Heute in den Feuilletons

Nichts wissen macht nichts

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.06.2013. Im Interview mit der taz erklärt Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser den Erfolg seines Wochenmagazins. Freie Journalisten dürften sich für das Interview interessieren! Recht heftig ging es auch bei einer Wiener Konferenz über das Urheberecht zu, berichtet Futurezone. In der NZZ sucht und findet der Zeithistoriker Edgar Wolfrum einen Gründungsmythos für Europa: Der 17. Juni hat damit zu tun. Die SZ findet Femen pubertär.

TAZ, 15.06.2013

Die Zeit hilft den deutschen Eliten bekanntlich, links zu fühlen und rechts Karriere zu machen. Im Interview mit Silke Burmester erklärt Zeit-Geschäftführer Rainer Esser, wie das geht: "Vor etwa zwei Jahren haben wir mit Zeit Leo ein Magazin für Kinder herausgebracht, in Kombination mit der Kinderseite im Blatt. Die logische Folge war: Es gibt viele Eltern, die wollen mal allein wegfahren, aber ihre Kinder sicher untergebracht wissen. Also bieten wir ein Schülercamp an, in dem sie lernen und spielen. Jetzt haben wir das Camp um Abiturvorbereitung erweitert." Kostenpunkt: 1.895 Euro. Burmester stellt auch eine Frage zu den Honoraren der freien Journalisten: "Für einen Onlinetext zahlen Sie bei 8.000 Zeichen 120 Euro. Das ist Bangladesch." Und dann geht's im Interview recht heftig zur Sache!

Weitere Artikel: "Dieses Land ist komplett irre", schreibt Deniz Yücel noch im Tränengas-Freudentaumel vom Taksim-Platz. Fatma Aydemir liefert unterdessen Hintergründe zu Erdogans Plänen, an der Stelle des Gezi-Parks die alte Topcu-Kaserne wieder zu errichten: Dabei handle es sich um starrsinnige Nostalgie nach vordemokratischen Zeiten Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk erinnert an den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, dem auch ein Schwerpunkt in der Berliner taz-Ausgabe gewidmet ist. Tobias Oellig spricht ausführlich mit dem Schriftsteller Andreas Altmann, der in gnadenloser Zeitdiagnose folgendes Wort prägt: "Wissen ist Macht, aber nichts wissen macht nichts." Jan Feddersen jauchzt vor Vorfreude auf das heutige Berliner Konzert von Barbra Streisand.

Besprochen werden das neue Album der British Electric Foundation und Bücher, darunter die gesammelten Erzählungen von Gisela Elsner (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 15.06.2013

Die Welt ist schon schwer im Bundestagswahlfieber: das gesamte Feuilleton steht im Zeichen der Politik. Der Schauspieler Christian Berkel prüft diverse Politiker von Franz Josef Strauß bis Barack Obama auf ihre performativen Qualitäten, nur in einem Fall muss er kapitulieren: "Peer Steinbrück hasst die Show und daher auch die Schauspielerei." (Aber könnte es nicht sein, dass das gerade Steinbrücks Rolle ist?) Tilman Krause geht mit Philipp Rösler in Berlin-Mitte vietnamesisch essen und findet heraus: der Wirtschaftsminister bestellt zwar auf Deutsch, aber kann gut mit Stäbchen essen. Die Techno-DJane Marusha gibt eine Wahlempfehlung pro Merkel ab: "Sie hat 80 Millionen Kinder. Sie ist gut zu allen." Der Romancier Clemens Meyer schreibt irgendetwas über Wahlkampf. Und Gabriela Walde berichtet fasziniert von einer Berliner Ausstellung des Fotografen Andreas Mühe, zu dessen bekanntesten Bildern Portäts von Angela Merkel gehören.

In der Literarischen Welt unterhält sich Paul Jandl mit Friederike Mayröcker. Aus dem Band "Acht Betrachtungen" ist ein Essay von Leif Randt über das Bild "a room with a view" des Fotografen Mark Borthwick abgedruckt. Robin Alexander liest sich durch sechs aktuelle Merkel-Biografien. Besprochen werden außerdem unter anderem "Der Verlorene Freund" von Carlos María Domínguez, "Kein Paar wie wir" von Eberhard Rathgeb, "Leviathan oder Der Wal" von Philip Hoare sowie "Die neue Liebesordnung", eine Studie der Soziologin Eva Illouz über "Shades of Grey".

NZZ, 15.06.2013

In Literatur und Kunst plädiert der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum dafür, den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 im Kontext eines europäischen Kampfes um Selbstbefreiung zu begreifen: "Europa habe, das wird uns in der heutigen Krise gesagt, ein gravierendes Defizit, es besitze keinen Gründungsmythos. Schlimm. Aber ist es wirklich so? Wir haben doch einen: Überwindung von Diktaturen und Durchbrüche zur Freiheit. Oder, um den Ruf der Aufständischen von 1953 zu zitieren: 'Wir wollen freie Menschen sein!'"

Weiteres: Zum 200. Geburtstag porträtiert Martin Staehelin dem klassischen Philologen und Archäologen Otto Jahn, der als Pionier der Mozart-Forschung ein wesentlicher Mitbegründer der Musikwissenschaft war. Der Historiker Werner Vogt schildert, wie sich Winston Churchill im Sommer 1940 als Redner zum Retter Englands und Europas aufschwang. Franziska Meier referiert die Rezeptionsgeschichte von François-René de Chateaubriand (1768-1848), der zu Lebzeiten gefeiert, dann "zu einem der Buhmänner der Moderne" und in letzter Zeit als großer Schriftsteller rehabilitiert wurde.

Anlässlich des 50. Jubiläums von Walentina Tereschkowas Weltraumaufenthalt erinnert die Historikerin Julia Richer im Feuilleton an die kurze Epoche der weiblichen Raumfahrt in der Sowjetunion, die eine transkontinentael Geschlechterdebatte auslöste: "Konfliktlinien des Kalten Krieges verliefen auch entlang des weiblichen Körpers. Während die sowjetische Seite die Stellung der Frau im Westen als moderne Form der Sklaverei bezeichnete, versuchte man im Westen, osteuropäische Frauen als unweiblich darzustellen." Der serbische Schriftsteller David Albahari ist diese Woche schlaflos. Besprochen werden Bücher, darunter Felix Hartlaubs Studienfahrt-Tagebuch "Italienische Reise" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).
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Weitere Medien, 15.06.2013

"Wie befremdlich", ruft Ingeborg Ruthe in der FR beim Gang durch den Berliner Martin-Gropius-Bau angesichts von Horst Antes' ikonischen Kopffüßlern aus: "Eigentlich klar definierte Körperteile mutieren zu - deformierten - Gestalten, die primitiv, mystisch, titanisch aussehen. Es ist, als habe der Maler Antes beim Nullpunkt der Schöpfung angefangen - und seinerseits Golems, archaische Roboter geschaffen, Mischungen aus Urzeit, früher Antike, Geisterwelt und Science-Fiction."

Ebenfalls in der FR gerät Christian Thomas beim Besuch der Ingenieure Bollinger + Grohmann gewidmeten Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ins Staunen: Dort lernt man, "wie sich der Stahl neigt und bis zu welchem Grad er sich dehnen lässt. Wie sich der Beton kneten und eine ökologisch vernünftige Glasfassade konstruieren lässt. Es lässt sich der Tatsache sehr ruhig ins Auge sehen, dass sich Welt und Umwelt nicht ohne Schwerkraft denken lassen, dass der Statiker aber dazu geboren wurde, diese Welt zu überlisten."
Stichwörter: Frankfurt, Roboter

Weitere Medien, 15.06.2013

Die Internetgiganten rudern heftig, um ihren lädierten Ruf wieder zu verbessern. Reuters meldet: "Facebook and Microsoft have struck agreements with the U.S. government to release limited information about the number of surveillance requests they receive, a modest victory for the companies as they struggle with the fallout from disclosures about a secret government data-collection program."

Joseph von Westphalens Meditationen im Englischen Garten an einem frühen Sommertag: "Der Körper, mit dem man doch bisher ganz gut über die Runden kam, wird neuerdings für eine nachtragende Mimose gehalten, für eine Art leicht zu beleidigende Leberwurst."

Aus den Blogs, 15.06.2013

Urheberrecht ist ein gefährliches Thema: "Bei der Urheberrechtskonferenz EU XXL Forum schlug ein Vertreter einer österreichischen Verwertungsgesellschaft, der mit der Programmgestaltung nicht einverstanden war, auf ein Mitglied des Organisationsteams ein", berichtet Patrick Dax in der Wiener Futurezone. "Grund für die Handgreiflichkeiten war offenbar die Programmgestaltung der Konferenz, die auch Platz für kontroversielle Positionen bot. Es sei eine Unverschämtheit mit Steuergeldern urheberrechtsfeindlichen Leuten ein Podium zu bieten, hatte der Musikervertreter der Tätlichkeit vorausgeschickt."

SZ, 15.06.2013

Als "befreiende Provokation" wollen die barbusigen Femen-Proteste Kia Vahland kaum überzeugen: Sie sieht vor allem die bekräftigende ästhetische Nähe zu Nuditäten aus der Reklame und pubertären Scheinwiderstand, auch wenn sie es nicht völlig uncharmant findet, dass Jungs das Privileg auf pubertäres Verhalten dadurch ein Stück weit genommen wird: "Das ist ja das Schöne an der Pubertät: Wann sonst kann man es einmal allen zeigen und dem Elend der Welt gleich mit?"

Außerdem: Nach der groß angelegten Razzia gegen Kunstfälscher berichtet Cartin Lorch in einer betrüblichen Reportage, wie die Schwemme an Fälschungen sowjetischer Avantgarde "eines der schönsten und wichtigsten Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte" zerstört: Selbst durch Museen werden schon Bilder gereicht, die vor einer genaueren Analyse kaum bestehen. "So grandios" ist das neue Album der Elektro-Hexer von Boards of Canada, schwärmt Paul-Philipp Hanske.

Besprochen werden ein Wiener "Tristan", Peter Brooks bei den Ruhrfestspielen gezeigte Inszenierung von Becketts "Der Verwaiser", Namir Abdel Messeehs Film "Die Jungfrau, die Kopten und ich" sowie Eva Illouz' Studie über den Erfolg von "Shades of Grey" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

"Näher ist dem Ideal des 'Panoptismus' (Michel Foucault) noch niemand gekommen", schreibt Marc Felix Serrao zum NSA-Skandal in der Wochenendbeilage. Und Helmut Martin-Jung berichtet von der Games-Messe E3 in Los Angeles.

FAZ, 15.06.2013

Bei einer Berliner Diskussionveranstaltung mit Peer Steinbrück, Ulrich Beck und Julian Nida-Rümelin beschleicht Marcus Jauer das Gefühl, der SPD gehe es "genauso wie der EU oder anderen Parteien, Konzernen und Bündnissen; es sind Organisationen, die durch den Wandel in der Welt unter Druck geraten sind, weil sie nicht Agenten dieses Wandels sind, sondern deren Opfer zu werden drohen... Die Folge ist Abschottung, in deren Verlauf Unsicherheit ebenso zunimmt wie Überheblichkeit. Die Wirklichkeit erscheint als Feind. Was ist, wird nicht mehr zur Kenntnis genommen. Der Überlebenskampf gerät zum Selbstzweck."

Weitere Artikel: "So lassen wir uns die Hölle gern gefallen", schwärmt ein begeisterter Gerhard Stadelmaier von der von Peter Brook inszenierten und von Miriam Goldschmidt vorgetragenen Lesefassung von Samuel Becketts "Verwaiser" bei den Ruhrfestspielen: "Becketts Text bekommt auf diese einfache, in bewusst stockender, stimmlich nachhakender Lese-Manier seine ganze wunderbare Seltsamkeit, Fremdheit und Eigenheit zurück, die er in jeder szenischen (oder auch literaturwissenschaftlichen) Deutung einbüßen würde." Besprochen werden außerdem die Inszenierungen zweier Opern Jules Massenets: "Thaïs" in Lübeck und "Esclarmonde" in Dessau (die Gerhard Rohde auf einem gleichermaßen "hohen musikalischen und gesanglichen Niveau" sieht) sowie Bücher, darunter der Roman "1948" des vor einer Woche verstorbenen israelischen Schriftstellers Yoram Kaniuk (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Auf Bilder und Zeiten findet sich online noch allerlei mehr: Hubert Spiegel gratuliert der Literaturzeitschrift Text + Kritik zum 50. Geburtstag, Felicitas Hoppe lässt DAAD-Studenten das Märchen vom Rattenfänger von Hameln erzählen und Hans Ulrich Gumbrecht denkt über die offenbar typisch deutsche Vorliebe zum Wetterbericht als Email-Abschiedsfloskel nach.

In der Frankfurter Anthologie stellt Georg Wöhrle Christoph Meckels Gedicht "Odysseus" vor:

"Was bleibt mir zu tun
und wo kann ich hin gehen
da doch alles feststeht im Buch des Dichters
das mich überliefert mit meinen Göttern
Häusern, Inseln, Frauen, Adressen..."