David Graeber

Schulden

Die ersten 5000 Jahre
Cover: Schulden
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012
ISBN 9783608947670
Gebunden, 600 Seiten, 26,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer. Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.06.2012

Eine "epochale Abrechnung mit dem Kapital" erblickt Christian Schlüter in David Graebers Werk "Schulden: Die ersten 5000 Jahre". Eindrucksvoll liefert der Autor für ihn eine Fülle von historischem Material aus der Geschichte der Menschheit, das die fatalen Folgen der Einführung des Münzgelds und der Schulden anschaulich vor Augen führt. Die 5000 Jahre umfassende Schuldengeschichte des Ethnologen und Occupy-Aktivisten scheint ihm überzeugend und gut belegt. Sie verdeutlicht ihm unter anderem die Verschleierung von Unrechtsverhältnissen durch die Geldwirtschaft und den Zusammenhang von zu hoher Verschuldung der Bevölkerung und Revolution. Das Buch bietet nach Ansicht Schlüters nicht nur eine faszinierende Schuldengeschichte und herbe Kapitalismuskritik. Er versteht es auch als ein starkes Plädoyer für ein Leben jenseits der totalen Kapitalisierung aller zwischenmenschlichen Beziehungen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2012

Die vom Autor suggerierten Goldenen Zeiten, der ökonomische Naturzustand des Menschen bevor er in den Stand der Schuldenversklavung eintrat, möchte Werner Plumpe lieber nicht erleben. Plumpe folgt der Argumentation David Graebers von den sogenannten humanen, geldlosen Ökonomien über mannigfache staatliche, gewaltorientierte Setzungen und die Tradierung der Sklavengesellschaft bis zur aggressiven wirtschaftlichen Expansion Europas und Nordamerikas im 16. Jahrhundert, aus der laut Graeber die Apokalyptiker und Spieler der Wallstreet hervorgegangen sind. Problematisch findet Plumpe die vielen Behauptungen sowie einen Mangel an Systematik, der sich für ihn in der Anpassung von historischem, ethnologischem und anthropologischem Material an die Argumentation zeigt. Wieso der Mensch irgendwann plötzlich auf das humanere Wirtschaften verzichtet und sich dem Geld verschreibt, wird dem Rezensenten nicht klar. Vor allem aber missfällt ihm, dass der Autor bei all den aufgeführten, zweifellos richtigen Beispielen für die Zerstörungskraft der Geldwirtschaft ihre guten Seiten (Wohlstandvermehrung!) vergisst. Ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, so Plumpe, könne sich das nicht erlauben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.05.2012

Atemlos referiert Mathias Greffrath diese fünftausendjährige Geschichte der Schulden und gerät, stellvertretend fürs bürgerliche Publikum der ZEIT, in wohlige Schauer der Angstlust angesichts der wiederholten Ansagen Graebers, dass es in ein, zwei Generationen mit dem Kapitalismus nun aber endgültig vorbei sei. Angefangen hat der ganze Ärger mit den Schulden schon in Mesopotamien. Seitdem - so Greffraths Referat - werden immer größere Teile der Menschheit mit Schulden geknechtet. Auch die großen Weltreligionen erscheinen in dieser Weltgeschichte der Geld- und Schuldenwirtschaft nur als Rationalisierungen dieses Ausbeutungszusammenhangs. Aber wie gesagt: Die Perspektiven sind gut. Der Kapitalismus steht vorm Ende. Herauskommen wird eine auf viel Gemeineigentum basierende Gesellschaft, deren Vision bei Graeber laut Greffrath etwas beruhigend Sozialdemokratisches und Braves hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.05.2012

David Graebers umfangreiche Studie über "Schulden" hat Andreas Zielcke mächtig beeindruckt. Er sieht in dem Werk eine "überaus dramatische Sozial-, ja Menschheitsgeschichte". Anhand der Geschichte der letzten 5000 Jahre seit der Erfindung der Schulden verdeutlicht der Anthropologe für Zielcke drastisch, wie sehr die Organisation von Geldschulden das Bild, die Moral, die Struktur unserer Gesellschaft prägt. Eindringlich führt Graeber seines Erachtens die Unempfindlichkeit, das Desinteresse der Geldschuld an Ausbeutung, betrügerischen Finanzpraktiken, legitimen Krediten vor Augen. Auch das Kontingente der westlichen kommerziellen Ökonomie kann der Autor nach Zielckes Ansicht überzeugend aufzeigen. Sein Fazit: ein "grandioses" Werk.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.03.2012

Durchaus "anregend" findet Rezensentin Ulrike Herrmann die Lektüre dieser umfangreichen Studie zur Geschichte der Schulden, die bis ins prä-antike Mesopotamien zurückblickt und dabei die Konzeption von Schulden als gewieftes Unterdrückungsinstrument kenntlich machen will. Denn das Buch verfolgt durchaus eine politische Agenda: Der Autor steht dem Anarchismus nahe und gilt als Occupy-Vordenker, wie die Rezensentin informiert. So sei denn auch der Kapitalismus an der bisherigen Spitze dieser historischen Entwicklung laut Graeber "die höchste und subtilste Form der Unterdrückung". Dennoch hat Ulrike Herrmann den einen oder anderen methodologischen Einwand: Das Buch springe hektisch zwischen Kulturen und Regionen, daneben lege sich Graeber seine Quellen doch sehr zur vertretenen These zurecht: Was nicht passt, werde zur Seite gelegt oder in die Argumentation hineingebogen, wie die Rezensentin an der offenbar unorthodoxen Einschätzung eines deutschen Adeligen aus dem Spätmittelalter festmacht. Doch sei's drum, denkt sich Herrmann mit kämpferischer Pose: Gut, dass überhaupt mal wieder jemand grundsätzliche Fragen zum Kapitalismus stellt.