Heute in den Feuilletons

Im Grunde unfassbar spektakulär

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2012. SZ und FAZ sind eigentlich die einzigen Zeitungen, die nicht darüber berichten: SZ-Kulturchef Thomas Steinfeld hat sich inzwischen als realer Autor von "Der Sturm",  aber nicht als fiktiver Mörder des FAZ-Kulturchefs Frank Schirrmacher bekannt. Die Welt und der Freitag nehmen ihm das aber nicht ab. Laut Postillon entwickeln Sprachwissenschaftler das Futur III, um Gespräche über den Berliner Flughafen zu ermöglichen, für den laut SZ niemand verantwortlich sein will. Die Zeit hat eine große Mehrheit unter europäischen Autoren gefunden: Alle lehnen die deutsche Sparpolitik ab. Die FAZ ist unterdes mit dem Google-Auto unterwegs.

Spiegel Online, 16.08.2012

Mit einem Bekennerschreiben hat sich Thomas Steinfeld an die dpa gewandt, meldet Sebastian Hammelehle in Spiegel Online: Ja, er hat den Roman "Der Sturm" zusammen mit einem Koautor (Peter Handke? Bob Dylan?) geschrieben, er leugnet aber, dass Frank Schirrmacher Modell für das Mordopfer sei: "Die Gleichsetzung einer Romanfigur mit einer Person des öffentlichen Lebens widerspreche den Grundlagen des Umgangs mit fiktiver Literatur." Daran hätten wir natürlich denken müssen!

Welt, 16.08.2012

Richard Kämmerlings, der den Sturm um "Der Sturm" entfacht hatte, will nach Thomas Steinfelds Geständnis nicht glauben, dass mit dem Opfer in dem Roman nicht Frank Schirrmacher gemeint war. Nur durch die Ähnlichkeiten zu Schirrmacher merkte Kämmerlings ja auf: "Ein Buch kann Fiktion sein und gerade so auf die Wirklichkeit zielen und verletzen wollen."

Weiteres: Eckhard Fuhr kritisiert den "Hass des Schwarms" gegen die vom großartigen Bundeskulturminister Bernd Neumann abgesegneten Berliner Museumsrochaden. Besprochen werden das Kinodrama "We Need to Talk about Kevin" mit Tilda Swinton und Steven Soderberghs neuer Film "Magic Mike".

In einem Essay im politischen Teil schildert Reinhard Mohr die Stadt Berlin als eine Stadt ohne das Skelett seiner ehemals preußischen Werte. Wen kümmert der Flughafen, wenn es in der Stadt so schöne Events gibt? "Dass Klaus Wowereit in seiner berufsmäßigen Lebensfreude gleich zehn Termine auf der jüngsten Fashion Week wahrnahm, ist Teil der Berliner Lebensphilosophie, in der modischer Mitte-Hedonismus und Alt-Wilmersdorfer Wurschtigkeit eine unverbrüchliche Alliance eingehen."

Weitere Medien, 16.08.2012

Der Kampf um die Vorhaut hat nun auch Österreich erreicht, meldet der in Leningrad geborene Schriftsteller Vladimir Vertlib aus Salzburg und meint selbst dazu: "Mir selbst käme es lächerlich vor, mein Jude-Sein vom Aussehen beziehungsweise dem 'Status' meines Geschlechtsteils abhängig zu machen. Viele Juden, besonders jene, die wie ich aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, definieren ihr Judentum als Zugehörigkeit zu einer Kultur- und Schicksalsgemeinschaft. Und sogar nach streng religiöser Vorstellung wird man nicht durch die Einhaltung der Mizwot, zu denen auch die Beschneidung gehört, sondern in erster Linie durch die jüdische Herkunft der Mutter zu einem Juden. Auch die Vorhaut ist demnach jüdisch."
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Aus den Blogs, 16.08.2012

Sprachwissenschafler haben die Einführung des Futur III beschlosssen, um realistische Gespräche über den Flughafen Berlin-Brandenburg zu ermöglichen, meldet der Postillon: "Das Futur I, das üblicherweise verwendet wird, um Aussagen über die Zukunft zu tätigen, und das Futur II, das eine in der Zukunft abgeschlossene Handlung ausdrückt, erwiesen sich als ungeeignet, da Aussagen über BER erfahrungsgemäß nicht eintreffen und noch unklar ist, ob der Bau des Flughafens überhaupt jemals abgeschlossen werden wird (bzw. abgeschlossen werden wären gewesen)."
Stichwörter: Zukunft

Zeit, 16.08.2012

Die Zeit hat europäische SchriftstellerInnen - von Bernard-Henri Levy über Antonio Munoz Molina bis Roberto Saviano - nach ihrer Sicht auf Deutschland befragt. Bei den meisten hält sich die Angst vor dem Vierten Reich in Grenzen, doch gegen die Spardiktate sind sie alle. Petros Markaris, der selbst die Griechen nicht mit Samthandschuhen anfasst, wirft den Deutschen eine kleinliche Politik des Kostendrückens vor: "Die Amerikaner haben nach dem Zweiten Weltkrieg ganz Europa, allen voran Westdeutschland, auf die Beine geholfen. Sie haben dafür unermesslich viel Geld ausgegeben - als Hilfe und nicht als Kredit. Sie hatten begriffen: Wenn man eine Weltmacht sein will, hat man auch einen Preis dafür zu zahlen. Die Deutschen wollen eine Führungsmacht in Europa sein, aber dafür den kleinstmöglichen Preis zahlen."

Marlene Streeruwitz dagegen meint: "Christliche Politiker und liberale Politiker an der Macht durch Wahl. Wenn die das da vergessen. Weil die Lobbyisten so guten Kaviar spendieren. Oder so. Was sollen wir dann mit unserer demokratischen Bravheit anfangen?"

Weitere Artikel: Iris Radisch kann sich auch nicht erklären, was Thomas Steinfeld zu seinem Schirrmacher-Krimi getrieben hat. Katja Nicodemus plaudert mit Woody Allen über das, was ihm zu Europas Städten so einfällt. Navid Kermani verarbeitet seine Wagner-Saison in Bayreuth. Hanno Rauterberg plädiert im Streit um die Berliner Gemäldegalerie für eine grundsätzliche Neuausrichtung der deutschen Museen. Der Soziologe Hartmut Rosa widerspricht Armin Nassehis systemtheoretischen Zeitdiagnosen von vor zwei Wochen.

Auf dem Literaturseiten erreicht der europäische Literaturkanon in dieser Woche die 90er Jahre mit Michel Houellebecq und W.G. Sebald. Aktuell besprochen werden unter anderem Michael Rutschkys "Merkbuch" und Dubravka Ugresics "Karaokekultur" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Freitag, 16.08.2012

Jakob Augstein widmet dem Fall Steinfeld/Schirrmacher einen großen Artikel, der sich ganz um den FAZ-Großfeuilletonisten und "Menschenfresser" Frank Schirrmacher dreht. Auf SZ-Mann und Krimiautor Thomas Steinfeld kommt Augstein am Schluss zu sprechen: "Er gibt sich und seiner Zeitung mit dieser pathologischen Tat eine große Blöße. Steinfeld wird von nun an immer der Schirrmacher-Mörder sein. Die Zeitung kann sich kaum leisten, ihn auf diesem Posten zu halten... 'In gewissem Sinne gestaltet und formt das Opfer den Verbrecher' hat vor langer Zeit der Kriminalpsychologe Hans von Hentig in seinem Standardwerk 'The Criminal and his Victim' geschrieben. Selten traf das so zu wie in diesem Fall. Denn selbst in der Tat sind Schirrmachers Gegner nur Epigonen."

Weitere Medien, 16.08.2012

In der FR stellt Christian Siepmann eine Studie des in Princeton lehrenden Anthropologen Didier Fassin vor, der für seine Studie "La force de l'ordre" ("Die Sicherheitskraft") 15 Monate die Spezialeinheit "Brigade Anticriminalité" (BAC) begleitete und sie für die Wut in den französischen Vorstädten verantwortlich macht: Fassin zufolge "hat die BAC in den Vorstädten den Ausnahmezustand verewigt. Sie ist eine Polizei, die sich im Krieg wähnt. Die Einheit, die Fassin beobachtet hat, wendet dabei diskriminierende Praktiken jeder Art an. Ihre Angehörigen sind gewalttätig und häufig rechtsextrem."

TAZ, 16.08.2012

Philipp Gessler informiert über die Reaktionen des Luchterhand-Verlags auf seine Recherchen zur Verlagsgeschichte in der NS- und Nachkriegszeit: Der frühere Leiter des Luchterhand-Verlags, Hans Altenhein, sagte in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, "er sei von einer 'weißen Weste' des Verlags ausgegangen, habe aber auch nicht nachgefragt. Es sei klar, dass die gesamte Verlagsbranche nach 1933 den Nazis in der 'jüdischen Frage' gefolgt sei. 'Seitdem gibt es da ein Trauma', sagte er. Die Erfahrung, nicht nur unter Zwang gegen die Juden agiert zu haben, sondern politisch wie wirtschaftlich auch mit 'vorauseilender Bereitwilligkeit', habe zu einer 'Schweigespirale' in der Branche geführt. Altenhein verwies darauf, dass das erste Buch, das dieses Kapitel wirklich aufgearbeitet habe, erst 1993 erschienen sei."

Besprochen werden die Ausstellung "Waiting for the Revolution" der kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic im Luxemburger Musee d'Art Moderne, Steven Soderberghs Komödie "Magic Mike" über eine Gruppe männlicher Stripper (das "Smarte" an dem Film ist laut Andreas Busche, "wie er die Ökonomie des männlichen Körpers beziehungsweise das Geschäft mit den weiblichen Fantasien in einen gesellschaftlichen Verwertungszusammenhang stellt"), Ken Scotts "brave" Komödie "Starbuck", die DVD von Petra Tschörtners Dokumentarfilm "Berlin Prenzlauer Berg" von 1990/91 und das Buch "Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen" von Nobelpreisträger Paul Krugman (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

NZZ, 16.08.2012

Gerhard Gnauck erzählt die sagenhafte Geschichte der Monika Sznajdermann, die mit ihrem Mann Andrzej Stasiuk den Verlag Czarne betreibt. Gnauck hat die beiden hoch oben in den Beskiden besucht, wo sie sehr abgeschieden, aber nicht als Aussteiger leben: "'Wir sind nicht abgehauen vor der Zivilisation', erwidert Frau Sznajderman kämpferisch und neckisch zugleich. 'Warum sollten wir nicht hier leben, wie andere in Paris oder Berlin, was sie für den Nabel der Welt halten? Andrzej pinkelt gern draußen, und ich muss kotzen, wenn ich nicht Natur um mich habe. Schreib das so!'"

Besprochen werden Pierre Schoellers Film "Le ministre" über politische Impotenz, Monika Helfers Band "Die Bar im Freien" und Roberto Simanowskis kinetische Poesie "Textmaschinen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 16.08.2012

Für die Reportage auf Seite 3 heftet sich Constanze von Bullion an die Fersen der Verantwortlichen für das Berliner Flughafendesaster, was dieser Tage gar nicht so einfach ist: Klaus Wowereit und Mattias Platzeck "wirken jetzt manchmal wie Dick und Doof. Nicht weil sie blöd wären, sondern weil sie sich so erfolglos bemühen zu tun, als hätten sie irgendwas unter Kontrolle. ... Weshalb die Herren Wowereit und Platzeck jetzt die Kunst der Unsichtbarwerdung proben, das Wegtauchen aus der politischen Verantwortung." Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer - der Bund ist zu 26 Prozent am Flughafen beteiligt - gelingt das auch ganz gut.

Kunstsammler geben sich nicht mehr damit zufrieden, auf eine geldwerte Würdigung und Kanonisierung der von ihnen zusammengetragenen Werke durch den Betrieb zu hoffen, beobachtet Catrin Lorch im Aufmacher des Feuilletons. Sie nehmen das lieber selbst in die Hand: "Wozu lange auf Retrospektiven in öffentlichen Museen warten, auf wohlwollende Besprechungen, Kunstpreise, Berufungen, wenn man das alles auch selbst finanzieren, ausloben, befördern kann?"

Weitere Artikel: Peter Richter überlegt, welche Auswirkungen es haben könnte, dass die Hispanics sich in den USA bei der Volkszählung als eigene 'Rasse' ausgeben können (mehr dazu hier). Dorion Weickmann stellt Konzepte zur Förderung des tanzhistorischen Erbes vor. Anlässlich des Kinostarts des panoramatischen Episodenfilms "360" begibt sich David Steinitz in der Filmgeschichte auf Spurensuche nach formellen Alternativen zum Konzept des narrativen Spielfilms. Jens-Christian Rabe hat wenig Freude am "lahmen Auftritt" der Rapper Odd Future in Hamburg. Fritz Göttler bilanziert das Filmfestival in Locarno, als dessen Schwachstelle er ausgerechnet den Wettbewerb identifiziert.

Besprochen werden Isabelle Hupperts neuer Film "Copacabana", Kammermusik bei den Salzburger Festspielen und eine Ausstellung mit Bildern von Cornelis Bega in der Berliner Gemäldegalerie.

FAZ, 16.08.2012

Uwe Ebbinghaus ist nach Mountain View gereist und porträtiert den deutschen Forscher und Google-Mann Sebastian Thrun, der unter anderem das berühmte selbstfahrende Auto mitentwickelt. Ebbinghaus steigt zu zwei Entwicklern namens Rick in einen Lexus mit Laptop: "Dann nimmt Rick eins fast unmerklich die rechte Hand vom Lenkrad, behält aber mit der linken Kontakt, während Rick zwei das Geschehen in bunter Linienumrissform auf dem Laptop verfolgt. Jetzt fährt der Computer das Auto, was sich als ziemlich unspektakuläre Angelegenheit herausstellt. Doch allein die Tatsache, dass man so empfindet, ist im Grunde unfassbar spektakulär." (Hier spricht Thrun über das Googleauto beim Ted-Talk, und Tom Vanderbilt stellt das Auto ausführlich in Wired vor).

Weitere Artikel: Bert Rebhandl unterhält sich mit den beiden Regisseuren des Dokumentar- und nachgestelltes Material kreuzenden DDR-Skaterfilms "This ain't California", die Fragen nach dem verlässlich dokumentarischen Gehalt des Films merklich ausweichen: "Wir haben uns für ein Konzept für die Zuschauer entschieden, da spielt das im Detail keine Rolle. Es geht um ein Kinoerlebnis." Fridtjof Küchemann stellt ein Buch der Spieleerfinderin Jane McGonigal vor, "Reality is Broken - Why Games Make Us Better and How They Can Change The World", über den Wandel der Computerspielebranche, die sich zusehends ausdifferenziert. Mark Siemons warnt davor, den Auftritt einer Micky Maus bei einer offiziellen Gala in Pyöngyang (mehr) als Öffnung des nordkoreanischen Regimes zu begreifen: "In Wirklichkeit ist Kims Micky Maus weniger amerikanisch als chinesisch geprägt." Verena Lueken schreibt den Nachruf auf den Filmhistoriker Ronny Loewy.

Besprochen werden neue Debussy-Einspielungen und Bücher, darunter Carlo Ginzburgs "Threads and Traces" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).