Heute in den Feuilletons

Zart bleibt alles, fein, behutsam

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2013. In der FR erklärt Juli Zeh, warum sie heute der Kanzlerin 65.000 Unterschriften gegen die NSA-Bespitzelung überreicht. Die Welt amüsiert sich über den CSU-Mann Alexander Dobrindt, der die Schwulen offenbar nur aus Show angreift. Und die Welt begreift sich als Teil dieser Show, analysiert das Nollendorfblog. In der taz erzählt Silke Burmester, wie Matthias Matussek ihr den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzte. In der NZZ unternimmt Cejana Di Guimarães einen Streifzug durch das literarische Brasilien. In der FAZ freuen sich griechische Unternehmer über die neue "Kultur des Gebens" im Land. The New Republic feiert den neuen Coetzee.

FR/Berliner, 18.09.2013

"Ein beobachteter Mensch ist kein freier Mensch", erinnert Juli Zeh, die Angela Merkel heute ihre Unterschriftenliste gegen den Überwachungsstaat übergibt, an ein Urteil des Bundesverfassungsrichts. Außerdem widerlegt sie sehr einleuchtend die Parole "Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten": "Ich glaube nicht, dass die Leute das wirklich denken. Das sagen sie, damit man sie mit dem Problem in Ruhe lässt. Wenn man jemanden sagt: Gib mir mal deine Festplatte und lass mich kurz deine E-Mails durchlesen, dann bekommt doch jeder ein mulmiges Gefühl. Die meisten möchten doch nicht einmal, dass die Partnerin oder der Partner die eigenen Mails liest, weil wir nämlich wohl etwas zu verbergen haben. Nicht ein Verbrechen, sondern einfach nur das, was man Privatsphäre nennt. Ein intimer Raum, der uns immer latent peinlich ist und den wir schützen. Ich denke, wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren."

Aus den Blogs, 18.09.2013

Stephan Porombka findet es ja gut, dass Juli Zeh und andere Autoren und Autorinnen heute der Kanzlerin 65.000 Unterschriften gegen den laschen Umgang mit dem NSA-Skandal überreichen wollen, aber warum ausgerechnet in einem "Marsch aufs Bundeskanzleramt"? Und wird man wirklich an die Tür des Kanzleramts klopfen, um ein dickes Buch mit den Untrschriften zu überreichen? "Das ist das Signal: Inmitten einer Kultur, in der sich die Menschen nur noch Mails und Dokumente als pdf schicken, sich bei Facebook etwas posten und bei Twitter Shitstorms organisieren, sind es die Schriftsteller, die noch daran glauben, dass es ein Ausdruck auf Papier ist, der tatsächlich etwas bewegen kann. Denn das Internet ist, wie sich herausgestellt hat, nicht gut. Deshalb marschiert man persönlich vorbei und macht durch Anwesenheit Druck."

(Via Neunetz) Sascha Lobo zählt in seiner Spon-Kolumne die netzpolitischen Versäumnisse der Bundesregierung auf. An erster Stelle die vernachlässigte Infrastruktur: "Während andere Länder zweistellige Milliardenförderungen in Glasfasernetze pumpen, ignoriert die Bundesregierung, dass die Unternehmen allein niemals die ungeheuren Investitionen stemmen könnten - und wenn, dann nur mit schädlichen Hilfsmitteln wie der Aufgabe der Netzneutralität oder fatalen Drosselungsdummheiten. Das Resultat: Die Auflistung der 22 europäischen Volkswirtschaften mit den meisten Glasfaseranschlüssen beinhaltet Deutschland gar nicht erst."

Welt, 18.09.2013

Ulf Poschardt muss über den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt so richtig schmunzeln, der eine Attacke gegen die "schrille Minderheit" der Schwulen im Interview mit der Wams aus bloßem Kalkül geritten zu haben scheint und von Poschardt als superklasse Hipster und "white-blue negro" gefeiert wird: "Während des Interviews im 19. Stock des Springerhochhauses in Berlin registrierte er genüsslich, wie seine Provokationen und Tabubrüche zu heftigen Nachfragen und empörten Zwischenrufen führten. In seinen Augen blitzte der Schalk. Mit jedem Angriff fühlte sich Dobrindt bestärkt, gleichzeitig wurde spürbar, wie konstruiert, ja papiern diese Provokation angelegt war. Die Grundgedanken hatte er auf einem kleinen weißen Papier skizziert, bei schwierigen Fragen schwieg er, bis er wusste, was zu sagen war. Dass dies nicht seine Meinung sein musste, wurde stets deutlich. Das Krawallinterview war auch Show."

Johannes Kram hatte die gegen Homosexuelle gerichtete Attacke Alexander Dobrindts damals in seinem Nollendorfblog aufgegriffen und kommentiert: "Nicht Lesben und Schwule brauchen die Union. Die Union braucht Lesben und Schwule. Gäbe es sie nicht, müssten sie sie glatt erfinden." Nämlich um wenigstens einen Punkt zu haben, wo man sich noch straflos als "konservativ" profilieren kann. Heute kommentiert Kram: "Ulf Porschardt, stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag, erhellt mit seinen Schilderungen übrigens nicht nur die wahren Beweggründe der CSU, sondern auch seine eigenen. Er sieht offensichtlich die Rolle seiner Zeitung nicht nur darin, über das, was er eine 'Show' nennt, zu berichten. Er sieht sie als Teil der 'Show'."

Weitere Artikel in der Welt: Tobias Haase hat mit seinem unautorisierten Mercedes-Werbespot den Nachwuchsfilmpreis "First Steps" gewonnen, meldet Hanns-Georg Rodek. Mara Delius untersucht die Plagiatsvorwürfe gegen Rolf Dobelli und meint: alles nur Allgemeinplätze. Marc Reichwein berichtet von frommen Reden beim Jahreskongress des Bundes Deutscher Zeitungsverleger. Tim Ackermann beschreibt Stephan Braunfels' Masterplan zur Neugestaltung des Berliner Kulturforums.

Besprochen werden drei CDs der "hippen" Countertenöre Philippe Jaroussky, Franco Fagioli und David Hansen mit Arien von Nicola Antonio Porpora.
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Weitere Medien, 18.09.2013

Für das beste Buch seit "Schande" hält Jason Farago in The New Republic J.M. Coetzees neuen Roman "The Childhood of Jesus", der nur etwas spröde anfange, denn natürlich gehöre der Roman in Coetzees australische Phase: "Der australische Coetzee ist verschroben. Und doch hat Coetzee noch nie ein solch bizarres Buch wie 'The Childhoof of Jesus' veröffentlicht, ein unermesslich metafiktionaler Kracher, der keinem seiner bisherigen Bücher gleichkommt, eigentlich keinem, das ich jemals gelesen habe. 'The Childhood of Jesus' mit seinem bewusst populistischen Titel und dem Wort Jesus in fetten Großbuchstaben - das Buch passt gut in jede Bahnhofsbuchhandlung - scheint zunächst nur wie ein weiteres 'australisches Buch'. Ein seltsamer Verschnitt von sokratischen Dialogen, biblischer Exegese, Roadmovie und sozialistisch-realistischem Arbeiterstück ... Das Buch gibt nicht den philosophischen Anspruch seiner anderen australischen Romane auf. Ganz im Gegenteil. Doch das Didaktische jener Bücher ist etwas Fesselnderem gewichen, dem Erzählerischen; am Ende wird 'The Childhood of Jesus' geradezu ein Pageturner."
Stichwörter: Jesus, The New Republic

TAZ, 18.09.2013

Reiner Wandler berichtet, wie in Madrid Geschichtspolitik mithilfe der Bauverordnung betrieben wird. Louisa Wittke stellt die Medienplattform Ikono vor, die jetzt auch als Fernsehsender zu empfangen ist. Katrin Bettina Müller beneidet München um den Regisseur Matthias Lilienthal, der dort künftig die Kammerspiele leiten wird.

Silke Burmester erzählt auf der Medienseite, wie ihr der Gerichtsvollzieher eine Einstweilige Verfügung von Matthias Matussek brachte: "Eigentlich wird man in so einem Fall abgemahnt. Nicht so ich. Auch geht so ein Schreiben in der Regel zum Verlag, der 'v.i.S.d.P' ist, 'verantwortlich im Sinne des Presserechts'. Ich bekomme die EV direkt. Ich nehme an, Matussek möchte der Kleinen mal zeigen, wo der Hammer hängt. "

Besprochen werden Ty Segalls neues Album "Sleeper" und das Jugendtheaterstück "Der Reichstagsbrand" im Berliner Theater an der Parkaue (das Uwe Soukup historisch höchst fahrlässig findet).

Und Tom.

Weitere Medien, 18.09.2013

Iran, der geschätzte Handelspartner vieler deutscher Unternehmen, unterhält seine Bevökerung währenddessen mit Live-Spektakeln, meldet die Emigrantenorganisation NCRI: "The clerical regime of Iran executed 27 prisoners including one woman and two youngsters, 18 and 23 years of age in two recent weeks in various cities of Iran. Five of them including 2 youngsters were hanged in public in Ghaemshahr, Ilam and Dehdasht."
Stichwörter: Iran

NZZ, 18.09.2013

Cejana Di Guimarães nimmt uns mit auf einen Streifzug durch die Literaturlandschafts Brasiliens, das sie das ewige Land der Zukunft nennt, das endlich die Gegenwart erreicht: "Was António Isidoro zur Zeit der Inquisition wusste - wer von Büchern lebt, muss mit Risiko, sprich mit Feuer rechnen. Nicht mehr die Kirche heizt heute ein, sondern die Strasse, wo für mehr soziale Gerechtigkeit demonstriert wird. Manche in der Branche sind skeptisch gegenüber der Protestbewegung, andere solidarisieren sich. Paulo Scott, ein Autor der neuen Generation, begrüßt, 'dass das Volk mit dem Mythos des brasilianischen Wunders gebrochen hat. Wir glaubten nur, wir lebten im Paradies. Aber es ist nicht das Paradies'. Luiz Ruffato, der in Frankfurt die Eröffnungsrede halten wird, ergänzt: 'Noch immer herrscht Rassentrennung. Es gibt Indianer und Schwarze und eine weiße Elite. Unserer Gesellschaft ist extrem ungerecht. Sie trägt noch immer die Male der Kolonialzeit.'"

Weiteres: Angela Schader berichtet sehr angeregt vom Literaturfestival Babel, auf dem sich Autoren aus dem Maghreb und dem frankofonen Afrika trafen. Besprochen werden unter anderem Bernd Roecks Renaissance-Studie "Gelehrte Künstler" und Elif Shafaks Sufi-Roman "Die vierzig Geheimnisse der Liebe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf den Politikseiten beschreibt Romina Spina, wie 25 Jahre Berlusconi-Fernsehen das Frauenbild in Italien verdorben beziehungsweise Frauen zur "Dekoration aus Fleisch" reduziert haben.

FAZ, 18.09.2013

Frank Schirrmacher und Dirk Schümer führen ein sehr ausführliches Gespräch mit einigen griechischen Unternehmern, die sich recht optimistisch äußern - vor allem weil in ihrem Land Seilschaften und Verkrustungen aufbrechen. Der Marketingmann Yiannis Olympios kritisiert zwar, dass vor allem die einfache Bevölkerung unter den europäischen Maßnahmen leidet, aber er konstatiert auch, dass die soziale Frage nur "eine Seite der Krise darstellt. Sie wird von einer blutdürstenden internationalen Presse überzeichnet, die nur nach stereotypen Bildern sucht. Ich war noch nie so stolz, ein Grieche zu sein. Es gibt eine neue, lebendige Kultur des Gebens, ehrenamtliche Betätigung, Graswurzelbündnisse und patriotische Empfindungen."

Jan Brachmann durfte miterleben, wie sich Martha Argerich und Daniel Barenboim nach einem gemeinsamen Konzert in Berlin gemeinsam ans Klavier setzten und als Zugabe Franz Schuberts vierhändiges Rondo A-Dur spielten: "Zart bleibt alles, fein, behutsam, voll innerer Beweglichkeit. Die Akzente erschrecken nicht. Sie legen sich wie ein Nimbus aus Klang um die folgenden leiseren Töne."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg fürchtet, dass der französische Denkmalschutz Opfer von Sparmaßnahmen wird. Auf der Medienseite stellt Anne Kohlick die Initiative C3S vor, die der Gema Konkurrenz machen will.

Besprochen wird Oliver Reeses Stück "Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod" in Frankfurt. Buchbesprechungen entfallen wegen des überlangen Interviews mit den griechischen Unternehmern.

SZ, 18.09.2013

Dass die verschiedenen Arten der Wahlprognosen die eigene Methode für die je beste halten, ist Johan Schloemann im Grunde einerlei. Ihn plagen Fragen grundsätzlicherer Natur: "Es ist fraglich, ob [Wahlprognosen] überhaupt der Demokratie förderlich sind. Wer braucht sie eigentlich, von den Parteistrategen abgesehen? Wenn alle sagen: Wir wissen ja schon genau, wie es ausgeht!, dann wirkt das, neben allem anderen Politikverdruss, nicht gerade mobilisierend. ... Demokratie braucht (...) eine gewisse Unsicherheit."

Weiteres: Jörg Häntzschel ärgert sich über die ästhetische Verschlankung des neuen Handheld-Betriebssystem iOS 7, dessen Vorläufer wegen ihrer barocken Ausgeschmücktheit einst als "katholisch" eingeschätzt wurden: "Nun beginnt auch für das iPhone die Fastenzeit. Es ist Aschermittwoch." Hans-Peter Kunisch staunt beim Lemberger Literaturfestival über das Publikum, das selbst noch spätnachts den ukrainischen Autor Jurij Andruchowytsch frenetisch feiert.

Besprochen werden eine Eiskunstlaufperformance von Le Patin Libre (hier proben sie zu Nirvana), der fünfte Teil des Computerspiels GTA, Roberto Ciullis Inszenierung von Geogres Feydeaus "Monsieur Chasse" am Theater an der Ruhr, eine "Tosca"-Aufführung im Theater Basel ("Toll", jubelt der insbesondere Svetlana Ignatovich mit Haut und Haar erlegene Egbert Tholl), Cüneyt Kayas Film "Ummah - Unter Freunden" und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).