere Artikel: Anna Klöpper gratuliert der einzigen deutschen Kindernachrichtensendung logo! zum 25-jährigen Bestehen. Ekkehard Knörer würdigt im Nachruf Sir Run Run Shaw, Mogul des Golden Age des Hongkong-Kinos der sechziger und siebziger Jahre und Legende der Kinogeschichte.

Besprochen werden Matt Porterfields dritter Film "I Used to Be Darker" über eine junge Ausreißerin und Oliver Hirschbiegels Biopic "Diana" über die letzten beiden Lebensjahre von Lady Di.

Und Tom.

NZZ, 09.01.2014

"Nicht von Menschen und nicht für Menschen" wurde Petersburg errichtet, schreibt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova in einem Essay über ihre Heimatstadt, in der jede Veränderung der historischen Bausubstanz erbittert debattiert wird: "Als Architekt hat man in Petersburg heutzutage ein schweres Los. Egal, was man gebaut hat, die erste Frage lautet immer: Und was hast du dafür zerstört oder verschandelt? Und wehe dir, wenn das Gebäude, das du in deinem Schöpferwillen erbaut hast, im Widerspruch steht zum Willen Zar Peters. Je grandioser dein Plan, desto frevelhafter ist er."

Weiteres: Daniela Segenreich denkt über den unter anderem von Madonna ausgelösten "Kabbala-Boom" nach. Gabriele Detterer stellt verschiedene Publikationen zu Architektur und Design vor. Besprochen werden Abdellatif Kechiches Adoleszenzdrama "Blau ist eine warme Farbe" (für Patrick Straumann "sicherlich die stärkste französische Produktion des letzten Jahres"), die französischen Naturfilme "Il était une forêt" von Luc Jacquet und "Amazonia" von Thierry Ragobert sowie Bücher, darunter Andreas Maiers Roman "Die Straße" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 09.01.2014

Tilman Krause unterhält sich mit dem Gemanisten Conrad Wiedemann, für den der wiedergefundene Iffland-Nachlass vor allem eines zeigen wird - Berlin, nicht Weimar, war die deutsche Theaterhauptstadt: "Das Berliner Theater mit seinen 2000 Plätzen war das größte im Land. Es spielte täglich zwei Vorstellungen, und die waren gut besucht. Nahezu jeden Tag gab es in der Berliner Presse Theaterkritiken. Es musste nur einer der Hauptdarsteller ausgewechselt werden. In Berlin herrschte eine absolute Theatermanie."

Weitere Artikel: Michael Pilz gratuliert Jimmy Page zum Siebzigsten. Hier der Gitarrenriff, der den Anfang des Endes vom Pop einläutete:



Besprochen werden Oliver Hirschbiegels "Diana"-Film mit Naomi Watts und der Film "Zwei vom alten Schlag" mit Robert de Niro und Sylvester Stallone.

Im Forum fordert Robin Alexander die CDU auf, ihr Gewicht im Parlament zu nutzen, um Sterbehilfe gesetzlich zu verbieten.

Weitere Medien, 09.01.2014

Die Besitzer von Le Monde wollen sich den Nouvel Observateur einverleiben - und damit auch das Blog Rue89, das einst als unabhängiges Medium gestartet war, aber inzwischen dem Wochenblatt gehört. Le Monde selbst berichtet recht offen über die Verhandlungen des Milliardärstrios, in dessen Obhut das Weltblatt geraten ist: "Die Gesamtinvestition soll 13,4 Millionen Euro betragen, ein eher niedriger Preis."
Stichwörter: Euro, Rue89

SZ, 09.01.2014

Ira Mazzoni ärgert sich über den jetzt nach dem Schwabinger Kunstfund vorliegenden Gesetzesentwurf, der die Restitution von NS-Raubkunst auch nach der Verjährungsfrist von Eigentumsdelikten ermöglichen soll: Dieser Entwurf ist vielleicht "gut für das internationale Image. Aber juristisch ein Bluff, denn in den meisten möglichen Fällen vollkommen wirkungslos, da es gutgläubigen Erwerb nicht prinzipiell infrage stellt. Den Nachweis der Bösgläubigkeit soll der Kläger erbringen, also derjenige, der das Gut vermisst. ... Das aber ist eine neue Zumutung. Besser wäre: Wer über ein umstrittenes Werk verfügt, muss Gutgläubigkeit beweisen."

Weitere Artikel: Alexander Menden resümiert die britische Diskussion über das Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Charlotte Theile schreibt über koreanische Popmusik, die sich nach Erfolgen in Asien und den USA nun Europa vornimmt. Willi Winkler gratuliert Jimmy Page von Led Zeppelin und Fritz Göttler dem Filmemacher Harun Farocki zum jeweils 70. Geburtstag. Auf Youtube gibt es mit letzterem ein interessantes Gespräch:



Besprochen werden die neuen Kinofilme "Zwei vom alten Schlag" (mit Robert de Niro und Sylvester Stallone), "I Used to Be Darker" und "Bethlehem" sowie Zadie Smiths neuer Roman "London NW" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 09.01.2014

Der Nachricht, dass die NSA an der Konstruktion eines Quantencomputers arbeitet, der es den Geheimdiensten ermöglichen soll, sämtliche Verschlüsselungen zu knacken, hält der Wissenschaftshistoriker George Dyson für gar nicht mal so schrecklich: "Der Versuch, einen Quantencomputer zu bauen und echte Mathematiker darüber nachdenken zu lassen, was man damit anfangen könnte, ist genau das, was die NSA tun sollte, statt Hintertüren in Computersoftware einzubauen und weltweites Misstrauen gegen die Vereinigten Staaten zu säen. Die Hauptaufgabe der NSA ist die Sicherung der Kommunikation, nicht das Ausspähen jeglicher Kommunikation."

Außerdem: Der neue Hanser-Verleger Jo Lendle erklärt Sandra Kegel im Gespräch, dass er mehr Autorinnen ins Programm holen und sich interessiert dem Ebook-Markt zuwenden will. Bert Rebhandl spricht mit dem Filmregisseur Stefan Ruzowitzky über dessen neuen (von Verena Lueken besprochenen) Film "Das radikal Böse". Jürg Altwegg meldet, dass Le Monde den Nouvel Observateur übernimmt. Hans-Jörg Rother wirft einen Blick auf das Programm des 3. Cinespañol-Festivals, das dieser Tage durch deutsche Kinos tourt. Mark Siemons berichtet von den chinesischen Feierlichkeiten zum 120. Geburtstag von Mao Zedong. Florian Mausbach berichtet, dass ein Kulturdom das deutsch-polnisch geteilte Guben/Gubin zusammenwachsen lassen soll.

Besprochen werden Bücher, darunter Hanna Schygullas Autobiografie "Wach auf und träume" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 09.01.2014

In der Debatte um die möglicherweise antisemitische Gesinnung Martin Heideggers meldet sich der französische Heidegger-Verleger François Fédier zu Wort und widerspricht vehement der Deutung seines deutschen Kollegen Peter Trawny: "Mir scheint, dass der Herausgeber Heideggers in Deutschland heute solche Angst hat, im Zusammenhang mit diesen Zitaten selbst als Antisemit zu erscheinen, dass er sich genötigt fühlt, bei jeder Erwähnung des Wortes Judentum den Antisemitismus-Vorwurf vorsorglich gleich selbst zu erheben... Heideggers Vorstellung vom Dasein lässt jede Form von Rassismus unmöglich erscheinen. Sein Daseinsbegriff lässt nicht zu, den Menschen als Rasse zu denken."

"Mein Schreibtisch ist das, was für Clark Kent die Telefonzelle ist: Hier verwandle ich mich in Superman", erklärt der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, der am Sonntag Fünfundsechzig wird und dessen neuer Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" demnächst erscheint, im Interview mit Ronald Düker: "Aber sobald ich den Schreibtisch verlasse, verwandle ich mich wieder in Clark Kent zurück. Das können Sie mir glauben: Ich bin wirklich die gewöhnlichste Person der Welt. Ich bin ein guter Ehemann, schreie niemanden an, flippe niemals aus. Aber ich komme im normalen Leben auch auf keine einzige Idee für meine Literatur. Wenn ich laufe, koche oder am Strand liege, dann geht mir überhaupt nichts durch den Kopf."

Weitere Artikel: In einer Antwort auf Hanno Rauterbergs Artikel über einen fälschlicherweise Galileo Galilei zugeschriebenen Prachtband verwahrt sich der Kunsthistoriker Horst Bredekamp gegen den "durchaus persönlich gemünzten, hohen Ton der Selbstgerechtigkeit und der Aburteilung". Maximilian Probst berichtet von dem Streit um das Autonome Zentrum "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel. Katja Nicodemus trifft den britischen Künstler und Regisseur Steve McQueen, dessen Film "12 Years a Slave" kommende Woche in die Kinos kommt. Der Zürcher Fotografie-Dozent Jörg Scheller erklärt die Videokunst zum "größten Ärgernis des aktuellen Kunstbetriebs". Peter Kümmel informiert über das jetzt aufgetauchte Korrespondenzarchiv August Wilhelm Ifflands, um dessen unklare Besitzverhältnisse ein juristischer Streit tobt (mehr im Tagesspiegel).

Besprochen werden die Filme "All is Lost" von J.C. Chandor (den Georg Seeßlen als eine "packende Parabel des Widerstands" liest) und "Diana" von Oliver Hirschbiegel sowie Bücher, darunter Zadie Smiths neuer Roman "London NW" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Dossier spricht der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger über Homosexualität, auch seine eigene, im Profifußball: "Ich möchte eine öffentliche Diskussion voranbringen... indem ich einmal öffentlich darüber spreche, dass die sexuelle Orientierung eines Sportlers wieder eine Privatangelegenheit wird, weil es auf diesem Gebiet einfach nichts Unnatürliches gibt." Auf Zeit Online äußert er sich in einer Videobotschaft zu seinem Coming Out, außerdem gibt es eine Presseschau mit Reaktionen.