Heute in den Feuilletons

Stadt der Fernwärme

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2012. In der FAZ graut es Andrea Breth vor dem eigenem Hofstaat. In der taz erinnert sich der Komponist Helmut Oehring daran, wie er zum ersten Mal Bach hörte. In der NZZ erklärt Dan Diner, warum es im Iran an Blasphemie grenzt, den Holocaust anzuerkennen. Die Welt erhebt Einspruch gegen die Berliner Pläne für eine Zentralbibliothek im Flughagen Tempelhof. Die SZ protestiert gegen die neuen Kunstnamen der Städte.

NZZ, 31.03.2012

Im Interview mit Joachim Güntner spricht der Historiker Dan Diner in Literatur und Kunst über die jüdische Geschichte, den arabischen Frühling und die Frage, warum dem Iran die Leugnung des Holocausts so wichtig ist: "Das hat nichts mit Neonazismus, sondern vielmehr mit einer zutiefst sakral imprägnierten Gesellschaft zu tun, die immer noch an Gott gebunden ist. Und der Wille Gottes kann so etwas wie den Holocaust nicht zulassen... Vom Holocaust zu sprechen, grenzt an Gotteslästerung."

Außerdem: Der Historiker Peter Payer erinnert an den Wiener Artisten und Seiltänzer Josef Eisemann, der 1949 über dem Donaukanal abstürzte. Manfred Koch reitet durch Karl Mays Sehnsuchtslandschaften.

Im Feuilleton erinnert sich Thomas Stangl in der Reihe "When the music's over" an seine ersten Konzerte.

Besprochen werden die Andy-Warhol-Schau "Headlines" im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, die neue Dauerausstellung im Buch- und Schriftmuseum Leipzig und Bücher, darunter der Briefwechsel von Joseph Roth und Stefan Zweig, Hannelore Valencaks apokalyptischer Roman "Die Höhlen Noahs" aus dem Jahr 1961 und Leonardo Paduras neuer Krimi "Der Schwanz der Schlange" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR/Berliner, 31.03.2012

Ole Frahm berichtet vom 21. Luzerner Comix-Festival Fumetto. Besprochen werden u.a. die Ausstellung "Mythos Krupp" im Ruhr Museum in Essen, Marius Holsts Film "King of Devil's Island" über "das europäische Alcatraz" und Mark Z. Danielewskis Roman "Only revolutions" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Ole Frahm, Island

Welt, 31.03.2012

Kein gutes Haar lässt Dankwart Guratzsch an Klaus Wowereits Plänen für eine Zentralbibliothek auf dem Berliner Tempelhof-Gelände. Erstens ist völlig unklar, warum wir einen Neubau brauchen, zweitens war den Bürgern auf dem Tempelhof-Gelände ein Park versprochen worden, und drittens gab's keine Bürgerbeteiligung. "Bislang bot Berlin in dieser für die Stadtentwicklung zentralen Frage das typische Beispiel für eine Debattenkultur, die auf bloße Akklamation setzt. Doch der Bürger will nicht über Entscheidungen aufgeklärt werden, sondern an der Entscheidungsfindung beteiligt sein. Gerade in Berlin war man da schon einmal deutlich weiter. Mit dem 'Stadtforum' des Stadtentwicklungssenators Volker Hassemer hatte man in den Neunzigerjahren ein Format gefunden, das deutschland- und europaweit hätte beispielhaft sein können."

Weitere Artikel: In der Leitglosse überlegt Christina Hoffmann, von Kanye West inspiriert, welche Mode welche deutschen Rocker gut an den Mann bringen könnten. Auf dem Kiewer Doku-Festival darf ein Film über Kinderarbeit im Donezkgebiet - "Grube Nr. 8" von der estnischen Regisseurin Marianna Kaat - nicht gezeigt werden, berichtet Inga Pylypchuk. Tilman Krause lädt Bernd Cailloux zum Essen ins "Weingut" ein.

Besprochen werden die Ausstellung "Duchamp in München 1912" im Münchner Lenbachhaus und eine Ausstellung über den Kabarettisten Gerhard Polt im Münchner Literaturhaus.

In der Literarischen Welt stellt Fritz J. Raddatz Tristram Hunts "geistreiche" Engels-Biografie vor. Weiter besprochen werden u.a. Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", Hilde Schramms Biografie ihrer jüdischen Lehrerin Dr. Dora Lux, Fred Vargas' Krimi "Die Nacht des Zorns" und Robert Aldrichs Kulturgeschichte der Homosexualität "Gay Lives".
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TAZ, 31.03.2012

Thomas Winkler unterhält sich mit dem Komponisten Helmut Oehring über dessen Werdegang, das Boxen und dessen Buch "Mit anderen Augen: Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten". Oehring erklärt darin: "Als ich das erste Mal Bach gehört habe, fand ich 'Wish You Were Here' zwar nicht scheiße, aber ich wusste sofort, dass es etwas Größeres gibt, das reicher ist und viel mehr spricht und durch die Jahrhunderte nicht an Kraft verloren hat. So eine Matthäuspassion oder Kunst der Fuge von Bach ist erstaunlicherweise in der Lage, mit der Zeit zu wachsen und immer wieder etwas mitzuteilen."

Weitere Artikel: Dirk Knaipphals erklärt, inwiefern Michael Maar in der Aprilausgabe der Zeitschrift Merkur mit seiner Eloge auf Wolfgang Herrndorf und dessen neues Buch "Sand" es "allen Vertretern der 'Herrndorf ist schon ganz gut, aber doch irgendwie nicht'-Hochliteraturfraktion ziemlich schwer machen" wird. Annabelle Seubert besuchte den Schriftsteller Erwin Koch und sah ihm beim Schreiben zu. Zurück zur Musik, meint Christian Werthschulte, werde es mit dem Wechsel von Torsten Groß vom Rolling Stone an die Spitze des Musikmagazins Spex gehen. Und Christoph Dorner erinnert an den 20. Todestag des Musikers, Komponisten von Minimal-Music-Werken, Discoproduzenten und Pop-Visionärs Arthur Russell.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Doppelbiografie von Uwe Schultz über die Gegenspieler Ludwig XVI. und Robespierre, Hilde Schramms Biografie "Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux" und Michael Ondaatjes neuer Roman "Katzentisch" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 31.03.2012

Selbst die ärmsten der armen Kommunen haben das nicht verdient, findet Johan Schloemann, diese "dämlichen Kunstnamen", die sich Städte neuerdings geben. "Eindeutig danebengegriffen aber hat die Stadt Hagen, die nun nicht mehr das 'Tor zum Sauerland' sein will, sondern die 'Stadt der Fern-Universität'. Wie? Sollte man bei der Selbstanpreisung nicht auf etwas verweisen, was Leben in die Stadt bringt - anstatt sich mit einer Institution zu identifizieren, die Leben, in diesem Fall studentisches, von der Stadt fernhält? Von ähnlich ansprechender Urbanität wäre eine 'Stadt der Lohnsteuerbescheide' oder eine 'Stadt der Fernwärme'."

Weiteres: Alexander Menden besichtigt die Olympiabaustelle London, in der einiges bereits fertig ist, darunter das Aquatics Centre von Zaha Hadid mit seinen "bahnbrechend dynamischen" Springtürmen. Reinhard Brembeck geht der Frage nach, ob die Mezzosopranistin und Barockexpertin Magdalena Kozena bei den Salzburger Festspielen wirklich die richtige Besetzung für die "Carmen" ist - ihr Mann Simon Rattle hat ihr angeblich abgeraten, sie selbst finde die Rolle nicht leicht zu spielen, aber das schrecke sie nicht. Georg Imdahl gratuliert dem amerikanischen Konzeptkünstler Dan Graham zum 70. Geburtstag. In der Wochenendbeilage ist Charles Lambs Essay "Klage eines Junggesellen über das Betragen verheirateter Leute" in einer Neuübersetzung von Joachim Kalka zu lesen.

Besprochen werden die Salzburger Ausstellung "Dieter Roth. Selbste" im Museum Mönchsberg, Herbert Fritschs gelungene Inszenierung von Dieter Roths Stück "Murmel" an der Berliner Volksbühne, dessen gesamter Text aus eben diesem einen Wort besteht und als "langweiligstes Theaterstück der Welt" konzipiert war, James Watkins Hammer-Film "The Woman in Black", der ganz auf seinen Star Daniel Radcliff zugeschnitten ist, Josef Köpplingers "passable" Inszenierung von Leonard Bernsteins "West Side Story" in Klagenfurt und Bücher, darunter Mathias Gatzas Roman "Der Augentäuscher" (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 31.03.2012

In Bilder und Zeiten unterhält sich Irene Bazinger mit Regisseurin Andrea Breth über ihre Berliner "Lulu"-Inszenierung und die Probleme, die der Erfolg mit sich bringt: "Je erfolgreicher und bekannter man wird, umso weniger wird man offen mit Kritik konfrontiert. Ich hasse es, von Menschen umgeben zu sein, die mir nach dem Mund reden und denen ich nicht trauen kann. Da werde ich böse. Unwahrheit ist Kränkung."

Außerdem berichtet Cord Riechelmann von den Cook-Inseln, zu welcher Plage sich dort die nach dem zweiten Weltkrieg eingeführten Mainas entwickelt haben. Rose-Maria Gropp beklagt nach nochmaliger Lektüre von Michel Houellebecqs "Karte und Gebiet" über die groteske Boulevardisierung des Kunstmarkts. Zu lesen ist außerdem Wolf Wondratscheks Dankesrede für den Literaturpreis der Wilhelm und Christine Hirschmann Stiftung.

Im Feuilleton berichtet Gina Thomas, dass sich Belfast für 90 Millionen Pfund ein Titanic-Museum gebaut hat: Früher hieß es dort, das Schiff sei in Ordnung gewesen, als es die Docks verließ. Nils Minkmar verspürt bei Schlecker den Hauch der deutschen Vergangenheiten, aber nicht im Sinne eines "Manufactum-Früher", sondern eines "Rabattmarken-Früher". Jürgen Dollase hat im personell verjüngten Essener Restaurant Residence gegessen. Paul Ingendaay berichtet vom seiner Beobachtung zufolge etwas lustlosem Generalstreik in Spanien. Ingendaay besucht außerdem die Dörfer in Aragonien, die zu Weihnachten den Lotto-Jackpot geknackt hatten.

Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung über das Töten im Kunstpalais Erlangen, Aufnahmen des Ensemble Modern mit Ernest Bour, das neue Album von Unheilig, Husch Jostens Roman "Das Glück der Frau Pfeiffer" und Cécile Wajsbrots Geschichte "Die Köpfe der Hydra" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

In der Frankfurter Anthologie stellt Uwe Wittstock Eichendorffs Gedicht "Das kranke Kind" vor:

"Die Gegend lag so helle,
Die Sonne schien so warm,
Es sonnt" sich auf der Schwelle
Ein Kindlein krank und arm..."