Heute in den Feuilletons

Unsere Mega-City ist durchgefallen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2012. In der NZZ spricht Karl-Markus Gauß über den zivilisatorischen Einfluss des Schreibens auf ihn selbst. Die Welt porträtiert die Jazzbassistin und -sängerin Esperanza Spalding. Die amerikanischen Blogs sind gar nicht mehr zufrieden mit Google und freuen sich über Start-Ups, die Software gegen die Zudringlichkeiten der großen Internetkonzerne bauen.  Die taz wendet sich gegen den Branding-Wahn beim Sponsoring.

NZZ, 23.03.2012

Georg Renöckl plaudert mit Autor Karl-Markus Gauß über dessen neues Buch "Ruhm am Nachmittag", über das Leben, Occupy und Gerichtsshows im Fernsehen. Und über das Schreiben: "Ich bin insofern vom Schreiben abhängig, als ich ganz genau weiß, dass ich nur im Schreiben so gerecht oder so gescheit sein kann, wie ich es eben sein kann. Beim Schreiben gelingt es mir, meine eigenen Ressentiments, meine Ängste oder meinen Kleinmut, sogar die Rachsucht am ehesten zu überwinden. Ich gelte als Mann der klaren Worte, fühle mich aber eher als Autor, der die Skepsis und sein eigenes Denken mit in sein Schreiben hineinbaut."

Weitere Artikel: Roman Bucheli bespricht die Ausstellung "1912. Ein Jahr im Archiv" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, Andrea Köhler berichtet über Internet-Mobbing und den Fall Tyler Clementi in den USA - der Student hatte Selbstmord begangen, nachdem ein Mitbewohner ihn im Netz bloßgestellt hatte. Besprochen werden eine Aufführung von Mahlers Vierter unter Bernard Haitink in Zürich und CDs, darunter natürlich das neue Madonna-Album "MDNA".

Welt, 23.03.2012

Josef Engels porträtiert die mit Grammies überschüttete und dabei gar nicht gefällige Jazzbassistin und -sängerin Esperanza Spalding: Mit Grammies ausgezeichnet wurde sie für ihre CD "Chamber Music Society": "Da vertonte sie Gedichte des englischen Frühromantikers William Blake, setzte sich fantasievoll mit dem Tango Nuevo auseinander und ließ, als Zeichen ihrer immer noch großen Zuneigung für die Klassik, ein Streicher-Trio mit einem Jazz-Trio interagieren."



Weitere Artikel: Herbert Fritsch erklärt im Gespräch mit Matthias Heine, wie er Dieter Roths Stück "Murmel Murmel", in dem das Wort "Murmel" ad infinitum wiederholt wird, an der Berliner Volksbühne inszenieren will: Die Gefahr besteht, dass man Szenen baut, wo gar keine sind, und sich bei den Zuschauern dafür entschuldigt, dass man jetzt 'Murmel Murmel' macht. Heine geht aus Anlass des Megaflops "John Carter" auch nochmal die Liste der größten Kinopleiten durch. Marc Reichwein erinnert in seiner Feuilletonkolumne an den Ur-Feuilletonisten Ferdinand Kürnberger, der einst eine feuilletonistische Typologie schuf. Und Andrea Backhaus unterhält sich mit dem Anthropologen Wolfgang Kaschuba über Gauck.

Besprochen wird eine Ausstellung über die Zeitung in der Kunst in Berlin.

Weitere Medien, 23.03.2012

Richard Herzinger kommentiert in der Jüdischen Allgemeinen: "International verschärft sich die Tendenz zur Delegitimierung des jüdischen Staates, und trotz fortgesetzter Bekenntnisse zur 'besonderen historischen Verantwortung' Deutschlands für Israel wächst auch hierzulande die Neigung zur Anpassung an diesen Trend. Das jüngste Indiz dafür lieferte kürzlich SPD-Chef Sigmar Gabriel, als er die israelische Besatzung in Hebron als 'Apartheid-Regime' bezeichnete und sich damit die Terminologie des internationalen 'Antizionismus' zu eigen machte."

Viel zitiert und diskutiert wird die von Bayern 2 aufgezeichnete Schimpfkanonade des Alternativrockers und Autors Sven Regener gegen die "Kostenlosmentalität" im Netz. Unter anderem verteidigt er die Politik der Gema auf Youtube.
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Tagesspiegel, 23.03.2012

Rüdiger Schaper schämt sich für Kreuzberg, wo nach fremdenfeindlichen Drohungen das "Guggenheim Lab" abgesagt wurde (das nun möglicherweise an anderer Stelle in der Stadt errichtet wird): "Es tut weh, weil eine kleine, anonyme Gruppe bestimmt, wer wo wie diskutiert. Nach New York, dort ist der Museumskonzern Guggenheim zu Hause, wäre Berlin die zweite Station des temporären Think-Tanks, danach geht es nach Mumbai. Neun Städte will das Lab in sechs Jahren testen. Unsere Mega-City ist fürs Erste durchgefallen, just im multikulturellen Kreuzberg."

Wer im Irak Heavy Metal hört und sich entsprechend anzieht, lebt gefährlich, berichtet Martin Gehlen: "Die Kampagne gegen die jugendliche Subkultur hatte im letzten Herbst in Moscheen und Medien begonnen, im Februar schlugen Hetzpredigten und Hetzartikel dann um in tödliche Gewalt. 14 Jugendliche wurden seitdem in Bagdad ermordet aufgefunden, berichteten irakische Zeitungen - fast alle erschlagen mit Zementblöcken oder Ziegelsteinen."

TAZ, 23.03.2012

Farbbeutel an Gebäuden sind hässlich, kommentiert Jörg Sundermeyer die Vertreibung des BMW Guggenheim Labs, Firmenlogos an Kultureinrichtungen aber auch: "Die Kulturszene und die Wissenschaft sind immer mehr auf das Wohlwollen der Firmen angewiesen, die mit Forschungsgeldern und Sponsoring jene finanziellen Löcher stopfen, die der Wohlfahrtsstaat hinterlässt, da er seiner Verpflichtung zur Volksbildung in immer geringerem Maße nachkommt. Doch die Firmen spenden nicht etwa diskret, geben sich mit einer Erwähnung oder einem Logo im Programmheft, vor allem aber mit den so erzielten Steuervorteilen zufrieden. Nein, sie versuchen in ihrem Branding-Wahn ihr Logo allerorten zu platzieren, das Event oder die Vorlesungsreihe mit ihrem Markennamen zu durchseuchen."

Es gibt auch guten deutschen Humor, meint Comedian Oliver Polak im Interview, der ist "absurd, kaputt und selbstironisch". Meist aber sieht er anders aus: "Vor ein paar Wochen stand Oliver Pocher in der Max-Schmeling-Halle in Berlin auf der Bühne. Vor ihm ist Bülent Ceylan, ein türkischer Comedian, aufgetreten. Pocher sagte: 'Ach, was wäre Berlin ohne Türken? Sauber, sicher, man würde wieder Deutsch sprechen.' Und 8.000 Leute lachen, johlen und klatschen."

Besprochen werden Madonnas neue CD "MDNA" (das Eva Behrendt für eine Partyalbum ganz schön angestrengt findet), Van Halens Album "A Different Kind of Truth" und Itals Dancefloor-Debüt "Hive Mind".

Und Tom.

Aus den Blogs, 23.03.2012

Google hat sich in den letzten 18 Monaten dramatisch verändert - und keineswegs zum Besseren, meint Mat Honan in Gizmodo: "It is trying to maneuver into position to operate in a post-pc, post-Web world, reacting to what it perceives as threats, and moving to where it thinks the puck will be. At some point in the recent past, the Mountain View brass realized that owning the Web is not enough to survive. It makes sense-people are increasingly using non Web-based avenues to access the Internet, and Google would be remiss to not make a play for that business. The problem is that in branching out, Google has also abandoned its core principles and values."

Ist das neue Google schon in Sicht? Passend zu Honans Arikel meldet Rip Empson in Techcrunch, dass Ex-Googler jetzt ein Start-Up namens Disconnect.me gründen, das Software für sebstbestimmte Surfer entwickelt und sie vor Zudringlichkeiten der großen Internetkonzerne schützen soll.
Stichwörter: Google, Internetkonzerne

SZ, 23.03.2012

Schon am Medienecho meint Thomas Steinfeld ablesen zu können, dass die Autoren des "Kulturinfarkt"-Buches den Finger auf eine Wunde gelegt haben müssen. Problematisch am vom Staat geförderten und mit gutem Grund von diesem inhaltlich nicht gesteuerten Kulturbetrieb findet er aber in erster Linie den Filz in den Jurys, Kommissionen, Räten und dergleichen.

Im Medienteil ist für Anke Sterneborg die Tatsache, dass RTL2 an diesem Wochenende die komplette erste Staffel der neuen HBO-Serie "Game of Thrones" ausstrahlt, ein Indiz dafür, dass" die inzwischen beliebte Gewohnheit, gute Serien einfach am Stück wegzusehen, das Medium Fernsehen verändert hat". Außerdem bringt Katharina Reil Hintergründe und Einschätzungen zum juristischen Streit über das Laienprivileg für Blogger, den Mike Frison gerade bis vor das Bundesverfassungsgericht getragen hat (mehr dazu etwa hier).

Im Feuilleton gratuliert Anke Sterneborg Michael Haneke zum 70. Geburtstag, ansonsten nur Rezensionen: Besprochen werden die eine Louise-Bourgeois-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, die bayerische Öko-Komödie "Was weg is, is weg", eine Ausstellung mit Adolph Menzels Bildern von Friedrich dem Großen in der Alten Nationalgalerie in Berlin, eine CD mit Aufnahmen aus dem Nachlass der schwedischen Jazzband E.S.T., Fred Hundts Stück "Fukushima Sunrise" am Schauspielhaus in Wuppertal und Bücher, darunter Armin Kratzerts Roman "Beckenbauer taucht nicht auf" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 23.03.2012

Mohamed Merahs Biografie und Taten fügen sich keinem bisher bereit liegendem Muster, kommentiert Nils Minkmair die Ereignisse der letzten zwei Tage in Toulouse: "In dieser Moritat verschmelzen alle problematischen historischen Bezüge Frankreichs mit der Horrorvision einer globalisierten, islamistischen Serienkillerkultur und einem rätselhaften Staatsversagen zu einem neuartigen Spuk."

Weiteres: Holger Noltze erinnert sich wehmütig an Christoph Schlingensief, nachdem vor kurzem in Berlin zur Mittelakquise für dessen Operndorf in Afrika Kunstwerke versteigert wurden. Oliver Guez schaut auf die Folgen des vor fünfzig Jahren beendeten Algerienkonflikts.

Besprochen werden die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm", eine Ausstellung mit Fotografien aus Japan nach dem Zweiten Weltkrieg im Museum für Fotografie in Berlin, eine Josef Oehrlein zufolge "grandiose Inszenierung" von Wagners "Ring" am Teatro Argentino in La Plata, die Ausstellung "Art & Press" im Martin-Gropius-Bau in Berlin und Bücher, darunter "Der naive und der sentimentalische Romancier" von Orhan Pamuk (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).