Heute in den Feuilletons

Triftiger Teil des Wagner-Museums

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2012. In der FR fragt Götz Aly, warum eigentlich immer Wähler linker Parteien Rinks und Lechts verwechseln. Die NZZ macht klar, dass die meisten Russen das Urteil gegen Pussy Riot völlig okay finden. Im New Statesman erklärt John Banville, warum es so schwierig ist, über Sex zu schreiben. In der FAZ spricht Martin Walser dem Euro und Hölderlin sein Vertrauen aus.

Welt, 21.08.2012

Manuel Brug stellt den chinesischen Komponisten Tan Dun vor, der "bei Starbucks, unter der Dusche oder im Zug komponieren kann" und der gerade in zehn Tagen ein Orgelkonzert für einen Auftritt des Organisten Cameron Carpenter beim Schleswig-Holstein Musik Festival geschrieben hat: "Carpenter diskutierte mit ihm, wie schwierig das neue Stück werden darf und soll. Die große Kadenz haben sich beide zusammen beim Kaffee in der 'Paris Bar' vorgesungen und weitergesponnen. Dort ist ja schon viel kreiert worden, aber ein Ad-hoc-Orgelkonzert? 'Schnelligkeit ist auch eine Tugend,'" versichert Ta Dun dem Journalisten.

Hier eine Kostprobe der beeindruckenden Fußarbeit des Organisten Cameron Carpenter:



Weiteres: Jan Küveler versucht für die Leitglosse - vergeblich - dem S. Fischer Verlag eine Bestätigung der Spiegelmeldung zu entlocken, Frank Schirrmacher selbst habe den Verlag ermutigt, Steinfelds Buch nicht zurückzuziehen. Hanns-Georg Rodek schreibt zum Tod des Filmregisseurs Tony Scott, der sich am Sonntag das Leben nahm. Alan Posener schreibt zum Tod des Liedermachers Scott McKenzie ("San Francisco"). Besprochen wird die Ausstellung "Liebe Deinen Nachbarn" über grenzüberschreitende Beziehungsgeschichten im deutsch-französisch-schweizerischen Dreiländereck im Freiburger Augustinermuseum.

Weitere Medien, 21.08.2012

In einem kurzen Interview mit dem New Statesman über seinen neuen Roman "Ancient Light" erklärt John Banville, warum es so schwer ist, über Sex zu schreiben: "Das hat mit dem fantastischen Aspekt zu tun, den Sex hat. Wir müssen uns vorstellen, wir hielten eine Göttin oder einen Gott in unseren Armen, sonst funktioniert es nicht. Danach erkennt unser rationales Selbst, dass es nur ein menschliches Wesen ist. Erotik neigt immer zu Liebe, Zuneigung oder negativen Dingen. Man kann nicht über Fantasien schreiben, ohne lächerlich zu wirken. Ich würde sehr gerne ein pornografisches Buch schreiben, ich glaube, dass wäre eine große Herausforderung."
Stichwörter: John Banville, Sex, Erotik

NZZ, 21.08.2012

Ulrich M. Schmid weist zwar darauf hin, dass sich etwa hundert russische Künstler auf die Seite von Pussy Riot gestellt haben, ein Großteil aber die zwei Jahre Arbeitslager für die Punkband völlig in Ordnung findet. Wie überhaupt die russische Bevölkerung: "Laut einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums halten 16 Prozent der Russen eine Gefängnisstrafe von mehr als zwei Jahren für angemessen, 10 Prozent fordern Haft von sechs Monaten bis zu zwei Jahren, 11 Prozent betrachten die halbjährige Untersuchungshaft als ausreichende Strafe, 29 Prozent möchten die Angeklagten in die Zwangsarbeit schicken, 20 Prozent würden eine hohe Geldstrafe aussprechen, und nur gerade 5 Prozent sehen keinen Straftatbestand erfüllt."

Weitere Artikel: Angesichts österreichischer Ängste, ihre sprachlichen Eigenheiten zu verlieren, hält Georg Renöckl fest: "Das Hochdeutsche kann nicht nach Österreich schwappen, es ist schon längst da und war auch nie weg." Jürgen Tietz befasst sich mit der Schwierigkeit, Hochschulbauten der Nachkriegsjahre zu sanieren.

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers Erzählung "Granatsplitter" und Alain Claude Sulzers Roman "Aus den Fugen".
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Aus den Blogs, 21.08.2012

(via open culture) In den 50er Jahren trat Leonard Bernstein häufig im Fernsehen auf, um über Musik zu sprechen. Hier stellt er dem Publikum "moderne Musik" von - Strawinsky, John Cage, Pierre Henry, "hoping to persuade his audience to 'hate it less, or hate it more intelligently, or even grow to like it.'"



Sprachwissenschaftler haben das Futur III erfunden, damit die Berliner künftig über ihren Flughafen geredet haben werden hätten, scherzte der Postillon vor einer Woche. Auch der Perlentaucher hatte den Scherz weitererzählt. Er scheint gut angekommen zu sein. Der Moderator Dieter Moor applizierte ihn in Titel, Thesen Temperamente - nur ohne Quellenangabe. Nach Protest, wird's sicher ein Honorar geben, kommentiert Thomas Knüwer und setzt hinzu: "Und so wäre dies eine kleine Anekdote - wenn es da nicht im Mai dieses Jahres die Initiative 'Wir sind die Urheber' gegeben hätte, ins Leben gerufen vom Literaturagenten Matthias Landwehr. 4.000 Unterzeichner aus dem urhebenden Umfeld zählte sie - darunter Dieter Moor."

TAZ, 21.08.2012

Der Psychologe Ahmad Mansour ist mit einer Delegation an die türkisch-syrische Grenze gereist und berichtet von so großer Enttäuschung wie Entschlossenheit unter den Aufständischen, die sich alle sehr europäisch geben: "Sie seien, sagten die jungen Männer, auf die Straßen gegangen, weil sie frei sein wollen, weil sie sich nach Demokratie sehnen. 'Europa war dabei unser Vorbild', erklärte ein Rebell. 'Und wir sind weder Terroristen noch sind wir Dschihadisten. Wir wollen Europäer sein!' Nun allerdings fürchten diese moderaten Rebellen das Schlimmste."

Catarina von Wedemeyer schickt einen weiteren Bericht von ihrer Reise durch die pontische Steppe. Offenbar hat sie Kirgistan erreicht: "In Kirgistan ist es egal, ob das Steuer rechts oder links ist. Trotzdem haben die Autofahrer einen Apparat, der anfängt zu piepen, wenn sich ein Polizeiauto nähert. Ob die Polizisten echt sind, weiß man aber nicht. Denn am Wochenende verleihen sie ihre Uniformen an Cousins. Damit die auch noch ein bisschen Geld machen können."

Weiteres: Antonia Herrscher besucht die John-Cage-Ausstellung "A House Full of Music" auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Nach Georg Seeßlens Forderung, das Feuilleton abzuschaffen, will Isolde Charim ihm doch eine Chance geben. Bert Rebhandl schreibt den Nachruf auf Regisseur Tony Scott.

Und Tom.

Weitere Medien, 21.08.2012

Götz Aly, der in seiner FR- und Berliner Zeitungs-Kolumne in den letzten Wochen die "rechten Winkel" in den neuen Ländern erkundete, zieht den Fokus heute weiter auf und kommt zu einer für alle "Linken" unbequemen Erkenntnis: "Linke Parteien verloren und verlieren regelmäßig mehr an die Rechten als konservative oder liberale. Dabei wandelt sich derselbe Wähler - nach einer Schamfrist des Nichtwählens - vom sozialistischen zum rechtsradikalen Wähler. Für die Vorkämpfer der Revolutionen von 1989/90 unerwartet und enttäuschend - aber mit eiserner Logik - setzte sich diese Tendenz mit dem Untergang des kommunistischen Blocks fort."

Außerdem sprechen in FR/Berliner Zeitung Paavo Järvi und Erkki-Sven Tüür über die Musikliebe in Estland und Finnland. Und Harald Jähner schreibt den Nachruf auf Scott McKenzie, den Schöpfer der Hippie-Hymne "San Francisco".

Oliver Stone und Michael Moore setzen sich in der New York Times für Julian Assange ein: "Taken together, the British and Swedish governments' actions suggest to us that their real agenda is to get Mr. Assange to Sweden. Because of treaty and other considerations, he probably could be more easily extradited from there to the United States to face charges. Mr. Assange has every reason to fear such an outcome."

FAZ, 21.08.2012

Martin Walser will Europa. Und den Euro, der für ihn mehr ist als eine Währung - nämlich eine gemeinsame Sprache, die jeder versteht. Unter Einsatz zahlreicher Hölderlin- und Nietzsche-Zitate warnt er: "Es darf nur nicht der als Sachverstand kostümierte Kleinmut das Sagen haben. Ein Rückschritt jetzt würde das richtige Europa für unvorstellbar viele Jahre auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Es wäre dann vorerst nicht mehr denkbar. Aber eben das muss es bleiben - denkbar!"

Weitere Artikel: Mark Siemons deutet den Fall der chinesischen Funktionärsgattin Gu Kailai, die zum Tod auf Bewährung verurteilt wurde. Jürg Altwegg stellt den Schriftsteller Laurent Binet vor, der Francois Hollande im Wahlkampf begleitete und seine Reportage (Auszug) in diesen Tagen vorlegt. Auf der Medienseite dröselt Michael Hanfeld neueste Verwicklungen um Günter Wallraff auf. Gemeldet wird, dass Navid Kermani nach dem Ernst-Bloch, dem Buber-Rosenzweig-, dem Hannah-Arendt- und vielen anderen nun auch den Kleist-Preis bekommt.

Besprochen werden Performances bei der Ruhrtriennale, ein Konzert Claudio Abbados und seines Festivalorchesters mit Beethoven und Bruckner in Luzern und Bücher, darunter ein Gesprächsband mit Michel Foucault (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 21.08.2012

Gottfried Knapp meint nach dem Besuch der Baustelle bei der Villa Wahnfried in Bayreuth, wo derzeit das neue Richard-Wagner-Museum entsteht, dass auch die bislang der Öffentlichkeit vorenthaltenen Räume im Siegfriedhaus, "die in einzigartiger Authentizität etwas vom deutschnationalen Konservativismus erzählen, (...) als atmosphärisch wie politisch besonders triftiger Teil des Wagner-Museums zwingend konserviert und in Führungen zugänglich gemacht werden" müssen.

Weitere Artikel: Egbert Tholl spricht mit der Sopranistin Anna Netrebko, die Putins Verdienste für die Demokratie zu schätzen weiß. Gustav Seibt liest bei Goethe nach, was dieser von der Schwulenehe hielt. Susan Vahabzadeh schreibt den Nachruf auf den Actionregisseur Tony Scott, der sich am Wochenende das Leben nahm (dazu gesammelte internationale Links hier bei Keyframe). In New York flüchtet sich Peter Richter vor der Partymeute auf den Straßen in ein Prog-Rock-Konzert, wo er über die neue Band Marriages nur staunen kann: "Wenn alles mit rechten Dingen zu geht, werden sie bald weltberühmt sein." Via Bandcamp kann man deren aktuelles Album online anhören:


Besprochen werden der Film "Was passiert, wenn's passiert ist", die Ausstellung "Lost Place" in der Hamburger Kunsthalle, zwei von Gisèlle Vienne choreografierte Stücke bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter Herbert Molderings Studie zum Spätwerk Marcel Duchamps (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).