Heute in den Feuilletons

Auf dem Feldherrnhügel der Deutungshoheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2013. Kunstwerke, die Hildebrand Gurlitt im besetzten Ausland kaufte, können nicht als rechtmäßig erworben gelten, schreibt Götz Aly in der Zeit. Das FAZ-Feuilleton lässt Politiker und Wirtschaftsleute für eine Europäisierung des Internets trommeln. In der Welt wehrt sich der Autor und Fotograf Rolf Bauerdick, der an dem Begiff der "Zigeuner" festhält, gegen den Vorwurf des Rassismus. Die NZZ stellt den 18-jährigen dänischen Lyriker und Religionskritiker Yahya Hassan vor. Alle nehmen Abschied von Dieter Hildebrandt.

Guardian, 21.11.2013

James Ball hat sich weiter durch die Snowden-Papiere gegraben und einen eindrucksvollen Fund gemacht: Eine geheime Abmachung von 2007 erlaubt es dem amerikanischen Geheimdienst NSA, flächendeckend britische Bürger auszuspionieren und die Daten zu speichern, berichtet Ball (faz.net hat den Bericht zusammengefasst). "Britain and the US are the main two partners in the 'Five-Eyes' intelligence-sharing alliance, which also includes Australia, New Zealand and Canada. Until now, it had been generally understood that the citizens of each country were protected from surveillance by any of the others." Gespeichert werden Handy- und Faxnummern, Mail- und IP-Adressen britischer Bürger. "The NSA has been using the UK data to conduct so-called 'pattern of life' or 'contact-chaining' analyses, under which the agency can look up to three 'hops' away from a target of interest - examining the communications of a friend of a friend of a friend. Guardian analysis suggests three hops for a typical Facebook user could pull the data of more than 5 million people into the dragnet."

NZZ, 21.11.2013

Peter Urban-Halle stellt den 18-jährigen dänischen Lyriker Yahya Hassan vor, der mit scharfer Kritik an der Einwanderergeneration seiner Eltern und der Intoleranz des Islam für Furore sorgt - aber auch mit seinen Gedichten: "Er spielt mit den Vokalen, Rhythmus und prosaischer Duktus wechseln sinnvoll ab, manchmal wirkt es wie ein lyrisches Tagebuch. Er setzt seine Worte mit erstaunlicher Klarheit, es gibt hier kein Zaudern, kein Zögern, er weiß, wovon er spricht. Und es ist weniger die Wut, sondern eher die vollkommene Illusionslosigkeit und die vollkommene Echtheit, welche die Energie und die Überzeugungskraft seiner Verse ausmachen. In Hassans Gedichten spricht kein lyrisches Ich, sondern der Autor selbst." Hier eine lyrisch-musikalische Performance für unsere dänischsprechenden Leser:

Weiteres: In seiner Gegendarstellung zum Bericht der internationalen Historikerkommission über das Auswärtige Amt im Dritten Reich zeichnet der Historiker Daniel Koerfer ein nach eigenen Angaben ein differenzierteres Bild der Behörde - "fifty shades of brown", berichtet Joachim Güntner von der Berliner Buchvorstellung. Aldo Keel informiert, dass der norwegische Dramatiker Jon Fosse zum Katholizismus übergetreten ist. "Der Balkan ist eine scheppernde Trompete", stellt Samuel Herzog beim Besuch der Basler Ausstellung "Balkan?" fest. Die Russische Akademie der Wissenschaften wird zwangsweise der "Föderalen Agentur für wissenschaftliche Organisationen" unterstellt - damit verliert sie "das Recht der Selbstorganisation, das sie sogar zu Sowjetzeiten besaß", meldet Ulrich M. Schmid.

Besprochen werden die Filme "Blue Jasmin" von Woody Allen (an dem Christoph Egger "Kunst Woody Allens und das Können Cate Blanchetts" beeindrucken) und "Recycling Lily" von Pierre Monnard (ein "trashiger Spaß", findet Geri Krebs) sowie Bücher, darunter Stefanie de Velascos Roman "Tigermilch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 21.11.2013

"Ein Mensch, der von Berufs wegen zum Widerspruch verpflichtet ist, läuft Gefahr, zu verbittern und als Zyniker zu enden. Das ist Dieter Hildebrandt nicht passiert", schreibt Frank-Markus Barwasser alias Pelzig in seinem Nachruf auf den großen Satiriker. Weitere Nachrufe und Erinnerungen steuern Helmut Schleich, Til Hofmann, Manfred Kriener und Bernd Gieseking bei.

Die sofortige Veröffentlichtung sämtlicher in der Gurlitt-Wohnung gefundenen Bilder fordert Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference, die die Interessen der jüdischen NS-Opfer vertritt, im Gespräch mit Anja Krüger und Pascal Beucker. Auf der Meinungsseite korrigieren der Soziologe Jürgen Schupp und der Volkswirtschaftler Gert C. Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin einige Missverständnisse zum Feld der Zufriedenheitsforschung, etwa jene Annahme neoliberaler Ökonomen, dass "Arbeitslosigkeit von Menschen mit hoher 'Freizeitpräferenz' gewählt werde". Ophelie Abeler beschreibt in ihrer Kolumne am Beispiel des neuen New Yorker Bürgermeisters Bill de Blasio die Logik des medialen Hosenrunterlassens in amerikanischen Wahlkämpfen. Und Cord Riechelmann resümiert ein Podiumsgespräch mit dem französischen Philosophen Jacques Rancière in Berlin, in dem es um die These "Die gesellschaftliche Revolution ist eine Tochter der ästhetischen Revolution" ging.

Besprochen werden die Dokumentation "Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern" des Schweizer Regisseurs Peter Liechti, der darin den kleinbürgerlichen Alltags seiner Eltern unter die Lupe nimmt, Bernardo Bertoluccis Geschwister-Drama "Ich und du", Roman Polanskis Filmvariation über die Sacher-Masoch-Erzählung "Venus im Pelz" sowie Oliver Reeses Inszenierung "Wille zur Wahrheit", ein Textkondensat aus Thomas Bernhards fünfbändiger Autobiografie am Schauspiel Frankfurt.

Und Tom.
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Welt, 21.11.2013

Rolf Bauerdick hat in seinem Buch "Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk" Roma und Sinti Zigeuner genannt. Für das Buch bekam er gute Kritiken, aber viel Ärger mit Verbandsfunktionären, gegen den er sich im Forum wehrt: "Wenn die Polizei wie derzeit in Westfalen vor Banden von Trickdieben warnt, dann ist dies für den Zentralrat kein Anlass, der eigenen Klientel die Leviten zu lesen. Wenn Roma-Zuhälter Tausende junger Frauen auf den Strich schicken, stellt sich kein einziger Funktionär schützend vor die Opfer. Für den Zentralrat ist Kriminalität der Roma allein von Individuen zu verantworten. Kollektiv ist nur der Rassismus der Dominanzgesellschaft."

Barbara Möller schreibt in ihrem Nachruf auf den Kabarettisten Dieter Hildebrandt: "Am Ende seiner Fernsehzeit wirkte Dieter Hildebrandt wie ein Dinosaurier. Démodé wie die Pappkulissen seines 'Scheibenwischers'. Aber als er weg war, vermisste man ihn augenblicklich. Weil man sah, dass keiner da war, der ihn ersetzen konnte..."

Außerdem: Elmar Krekeler lehnt mit Händen und Füßen eine Fortsetzung von Capras Filmklassiker "Ist das Leben nicht schön?" ab. Stephen King, gerade auf Lesereise in Deutschland, plaudert über seinen neuen Roman "Doctor Sleep". Manuel Brug fragt, warum in Deutschland immer nur die eine von fünfzig Gluck-Opern, nämlich "Orfeo", gespielt wird; Ausnahme jetzt in Frankfurt: Glucks Opera Seria "Ezio".

Besprochen werden der zweite Teil der "Tribute von Panem"-Filmtrilogie "Catching Fire", Bettina Blümners Verfilmung von Alina Bronskys Roman "Scherbenpark", Roman Polanskis Film "Venus im Pelz", Jake Buggs zweite CD "Shangri La" und Wagners "Walküre" in Genf - dirigiert von Ingo Metzmacher und inszeniert von Dieter Dorn.

Aus den Blogs, 21.11.2013

Der Medienjurnalist Erik Wemple attackiert in seinem Blog das berühmte Blog Politico, dessen Washington-Korrespondent Mike Allen sogenannte "Native Ads" in seine Kolumnen mischt. Wemple erläutert: "One of the hottest issues in journalism today is 'native' advertising, the tricks that publishers deploy to elide the domains of journalism and advertising. BuzzFeed has sustained gray-bearded criticism for its boundary-defying listicles. The Atlantic earlier this year ran a native ad from the Church of Scientology that inflamed its audience and prompted an apology and a review of Atlantic procedures for approving ads. Forbes, The Washington Post and the Huffington Post are also experimenting with this approach to funding journalism."

Zeit, 21.11.2013

Die Behauptung, Hildebrand Gurlitt habe Kunstwerke im Auftrag der Nazis rechtmäßig erworben, ist nicht haltbar bei Werken, die im besetzten Ausland gekauft wurden, schreibt der Historiker Götz Aly: "Hitlers eifrige Kunsthändler arbeiteten in einem System bandenmäßig betriebenen Währungsbetrugs auf erpresserischer Grundlage. Deshalb ist es aus rechtlichen Gründen zu fordern, dass sämtliche Gemälde und sonstige Wertsachen, die Deutsche im Zweiten Weltkrieg im besetzten Ausland gekauft haben, an die jeweiligen Staaten zurückgegeben werden, eben weil sie (völkerrechtswidrig und unter Zwang) aus den jeweiligen Staatshaushalten bezahlt wurden."

Weitere Artikel: Der israelische Philosoph Omri Boehm bietet eine subversive Lesart der alttestamentlichen Szene der Opferung Isaaks an, die gemäß der politischen Theologie Israels zu staatlichem Gehorsam verpflichtet, laut Boehm jedoch zu "moralischem Ungehorsam gegenüber dem staatlichen Gebot" aufruft. Ingeborg Harms besucht Bernardo Bertolucci, der mit "Ich und Du" nach neunjähriger Pause wieder einen Film gedreht hat. Anlässlich des morgigen hundertsten Geburtstags von Benjamin Britten informiert Christine Lemke-Matwey über die in England kontrovers diskutierte Frage, ob der Komponist pädophil gewesen sei. Ursula März denkt über Männerfreundschaften à la Christian Wulff und David Groenewold nach. "Doris Lessing war ein Geschenk an die Weltliteratur", schreibt ihr Neffe Gregor Gysi in seinem Nachruf.

Besprochen werden die Hamburger Uraufführung von "Schwarze Augen, Maria" der Theatergruppe Signa (an der Stephen King und David Lynch ihre helle Freude hätten, vermutet Peter Kümmel), Roman Polanskis neuer Film "Venus im Pelz" (der für Adam Soboczyinski im Werk des Regisseurs "am ehesten mit 'Tanz der Vampire' vergleichbar" ist), der Dokumentarfilm "Tödliche Hilfe" von Raoul Peck und Bücher, darunter Paul Austers Erinnerungen "Winterjournal" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Wirtschaftsteil meldet Anna Loll, dass die Telekom mit Ori Cohen und Stas Khirman zwei NSA-nahe Überwachungsexperten als "Spezialisten für IP-Technologie und sichere IP-Netze" beschäftigt. Im Wissen-Teil veranschaulicht die Zeit ihren Wunsch nach einem Internetministerium mit einer ganzseitigen Infografik. Als mögliche Minister bringt sie Brigitte Zypries, Thomas de Maizière, Peter Altmaier und, als "absoluten Außenseiter", Karl-Theodor zu Guttenberg ins Gespräch.

FAZ, 21.11.2013

Auf zwei Seiten trommelt die FAZ zum Fanal gegen Google und Co. und fordert in eingeholten Statements aus Politik, Wirtschaft und Forschung die wenigstens europäische Hoheit über die Netze zurück. Gefordert wird unter anderem ein neues Schulfach Internetsicherheit, neue Computerarchitekturen, ein "Qualitätsraum für Informationen" (Jürgen Renn), Forschungen im Bereich Recherchesemantik, neue Digitalstandards und - Roland Reuß dreht sich der Magen um - der flächendeckende Einsatz von Open Source.

Die Datenexpertin Yvonne Hofstetter gibt immerhin zu, dass ein Teil der Probleme selbstverschuldet ist. Sie fordert "ein Umdenken bei Investoren, sowohl der öffentlichen als auch der privaten. Sie dürfen sich nicht mehr entziehen, soll es in Deutschland endlich um mehr Technologieaffinität und höhere unternehmerische Risikobereitschaft gehen. Denn aktuell lebt Deutschland von der Substanz vergangener Jahre und weist eine jährliche Investitionslücke von 75 Milliarden Euro gegenüber dem Euroraum aus." (Nun, dafür haben wir ein schönes neues Leistungsschutzrecht.)

Weitere Artikel: Thomas David trifft sich zum Jahrestag des Kennedy-Attentats mit Don DeLillo. Jan Wiele findet Stephen King bei dessen erstem Deutschlandbesuch sympathisch bodenständig. Hans-Jörg Rother berichtet vom Filmfestival in Cottbus. Stefan Koldehoff schreibt den Nachruf auf den Kunstfälscher Detlef G.

Auf der Medienseite verabschieden sich Andreas Platthaus (hier) und der Kabarettist Bruno Jonas von Dieter Hildebrandt.

Besprochen werden der Science-Fiction-Film "Die Tribute von Panem 2" und Bücher, darunter Umberto Ecos "Geschichte der legendären Länder und Städte" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 21.11.2013

Die SZ verabschiedet sich auf Seite Drei mit Hilmar Klutes ausführlicher Würdigung von Dieter Hildebrandt. Er "war viel größer als alle anderen, weil er sich als Kabarettist kleiner machte. Seine Bühnenfigur, das war der Bürger, der ins Stammeln verfiel, wenn er Worte finden musste für das, was Politiker ihm servieren. Hinter seinen Sätzen stand selten ein Ausrufezeichen, sondern meist ein Fragezeichen. ... Er stellte sich [vor die Politiker] hin und tippte ihnen an die Brust, anstatt sich auf den Feldherrnhügel der Deutungshoheit zu stellen, um groß zu erscheinen."

Online gibt es einen Nachruf von Ruth Schneeberger sowie eine Zitatesammlung mit vielen Youtube-Videos. Auf der ersten Seite ihres Feuilletons sammelt die SZ zudem zahlreiche Stimmen zu Hildebrandts Tod.

Weiteres: Die vorzeitige Rückgabe von 310 Werken an Cornelius Gurlitt stößt auf Kritik, melden Matthias Drobinski und Stefan Mayr. Felix Stephan berichtet von einer Berliner Tagung über die Rolle der Religion in den Metropolen. Catrin Lorch gratuliert dem Kunsthistoriker Kasper König zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Bernardo Bertoluccis neuer Film "Ich und Du", der Science-Fiction-Film "Die Tribute von Panem 2", und Bücher, darunter Andrea Stolls Biografie über Ingeborg Bachman (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).