Heute in den Feuilletons

Die Schlange, die in Kleopatras Brust beißt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2013. In der Zeit beteuert die Kanzlerin ihre totale Ahnungslosigkeit über Prism und die fürsorgliche Belagerung durch die Briten. Geheimdienste seien auch so intransparent! Gawker berichtet über Yochai Benklers Verteidigung von Wikileaks im Bradley-Manning-Prozess. Die FAZ porträtiert die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die Edward Snowden interviewte. Und Eugen Ruge wendet sich in seiner Eigenschaft als bloßer Ausländer an Barack Obama.

Aus den Blogs, 11.07.2013

Empört schreibt Udo Vetter in seinem Lawblog zum Kanzlerinnen-Interview (mehr) in der Zeit: "Die Kanzlerin lügt uns ins Gesicht, wenn sie sich unwissend stellt. Sie bringt sich damit nicht nur, wenn auch wenig elegant, aus der Schusslinie im Falle weiterer Enthüllungen (die kommen werden). Sie bagatellisiert die Angelegenheit auch zu einer Frage der Alltagspolitik. Ziel: das Thema ad acta legen, so weitermachen wie bisher."

Im Prozess gegen Bradley Manning erklärte der Juraprofessor Yochai Benkler dem Gericht, warum Wikileaks für den Journalismus und damit für die öffentliche Debatte so wichtig war, berichtet bei Gawker Adrien Chen. "On the stand at Ft. Meade today, Benkler compared what is happening to journalism to changes in software industry in the 90s, where development moved from a couple key companies - IBM and Microsoft - to many different organizations, including open source communities. 'What happened with networked production is you got a decomposition of the functions,' he said. And in a world so distributed, something like Wikileaks is needed to do the arduous work of exposing secret information that underpins the most important kinds of investigative journalism. Wikileaks mattered because it was able to facilitate the leak and distribution of this information in a way that no old organization could. (Remember, Manning approached both the Washington Post and the New York Times in vain before turning to Wikileaks.)" Hier ein Transkript der Vernehmung Benklers, ab Seite 16.

TAZ, 11.07.2013

Den Umstand, dass es in den USA der zweite Supreme Court war, der in aller Stille den elektronischen Abschöpfaktionen der NSA ein "rechtsstaatliches Mäntelchen umhängte" lotet Micha Brumlik in einem Vergleich mit den "lettre de cachet" aus, mit denen erst unter Ludwig XVI. und später wieder Napoleon unliebsame Personen verhaftet werden konnten, und resümiert: "Der Absolutismus ist nie völlig überwunden worden, er west als 'tiefer Staat' - den es keineswegs nur in der Türkei gibt -, als immerwährende Möglichkeit westlicher Demokratien geisterhaft fort."

Pascal Beucker informiert über den Abbruch einer Comic-Ausstellung an der Universität Duisburg-Essen, nachdem eine Studentin offenbar aus Hass auf Israel ein Ausstellungs-Exponat beschädigt hatte. In einem Kommentar wirft Beucker der Universität, die die Ausstellung geschlossen hat, eine "Überreaktion": ihr Vorhaben, Islamwissenschaftler mit einer Überprüfung der beiden angegriffenen Plakate mit Motiven aus Craig Thompsons "Habibi" und Rutu Modans "Exit Wounds" zu beauftragen, impliziere überdies, es könne eine "inhaltliche Rechtfertigung für die Zensur" geben.

Weitere Artikel: Rene Martens unterhält sich mit dem Technikphilosophen Sandro Gaycken über eine notwendige Revision von Kommunikationsverhalten und Verschlüsselungspraktiken, die auch politisch gestützt werden müsse. Ulrich Gutmair berichtet über das Jerusalemer In-House Festival, das Theaterprojekte und Konzerte in Privatwohnungen veranstaltete. Auf der Medienseite berichtet Rene Martens, dass sieben Autoren öffentlich die neuen Verträge von Gruner und Jahr kritisiert haben: "Die renommierten Autoren kritisieren, dass in den Vereinbarungen ein 'Exklusivitätszeitraum von 12 Monaten' vorgesehen ist, 'der eine Zweitverwertung unmöglich macht'. Außerdem missfällt ihnen, wie die 'Weiterverwertung innerhalb und außerhalb der sogenannten Markenfamilie' geregelt ist. ... In Paragraf 2.1 der neuen Rahmenverträge heißt es unter 'Grundhonorar': 'Die Nutzungen in den deutschsprachigen Zeitschriften der Markenfamilie' seien inklusive digitaler Ausgaben 'mit dem vereinbarten Honorar abgegolten'."

Besprochen werden Rama Burshteins Film "An ihrer Stelle" über die Welt und die Gesetze ultraorthodoxer Juden in Tel Aviv, eine Ausstellung des US-amerikanischen Fotografen Robert Adams im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop und die DVD von Harmony Korines Anti-Sozialdrama "Gummo" von 1997.

Und Tom.