Heute in den Feuilletons

Nicht übel, eher ruhig, 15

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2013. In der Jungle World erklärt Boualem Sansal, warum es Demokraten in der arabischen Welt so schwer haben. Im Freitag erzählt Klaus Biesenbach, warum Christoph Schlingensief für Amerika so wichtig ist. Die NZZ bewundert die französische Justizministerin Christiane Taubira, die sich gegen Rassismus zur Wehr setzt. Le Monde wirft einen letzten Blick auf Prostitution, bevor sie endgültig verboten wird. Die taz bringt ein Dramolett wider die Große Koalition von Ingo Schulze. Und meiden Sie den Darien Gap.

NZZ, 29.11.2013

Marc Zitzmann bewundert Frankreichs Justizministerin Christiane Taubira, die sich gelassen gegen rassistische Anfeindungen aus dem rechten und rechtsextremen Lager zur Wehr setzt: "Über ihre Person hinaus, erklärte sie in einem langen Interview mit Libération, seien diese rassistischen Schmähungen eine Attacke auf das Herz der Republik, auf die Grundprinzipien des Zusammenlebens. Wer sie eine Äffin schimpfe, greife Millionen farbiger Mitbürger mit an. An anderer Stelle resümierte sie das Ideal der Rechtsextremen wie folgt: 'Die Schwarzen ins Baumgeäst, die Araber ins Meer, die Schwulen in die Seine und die Juden in den Ofen' - was ihr prompt eine Klage des Front national einbrachte."

Außerdem: Ulrich M. Schmid lernt den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz in dessen dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlichtem Tagebuch als einen akribischen Buchhalter des eigenen Lebens kennen. Neben Einträgen zu Gesundheit, Finanzen und Literatur führte er genauestens Buch über seine erotischen Abenteuer - eine Liste, an der vor allem die Menge an Sexualpartnern beiderlei Geschlechts erstaunt: "Ende 1955 bilanziert Gombrowicz etwa in der Rubrik 'Erot.': 'Nicht übel, eher ruhig, 15.'"

Besprochen werden das Album "Shangri La" des britischen Singer-Songwriters Jake Bugg ("Ganz so frisch und locker wie auf dem Erstling klingt das alles nicht mehr", konstatiert Martin Schäfer enttäuscht), die Biennale "cresc. . ." für neue Musik in Frankfurt, Simon Baumanns Schweizer Dokumentarfilm "Zum Beispiel Suberg" und Bücher, darunter Nicolas Mahlers Comic-Adaption von Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" (die Christian Gasser Musils Jahrhundertroman neu entdecken lässt; mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Jungle World, 29.11.2013

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erklärt im Interview, warum die Militärs und die Islamisten in der arabischen Welt so viel erfolgreicher sind als die Demokraten: "Es gibt zwar unterschiedliche Tendenzen im Militär, und deren Vertreter diskutieren untereinander. Sie wissen, dass die westlichen Staaten sie beobachten, kurz, es sind Leute, die reflektieren. Aber mit den Islamisten ist es genauso. Sie haben Kontakte zu anderen Islamisten überall auf der Welt. Für sie ist das, was etwa gerade in Tunesien geschieht, zweitrangig. Ihre Pläne sind globaler Art. Hier verliert man, dort gewinnt man, hier greift man an, dort zieht man sich zurück. Der Unterschied ist, dass die Demokraten neu sind in diesen Ländern. Es hat dort nie große demokratische Parteien gegeben, also haben sie auch kaum praktische Erfahrung."

Welt, 29.11.2013

Der Historiker Arnulf Baring schreibt den Nachruf auf den großen Verleger und Autor Wolf Jobst Siedler und erinnert sich an ihn auch als "Filmstartyp, ein Mann von Welt, höflich, gewandt, intelligent, gebildet, mit erlesenem Geschmack und sicheren Umgangsformen, beliebt, begehrt." Barbara Möller spottet über den ägyptischen Kulturfunktionär Zahi Hawass, der normalerweise die Nofretete zurückfordert, jetzt aber mit sanfteren Tönen auf Deutschlandtournee ist, um Touristen zurückzugewinnen. Frédéric Schwilden hört sich die neue CD von Britney Spears an. Elmar Krekeler liest für seine Krimikolumne Dennis Lehanes Roman "In der Nacht".

Auf der Forumsseite nennt Berthold Seewald fünf historische Gründe für Frankreichs Niedergang.

Besprochen werden Pablo Bergers Film "Blancanieves" und einige Leonard Bernstein gewidmete Ereignisse in Berlin.
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Freitag, 29.11.2013

PS1-Kurator Klaus Biesenbach erklärt im Interview, warum er es angesichts der Irrsinnspreise, die derzeit am Kunstmarkt gezahlt werden, so wichtig findet, Christoph Schlingensiefs Kunst für eine Retrospektive nach New York zu holen: "Ich finde Schlingensiefs Aktionen, die im Stadtraum stattfanden, ungeschützt vom Museumsraum, ungeschützt von der Theaterbühne und ungeschützt vom institutionellen Rahmen, extrem wichtig für die USA. ... Dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung hat, einen ganz anderen Gegenentwurf liefern muss als nur wertvolle, glitzernde Objekte - das ist etwas, das Christoph in den USA hoffentlich noch mal ins Bewusstsein bringt."

Hans-Christoph Zimmermann berichtet von einer Kölner Aufführung des WikiLeaks-Stücks "Assassinate Assange Reloaded" mit anschließendem Podiumsdiskussion, bei der - zunächst als Darsteller, dann als Diskutant - auch der Hacker Jacob Applebaum beteiligt war. "Im Gespräch mit Dramaturg Thomas Laue und Regisseurin Angela Richter erläuterte er, wie die NSA allein aufgrund eines Bankkontos (und ihrer Kontrolle des Interbankennetzwerks SWIFT) das Muster eines Menschen erstellt und interpretiert. Die Datenbasis erzeugt einen digitalen Doppelgänger, der 'mehr du bist als du selbst'. 'Man beginnt sich zu kontrollieren', sagte Appelbaum, und verliere sukzessive seine Freiheit."

Weitere Medien, 29.11.2013

In Frankreich wird noch heftiger über Prostitution diskutiert als in Deutschland. Die Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem will die Freier bestrafen: 1.500 Euro, wenn er beim Versuch, sich Sex zu erkaufen, erwischt wird. 3.000 Euro beim Rückfall. Etwas nostalgisch liest sich da ein Dossier, das Le Monde über das Thema der Prostitution im Kino (hier) und in Chansons (hier) zusammenstellt. Fast baudelaireanisch lesen sich die von Fréhel hier gesungenen Verse: "Route de Saint-Cloud, sous le pont noir / Elle se tient matin et soir / La vieille radeuse aux yeux flétris / Y'a trop d'lumière en plein Paris / Elle fait maintenant les environs / Dans les Renault et les Citron / Sous le pont noir, route de Saint-Cloud..."



In der New York Times verneigt sich Margalit Fox vor dem am Dienstag verstorbenen Fotografen Saul Leiter, der mit seinen Straßenfotografien endlich Farbe in das New York der fünfziger Jahre gebracht hat: "Where eminent photographers like Weegee, Diane Arbus and Richard Avedon captured the city most often in clangorous, sharp-edged black and white, Saul Leiter saw it as a quiet polychrome symphony - the glow of neon, the halos of stoplights, the golden blur of taxis - a visual music that few of his contemporaries seemed inclined to hear."

Tagesspiegel, 29.11.2013

Anlässlich der heutigen Premiere von Verdis "Trovatore" an der Berliner Lindenoper spricht Ulrich Amling mit Daniel Barenboim über die Unterschiede zwischen Verdi und Wagner und den Vorschlag von Berlins Haushältern, künftig 500 000 Euro aus dem Opernetat an Sasha Waltz und ihre Compagnie zu geben: "Meinen die, dass die Opernstiftung zu viel Geld hat? Interessant: Der Kulturetat ist vergleichsweise winzig, aber man spricht darüber, als ob er 98 Prozent ausmachen würde. Berlin ist nach dem Mauerfall eine Weltkulturmetropole geworden. Das ist faszinierend für mich als Ausländer - ich bin ja kein Deutscher, wohl aber Berliner. Alle jungen Leute wollen hierher."

Außerdem ist Wolf Jobst Siedlers Essay über Boris Pasternaks "Dr. Schiwago" abgedruckt. Der am Mittwoch verstorbene Verleger war zwischen 1955 und 1963 Feuilleton-Chef des Tagesspiegels.

Spiegel Online, 29.11.2013

Von Jan Fleischhauer erfahren wir, dass die taz ihren Volontären erstens auch künftig keinen Mindestlohn zahlen wird, und dass sie zweitens "meinem Chefredakteur gerade empfohlen hat, mich mit sofortiger Wirkung auf die Straße zu setzen. Meine Texte seien regelmäßig 'unter dem Niveau des Spiegel, wenn er wieder ernster genommen werden will'. Der sicherste Weg diesen 'schleichenden Bedeutungsverlust' abzuwenden, sei mein Abschied aus der Redaktion."
Stichwörter: Taz

TAZ, 29.11.2013

Der Schriftsteller Ingo Schulze, Mitinitiator des Aufrufs "Wider die große Koalition", macht seiner Enttäuschung über die SPD in einem Dramolett Luft. Seine Nachbarin, Frau M., möchte ihre Unterschrift unter dem Aufruf zurückziehen: "'Ich schreibe denen keine Briefe mehr, schon gar keine Liebesbriefe!', rief sie.
'Aber der Aufruf wider die Große Koalition ist doch kein …'
'Doch!', beharrte sie. 'Vielleicht ein bitterer Liebesbrief, aber immer noch ein Liebesbrief! Da ist noch immer so ein Glauben an diese Partei - nein! Träumen Sie allein weiter. Ich will meine Unterschrift zurück!'"

Weitere Artikel: Christian Rath kommentiert ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das eine nachträgliche Kontrolle von Verträgen zugunsten von Autoren und Übersetzern sowie eine nachträgliche Anpassung unangemessen niedriger Honorare zulässt. Und Julia Neumann erfährt in einem Kurzgespräch mit einem Vertreter der Zunft, warum das Sauerländer Schützenwesen sein Brauchtum zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe erklären lassen will: "Es geht nicht ums Saufen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werbegrafiken des Bauhaus-Lehrers Herbert Bayer im Berliner Bauhaus Archiv, das neue Album "Die Unsichtbaren" der Münsteraner Band Messer sowie Jazz-Alben des Christoph Irniger Trios und des Trios BROM des Berliners Alexander Beierbach.

Und Tom.

Aus den Blogs, 29.11.2013

(Via Matthias Rascher) Das Reiseblog Dark Roasted Blend gibt Tipps (und viele tolle Bilder) für den Darien Gap, jene 90 Kilometer an der Grenze von Panama und Kolumbien, in denen der Pan-American Highway leider nicht existiert. Die Gegend ist ein bisschen wild: "In case you missed the dangers we just enumerated, here is an easy list to remember:
- tough nasty jungle with plenty of disagreeable wildlife.
- impenetrable swamps
- crazed drug traffikers
- pissed-off guerrillas
- greedy kidnappers (all of the guys mentioned above)
- paranoid government police
- no marked trails."
Stichwörter: Kolumbien

SZ, 29.11.2013

Mit einigem Verdruss reagiert Laura Weissmüller auf die architektonisch neue Innenstadt Zürichs: Gut genug für Repräsentationszwecke, doch nach Ladenschluss herrscht tote Hose. Eine Entwicklung, die Weissmüller auch in anderen Metropolen sauer aufstößt. "Es reicht eben nicht, große Durchgänge, Plätze und Passagen anzubieten, wenn der Architekturrahmen ein Stoppschild für alle Nicht-Topverdiener aufstellt. ... Die gewaltige Einfahrt des Parkhauses unter der Europaallee formuliert so etwas wie die Botschaft, die das ganze Areal aussendet: Wer hier arbeitet, kommt mit dem Auto. Er muss sich nicht für die Umgebung interessieren, braucht keinen Bahnanschluss - und auch keine freundlich gesinnten Nachbarn."

Außerdem: Niklas Hofmann ist skeptisch, was die amerikanischen Meldungen betrifft, Julian Assange habe wegen der Veröffentlichung von Chelsea Mannings Leaks von den Justizbehörden nichts zu befürchten, und folgt darin der Argumentation von Assanges Anwalt. Stephan Speicher schreibt den Nachruf auf den Autor und Verleger Wolf Jobst Siedler.

Auf der Medienseite kommt Oliver Hollenstein nach Ulrike Gruskas Bericht für "Reporter ohne Grenzen" zur Pressefreiheit in Russland zu einem äußerst ernüchterndem Befund: "Die Pressefreiheit in Russland ist so stark eingeschränkt wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr. Aus Angst vor Repression, aber auch aus einem unkritischen Selbstverständnis zensierten sich die Journalisten selbst."

Besprochen werden die Ausstellung "Imperium der Götter" im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe, ein Konzert des Pianisten Evgeni Bozhanov in München, Jan Bosses Inszenierung von "Hedda Gabler" am Thalia Theater in Hamburg und Bücher, darunter Jeremy Adelmans Biografie über Albert O. Hirschman (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 29.11.2013

Frank Schirrmacher moderiert ein Gespräch zwischen Telekom-Chef René Obermann und Frank Rieger vom Chaos Computer Club über den Telekom-Vorschlag eines "Schengen-Routings", das vorsieht, Internetverkehr aus Deutschland in vermeidbaren Fällen nicht über britische und amerikanische Netzwerke zu routen, um die Daten vor NSA- und Tempora-Zugriffen zu sichern. Trotz seiner Skepsis an der Aufrichtigkeit dieses Vorschlags findet Rieger diesen auch im Hinblick auf hiesige Schnüffel-Begehrlichkeiten bedenkenswert: Es wäre interessant, "dass dem BND die fadenscheinige Begründung genommen würde, allen Internetverkehr auch im Inland per se dem Ausland zuzurechnen. Mit diesem Winkelzug wurde legitimiert, fast den vollständigen Datenverkehr in Deutschland auszuspähen und mit NSA und anderen Diensten zu teilen. Würde auf technischer Ebene zweifelsfrei sichergestellt, dass deutsche Bits in Deutschland bleiben, wäre deutscher Internetverkehr für den BND nicht mehr legal zugreifbar."

Weitere Artikel: Angesichts der Heerscharen von bereits zur Fertigung in Auftrag gegebenen Roboter, die künftig bei Amazon die Lieferungen einpacken, vermisst Constanze Kurz in der Debatte um den Mindestlohn eine Diskussion über die Folgen der allgemeinen Automatisierung von Arbeitsabläufen. Patrick Bahners staunt Bauklötze über die 14,2 Millionen Dollar, die David Rubinstein kürzlich für das 1640 gedruckte Buch "The Whole Booke of Psalms" (hier als ungleich günstigeres Digitalisat) hingelegt hat: "Nie zuvor hat jemand so viel Geld für ein Buch ausgegeben." (mehr dazu hier) Henrike Junge-Gent referiert die Geschichte des frisch sanierten Lessingtheaters in Wolfenbüttel. Jürgen Dollase speist bei Christian Bau (mehr). Helmut Mayer schreibt zum Tod des Verlegers Wolf Jobst Siedler. Entdeckt endlich Ed Askew, ruft uns Eric Pfeil nach einem Konzert des 73-jährigen, erstmals in Europa tourenden Musikers in grenzenloser Begeisterung zu. Eine Hörprobe aus dem Jahr 1968 gibt es auf Youtube:



Besprochen werden neue Musikveröffentlichungen, darunter neue Platten von Man Man und Okkervil River (hier das aktuelle Musikvideo), Lydia Steiers Inszenierung der Händel-Oper "Jephtha" in Potsdam (Eleonore Büning, ganz im Glück, fragt sich staunend, wie es gelingt, "so komplexe Musik so brillant zu musizieren" und feiert Solosängerin Katja Stuber als "sensationelle Entdeckung"), eine Ausstellung mit Bildern von Frida Kahlo und Diego Rivera in Paris und Bücher, darunter eine ganze Reihe von Romanen der brasilianischen Autorin Clarice Lispector (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).