Heute in den Feuilletons

Die Lage ist nicht nur schlecht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2013. Kenan Malik plädiert in seinem Blog gegen eine militärische Sanktionierung der syrischen Giftgasmassaker an der Zivilbevölkerung. Die NZZ schildert die aussichtslose Lage der Frauen in Syrien. In der SZ wehrt sich Taiye Selasi gegen die Idee einer afrikanischen Literatur. In der FAZ erklärt Ulrich Beck, was wir fortan unter Kosmopolitisierung zu verstehen haben. In der Welt fürchtet der Historiker Dominik Geppert, dass der Euro Europa platzen lässt. Die Berliner Zeitung fragt: Was wird aus den Dahlemer Museen?

NZZ, 05.09.2013

Mona Sarkis schildert den aussichtslosen Kampf für Frauenrechte in Syrien, wo seit dem Osmanischen Reich frauenfeindliche Scharia-Gesetze gelten. Auch die 1963 an die Macht gekommene Diktatur wagte nicht an ihnen zu rütteln: "Und sie wollte es auch nicht. Schließlich arrangierte sie sich so besser mit dem Patriarchat und hielt sich nebenbei noch die Hälfte einer potenziellen Bürgergesellschaft vom Hals. Von daher wundert es nicht, dass seit dem März 2011 Syrerinnen aller Couleur nach einer Zivilgesellschaft rufen - aber kaum eine weiß, was sie darunter verstehen soll."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Hans Thoma im Frankfurter Städel-Museum ("Seine zwischen Vielfalt und Einfalt gefangene Kunst strahlt heute vor allem eines aus, nämlich Melancholie", notiert Ursula Seibold-Bultmann), die Filme "Gloria" von Sebastian Lelio (der "völlig unangestrengt eine ununterbrochene Spannung aufrechtzuerhalten versteht", wie Geri Krebs hervorhebt) und "Lovely Louise" von Bettina Oberli sowie Bücher, darunter Hervé Le Telliers neuer Roman "Neun Tage in Lissabon" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 05.09.2013

Der Euro wird Europa platzen lassen, fürchtet der Historiker Dominik Geppert, und das liege an einem seit Bismarck fatalen Widerspruch - Deutschland sei in Europa zugleich zu stark und zu schwach: "Einerseits ist es zu stark, um sich in die Institutionen der Währungsunion einzufügen, und zu mächtig, um dort als Gleicher unter Gleichen zu agieren. Andererseits aber, das wird zunehmend deutlich, ist das Land auch zu schwach, um im Rest der Euro-Zone die deutsche Politik durchzusetzen. Vor allem wird es nicht gelingen, deren Ländern dauerhaft eine nachhaltige Haushaltspolitik aufzuzwingen, die deren politischen und ökonomischen Traditionen und Mentalitäten widerspricht."

Im Feuilleton stellt Matthias Heine das Programm des Gorki-Theaters unter der neuen Leitung von Shermin Langhoff vor. Walsmer Kesler liest ein in Berlin zirkulierendes Manifest, in dem Comiczeichner Subventionen fordern.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Wittelsbacher am Rhein - Die Kurpfalz und Europa" in Mannheim, David Dietls Filmgroteske "König von Deutschland" und Haifaa Al Mansour Film "Das Mädchen Wadjda".

Aus den Blogs, 05.09.2013

Auch Kenan Malik ist in seinem Blog gegen eine militärische Sanktionierung der Giftgasmassaker an der syrischen Zivilbevölkerung: "What has been striking in the debate so far is the lack of strategic thought from those pushing for war. What are the specific aims? What would constitute success? Is there a vision of the endgame? There are few answers to such questions." Und er fährt fort: "The kind of 'limited' intervention currently being considered is likely to cause considerable destruction, may even cause more chemical deaths, but is unlikely either to prevent further chemical attacks, or to force Assad to surrender." Maliks Vorschlag zur Aktion: Man soll Medikamente gegen die Vergiftungen nach Syrien schicken.

Buzzfeed ist mit Bilderstrecken von lustigen Katzen und ähnlichem Material richtig groß und durch "sponsored content" für Werbepartner sehr profitabel geworden. Nun kündigt Gründer Jonah Peretti an, auch in den investigativen Journalismus gehen und Medien Konkurrenz machen zu wollen. Mathew Ingram kommentiert auf paidcontent.org: "Whether BuzzFeed can make a successful transition from a lightweight provider of animated GIFs into a full-fledged media entity with hard news reporting and investigative journalism remains to be seen. But it's worth remembering that The Huffington Post was also widely mocked by existing media players when it first began, and six years later it was acquired for $315 million - and not long after that, it won a Pulitzer Prize for its investigative reporting."


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Perlentaucher, 05.09.2013

In seiner neuen Zerstörungsorgie "White House Down" vollbringt Roland Emmerich ein filmisches Kunststück: Gelingen durch Scheitern, analysiert Thomas Groh in der Perlentaucher-Kinokolumne: "Man kann förmlich dabei zusehen, wie Versatzstück und Kalkül einander auf dem Reißbrett begegnen, umgarnen, aneinander scheitern und zu Bruch gehen. Es gelingt das wenigste, doch darin entwickelt 'White House Down' faszinierende Bravour. Wer Qualität im eigentlichen Sinne für sein Geld nicht erwartet, kommt immerhin auf seine Kosten: Unterhaltungskino, das blendend unterhält. In gewissem - und wirklich nur in gewissem - Sinne also: Als Film höchst erfolgreich in seinem Tun."

Außerdem schreibt Jochen Werner über James Marshs IRA-Drama "Shadow Dancer".
Stichwörter: Roland Emmerich, Geld, IRA

TAZ, 05.09.2013

Cristina Nord sah in Venedig "The Unknown Known" von Errol Morris über Donald Rumsfeld, einen der beiden Dokumentarfilme, die erstmals im Wettbewerb liefen und an dem sie vor allem die "Methoden der filmischen Effektmaximierung" störten. Ingo Arend berichtet über die erste nordische Kunsttriennale Assembly im norwegischen Bergen, für das die Kuratoren einen russischen Satire-Klassiker der Brüder Arkadi und Boris Strugazki zum Motto machten: Monday begins on Saturday .

Besprochen werden das neue Album der Berliner Band 2raumwohnung, die DVD von Otto Premingers "Die heilige Johanna" von 1957 und das Buch "Eine andere Liga", ein Band mit Stories des Autors, Übersetzers und Literaturagenten Carl Weissner (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 05.09.2013

Was soll eigentlich aus den Museen in Dahlem werden, fragt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung. Einst residierte hier auch die Gemäldegalerie neben den ethnologischen Sammlungen. Damals hatten die Museen über eine Million Besucher im Jahr, heute nur 120.000 - dabei sind es hinreißende Museen. Ihre Glanzstücke sollen dereinst in der Berliner Stadtschlossattrappe gezeigt werden. Was wird dann aus Dahlem? "Sie sollten das neue Zentraldepot der Museen werden... Hier könnte die Fülle der Sammlungen sich in dem Publikum offenen Magazinen zeigen, so, wie man es aus Amerika, den nordischen Ländern, Großbritannien kennt. Zumal das Humboldt-Forum viel zu klein ist für den Reichtum, den Berlins Museen zeigen könnten."

Endlich gibt es atheistische Schuhe, berichtet Daniel Schreiber auf Cicero Online. Gefertigt werden sie von David Bonney in Berlin - und sie haben offenbar großen Erfolg in den gottesfürchtigen USA: "Auf der Sohle jedes Schuhes seiner Firma steht in großen, roten Buchstaben: 'Ich bin Atheist'. Von der Form-folgt-Funktion-Idee der Bauhaus-Ära inspiriert, sehen die Schuhe wie unglaublich bequeme Vorkriegs-Sneaker aus. Per Hand werden sie in einer portugiesischen Schuhfabrik aus drei Stücken unbehandelten Nubukleders genäht und passen sich der Fußform schon beim ersten Tragen an."

Zeit, 05.09.2013

Das Feuilleton braucht immer etwas länger und das in der Zeit sowieso. Sechs Jahre nachdem Thomas Steinfeld in der SZ das deutsche Literaturpreis- und Stipendiatensystem kritisiert hatte und fünf Jahre, nachdem Oliver Jungen in der FAZ dasselbe getan hat, wünscht sich jetzt Ursula März in der Zeit: "Ein für alle Mal Schluss mit dem missgünstigen Gemurmel". Ohne finanzielle Förderung hätten Autoren wie Martin Mosebach oder Ulrich Peltzer kaum ihr bedeutendes Werk schaffen können: "In anderen Branchen nennt man solche Leute Exzellenzspezialisten. Und in jeder anderen Branche gälte es als vollkommen verrückt, diese Spezialisten acht Stunden am Tag von ihrem eigentlichen Können abzuhalten... Darüber hinaus ist es nicht die Aufgabe von Schriftstellern, das Unbehagen einer Gesellschaft, die ein etwas übersteigertes Verhältnis zum Geld pflegt, durch die poetisch verklärte Darstellung von Pauperismus zu kompensieren."

Auf drei Seiten verraten 48 prominente Künstler und Intellektuelle in kurzen Statements, warum sie am 22. September welche Partei wählen werden. Knapper Sieger dieser nichtrepräsentativen Umfrage ist die SPD vor den Grünen, wobei die meisten der Befragten entweder noch unschlüssig sind oder weit und breit keine wählbare Partei sehen. So etwa Maxim Biller, der befindet: "Die Lage ist nicht nur schlecht, sondern auch überhaupt nicht witzig."

Weitere Artikel: Katja Nicodemus berichtet von den Filmfestspielen in Venedig, wo gleich mehrere Filme von Gewalt gegen Kindern erzählen: "Man will im Kinosessel nach Luft ringen, einen Ausweg suchen aus der Hölle oder einfach auf die Leinwand schießen." Klaus Harpprecht sieht in dem überraschenden Fund von 13 Kisten mit Briefen von Thomas und Katja Mann einen "Segen für die Philologie-Industrie". Alexander Cammann gratuliert dem C.H. Beck Verlag zum 250. Geburtstag. Peter Kümmel schreibt den Nachruf auf den irischen Lyriker und Nobelpreisträger Seamus Heaney.

"Der Traum der guten Moderne ist ausgeträumt", konstatiert Jens Jessen, der nach dem Besuch der Hamburger Ausstellung "Die erwartete Katastrophe" über Stadtplanung im Geist des Luftkriegs "noch einmal anders und anders entsetzt durch Hamburg" geht. Der amerikanische Germanist Michel Chaouili denkt angesichts von Ausstellungen von Roy Lichtenstein in Paris und Anish Kapoor in Berlin darüber nach, welche Rolle es für die Kunstrezeption spielt, ob ein Künstler noch am Leben ist oder nicht. Die Krimi-Bestenliste führt, wie im August, Dominique Manottis Roman "Zügellos" an. Besprochen werden Bücher, darunter Sven Regeners neuer Roman "Magical Mystery" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

FAZ, 05.09.2013

"Die Wirklichkeit selbst ist kosmopolitisch geworden", schreibt der Soziologe Ulrich Beck in seiner Ankündigung einer Artikelreihe über das "Zeitalter der Kosmopolitisierung". Vom Kosmopolitismus ist diese zu scheiden: Dieser "handelt von Normen, Kosmopolitisierung von Fakten. Kosmopolitismus im philosophischen Sinn ... beinhaltet eine weltpolitische Aufgabe, die von oben, also Regierungen und internationalen Organisationen, oder von unten, etwa zivilgesellschaftlichen Akteuren, durchgesetzt wird. Kosmopolitisierung dagegen vollzieht sich von unten und innen, im alltäglichen Geschehen, oft erzwungen, unbemerkt, ungewollt - selbst wenn weiterhin Nationalflaggen geschwenkt werden und Politiker die nationale Leitkultur ausrufen und den Tod des Multikulturalismus verkünden."

Weitere Artikel: In der Causa Suhrkamp stehen die Dinge nach dem genehmigten Insolvenzplan in absehbarer Zeit zum Besten, meint und freut sich Sandra Kegel: "Die Suhrkamp AG wird jetzt nichts mehr aufhalten. Und wir können uns wieder den Büchern und Romanen zuwenden." In der Leitglosse beschreibt Dirk Schümer den Hassausbruch von Venedigs Kulturassessorin Angela Vettese gegen die Deutschen: Anlass war ein kritischer Artikel in der SZ über Venedig. Jürgen Kaube ärgert sich über Politiker im allgemeinen und den OECD-Vizedirektor Andreas Schleicher im besonderen, die die Auffassung vertreten, je mehr Abiturienten studieren umso besser. Kathrin Maurer hat sich prächtig unterhalten bei einer Blind-Date-Lesung mit Clemens Meyer. Thilo Wydra hat sich in München den restaurierten Hitchcock-Stummfilm "The Pleasure Garden" angesehen. Gina Thomas besucht die neue Bibliothek von Birmingham. Dietmar Dath trauert um den Science-Fiction-Autor Frederik Pohl. Isabel Herzfeld hört beim Pianofestival in Husum rare Klavierkompositionen, insbesondere von Charles-Valentin Alkan. Hier eine Einspielung von Menachem Har-Zahav:



Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Jochen Lempert in der Hamburger Kunsthalle und Bücher, darunter Andrea Stolls Biografie über Ingeborg Bachmann (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 05.09.2013

Die Schriftstellerin Taiye Selasi wehrt sich in einem langen Essay gegen die Homogenisierung völlig unterschiedlicher Kulturen, die in dem Begriff "afrikanische Literatur" steckt. "Die Verwendung des Wortes 'afrikanisch' impliziert, dass es sich nicht lohnt, die verschiedenen Nuancen der Länder und Kulturen dieses Kontinents zu beachten. Wir tun so, als gäbe es keine nennenswerten Unterschiede zwischen einem vorrangig katholischen, Portugiesisch sprechenden Land wie Angola und einem vorrangig muslimischen, Französisch sprechenden Land wie Senegal. Von sämtlichen Landmassen der Erde ist Afrika vielleicht diejenige, die kulturell, religiös, ethnisch und linguistisch am vielfältigsten ist."

Außerdem: Tobias Kniebe sieht in Venedig neue Dokumentarfilme, darunter Kitty Greens "Ukraina Ne Bordel", die aufdeckt, wie drakonisch Viktor Swjazkij über die Aktivistinnengruppe Femen gebietet: "So muss nun alles, was Femen betrifft, völlig neu bewertet werden." Tim Neshitov berichtet von den Auswirkungen der vom Gesetzgeber gestützten und geförderten Homophobie in Russland auf den Kunstbetrieb: So wird dort jetzt ein Film über Tschaikowsky gedreht, dessen Autoren sich einigermaßen winden, um die Homosexualität des Komponisten umschiffen zu können, und schwule Balletttänzer flüchten sich in demonstrative Eheschließungen. Susan Vahabzadeh spricht mit der saudiarabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour über die beschwerlichen Dreharbeiten ihres feministischen (von Martina Knoben als "kleine Sensation" gefeierten) Films "Wadjda". Thomas Steinfeld berichtet von einer Berliner Diskussion über die Aufnahme von Marxens und Engels' kommunistischen Basis-Schriften ins Unesco-Weltkulturerbe. Catrin Lorch schreib zum Tod des Kunsthistorikers Tilmann Buddensieg. Peter Richter hört beim AfroPunk-Festival in Brooklyn harte Gitarrenmusik von schwarzen Musikern, darunter auch von der jüngst wiederentdeckten Band Death, die schon lange vor den Sex Pistols und Ramones Punk spielten:



Besprochen wird eine Aufführung von "Viel Lärm um nichts" an der Berliner Schaubühne.