Heute in den Feuilletons vom 07.01.2013

Wie kleine exotische Gewürznelken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2013. Die FAZ stellt nach einer Europa-Reise fest: Die "Zauberflöte" funktioniert überall.  In der FR will der Wissenschaftshistoriker Werner Plumpe die weit verbreitete Kritik am Kapitalismus nicht teilen. Die SZ hört 68 CDs von und mit Murray Perahia und bleibt staunend zurück. Die Welt konstatiert, dass in Frankreich der Streit zwischen Sartre- und Camus-Anhängern nach wie vor schwelt. Es wird weiter über Jakob Augstein diskutiert. Unter anderem mahnt Michael Wolffsohn im Deutschlandfunk zur Mäßigung. Und die NZZ empfiehlt nach einer Jordanien-Reise ein liebliches Lammragout mit zauberhaft stinkiger Note.

NZZ, 07.01.2013

Samuel Herzog empfiehlt, bei der nächsten Nahost-Reise dringend auch in Amman Station zu machen. Denn nicht nur mausern sich jordanischen Museen wie die Nationalgalerie oder das Zentrum Darat al-Funun zu interessanten Kunstforen, auch das Nationalgericht Mansaf mit dem traditionellen Schafskäse Jameed ist ein echtes Erlebnis: "Bei diesem Rezept aus der Beduinen-Küche handelt es sich um eine Art säuerliche Joghurtsuppe, in der große Stücke vom Lamm so lange gekocht werden, bis sie butterzart sind - ein sanftes, ein liebliches Ragout mit einer zauberhaft stinkigen Note, die von der fermentierten Schafsmilch herrührt."

Weiteres: Joachim Güntner besucht beeindruckt die Ausstellung des Fotografen Andreas Magdanz, der vor dem Abriss noch einmal das RAF-Gefängnis Stammheim dokumentierte, im Kunstmuseum Stuttgart. Marc Zitzmann würdigt Didier Bezace, den scheidenden Direktor des Théâtre de la Commune in der Pariser Vorstadt Aubervilliers, plädiert aber für ein Verbot des Akkordeons auf französischen Bühnen.
Stichwörter: Samuel Herzog, Museen

Welt, 07.01.2013

Ulrich Fuchs, stellvertretender Intendant der Europäischen Kulturhauptstadt Marseille, erzählt im Interview, wie schwierig es für die Stadt ist, sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Selbst Albert Camus, der 2013 hundertsten Geburtstag hat, ist immer noch ein Streitpunkt, erzählt Fuchs: "Bei uns gab es eine Debatte über zwei Kuratoren dieser Ausstellung - und es war ganz klar, dass dahinter ein Streit zwischen den Sartre-Anhängern und den Camus-Anhängern schwelt. Für die Pieds-Noirs, also für die Franzosen, die lange in Algerien gelebt haben, aber auch französische Staatsbürger waren, war Camus in seiner Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer schon eine problematische Figur. Camus hat die französische Politik sehr kritisch beleuchtet und sowohl die Gewalt und den Terror der französischen Besatzungsarmee als auch den Gegenterror der Befreiungsfront thematisiert." Mehr zur französischen Debatte um die Camus-Ausstellung hier und hier.

Weiteres: Hannes Stein besucht den amerikanischen Psychoanalytiker und Autor Irvin D. Yalom in New York: "Eigentlich hat Yalom seine Romane, von denen viele zu Bestsellern wurden, als Anleitung für jüngere Therapeuten geschrieben". Es hat auch schon Franzosen gegeben - Gide, Glucksmann - die sich kritisch mit Russland auseinandergesetzt haben, versichert Marko Martin angesichts der Bilder (hier und hier) des neuen russischen Staatsbürgers Depardieu mit Putin. Karl-Hinrich Renner stellt den neuen Chefredakteur des Focus vor, Jörg Quoos. Besprochen wird Armin Petras Inszenierung von Fritz Katers Stück "Demenz, Depression und Revolution" im Berliner Maxim Gorki Theater.

Die Welt am Sonntag prunkt mit einem Doppelinterview. Alexander Kluge spricht mit Florian Illies über das Jahr 1913, und umgekehrt geht's ums Jahr 2013.

TAZ, 07.01.2013

Jörg Magenau ist mit einer Autoren-Delegation ins georgische Tbilissi gereist, wo die Lesungen unter erschwerten Bedingungen stattfanden: "Das georgische Publikum demonstrierte, dass es Wichtigeres gibt als Lesungen: nämlich das eigene Handy. Unentwegt wurden Klingeltöne vorgeführt, als ob aus den kleinen Melodien die große Symphonie der Großstadt entstehen sollte. Das anschwellenden Summen und fröhliche Fiepen mündete in kollektive Begeisterung. Klingeltöne sind eine rudimentäre, aber unumstößliche Form der Vergesellschaftung."

Micha Brumlik sieht die Vorwürfe gegen Jakob Augstein vor dem Hintergrund einer innerjüdischen Debatte in den USA, zwischen Verfechtern einer universellen Moral und denen der nationalen Selbstbehauptung: "Und: Der 'Associate Dean' des Wiesenthal Centers, Rabbi Abraham Cooper - er verantwortet Augsteins Platz im Antisemitenranking - rühmt sich, um der Menschenrechte willen auch den Kontakt mit Kriegsverbrechern wie dem islamistischen Diktator Sudans, Umar al-Baschir, nicht zu scheuen."

Frank Schäfer huldigt dem Popjournalisten Wolfgang Welt, dessen gesammelte Werke gerade in dem Band "Ich schrieb mich verrückt" erschienen sind: "25 Prozent Kennerschaft, 25 Prozent Leidenschaft und mindestens 60 Prozent Scheißhausfliegenfrechheit."

Besprochen werden weiter die Uraufführung von Fritz Katers Drama "Demenz, Depression und Revolution" am Berliner Maxim Gorki Theater und Christopher Morris' Bildband "Americans".

Und Tom.
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FR/Berliner, 07.01.2013

Anetta Kahane, Leiterin der Amadeu-Antonio-Stiftung, möchte Jakob Augstein nicht so leicht davon kommen lassen. Keines der alten antijüdischen Klischees, meint sie, gelte heute als antisemitisch, wenn es sich auf Israel beziehe: "Die Israelkritik heute, ganz gleich wie stereotyp sie daherkommt, etikettiert sich selbst stets als Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien: eben ganz ohne Antisemitismus. Klar, jede Debatte über Israels Politik ist möglich, solange sie in Anerkennung der Lage, mit Interesse für alle am Konflikt Beteiligten geschieht und möglichst giftfrei abläuft. Doch das ist bei Jakob Augstein - um es vorsichtig zu sagen - eher selten der Fall."

Der Wissenschaftshistoriker Werner Plumpe will im Gespräch mit Michael Hesse die weit verbreitete Kapitalismus-Kritik nicht teilen: "Wir erleben derzeit eine Krise der Handlungsfähigkeit der Staaten wegen ihrer Überschuldung, die im Rahmen des Euro-Systems dramatische Ausmaße angenommen hat. Es ist im Grunde genommen keine Krise des Kapitalismus, sondern die Krise eines politischen Systems, das sich in seinem Handlungswillen übernommen hat."

Gemeldet wird, dass Bernd Neumann versprochen hat, die Bestände der Gemäldegalerie bei einer eventuellen Berliner Museumsrochade nicht jahrelang im Depot verschwinden zu lassen.

Weitere Medien, 07.01.2013

Im Interview mit dem Deutschlandradio mahnt Michael Wolffsohn zur Mäßigung in der Augstein-Debatte: "Jakob Augstein ist kein Antisemit, er redet und schreibt seit vielen Jahren gerade über jüdisch-israelische Themen viel Unsinn, aber in einer Demokratie muss auch Unsinn erlaubt sein." Wolffsohn macht übrigens darauf aufmerksam, dass das Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles nichts mit Wiesenthals Institut in Wien zu tun hat: "Es ist eine von zig jüdischen Organisationen - es gibt erfreulicherweise wesentlich intelligentere als das Wiesenthal Center. Das Wiesenthal Center profitiert nur von seinem Namen..."

Aus den Blogs, 07.01.2013

Mit einer Verteidigung Jakob Augsteins ist im antideutschen Fußballblog Lizas Welt erwartungsgemäß nicht zu rechnen. Dafür findet sich dort eine Medienkritik, die einige hektische Apologeten alt aussehen lässt: "Es fängt schon mit simplen Fehlern im Rüstzeug an. ... Die besagte Liste umfasst in Wahrheit nämlich die '2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs' - also die zehn aus Sicht des SWC erwähnenswertesten antisemitischen respektive antiisraelischen Verunglimpfungen des vergangenen Jahres -, ist also wesentlich eher eine Sammlung markanter Zitate als ein Fahndungsaufruf." Unter anderem gehe es der Liste darum zu zeigen, "wie sich der massenkompatible Antisemitismus in den einzelnen politischen Lagern äußert, selbst bei vermeintlich unverdächtigen, seriösen Akteuren".

Kevin Zdiara erinnert in Achgut an ein Selbstmordattentat der Al Aksa-Brigaden vor zehn Jahren (die der "moderaten" Fatah-Organisation unterstehen), bei dem 23 Menschen ums Leben kamen und notiert bitter, dass auf die palästinensische Autonomiebehörde nicht der gleiche Druck ausgeübt wird wie auf Israel, denn "die Mörder, die damals vollkommen unschuldige Menschen bestialisch ermordeten, kamen auf Geheiß von Mahmoud Abbas und seinen Gesinnungsgenossen. Das Blut der 23 Menschen klebt auch an den Händen dieses moderaten Palästinensers, der in einem Interview mit einem palästinensischen Fernsehsender noch im Jahr 2005 über die inhaftierten Terroristen folgendes zu sagen hatte: 'Ich fordere [die Freilassung] der Sicherheitshäftlinge, weil sie Menschen sind, die taten, was wir ihnen befohlen haben. Wir, die palästinensische Autonomiebehörde.' Mahmoud Abbas übernahm damit zwar Verantwortung für die Tausenden toten Israelis der Intifada, doch zur Verantwortung gezogen wird er dafür nicht."

(Via Thomas Knüwer) Offenbar will der Pearson-Konzern eines seiner Flaggschiffe, die Financial Times, verkaufen und sucht dabei sogar in entlegenen Gegenden nach Käufern, schreibt Doug Young in seinem Blog in der South China Morning Post: "What I find most intriguing is the fact that Pearson might even consider selling one of its crown jewels to a Chinese buyer, which perhaps reflects just how difficult the market has become for print publications that once ruled the global media market."

Trotz seiner genialen Sprachfantasie hat der WDR-Mann Jörg Schönenborn mit der Wortschöpfung "Demokratie-Abgabe" den Zorn einer Facebook-Gruppe auf sich gezogen, die jetzt zu einer Demonstration gegen die neue Haushaltsgebühr für die öffentlich-Rechtlichen Sender aufruft. Mit diesem Plakat:


SZ, 07.01.2013

Beim Durchhören der 68 CDs umfassenden und schlicht "The First 40 Years" betitelten Ausgabe der Aufnahmen des Pianisten Murray Perahia gerät Helmut Mauró ins entzückte Schwärmen: "Die Chopin-Préludes op. 28 klingen noch ein bisschen hausbacken, so solide stampft Perahia den Bass in den Steinway. Aber dann tauchen in der rechten Hand immer wieder leicht verschobene Akkorde auf, die wie kleine exotische Gewürznelken herausduften. Nur Sekundenbruchteile, dann läuft wieder alles wie geschmiert. Staunend greift Perahia in die Tasten, staunend bleibt er zurück, wenn die Partitur längst zu Ende gespielt ist." Auf Youtube finden wir den Mitschnitt eines Amsterdamer Konzerts von 2012:



Weitere Artikel: Niklas Hofmann meldet, dass Google in China keine Zensurwarnungen mehr anzeigt (mehr dazu hier). Gottfried Knapp bewundert die "individuell-akustischen Verhältnisse" im neuen Festspielhaus im Tiroler Dorf Erl. Henning Klüver berichtet vom Fortgang der Streitereien um das Palais Lumière in Venedig. Bernd Naumann bemüht sich um Besänftigung im Streit um die Berliner Gemäldegalerie, meldet Jens Bisky.

Besprochen werden eine Ausstellung über Tausendundeine Nacht im Institute du Monde Arabe in Paris, Armin Petras' Inszenierung von Fritz Katers "Demenz, Depression und Revolution" am Maxim Gorki Theater in Berlin, David Mamets "Die Anarchistin" am Residenztheater in München, der Film "München in Indien" und Bücher, darunter Durs Grünbeins Gedichtband "Koloss im Nebel" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 07.01.2013

Eleonore Büning hat in vier europäischen Städten zum Jahreswechsel die "Zauberflöte" gesehen - Amsterdam, Berlin, Meiningen und Straßburg - und überall hat sie funktioniert. Sie vermutet, dass es nicht nur an der für Mozarts Zeiten ungewöhnlichen Botschaft der Versöhnung der Geschlechter liegt, denn "es gibt, neben der Liebe, noch ein paar mehr Schlüssel zum Glück in diesem Stück. Zum Beispiel: göttliche Fügungen, einst 'Zauberdinge' genannt und heute eher unter dem Decknamen Zufall unterwegs. Oder: Sex."

Die israelische Autorin Alexandra Belopolsky nimmt Jakob Augstein gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz und vermutet politische Interessen dahinter, dass das amerikanische Wiesenthal-Zentrum ausgerechnet einen deutschen Autor damit behelligt, "denn Israel-Kritiker, welche dieselbe Terminologie wie Augstein benutzen, gibt es unter Journalisten auf der ganzen Welt - nicht zuletzt auch in Israel."

Weiteres: Kerstin Holm verbrachte das russische Silvesterfest in der Provinz und sieht eine Depression heraufziehen, da der Verkauf von Wodka erschwert wurde und Selbstgebrannter wieder als Ersatz herhalten muss. Besprochen werden Amin Petras' neues Stück "demenz depression und revolution" am Berliner Gorki Theater, eine Ausstellung mit frühen Werken des Malers Fritz Winter und abstrakten Fotografien in der Pinakothek der Moderne in München und Bücher, darunter Nicol Ljubic' Roman "Als wäre es Liebe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Für die FAZ am Sonntag interviewte Claudius Seidl den Schauspieler und Memoiren-Autor Peter Berling.