Heute in den Feuilletons

Dieses Elektrosurren

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.03.2012. In der Jungle World  freut sich Caroline Fourest über die französische Öffentlichkeit, die begriffen habe, dass Kritik an Religion nicht Rassismus ist. In der NZZ bekennt die ägyptische Bloggerin Ghada Abdelaal ihre Enttäuschung über den Fortgang der Revolution. Im Tages-Anzeiger erklärt der ehemalig Sat 1-Chef Roger Schawinski, warum die Harald-Schmidt-Show floppen musste. In der Zeit betont Pipilotti Rist die Freude darüber, dass es uns überhaupt gibt.

Jungle World, 29.03.2012

Caroline Fourest konstatiert im Gespräch mit Federica Matteoni, dass es nach dem Attentat von Toulouse keine reflexhaften Warnungen vor "Islamophobie" gegeben hat: "Nach 2001 galt für die Linke in Frankreich sowie in anderen europäischen Ländern die Kritik am religiösen Fanatismus per se als rassistisch, später wurde der Begriff 'Islamophobie' dafür verwendet... Aber auch in der radikalen Linken fanden in den vergangenen Jahren Debatten statt, die dazu beigetragen haben, die Kritik am religiösen Fundamentalismus sowie an bestimmten ideologischen Tendenzen - etwa den Kommunitarismus oder die Reislamisierung innerhalb der Communities in europäischen Ländern - von der Ablehnung von Muslimen als Individuen und von deren Diskriminierung als soziale Gruppe zu trennen. Der Säkularismus hat an Bedeutung gewonnen."

NZZ, 29.03.2012

Der ägyptischen Bloggerin Ghada Abdelaal vergeht allmählich das Lachen, wie sie in einem Bericht zur Lage der Revolution schreibt: "Nein, ich kann nichts Lustiges und nichts Lächerliches daran finden, wenn ich sehe, wie die junge Demokratie Ägyptens missbraucht wird, wie sämtliche politischen Akteure an ihren Rollen versagen; denn es gibt kein Parlament, dem an einer gesetzlichen Verankerung der bürgerlichen Rechte gelegen wäre, keine Opposition, die sich dem drohenden Verlust bürgerlicher Freiheiten entgegenstellt; es gibt keine Regierung, die für eine Reform der kollabierten Wirtschaft und eine Restitution der schwindenden sozialen Gerechtigkeit kämpft, und keine Verfassung, die auf korrekten Grundlagen fußt und von Leuten ausformuliert wird, die ihr das von uns erhoffte und mit Recht erwartete Gepräge geben würden."

Weitere Artikel: Hoo Nam Seelmann berichtet über mangelnde Medienfreiheit in Südkorea. Besprochen werden Timo Vuorensolas Film "Iron Sky", eine "Meister und Maragarita"-Inszenierung von Simon McBurney in London und Bücher, darunter Walter Kappachers Roman "Im Land der roten Steine" und Hans Küngs Buch "Jesus" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Freitag, 29.03.2012

Felix Stadler sieht Bewegung im Netz. Die Forderung aus den Anfängen des Internets, dass Nutzer auch Infrastruktur gestalten müssen, wird wieder aktuell und soll eine Alternative zu kommerziellen Projekten bieten: "Das zentrale Stichwort lautet Mesh-Netzwerke. Anstatt auf eine zentrale und zentralisierte Infrastruktur zu vertrauen, die Vernetzung organisiert, anstatt also auf Facebook oder Twitter zu vertrauen, wird eine neue Generation von Plattformen entwickelt, die auf dem Prinzip der Maschen (engl.: mesh) beruht. Eine gemeinsame Infrastruktur soll durch die Vernetzung vieler einzelner lokaler Netze entstehen, die Daten untereinander weiterreichen. Damit entfällt der zentrale Kontrollpunkt, und das emanzipatorische Potenzial der Horizontalität großer Gruppen wird befreit von seiner kommerziell verengten und überwachungstechnisch optimierten gegenwärtigen Fassung."

Ein Beispiel in Deutschland: das Netzwerk Freifunk hier.
Eine Übersicht über Mesh-Netzwerke weltweit gibt es hier.

Wolfgang Michal findet es geradezu skandalös, dass Hans Mathias Kepplinger in seiner Skandaltheorie die "linke" Alternative von Karl Otto Hondrich nicht erwähnt. Beide Theorien bleiben allerdings systemimmanent und können nicht erklären, warum Wulff oder Gauck skandalisiert wurden, eine verschleuderte Billion bei der EZB aber nicht, schreibt Michal.
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Welt, 29.03.2012

Henryk Broder mokiert sich sanft über die emotionalen Nöte des DFB, der sich nach der Aufforderung Dieter Graumanns vom Zentralrat der Juden in Deutschland, die deutsche Fußballmannschaft solle bei der EM Auschwitz besuchen, ein Gedenkprogramm ausdenken muss. Iris Aranyali fragt nach der Meldung von der Absetzung der Harald-Schmidt-Show: "Wer guckt eigentlich noch Harald Schmidt?" (Und es sind nicht viele.)
Stichwörter: Auschwitz, Harald Schmidt

TAZ, 29.03.2012

Dominik Kamalzadeh berichtet vom Filmfestival Diagonale in Graz, wo sich das junge österreichische Kino sehr experimentierfreudig zeigt, wenngleich es vor allem von "starren Verhältnissen" erzähle. "Das kollektive Schweigen und Wegschauen, ein jahrzehntelang verfestigter Mangel an Auseinandersetzung (haben) im zeitgenössischen österreichischen Kino Spuren hinterlassen. Ein penibler, engmaschiger, mitunter sehr unterkühlter Milieurealismus bestimmt jene Spielfilme, die auf internationalen Festivals reüssieren."

Weiteres: Detlef Kuhlbrodt gratuliert Rainald Goetz zum Berliner Literaturpreis. Besprochen werden die Produktion "Lagos Business Angels" von Rimini Protokoll am Berliner HAU, Oliver Ziegenbalgs Verfilmung von Wladimir Kaminers Buch "Russendisko", die laut Susanne Messmer zwar kein Meisterwerk sei, dafür aber wehmütig stimme, und die Verfilmung einer Fallgeschichte des Neurologen Oliver Sacks "The Music Never Stopped" durch Jim Kohlberg.

Und Tom.

Weitere Medien, 29.03.2012

Die Harald-Schmidt-Show musste floppen, meint der ehemalige Sat 1-Chef Roger Schawinski im Interview mit Philippe Zweifel vom Tages-Anzeiger: "Man kann nicht ein Jahr Pause machen, zu einem anderen Sender gehen und nahtlos ansetzen wollen. Fernsehen - und eine Late-Night-Show im Speziellen - braucht vor allem Kontinuität. Schauen Sie sich Jay Leno oder Johnny Carson an, die sind oder waren 30 Jahre lang im Dienst."
Stichwörter: Harald Schmidt

FR/Berliner, 29.03.2012

In seltenen Momenten sehr inspirierend, meist aber irritierend fand Peter Michalzik Daniel Richters Führung durch die Munch-Ausstellung in der Franfurter Schirn: "Er hat sie nun mal, diese Ich-bin-der-angesagte-Diskurs-Redeweise." In einem weiteren Beitrag zum "Kulturinfarkt" erkennt Klaus Georg Koch bei den Autoren eine "latent aggressive Haltung zum Alten". Auf der Medienseite berichtet Peer Schader groß über die Absetzung der Harald-Schmidt-Show.

Besprochen werden unter anderem Malgorzata Szumowskas Film "Das bessere Leben" mit Juliette Binoche, Jonathan Liebesmans "Zorn der Titanen" und John Banvilles Roman "Unendlichkeiten" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Zeit, 29.03.2012

"Bei uns in Europa ist es ja nicht so angesagt, die Freude zu kultivieren, weil Schmerzen a priori als tiefer gelten", weiß Pipilotti Rist, die im Gespräch mit Katja Nicodemus und Christof Siemes ihre künstlerische Aufgabe damit umreißt, das Schöne der Welt zu zeigen: "Wir hören jetzt die Straße da draußen, aber auch das Elektrosurren ihrer Aufnahmegeräte, der Deckenlampen. Es gehört zu meinen Aufgaben, dieses Elektrosurren in eine poetische Form zu bringen, damit es scheint, als mache es einen Sinn. Das sind so Zusatzaufgaben zum Inhaltlichen, also etwa der Betonung der Freude darüber, dass es uns überhaupt gibt. Dass die Evolution eine so wahnsinnige Entwicklung gemacht hat, dass wir jetzt hier überhaupt sprechen. Und dass wir all die technischen Geräte entwickeln konnten - als das ist eigentlich eine unendliche Kette von Glück."

Weiteres: In dem zu Ostern drohenden Titanic-Vierteiler hat Georg Seeßlen vor allem eins erlebt: "Erschöpfte Menschen in einer erschöpften Metapher." Susanne Mayer testet die Festigkeit der Glasdecke, an der sich Frauen immer wieder eine Beule holen. Wolfram Goertz porträtiert den Chorleiter Helmuth Rilling. Besprochen werden Elke Haucks Film "Der Preis", Manfred Karges Inszenierung von Gorkis "Vassa Shelesnova", Dea Lohers Romandebüt "Bugatti taucht auf" und Rafik Schamis "Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Glauben-und-Zweifel-Seite gibt es ein sehr interessantes Interview mit Stasi-Unterlagen-Chef Roland Jahn, der sehr schön darstellt, dass Freiheit auch Freiheit von Angst voraussetzt: "Als ich von der Universität geschmissen werden sollte, da musste meine eigene Seminargruppe abstimmen. Am Vorabend saßen wir noch zusammen, und alle sagten: Roland, wir stehen zu dir. Dann stimmten sie 13 zu 1 gegen mich."

SZ, 29.03.2012

Bass erstaunt ist Andreas Zielcke über die Geschwindigkeit, mit der die Piratenpartei sich von der Raubkopierer- zur Transparenz-Partei gewandelt und sich dabei gar zur "moderaten Anerkennung der Künstlerrechte" durchgerungen habe. Das Ziel dahinter - erweiterte Partizipationsmöglichkeiten am politischen Geschehen - findet er zwar löblich, aber in ihrer Rigorosität sei die Forderung nach totaler politischer Transparenz auch reichlich blauäugig: Sie bestärke "den verbreiteten Irrtum, die Kenntnis aller Daten politischer Entscheidungen sei eine hinreichende Bedingung, diese auch zu verstehen."

Außerdem war Gustav Seibt in Berlin dabei, als Rainald Goetz die "Heiner-Mueller-Professor" der FU Berlin verliehen wurde und dabei auch seinen kommenden Roman "Johann Holtrop" vorstellte.

Besprochen werden kurz und knapp viele neue Kinostarts, darunter etwas ausführlicher der neue Animationsfilm der Aardman Studios "Die Piraten", das neue Album von Jethro Tull, die sich darauf Michael Grill zufolge "alle Mühe (geben), jeden Anflug von Coolness zu vermeiden", Achim Freyers "Walküre"-Inszenierung am Nationaltheater Mannheim, eine Ausstellung über Duchamps Zeit in München im Lenbachhaus in München und Bücher, darunter ein gigantomanisches Coffee-Table-Buch über alte Godzilla-Streifen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 29.03.2012

In Russland gewinnen nach der Inhaftierung der Musikerinnen von Pussy Riot, die in einer Kirche demonstriert hatten, frömmlerische Hardliner immer mehr an Boden, berichtet Kerstin Holm. Sie fordern "nicht nur für Handlungen, die jemandes religiöse Gefühle verletzen, härtere Strafen, sondern auch für Journalisten, die diese multiplikatorisch und womöglich noch mit Sympathie begleiten."

Weitere Artikel: Dietmar Dath spekuliert über neue Möglichkeiten des Wissens durch das Datensammeln im Netz. Dirk Schümer informiert über Kontroversen in den Niederlanden über eine Äußerung des Schriftstellers Theodor Holman, der sich mit dem norwegischen Amokläufer Breivik "verwandt" fühle und dafür, wie sich Schümer wundert, sogar auf recht viel Verständnis stößt. Melanie Mühl und Stefan Schulz unterhalten sich mit Sebastian Nerz von der Piratenpartei über Sven Regener und manches andere. Stephan Templ inspiziert Mies van der Rohes wiedereröffnete Villa Tugendhat in Brno. Felicitas von Lovenberg wünscht sich eine Website, die es "unkompliziert" gestatte, Urheberrechtsverletzungen im Netz zu melden, da das "Vorgehen gegen Verantwortliche", zumal für Verlage, ohne ein solches Hilfsmittel eine "Sisyphosaufgabe" darstelle (wir empfehlen zunächst eine Suche im elektronischen FAZ-Archiv, wo zumindest früher Texte von Autoren "verkauft" wurden, die gar keine entsprechenden Verträge unterschrieben hatten, mehr hier).

Im Medienteil bläst ein betrübter Michael Hanfeld nach dem gestern gemeldeten Ende der Harald Schmidt Show schon mal den großen Zapfenstreich: "Es ist das Ende einer Ära. Diese Sommerpause wird ein langer Winter."

Besprochen werden neue Alben von Lee Ranaldo und I Heart Sharks, eine Aufführung der Oper "Manon" in der New Yorker Met und Bücher, darunter eines von Gudrun Ortmann über Robert Walsers Berlin (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).