Heute in den Feuilletons

Bastard, Hühnerdieb, Pornograf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2013. Auf Spiegel Online erklärt Sascha Lobo, warum totale Überwachung in Demokratien nicht irgendwie okay ist. In Österreich dient die Vorratsdatenspeicherung gerademal zur Bekämpfung von Kleinkriminalität, weiß die taz. In der FAZ rechtfertigt Alaa al-Aswani den Sturz Mursis: Der sei ein gewählter, aber kein legitimer Präsident mehr gewesen. In der Welt sieht das Hamed Abdel-Samad ähnlich: Lange vor dem Militär habe Mursi geputscht. Außerdem porträtiert die NZZ den stachligen Architekten Rudy Ricciotti. Und die SZ stellt klar: Europas Schuldenkrise hat nichts mit Schlafgewohnheiten oder Konfessionen zu tun.

Spiegel Online, 10.07.2013

Sascha Lobo schreibt an die Adresse der Datagate-Abwiegler: "Zu propagieren, es handele sich im Fall Snowden nicht um politisch motivierte Verfolgung, lässt nur eine Interpretation zu: dass verdachtsunabhängige, totale Überwachung in Demokratien irgendwie okay sei. Das ist keine Meinung, das ist eine Kapitulation."
Stichwörter: Sascha Lobo, Überwachung

TAZ, 10.07.2013

Auf den vorderen Seiten berichtet Christian Rath über eine österreichische Massenklage gegen die Vorratsdatenspeicherung vor dem Europäischen Gerichtshof . Die Zahlen, die die Kläger vorlegten, zeigen, dass gespeicherte Telefon- oder Internetdaten für die Bekämpfung des Terrorismus überhaupt keine Rolle gespielt haben: So forderte die Polizei von April 2012 bis März 2013 bei 580.000 Strafanzeigen "nur 326-mal zwangsgespeicherte Telefon- oder Internetdaten an. 139 Fälle sind schon abgeschlossen, dabei trugen die Daten in 56 Fällen wesentlich zur Aufklärung bei - belastend oder entlastend. ... Laut österreichischer Regierung betrafen die 56 nützlichen Anwendungsfälle unter anderem 16 Diebstähle, 12 Drogendelikte und 12 Fälle von Stalking, aber keinen Fall von Terrorismus und wohl keinen Fall von organisierter Kriminalität. EuGH-Richter Thomas von Danwitz erinnerte daran, dass die Richtlinie eigentlich auf 'schwere Kriminalität' zugeschnitten war, nicht auf Diebstähle."

Der österreichische Grünen-Abgeordnete Albert Steinhauser erklärt im Interview, wie die Vorratsdatenspeicherung in Österreich im April 2012 durchgesetzt werden konnte: "Im Bundesparlament hat die gesamte Opposition gegen die Vorratsdatenspeicherung gestimmt, auch die rechtspopulistischen Parteien FPÖ und BZÖ. Nur die Sozialdemokraten und die Konservativen von der ÖVP waren für das Gesetz."

Im Kulturteil stellt Lukas Foerster den Stummfilm-Pionier Allan Dwan vor, dem das Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna gerade eine große Retro widmet. Alain Badiou hat in der Startnummer der französischen Ausgabe von Vanity Fair verkündet, dass er zurzeit an einem Drehbuch für den Hollywoodfilm "Das Leben Platons" arbeite, berichtet Christof Forderer. Für die Hauptrolle wünscht er sich Brad Pitt.

Besprochen werden Alex Gibneys Doku "We Steal Secrets: The Story of Wikileaks" und ein Konzert von Devendra Banhart und Band in Berlin.

Tom.

Aus den Blogs, 10.07.2013

Datagate ist auch schlecht für den Wirtschaftsstandort Deutschland mit einem unterentwickelten Internet, meint Marcel Weiß in neunetz.com: "Der Makel des privatsphärenfreien Internets wird dazu führen, dass der fehlende Wille zum Breitbandausbau nicht in Frage gestellt wird. Er wird die von der jahrelangen Hysterie der Kalifornienhetze der deutschen Presseverlage und TV-Sender verunsicherte Bevölkerung davon abhalten, eine vorsichtige Neugier zu entwickeln. Kurzum, der Abhörmakel des Internets wird den wichtigsten Wirtschaftszweig des 21. Jahrhunderts in Deutschland weiter diskreditieren."

Thomas Stadler stellt sich auf seinem lawblog ein paar Fagen zu Geheimdiensten und Bürgerrechten: "Verträgt sich das Grundkonzept von Geheimdiensten mit der Vorstellung von einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung? Die nationalstaatliche Betrachtungsweise ist dafür zu eng. Andernfalls würden wir akzeptieren, dass das Recht eines beliebigen Nationalstaats im Ergebnis immer Vorrang vor global geltenden und wirkenden Menschen- und Bürgerrechten hätte."

Gute Nachrichten haben die Rechtsanwälte Robert Heine und Felix Stang für die deutschen Verleger, die die Einnahmen aus dem kommenden Leistungsschutzrecht wohl kaum (und anders als versprochen) mit den Urhebern weden teilen müssen, resümiert Stefan Niggemeier nach Lektüre eines Papiers der beiden: "Die Urheber haben laut Heine und Stang keinen Anspruch, an möglichen Einnahmen beteiligt zu werden, die Verlage zukünftig von Aggregatoren und Suchmaschinen durch die Übernahme von Snippets erzielen. Und der ihnen zustehende Anteil aus der Lizenzierung kompletter Artikel sei minimal."
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Welt, 10.07.2013

Andrea Seibel unterhält sich mit Monika Maron und Necla Kelek, die in Berlin einen berühmten Salon zum Thema Religion und Gesellschaft unterhalten. Zu Christian Wulffs Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" sagt Kelek: "Die Muslime gehören ja auch zu Deutschland. Der Islam kann wie zum Beispiel der Buddhismus und das Christentum in Deutschland gelebt werden. Die Toleranz hört aber auf, wo mit dem Recht auf Religionsfreiheit versucht wird, die Dominanz der Religion über die Verfassung zu erlangen."

Die Muslimbrüder hatten selbst schon geputscht, da sie durch eine Politik per Dekret das Parlament ausgeschaltet hatten, meint Hamed Abdel-Samad: "Die Brüder leiden an ihrem armseligen Demokratieverständnis. Sie glauben, Demokratie sei das Recht der Mehrheit, alles zu tun und lassen, was sie will, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Einer der Begriffe, die sie bei den Wahlen verwendeten, verrät sie: Ihren Sieg über die liberalen Kräfte bezeichneten sie als 'gazwa al-sanadiq' (Feldzug der Wahlurnen). Das Wort gazwa spielt auf die Raubzüge an, die der Prophet Mohammed gegen die ungläubigen Mekkaner im 7. Jahrhundert geführt hatte."

Außerdem schreibt Ansgar Graw den ersten NSA-kritischen Artikel in der Welt. Im Feuilleton-Interview mit Hanns-Georg Rodek erklärt der Datenschutzaktivist Daniel Domscheit-Berg, dass es heute praktisch unmöglich ist, der Überwachung zu entgehen. Und Hannes Stein guckt die Fernsehserie "Under the Dome" nach Stephen King.

Besprochen werden ein Extra-Wagner-Geburtstagsfestival unter Christian Thielemann in Bayreuth und Peter Handkes Stück "Über die Dörfer" beim Festival von Avignon.

NZZ, 10.07.2013

Marc Zitzmann nutzt eine Ausstellung des provenzalischen Architekten Rudy Ricciotti in der Cité de l'architecture & du patrimoine, um den Erbauer des Marseiller Mucem vorzustellen: "Bleibt ein letzter Aspekt zu erwähnen: Ricciottis stachlige Persönlichkeit. Der Architekt stilisiert sich gern zum 'Reaktionär aus der Camargue', zum 'Anarcho-Christen' mit 'der Fresse eines Bastards, Hühnerdiebs, Pornografen'. Seine bevorzugte Identifikationsfigur ist die des - zumindest verbal - schwerbewaffneten Freibeuters ... Immerhin: In einer Welt voll säuselnder Speichellecker wirkt Ricciottis polternde Unverblümtheit mutig und - sparsam dosiert - womöglich gar erfrischend."

Weiteres: Markus Bauer erinnert daran, wie das Bukarester Regime unter Ceausescu mit der Ausreise der Rumäniendeutschen Kasse machte. Besprochen werden eine Retrospektive des Malers Konrad Klapheck im Düsseldorfer Kunstpalast, Yehuda Bauers Geschichte "Der Tod des Schtetls", Olga Martynovas Roman "Mörikes Schlüsselbein" und Corina Caduffs Essays "Szenen des Todes" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

FAZ, 10.07.2013

Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani zeigt sich im Interview sehr zufrieden mit dem bisherigen Verhalten des Militärs: "Es sind dreißig Millionen Menschen auf die Straße gegangen, die den Rücktritt des Präsidenten gefordert haben. Das Land stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Deswegen hat die Armee den Willen der Menschen verteidigt. Außerdem war Mursi ein illegitimer Präsident. ... Natürlich, er ist gewählt worden. Aber am 21. November 2012 hat er ein Dekret erlassen, mit dem er seine Entscheidungen über das Recht stellte und sich selbst unangreifbar durch das Rechtssystem machen wollte. Damit hatte er seine Legitimität verloren."

Weitere Artikel: Nach den Rauchern geht's jetzt den Dicken an den Kragen, meldet Joachim Müller-Jung: Die American Medical Association hat Fettleibigkeit bei einem Body-Mass-Index von mehr als 30 jetzt als Krankheit definiert. Die Chinesen haben die Deutschen als Reiseweltmeister abgelöst, berichtet Jakob Strobel y Serra und prophezeit Europa mit leichter Schadenfreude, es werde "zum gigantischen Freiluftmuseum mit angeschlossenem Menschenzoo". Der Streit um den Gezi-Park hat die Türkei verändert, meint Karen Krüger: "Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben den Leuten gezeigt, dass es sich lohnt, für eigene Rechte und Freiheiten einzustehen. Gegen diese Erfahrung kommt die Regierung nicht an". In Moskau wurde endlich über den Erweiterungsbau der Tretjakow-Galerie entschieden, meldet Kerstin Holm. Rose-Maria Gropp berichtet über Grabungen in der nepalesischen Stadt Lumbini, dem Geburtsort Buddhas. Auf der Serienseite wird unter anderen die Westernserie "Falling Skies" vorgestellt. In der Wagner-Reihe hört Franz Xaver Ohnesorg heute "Die Feen", 2. Aufzug, 4. Szene, Takt 949 ff. (Szene & Arie der Ada).

Im Leitartikel auf der Seite 1 warnt Frank Schirrmacher noch einmal vor der neuen, "algorithmisch aufgerüsteten" Informationsökonomie. Auf der Medienseite analysiert Joseph Croitoru die Bilder von den Demonstrationen der Muslimbrüder und sieht die Gewehrschützen in den Reihen der Armee.

Besprochen werden die Ausstellung "Hyperrealismus. More than Pop" im Saarlandmuseum in Saarbrücken ("Wer die Eingangshalle des ersten von drei Pavillons betritt, mag im Augenwinkel das alte Ehepaar in schnoddrigen Hawaiihemden auf einer Bank noch leicht übersehen. Erst auf den zweiten Blick wird man der Menschenpuppen des Künstlers Duane Hanson gewahr, die aufs filigranste kopiert wurden. Jene detailgetreue Abbildung der Welt in ausschnitthaften Momentbildern stellt das täuschungssichere Programm der Hyperrealisten dar", schreibt Björn Hayer. Bild: Duane Hanson, "Couple on a bench", 1994), Cesc Gays Film "Ein Freitag in Barcelona" und Bücher, darunter Peter Camerons Roman "Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 10.07.2013

In der SZ greifen Martin Baumeister (vom Deutschen Historischen Institut in Rom) und der Historiker Roberto Sala die von Giorgio Agamben losgetretene und von Max A. Höfer fortgesetzte Debatte um die unterschiedlichen Mentalitäten innerhalb der EU auf. Beide fordern einen Blick auf die konkrete Geschichte der Länder, die im Süden etwa von Militärdiktaturen und agrarischen Ökonomien geprägt waren: "Die heutige Schieflage geht weitgehend auf Probleme zurück, die dem europäischen Integrationsprozess innewohnen. Mit monolithischen Kulturkonstrukten und abgestandener Völkerpsychologie haben sie wenig zu tun... Die Schuldenkrise hat mit Schlafgewohnheiten und Konfessionen wenig zu tun. Im Übrigen glaubt in der Wissenschaft kaum jemand mehr monokausal an die protestantischen Wurzeln des Kapitalismus."

Außerdem: Der "antikapitalistische Zeitgeist" von Occupy ist im aktuellen Kino angekommen, stellt David Steinitz nach Durchsicht aktueller Produktionen fest. Burkhard Müller berichtet von einer Bamberger Tagung, auf der Linguisten mit Entsetzen auf grammatische Defizite im Schulunterricht reagierten. Ira Mazzoni stellt die gerade sanierte Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen vor, deren menschenfreundliche Architektur sie ganz besonders lobt. Joseph Hanimann verspürt nach den von Stanislas Nordey und Dieudonné Niangouna verantworteten Auftaktstücken beim Theaterfestival in Avignon "Erwartungen wie schon lange nicht mehr".

Für die Reportage auf der dritten Seite besucht Florian Hassel die 1992 zerstörte, jetzt wieder aufgebaute Vijecnica, die Nationalbibliothek in Sarajewo.

Besprochen werden neue Popalben, ein Konzert des Kronos Quartets, frühe, aus dem Kanon der Wagnerfestspiele aussortierte Wagner-Opern in der Bayreuther Oberfrankenhalle und Bücher darunter Volker Harry Altwassers Roman "Ich, dann eine Weile nichts" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).