Heute in den Feuilletons

Zahle und herrsche

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2012. Die FR verteidigt Andrea Breths Modernisierung von Bergs "Lulu" in Berlin. Die Welt wirft einen Blick auf die deutsche  Befindlichkeit zu Beginn des Falklandkriegs vor dreißig Jahren. In der NZZ beklagt David Simon, Autor von "The Wire", den Krieg gegen die Armen in den USA. In der FAZ fragt sich Christoph Lauer von der Piratenpartei, nachdem er von Kurt Beck angerüffelt wurde, ob er jemals wieder in einer Talkshow auftreten will.

Tagesspiegel, 02.04.2012

In seiner jüngsten Politik-Kolumne sieht Peter Schneider Anzeichen dafür, dass sich unter Europas Rettungsschirm die Rollen erheblich verändert haben: "Die italienische Zeitung La Repubblica schrieb, die neuen Garantien würden Deutschland in eine neue Rolle katapultieren. Ob Deutschland es wolle oder nicht (und wahrscheinlich wolle es eher nicht!), es sei auf dem Weg, eine 'neoimperiale Macht' in Europa zu werden. Das Prinzip dieser neuen Macht sei nicht mehr das bekannte 'Divide et impera!' (Teile und herrsche). Sondern: 'Zahle und herrsche!'"

FR/Berliner, 02.04.2012

Minutenlange Buhs musste sich Andrea Breth am Sonnabend nach der Premiere ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Berlin anhören. Peter Uehling fand sie zwar auch recht düster, aber anders lässt sich dieses Thema vielleicht gar nicht mehr packen, meint er: "Denn die angststarre Faszination, mit der Frank Wedekind in seiner dramatischen Vorlage, den Theaterstücken 'Erdgeist' sowie 'Die Büchse der Pandora', und dann Alban Berg in seiner Oper auf 'die Frau' blicken, ist nur noch schwer ernst zu nehmen. Es ist wohl kaum das Problem moderner Frauen, lediglich ein flexibles Medium für die Ängste und Sehnsüchte der Männer zu sein, noch sieht sich das Bürgertum heute durch Sex gefährdet. Wer nicht auf den mythischen Kern der Sache dringt, sieht nichts als Kulissen aus dem frühen 20. Jahrhundert vor sich."

Weiteres: Irene Bazinger unterhält sich mit "Lulu"-Sängerin Mojca Erdmann, die sagt: "Lulu als männermordende Kindfrau erscheint mir ohnehin bloß wie ein Klischee." Besprochen werden Bücher, darunter Franziska Gerstenbergs Roman "Spiel mit ihr" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 02.04.2012

Vor dreißig Jahren begann der Falklandkrieg. Während Margaret Thatcher konsequent agierte, reagierte das Deutschland der aufsteigenden Friedensbewegung überrascht, erinnert Mara Delius in einem kleinen Essay zum Thema: "Jede Forderung nach der unbedingten und rücksichtslosen Durchsetzung von Prinzipen konnte in Kreisen, denen das höchste Gut vermittelnde Gesprächsbereitschaft war, nur als Angriff auf das eigene Selbstverständnis ankommen."

Weitere Artikel: Walter Mayer, einst Tempo, heute Bild, bringt eine Hommage auf den verstorbenen Kollegen Marc Fischer, der Tempo mit seinen Reportagen prägte.
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Weitere Medien, 02.04.2012

(via 3quarksdaily) Auf der Webseite des Goethe-Instituts spricht Thilo Wydra mit Margarethe von Trotta über ihr Kinoprojekt zu Hannah Arendt. Es geht um die Jahre 1960 bis 64, die Hauptrolle spielt Barbara Sukowa: "Das erste Drehbuch hatten wir 2004 geschrieben. Bis es zur endgültigen Finanzierung kam, dauerte es Jahre. Wir haben das Buch seither mehrfach umgeschrieben, verschlankt, das Essenzielle herausgearbeitet und versucht, kein Lehrbuch daraus zu machen, sondern etwas Lebendiges. Etwas, worin die einzelnen Personen, die zu diesem Zeitpunkt in Hannahs Leben eine Rolle gespielt haben, nicht als Staffage, sondern als wirkliche Partner innerhalb ihres Lebens beschrieben werden: ihr Ehemann Heinrich Blücher, ihr philosophischer Lehrer und Geliebter Martin Heidegger und ihre Freundin Mary McCarthy."

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TAZ, 02.04.2012

Wenig Freude hatte Steffen Siegel in der Fotoausstellung "State of the Art" im NRW-Forum Düsseldorf: "Es ist ebenso unverständlich wie ärgerlich, dass noch einmal das lange schon altmodisch gewordene Lied der Westkunst gesungen wird. In Düsseldorf sind es gerade einmal drei Porträts der Südafrikaner Michael Subotzky und Patrick Waterhouse, die gänzlich auf sich gestellt daran erinnern müssen, dass gerade das Medium Fotografie wesentlichen Anteil an der Formulierung einer globalen Bildkultur hat - innerhalb der zeitgenössischen Kunst und weit darüber hinaus."

Besprochen werden weiter die Ausstellung "Die Leidenschaften - ein Drama in fünf Akten" im Hygiene-Museum Dresden und Dubstep-CDs von Scratcha DVA und Addison Groove.

Und Tom.

NZZ, 02.04.2012

Brillant fand Barbara Villiger Heilig Michael Maertens Richard III. in Barbara Freys Zürcher Inszenierung: "Michael Maertens' Herzog von Gloster, der am Schluss als König Richard III. krepieren wird, ist ein unscheinbarer Mensch, den man gern übersähe, begegnete man ihm auf der Straße. Möglicherweise würde er etwas Unbehagen auslösen: kein auch nur irgendwie einnehmendes Äußeres auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist es sogar regelrecht abstoßend."

Im Interview mit Sylke Gruhnwald und Alice Kohli spricht Alice Schwarzer über Quoten, Diskriminierung und neueste Spielarten des Feminismus und Antifeminismus: "Es wird ja alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Die neuste Sau ist die angebliche Sehnsucht junger Frauen nach 'echten Männern'. Das ist der blanke Hohn! Männer, die ihre eigene Rolle in diesen Zeiten des Umbruchs hinterfragen, als 'Jammerlappen' und 'Schmerzensmänner' zu verspotten, das ist schlicht männerverachtend."

Jonathan Fischer trifft den amerikanischen Chronisten und "The Wire"-Autor David Simon, dessen großes Thema der "War on Drugs" ist. Simon sieht ihn vor allem als Krieg gegen die Armen: Deshalb sei auch "Anfang der 1980er Jahre für den Handel mit Crack-Kokain das hundertfache Strafmaß eingeführt worden wie für den Verkauf chemisch gleichwertigen Kokainpulvers. Einziger Unterschied: Crack wird im Ghetto gespritzt, Kokain geschnupft wird in den wohlhabenden Suburbs."

Besprochen werden das "Carmen"-Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Salzburg und Grigory Sokolovs Klavierabend in Zürich.

FAZ, 02.04.2012

Christoph Lauer von der Piratenpartei hat zwei Auftritte bei Talkshows hinter sich, einen bei Anne Will, einen bei Maybrit Illner, wo er mit Kurt Beck aneinander geriet. Nun fragt er sich, ob er sich das nochmal antun soll: "Es geht in solchen Situationen nicht mehr darum, Standpunkte auszutauschen. Man verkommt zum Abziehbild und wird zum Teil einer Performance, die wenig mit der Realität zu tun hat... Selbst vermeintlich richtig auf diese Fragen zu antworten fühlt sich falsch an." Edo Reents kritisiert in einem zweiten Artikel die Position der Piratenpartei zum Urheberrecht.

Weitere Artikel: Eleonore Büning hat in Berlin Andrea Breths Inszenierung von Bergs "Lulu"-Oper gesehen und gehört, in der Breth das Werk eigenwillig bearbeitete, ohne wirklich einen tieferen Eindruck auf die Rezensentin zu hinterlassen. Besprochen wird auch eine "Carmen" bei den Salzburger Osterfestspielen. Kerstin Holm schreibt in der Leitglosse über die Penthousewohnung des Moskauer Patriarchen.

Besprochen werden außerdem zwei "Richard III."-Inszenierungen in Düsseldorf und Zürich und Bücher, darunter Olaf Kühls Roman "Tote Tiere" (mehr hier und in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 02.04.2012

Der Politologe Jan-Werner Müller legt neue amerikanische Studien über das wählerseitige Verhältnis zwischen Religion und Politik in den USA dar, die offenbar zu dem Schluss kommen, dass eine Einmischung der Kirchen in die Politik der Religion eher schade. Abgedruckt ist die zweite Lieferung von Navid Kermanis Notizen zu seiner Reise zu den Sufis in Pakistan, die ihr Leid darüber klagen, dass moderatere Positionen im Islam von radikalisierten Vertretern mundtot gemacht werden. In den "Nachrichten aus dem Netz" kommt Niklas Hofmann beim Blättern im gerade beim Oxford Internet Institute erschienenen e-Book "Geographies of the World's Knowledge" (hier das pdf) zu der Feststellung, dass es eine stark westliche Dominanz in der globalen Wissensproduktion gibt.

Besprochen werden neue DVDs, darunter Elio Petris Pop-Art-Klassiker "Das Zehnte Opfer", der Film "King of Devil's Island", Aletta Collins' "Carmen"-Inszenierung mit den Berliner Philharmonikern im Rahmen der Osterfestspiele in Salzburg, Patrick Wengenroths Stück "Katarakt/Brief an Deutschland" am HAU in Berlin, das einen Text von Rainald Goetz mit der Bild-Kolumne von Franz Josef Wagner kreuzt, eine Ausstellung über Adrian Zingg im Kupferstichkabinett in Dresden, die Ausstellung "Schlachtpunk - Malerei der achtziger Jahre" in der Kunsthalle Darmstadt, die Ausstellung "Was sie schon immer über Juden wissen wollten..." im Jüdischen Museum in Hohenems, die Ausstellung "1912. Ein Jahr im Archiv" im Deutschen Literaturarchiv Marbach und Bücher, darunter Janne Tellers Roman "Komm" sowie einige Kinder- und Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).