Heute in den Feuilletons

Selbst der Lärm ist kontrolliert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2012. Welt, SZ und FAZ sind hin und weg von Zimmermanns "Soldaten" in Salzburg, die Ingo Metzmacher kongenial dirigiert: wunderfein wie Mondscheinmusik, rühmt die Welt. Geht immer bis an die Ränder des Stimmumfangs, schwört die SZ. Diese Musik brüllt uns an, freut sich die FAZ. Außerdem: In Rumänien kann man wieder offen seine Liebe zu Ceausescu bekennen, berichtet die NZZ. In der Abendzeitung probt Joseph von Westphalen korrekte Umgangsformen im Zeitalter von Multikulti.

NZZ, 22.08.2012

In Bukarest haben die Honoratioren ohne jedes Schamgefühl eine Büste von Ceausescus Hofdichter Adrian Paunescu aufgestellt, berichtet Corina Bernic. "Nach der Wende, nachdem er im Dezember 1989 von den Demonstranten bespuckt worden war, trat Adrian Paunescu erst einmal für kurze Zeit in den Hintergrund, doch der ehemalige kommunistische Parteisekretär und nachmalige Staatspräsident Ion Iliescu bot auch diesem Demagogen eine neue Plattform. Mit der Zeit wurde seine Stimme wieder lauter vernehmlich. Wie in den alten 'goldenen Zeiten' begann er nun auf populistische Weise seine nationalistischen Themen zu propagieren. Und weil die Nostalgie die Alltagskultur jener rumänischen Jahre bestimmte, war er immer öfter auch wieder im Fernsehen zu sehen, wo er sich auch zu seiner Liebe für Ceausescu bekannte."

Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung wurde der Begriff des "Geistigen Eigentums" geprägt, schreibt der Sankt Gallener Informationsrechtler Florent Thouvenin: "Inhaltlich zielt die Lehre vom geistigen Eigentum damals wie heute darauf ab, die Vervielfältigung von Werken - durch aufwendigen Nachdruck ebenso wie durch einfache elektronische Kopie - mithilfe der Analogie von körperlichem und geistigem Eigentum als Diebstahl zu qualifizieren. Die intuitive Überzeugungskraft des Begriffs hat dem geistigen Eigentum wirkungsgeschichtlich einen geradezu überwältigenden Erfolg beschert. Einer näheren Prüfung hält die Lehre allerdings nicht stand."

Weitere Artikel: Aldo Keel erinnert an die Islandreise Ludwig Wittgensteins vor hundert Jahren. Guido Magnaguagno schreibt zum Tod des Künstlers Hans Josephson. Christoph Lüthy liest bei Robert S. Westman nach, wie Kopernikus auf seine Theorie des Sonnensystems gekommen sein könnte.

Besprochen werden die Uraufführung von Wolfgang Rihms Sinfonie "Nähe fern" beim Lucern Festival, Rousseaus "Träumereien" in neuer Übersetzung und nigerianische Erzählungen von Sefi Atta und Chimamanda Ngozi Adichie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 22.08.2012

David Meyer kommentiert in GigaOm die Idee deutscher Zeitungsverleger, sich durch Leistungsschutzrechte eine Rente zu sichern: "The German publishing giants are big enough to compete in the real world. Sure, it's tough monetizing free web content. But cooking up hokey and self-defeating new copyright laws is a pretty shabby way to go about it."

Dahin wollen wir ziehen: Dezeen präsentiert eine Wohnung in Bangkok mit Dusche auf dem Balkon.

Und wer sich für Prinz Harrys nackten Arsch beim Strip-Billard interessiert, kann seine Neugier hier befriedigen.

TAZ, 22.08.2012

Besprochen werden Len Wisemans gelungene Neuverfilmung von Paul Verhoevens "Total Recall", die Modefotografie-Ausstellung "Zeitlos schön" im C/O Berlin und das Berliner Konzert von Odd Future.

Und Tom.
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Weitere Medien, 22.08.2012

Joseph von Westphalen sucht in seiner Abendzeitungskolumne nach korrekten Umgangsformen im Zeitalter von Multikulti: "Manchmal wüsste ich gern, wo die Taxifahrerin oder der Friseur herkommen. Ist doch spannend, ist doch nicht rassistisch oder ausländerfeindlich mein Interesse. Ist aber schwer zu vermitteln. Die harmlose Frage 'Wo kommen Sie her?' kann Flüchtlingswunden aufreißen und an grobe Polizeiverhöre erinnern. Man könnte es ja mal mit korrektem Deutsch für Ausländer probieren: 'Würden Sie meine penetrante Neugierde befriedigen und mir verraten, welcher Ethnie Sie angehören?'"

Gerne präsentierte die Islamische Republik Iran früher Bilder von Frauen mit Kopftuch vor Mikroskopen. jetzt wird ihr der weibliche Bildungshunger doch zu heftig, und sie untersagt Frauen 77 Studiengänge (darunter englischsprachige Literatur). Robert Tait erläutert im Daily Telegraph: "It follows years in which Iranian women students have outperformed men, a trend at odds with the traditional male-dominated outlook of the country's religious leaders. Women outnumbered men by three to two in passing this year's university entrance exam."

Viel Debussy zum 150. heute beim SWR - unter anderem "La mer", hier.

Der Börsenverein plant einen Aktionstag zum Urheberrecht. Der buchreport fragt einige Teilnehmer der Debatten, was sie davon halten. Wolfgang Tischer vom Literaturcafé sagt: "Ich hätte selbst gerne am 13. September vorbeigeschaut, aber leider habe ich an diesem Tag bereits mit einer jungen Autorengruppe einen Ausflug ins Naturhistorische Museum geplant, um die gewaltigen Skelette der Dinosaurier anzusehen. Für mich ist es unvorstellbar, wie diese großen Tiere aussterben konnten. Ich wollte dazu in meiner Buchhandlung einen Brockhaus bestellen, um den Eintrag über diese Urzeittiere nachzulesen, aber als ich dort war, gab es die Buchhandlung nicht mehr."

Welt, 22.08.2012

Etwas sehr altmodisch findet Manuel Brug Alvis Hermanis' Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Soldaten", aber für die Musik unter Ingo Metzmacher haben sich die ganzen Salzburger Festspiele gelohnt: "Mensch und Tier im Inferno der Bataille wie in der Ruhe nach dem Sturm. Wieder verfällt man eigentlich sofort der Gewalt, der Qualität, der Zärtlichkeit und der Faszination dieser Partitur, die hochkomplex und sehr einfach ist, immer dramatisch richtig, die mitleiden lässt und doch Abstand hält, die manipuliert und zur Reflexion Mut macht. Die Wiener Philharmoniker spielen das wunderfein wie Mondscheinmusik von Richard Strauss, werfen sich aber auch mit Furor und Können in die Materialschlacht der Instrumente. Schartiger, schöner, aufrüttelnder, ehrlicher, großartiger kann man das nicht musizieren."

Hier die Stuttgarter Aufführung von 1989 unter Bernhard Kontarsky:



Was, bitte, war denn an Hölderlin europäisch? fragt Tilman Krause nach Martin Walsers gestriger Eloge auf das Europa der Dichter: "Das reale Griechenland hat Hölderlin nie betreten. Neugriechisch selbstverständlich nicht gesprochen. Mit den Griechen seiner Zeit nicht den mindesten Umgang gehabt. Überhaupt war die europäische Lebenswirklichkeit selten Sache der deutschen Dichter. Die ist es aber, die heute zählt. Europa macht man nicht mit Stubenhockern und Leseratten, die mit Mitte dreißig der geistigen Umnachtung anheimfallen."

Weiteres: Alan Posener wendet sich anlässlich einer Münsteraner Initiative, dem dortigen Hindenburgplatz einen neuen Namen zu geben, gegen den "deutschen Umbenennungsfuror": Jerusalems wichtigste Einkaufsstraße heiße auch immer noch King George Street. Hannes Stein liest bewegt ein Buch der amerikanisch-Iranischen Autorin Roya Hakakian über das Mykonos-Attentat, bei dem 1992 vier iranische Oppositionelle vom Geheimdienst ermordet wurden. Sven Felix Kellerhoff empfiehlt eine Doku über den Kanzlersturz von 1982. Und Pierre-Laurent Aimard erinnert an Claude Debussy, der vor 150 Jahren geboren wurde.

SZ, 22.08.2012

In den höchsten Tönen schwärmt Egbert Tholl von Bernd Alois Zimmermanns bei den Salzburger Festspielen aufgeführter, von Ingo Metzmacher kongenial dirigierter Avantgarde-Oper "Die Soldaten": "So extrem präzis gearbeitet ist die musikalische Seite der Aufführung, dass darin die Sänger in ihren aberwitzig schwierigen Partien - es geht immer bis an die Ränder des Stimmumfangs, voller wilder Sprünge und expressiver Kapriolen - mit schauspielerischer Natürlichkeit agieren können, die Fülle der musikalischen Bestandteile und die Dynamik bis ins Extrem auslotend. Selbst der Lärm ist kontrolliert."

Im bereit 1957 veröffentlichten Roman "Der Streik" der unter amerikanischen Konservativen populären Schriftstellerin Ayn Rand sieht Andreas Zielcke eine "nüchterne Wahrheit" vorformuliert, die sich mit der Finanzmarktkrise "drastisch offenbart" habe: Europa werde "unter dem Druck des Finanzmarkts zum reinen Einlagensicherungssystem und Inkassobüro für Staatsschulden umgebaut. Und die Gläubiger dieser Staatsschulden, die wegen ihrer Unersetzlichkeit stets nur gewinnen können und nie verlieren müssen, sitzen in jener separaten Eigenwelt, die ganz im Sinne Ayn Rands von allem Fremdnutzen, aller Moral und allem Skrupel entkoppelt ist und in der Abhängige, Normalbürger, Nationalstaaten und ähnlich Machtlose nichts zu melden haben."

Weitere Artikel: Tilmann von Stockhausen referiert die lange Umzugsgeschichte der Berliner Gemäldegalerie, die mit der umstrittenen Museumsrochade zum fünften Mal umziehen würde. Kristina Maidt-Zinke porträtiert den Musikwissenschaftler Joshua Rifkin, der "das kleine, aber feine Festival Bach:Sommer" in Arnstadt leitet. Bernd Graff gratuliert dem Fotograf Lennart Nilsson zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Verlorene Moderne" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und Bücher, darunter Alain Claude Sulzers Roman "Aus den Fugen", dem Michael Stallknecht "eine Sogwirkung [bescheinigt], die sich rein über die Inhalte nicht erklären lässt, aber tatsächlich der von Fugen in der Musik gleicht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 22.08.2012

So fulminant waren Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" unter Ingo Metzmacher, dass Eleonore Büning am Ende gar nicht mehr weiß, wen sie aus dem riesigen Salzburger Ensemble hervorheben soll. Also ein Gesamteindruck: "Diese Musik flüstert und sie brüllt uns an. Sie ist, bei all ihrer Wucht, in einer lakonischen Knappheit organisiert, die zu beispielloser Verdichtung führt. Vom ersten Orchesterschrei an bis zum letzten gesprochenen Ton schlägt das jeden Zuhörer in Bann. "

Weitere Artikel: Der Pophistoriker Bodo Mrozek erzählt nach dem Urteil gegen Pussy Riot die lange Geschichte der Verfolgung von "Rowdytum" in kommunistischen und postkommunistischen Staaten. Melanie Mühl stellt eine Studie (mehr hier) vor, die herausgefunden hat, dass nach Geschlechtern gemischte Gruppen, eine höhere kollektive Intelligenz aufweisen. Nach einem Stoßseufzer Markus Beckedahls über lästige Internetkommentare, die ihm Sehnsucht nach Zeitung machen, versichert Jürgen Kaube in der Leitglosse, dass es solche praktischen Medien, in denen das Publikum nicht zugelassen ist, schon lange gibt. Auf der Medienseite stellt Joseph Croitoru den prosyrischen TV-Sender Al Mayadeen vor.

Besprochen werden die Jeff-Koons-Ausstellung in Frankfurt, eine aufführung von Shakespeares "Timon von Athen" im National Theatre in London, ein Remake von "Total Recall" (mehr hier) und Bücher, darunter Christopher Brookmyres Roman "Wer schlafende Hunde weckt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).