Heute in den Feuilletons

Der Mann ist Philosoph

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2012. Alle schreiben Nachrufe auf Hans Werner Henze, der das Neue wollte, aber nicht als Neutöner. Und ab und zu mal einen Stein warf. Und mit besseren Librettistinnen zusammenarbeitete als zum Beispiel Jörg Widmann, der laut Zeitungsberichten arge Mühe hatte, Peter Sloterdijks "verquaste Gedankengänge" in Opernmusik umzusetzen. Gabriele Goettle verbringt für die taz mit einer Kritikerin des Gesundheitssystems etwas mehr als die veranschlagte Zeit. Und rechnen Sie mit dem Guardian. Und mit Sandy natürlich.

Welt, 29.10.2012

Hans Werner Henze interessierte sich nicht dafür, es anderen recht zu machen, schreibt Klaus Geitel in seinem Nachruf auf den Komponisten, aber seine Werke werden bleiben: "Die Sinfonien wie die Opern, dazu die reichhaltige Kammermusik. Es sind Klänge ihrer oft politisch bewegten Zeit, Bekenntniswerke, zugleich aber auch absolute, auratische, in sich eigenwillige Kunst. Henze, der Komplizierte, Hochtrabende, der sich an seinem biederen Westfalen stieß, verkniff sich konsequent die Esoterik der in strengen Zirkeln dahinschreibenden Neutönerei. Er schrieb seine Musik für jeden, der hören konnte und wollte."

"Es beginnt mit der Apokalypse, um sich dann stetig zu steigern", skizziert ein sich unbehaglich fühlender Manuel Brug seinen Gesamteindruck bei der Uraufführung von Jörg Widmanns Oper "Babylon" (mit Libretto von Peter Sloterdijk) an der Bayerischen Staatsoper. "Jörg Widmann bietet Dodekafonie, Pop, Jazz und ein öliges Musicalliebesmotiv auf, die Orgel donnert, die Tonfluten schwallen, der 'Bayerische Defiliermarsch' trifft auf die 'Lustigen Holzhackerbuam'. Das ist hochkomplex, bleibt aber disparat. Buchstabensuppe an Klangsalat, orgiastisch bombastisch."

Weiteres: Hannes Stein berichtet über die Reaktionen amerikanischer Kritiker auf Tom Wolfes neuen Roman "Back to Blood". In der Glosse mokiert sich Iris Alanyali anlässlich der Klage der Faulkner-Erben gegen Sony über das amerikanische Rechtssystem (als gebe es bei uns keine absurden Urheberrechtsklagen). Gelobt wird Andreas Kriegenburgs Uraufführung von Dea Lohers "Am schwarzen See" in Berlin.

NZZ, 29.10.2012

Einen totalen Schuss in den Ofen nennt Peter Hagmann Jörg Widmanns Oper "Babylon" mit dem Libretto von Peter Sloterdijk: Das Problem sieht Hagmann "bei den verquasten Gedankengängen, beim eitlen bildungsbürgerlichen Blendwerk, vor allem aber bei einer Sprache, die wichtig tut und doch nur nachahmt". Dazu passe die Musik: "Was Widmann mit dem riesigen Apparat anstellt, ist jedoch von ernüchternder Simplizität."

Weiteres: Max Nyffeler blickt auf das große Leben und Werk des Komponisten und bedingungslosen Ästheten Hans Werner Henze zurück: "Schönheit galt ihm als Protest gegen die Hässlichkeit des Inhumanen." Barbara Villiger Heilig erlebt in München große Auftritte der Schauspielerinnen Birgit Minichmayr und Sandra Hüller. Andreas Klaeui sieht im Schauspielhaus Zürich Sebastian Nüblings Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt".

Weitere Medien, 29.10.2012

Buchreport.de erläutert die Modalitäten des geplanten Zusammenschlusses von Randomhouse und Penguin: "Die deutsche Verlagsgruppe Random House mit Sitz in München verbleibt nach den Plänen der Medienkonzerne bei Bertelsmann. Die geplante Verlagsgruppe umfasse die Verlagseinheiten von Random House und Penguin Group in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Indien und Südafrika sowie die Penguin-Aktivitäten in China und die Random-House-Verlage in Spanien und Lateinamerika."

(Via irights.info) Siegfried Kauder, CDU-Politiker und Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, spricht sich gegen ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage aus, meldet Stefan Krempl auf heise.de: "Es sollten Gewinne eines Konzerns abgeschöpft und anderen zugeführt werden, was eigentlich nur über eine Art Google-Steuer ginge, erklärte der CDU-Politiker am Mittwoch auf einer Diskussion auf Einladung des Verbands der deutschen Internetwirtschaft eco. Eine solche 'Mogelpackung' sei unzulässig. Da sei es noch besser, einen Solidaritätszuschlag für notleidende Verlage einzuführen."

Bitte addieren Sie die folgenden Zahlen im Kopf (Alex Bellos erklärt in seinem Guardian-Blog, wie man das lernen kann):


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Aus den Blogs, 29.10.2012

(Via Gawker) Times Square Station gestern abend um 19 Uhr. Die New Yorker bereiten sich auf Hurricane Sandy vor und fotografieren schon fleißig. Bilder auf der Flickr-Seite der MTA und bei Instagram. Auch Halloween produziert tolle Fotos!
Stichwörter: Gawker, Instagram

TAZ, 29.10.2012

Es ist der letzte Montag im Monat: Gabriele Goettle porträtiert eine Kritikerin des Gesundheitssystems, Renate Hartwig, die sich aber nicht als Vertreterin von Patientenrechten versteht, sondern als eine der Bürgerrechte: "Angefangen hat's mit einer Angina und einem Hausarztbesuch. Als er mal kurz rausmusste, habe ich zufällig einen Blick werfen können auf seinen Computer, und da stand als Laufband: 'Die veranschlagte Zeit für diesen Patienten ist abgelaufen.'"

Außerdem gibt es Friedrich Küppersbusch' Wochenrückblick. Auf den vorderen Seiten befasst sich Steffen Grimberg mit dem Einfluss der Parteien auf die Gremien der Öffentlich-Rechtlichen.

Und Tom.

FAZ, 29.10.2012

Eleonore Büning erinnert in ihrem Nachruf auf Hans Werner Henze an eine Episode aus Zeiten, in denen der Kunst noch ein tödlicher Ernst galt: "Dass seine Komponistenkollegen Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez in Donaueschingen demonstrativ aufstehen und den Saal verlassen, als 1957 die ersten Töne von Henzes 'Nachtstücke und Arien' für Sopran und Orchester nach Texten von Ingeborg Bachmann erklingen, hat ihn so tief verletzt, dass er es bis ins hohe Alter weder vergessen noch verzeihen konnte."

Hier sind die "Nachtstücke und Arien":



Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier fertigt zwei Münchner Theaterinszenierungen, "Hedda Gabler" mit Birgit Minichmayr am Münchner Residenztheater und Elfriede Jelineks "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" mit Sandra Hüller in den Münchner Kammerspielen, per Leitglosse ab - und mit der spitzen Beobachtung, dass die beiden Machtmänner Martin Kusej und Johan Simons die Frauenfigruen zwar partout nicht hinkriegen, die Frauen im Publikum aber trotzdem begeistert applaudieren. Der Rommel-Film heute Abend in der ARD wird sowohl in der FAZ am Sonntag als auch in der heutigen FAZ mit je einem großen Artikel und einem dicken Interview abgefeiert. Andrea Diener berichtet von Diskussionen in der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung und der Verleihung des Büchner-Preises an Felicitas Hoppe.

Besprochen werden Dea Lohers Stück "Am Schwarzen See" am Deutschen Theater Berlin und Bücher darunter Johannes Graves Bildband über Caspar David Friedrich (mehr in usnerer Bücherschau ab 14 Uhr)..

SZ, 29.10.2012

Die ganze Seite 1 des Feuilletons ist dem Tod des Komponisten Hans Werner Henze gewidmet. Für Wolfgang Schreiber bedeutet dieser Verlust "das Ende einer Epoche, Abschied von einer Künstlergeneration, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg gerade Deutschland und seiner musikalischen Moderne wieder Anerkennung verschaffte, weltweit."

Willi Winkler erinnert unterdessen an den politischen Henze, der sich in den 60ern mit offenkundiger Begeisterung den Protesten der Studentenbewegung anschloss, wie sich einer (mutmaßlich in den Springer-Archiven lagernder) Filmaufnahme entnehmen lässt: Diese "zeigt einen nicht mehr ganz jungen Mann mit dünnen blonden Haaren, der mit aller Kraft einen Stein auf die vor der Kamera angebrachte Scheibe wirft. Die Scheibe der Morgenpost-Filiale ist stark, sie hält dem Anprall stand. Aber der Mann meint es ernst und gibt nicht auf." Für Henze blieb das folgenlos, stattdessen wurde sein Begleiter Rudi Dutschke belangt, erzählt Winkler. Auf Youtube lauschen wir Henzes "Tristan":



"Ein riesiger Theaterspaß" mit prächtigen Schauwerten ist Jörg Widmann am Münchner Nationaltheater mit der Oper "Babylon" gelungen, jubelt Reinhard J. Brembeck, der allerdings auch "einige Schwachpunkte" ausgemacht hat: "Die meisten finden sich im Text von Peter Sloterdijk, der als Einziger Buhs einstecken musste. Der Mann ist Philosoph, es ist sein erstes Libretto, eine Anfängerarbeit."

Weitere Artikel: Volker Breidecker berichtet von der Darmstädter Tagung "Zwischen Pixel und Papier", wo man recht gesittet über "die Lage der Literatur an den Übergängen von analogen zu digitalen Medien" diskutierte. Michael Moorstedt stellt die nach langer Beta-Phase nun für die Öffentlichkeit zugängliche Kunsthandelsplattform art.sy vor. Roswitha Budeus-Budde schreibt den Nachruf auf die Kinderbuchautorin Tilde Michels.

Besprochen werden das von Elfriede Jelinek verfasste, an den Münchner Kammerspielen aufgeführte Stück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" (Egbert Tholl vermisst den typischen Jelinek-Hass, schließlich geht es um Mode, der die Jelinek ja ausgesprochen zugeneigt ist), Ibsens "Hedda Gabler" am Münchner Residenztheater in der Inszenierung von Martin Kusej ("Gähnender als die Abgründe, die sich auftaten, war an diesem Abend die Langeweile", jammert Christopher Schmidt), der Animationsfilm "Hotel Transilvanien" und Bücher, darunter der Briefwechsel (Leseprobe als PDF) zwischen André Thiele und Peter Hacks (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).