Heute in den Feuilletons

Nationale Krypto-Algorithmen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.11.2013. In der taz erklärt Norman Birnbaum, warum die amerikanische Politik in den fünfzig Jahren seit dem Mord an John F. Kennedy alle Hoffnung fahren ließ. Sibylle Lewitscharoff stürbe froher, stürbe sie nach Amazon, gab auf der Buchmesse Wien laut Presse aber auch zu, dass es wohl umgekehrt kommt. In der SZ rechtfertigt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz die Dauer des Verfahrens um den Gurlitt-Kunstschatz. Die Welt erklärt Anton Graff zum größten Porträtisten des 18. Jahrhunderts.

Welt, 22.11.2013

Eines war für Hans-Joachim Müller klar, als er die Anton-Graff-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie verließ: "Graff war der größte Porträtist des 18. Jahrhunderts": "Die Augen waren Graffs Spezialität, auf sie verstand er sich besonders gut, und niemand hat so elegant und so wirkungsvoll die Lichtpunkte auf der Iris gesetzt, dass man zuweilen den Eindruck haben könnte, die klugen Geister suchten geradezu den Blickkontakt mit ihrem Betrachter."

Weitere Artikel: Kai Luehrs-Kaiser würdigt Benjamin Britten zum Hundertsten mit einer Hommage (populär trotz Dissonanzen!)

Hier seine "Lachrymae":



Im Interview mit Rüdiger Sturm erklärt Oliver Stone, warum John F. Kennedy vom militärisch-industriellen Komplex umgebracht wurde. Und Barbara Möller mokiert sich über die Stadt Wuppertal, die zähneknirschend ein Engels-Denkmal von chinesischer Seite als Geschenk akzeptiert, weil sie auf chinesische Investitionen hofft. Elmar Krekeler liest für seine Krimikolumne italienische Variationen über das Thema Kokain.

Weitere Medien, 22.11.2013

Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat bei ihrer Eröffnungsrede zur Wiener Buchmesse kräftig gegen Amazon gewettert, berichtete die Presse bereits gestern: "Sollte es mir vergönnt sein, den Tod dieser verhassten Firma noch zu erleben - was leider nicht sehr wahrscheinlich ist - werde ich mit einem Jubelruf auf den Lippen ins Grab sinken." Auch die "Kostenlosmentalität" wurde wiederholt von ihr beklagt: "Ebenso katastrophal wie die mir verhasste Firma sind tumbe neue politische Gruppierungen, deren oberstes Ziel es ist, die Urheberrechte zu schleifen und gleich alles kostenlos ins Netz zu stellen." Leonhard Dobusch empfiehlt auf Netzpolitik Katharina Hackers neulich gehaltene Rede pro Digitalisierung in der Literatur als Gegengift zu Lewitscharoff.

Perlentaucher, 22.11.2013

Für ihre Krimikolumne "Mord und Ratschlag" trifft sich Thekla Dannenberg mit dem israelischen Autor, Lektor und Literaturwissenschaftler Dror Mishani, der ein höchst subversives Ziel verfolgt: die Unterwanderung der hebräischen Literatur mit dem Kriminalroman: "'Auf Hebräisch werden anspruchsvolle Texte geschrieben, kein Genre', sagt Mishani, das alles beherrschende Thema in der Literatur sei die Identität als Nation: Egal ob bei Yoram Kaniuk, David Grossman oder Amos Oz, immer werden große Themen behandelt, persönliche Erfahrungen mit der kollektiven Geschichte verbunden: Holocaust, Staatsgründung, Nahost. Alltägliche oder einfache gesellschaftliche Probleme kommen nicht vor: 'Zwanzig Minuten von hier leben 50.000 illegale Einwanderer aus Afrika, das ist eine ganze Stadt. Die Polizei lässt sich dort schon lange nicht mehr blicken. Über solche Themen schreibt kein Mensch!'"
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NZZ, 22.11.2013

Die sieben Sekunden des Attentats auf John F. Kennedy - "vermutlich der am besten erforschte Augenblick der Weltgeschichte" - haben tiefe Spuren im Denken und in der Literatur hinterlassen, schreibt der Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider: "Es ist auch die Geschichte einer unendlichen Auslegung, wie sie Texte erleben, denen ein besonderer Geist innewohnt. Der Warren-Report, der tausend Kommentare in Buchform und noch viele mehr in Artikeln, Zeitungen, Websites hervorgebracht hat, der Talmud Amerikas, ist durch die Schriften, die ihn auslegen, geadelt. Das Geheimnis besteht aber einfach darin, dass sich Amerika mit der evidenten Abfolge der Ereignisse nicht abfinden mag. Daher ist der Übergang in Literatur unvermeidlich."

Weitere Artikel: Das Rosa des Chanel-Kostüms, das Jacqueline Kennedy am Tag des Attentates trug, hat sich "ins kollektive Gedächtnis eingraviert", meint Andrea Köhler. Marion Löhndorf informiert über die englische Kontroverse um die Autobiografie von Morrissey. Bernard Blistène ist überraschend zum künftigen Direktor des Musée national d'art moderne (Mnam) in Paris ernannt worden, meldet Marc Zitzmann. Roman Hollenstein macht auf eine kleine Ausstellung in Lausanne mit Francesc Català-Rocas Aufnahmen von Josep Coderchs Bauten aufmerksam.

Besprochen werden die Inszenierung von Felicia Zellers "X-Freunde" in Bern und das zweite Album des ruandisch-belgischen Pop-Star Stromae "Racine carrée" (das trotz afrikanischer Einflüsse "zumeist geradlinig, technoid und auftrumpfend" daherkommt, wie Ueli Bernays erfreut feststellt). Wir finden: dazu kann man hervorragend dem Bus hinterherlaufen:


TAZ, 22.11.2013

Als das Symbol eines Bruchs im Vertrauen der Bürger auf den Staat interpretiert der amerikanische Soziologe und Publizist Norman Birnbaum in einem Essay das Attentat von Dallas vor 50 Jahren. "Die Ermordung John F. Kennedys war eine Warnung an alle zukünftigen Präsidenten. Sie ermutigte jene, die dafür verantwortlich waren, und jene, die die nächsten Morde organisierten: die an Martin Luther King und Robert Kennedy 1968... Deshalb ist linke Politik in den USA - seit dem Ende der Johnson-Regierung 1968 - insgesamt in der Defensive geblieben, obwohl es seither mit Carter, Clinton und Obama noch drei weitere demokratische Präsidenten gab. Den Sozialstaat und die bürgerlichen Freiheiten zu erhalten und Kriege zu verhindern, scheint übermenschliche Kräfte zu erfordern. Die Mörder haben auch die Hoffnung umgebracht."

Auf der Meinungsseite nimmt der Historiker Hans-Ulrich Wehler die Einkommensverteilung in Deutschland aufs Korn und fordert eine Begrenzung des Jahreseinkommens: "Die dreißig DAX-Vorstände verdienten im Jahr vor der Wende 1989 jeweils 500.000 DM; sie erhielten damit zwanzigmal so viel wie ihre Arbeitnehmer. Zwanzig Jahre später empfingen sie jedoch 6 Millionen Euro (12 Millionen DM) und damit das 200-Fache des Jahreseinkommens ihrer Arbeitnehmer. Keine noch so atemberaubende Leistungsvermehrung, die ohnehin nirgendwo zu erkennen ist, vermag diese extraordinäre Steigerung zu rechtfertigen."

Im Kulturteil berichtet Ulrike Herrmann über ein "interdisziplinäres Gespräch" zwischen Ökonomen und Psychologen, das die Eurokrise nicht nur als wirtschaftliches, sondern auch als emotionsauslösendes Ereignis verstehen wollte. Arno Frank informiert über die Orchester-Fusionierungspläne beim SWR.

Besprochen werden "Scherbenpark", eine Verfilmung des Romans von Alina Bronsky und der erste Spielfilm von Bettina Blümner ("schiefgegangen von vorne bis hinten", meint Kirsten Riesselmann), ein Boxset des nordenglischen Trios Cabaret Voltaire, das prähistorischen Techno der frühen Achtziger versammelt, sowie Alben von RP Boo und DJ Rashad.

Und Tom.

SZ, 22.11.2013

Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz rechtfertigt gegenüber Heribert Prantl die Dauer des Gurlitt-Verfahrens damit, dass man die Eigentumsverhältnisse besonders gründlich klären wolle, insbesondere was im "Dritten Reich" den ursprünglichen Besitzern womöglich unredlich abgepresste Werke betrifft. "Die Ersitzung ist ausgeschlossen, wenn der Erwerber des Eigenbesitzes nicht in gutem Glauben ist oder wenn er später erfährt, dass ihm das Eigentum nicht zusteht. Deswegen drehen wir jeden Zettel um, deswegen ist wichtig, was wer wann über den angeblichen kriegsbedingten Verlust der Bilder gesagt, gewusst und weiterverbreitet hat: daraus kann sich die Unredlichkeit ergeben, daraus kann sich auch eine Zueignungsabsicht an fremdem Eigentum, also Unterschlagung ergeben."

Außerdem: Aus den Beständen des Schwabinger Kunstschatzes stellt Ira Mazzoni Max Liebermanns Bild "Zwei Reiter" vor. Willi Winkler spricht mit dem Horror-Autor Stephen King, der mit seinem Ruhm wenig anzufangen weiß: "Schriftsteller sollten nicht berühmt, sondern Geheimagenten sein." Kathleen Hildebrand stellt eine Studie vor, derzufolge unter Fans von Geheimdienstserien wie "Homeland" oder "24" eine höhere Bereitschaft, umstrittene Geheimdienstmanöver zu dulden, zu verzeichnen sei (mehr dazu, samt Videovortrag, hier). Reinhard J. Brembeck führt durch Leben und Werk des Komponisten Benjamin Britten, der vor 100 Jahren geboren wurde. Hermann Unterstöger erinnert an den Komponist Otto Jägermeister, der vor 80 Jahren gestorben wäre, würde es sich bei ihm nicht um einen Lexikonlesern untergejubelten Scherz handeln.

Auf der Medienseite berichtet Sonja Zekri ausführlich über Falschmeldungen zu "Sex, Islam und Krieg", die von westlichen Medien weitergetragen würden. Auf der Seite 3 erzählt Jochen Arntz, dass Touristen im Prenzlauer Berg nicht mehr erwünscht seien.

Besprochen werden Ritesh Batras Film "The Lunchbox" und eine Neuübersetzung von Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 22.11.2013

In einem ganzseitigen, etwas mühsam zu lesenden Interview befragt Frank Schirrmacher Michael Hange vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik über Notwendigkeiten und Grenzen der IT-Sicherheit. Der IT-Experte bekräftigt darin Forderungen nach weiten Re-Nationalisierungen: "Eine spontane Abkehr ist unrealistisch, aber auch nicht zwingend erforderlich. Vielmehr wäre es angebracht, außereuropäische Firmen zu mehr Transparenz aufzufordern. Es muss möglich sein, außereuropäischen Systemkomponenten - wie beispielsweise Router - mit eigenen nationalen Krypto-Algorithmen abzusichern und so die Kommunikationssouveränität zu erlangen." Dabei setzt Hange auf die Open-Source-Idee.

Auf Alice Schwarzer ist wenigstens noch Verlass, lautet Dagmar Rosenfelds lakonisch geseufzte Antwort auf die Frage, warum die Emma-Herausgeberin bis heute die zentrale feministische Agenda-Setterin in Deutschland darstellt. Hier die Frauen als Opfer, dort die Männer als Täter - im Grunde sehen die jungen Feministinnen das auch nicht anders, so Rosenfeld, und dann ist ihnen Schwarzer auch noch im Kämpferischen voraus: "Anprangern, das können diese Frauen gut; selbst aber halten sie wenig aus. Gerade die, die politisch mitmischen wollen, werden bei Kritik schnell larmoyant."

Außerdem: Jürgen Kaube resümiert einen Streit im Börsenverein über Open Access: Große wissenschaftliche Verlage wie De Gruyter hoffen, damit Geld machen zu können. Kleine geisteswissenschaftliche Verlage bangen um ihr Geschäftsmodell. Niklas Bender belegt Hans Magnus Enzensbergers und Dirk von Petersdorffs Poetik-Vorlesungen in Tübingen und beobachtet dabei zwei "hervorragende Lyriker, die unprätentiös genug sind, einander die Bälle zuzuspielen." Patrick Bahners liest John F. Kennedys wegen des Attentats nie gehaltene Rede. Kerstin Holm meldet die Restitution einer Büchersammlung an Russland. Niklas Maak schreibt zum heute in Dortmund stattfindenden Architekturtag, der sich dem wenig geliebten Sockelgeschoss widmet. Dennis Pohl beobachtet, wie Arcade Fire beim incognito gegebenen Konzert in Berlin reifen. Ein vom kulinarischen Genuss ergriffener Jürgen Dollase spürt im Zillertaler Landgasthof Linde seinen "rustikalen Assoziationen" nach.

Besprochen werden eine Ausstellung von Noa Eshkols Wandteppichen in den Opelvillen in Rüsselsheim (Bild), neue Musikveröffentlichungen, darunter ausführlicher eine Sammlung von Krzysztof Pendereckis Symphonien, eine Ausstellung über "die wilhelminische Epoche im Spiegel des Simplicissimus" im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, frühe, in Hamburg aufgeführte Verdi-Opern, Bettina Blümners Kinofilm "Scherbenpark" und Joseph Hanimanns Biografie über Antoine de Saint-Exupéry (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).