Heute in den Feuilletons

Vergegenwärtigungskunst

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2012. In der französischen Huffington Post attackiert Caroline Fourest den tunesischen Präsidenten Moncef Marzouki. Wer sich für Freiheit im Netz einsetzt, arbeitet in Wahrheit dem Kapital in die Hände, findet der Tagesspiegel.  Die Welt begibt sich auf die Suche nach der Kairoer Kunstszene, findet sie aber nicht so recht. Die SZ staunt über Hans Holbeins Schutzmantelmadonna in Schwäbisch Hall. De FAZ bringt eine kleine Hommage auf den Künstler Denis Limonow, der durch eine tollkühne Aktion zwei weißrussische Jugendliche vor der Hinrichtung bewahren will.

TAZ, 24.01.2012

Andreas Fanizadeh berichtet von den arabischen Literaturtagen in Frankfurt, wo auch Sofia Amaras Dokumentarfilm "Syrien undercover: Im Herzen der Revolte" gezeigt wurde: "Der Film basiert auf heimlichen Aufnahmen, die im August 2011 in Syrien gemacht wurden. [...] Demonstranten und Angehörige von Opfern kommen zu Wort, ebenso Mediziner, deren Gesichter unkenntlich gemacht wurden. Sie berichten von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in syrischen Militärkrankenhäusern systematisch begangen würden. Eingelieferte verletzte Zivilisten, unter ihnen Kinder, verschwänden hier. Sie würden nicht versorgt, sondern unter Beteiligung von Medizinern bestialisch gefoltert und ermordet. 'Syrien undercover' präsentiert für diese Behauptungen Film- und Fotodokumente." Hier kann man ihn in deutscher Synchronisation sehen:



Im Interview mit Cigdem Akyol erklärt Selim Reid, was ihn bewogen hat, den Mitfahrdienst Muslimtaxi zu gründen: Nur so kann verhindert werden, dass Frauen und Männer zusammen fahren. "So schützen wir auch die Ehen. Ich habe schon oft gehört, dass Verheiratete bei Mitfahrgelegenheiten einen Seitensprung kennengelernt haben und ihre Partnerschaft daran zerbrach, Familien daran kaputtgegangen sind." (Satire? Offenbar nicht)

Weitere Artikel: Katrin Bettina Müller berichtet über einen Berliner Workshop zu Roland Barthes' "Mythen des Alltags". Isolde Charim denkt über die symbolische Bedeutung der gekenterten "Costa Concordia" nach. Dietmar Kammerer war in Bremen bei einem Filmsymposium über die Folgen der Digitalisierung fürs Kino (und nein, ausnahmsweise ging es nicht um Piraterie). Besprochen wird Johan Simons' Sarah-Kane-Abend in der Münchner Kammerspielen.

Und Tom.

Aus den Blogs, 24.01.2012

Die franzöische Huffington Post ist raus. Sie wird von Le Monde mitbetrieben, die auch gleich ihre beste Kolumnistin, Caroline Fourest, ausgeliehen zu haben scheint. Sie attackiert in einer glänzenden Polemik Moncef Marzouki, den Interimspräsidenten von Tunesien, dem sie unter anderem weiche Knie in der Frage der Frauenrechte vorwirft - er koaliert mit den "gemäßigten" Islamisten der "Ennahda"-Partei. Mehr noch: "Einer seiner ersten Akte als Präsident war es, den Ausnahmezustand aufrecht zu erhalten, von dem er als Oppositioneller noch gesagt hatte, dass er dem Innenminister zu viel Macht gibt und die öffentlichen Freiheiten behindere. Der neue Präsident hat sich auch nicht geregt, als seine Regierung es vorzog, die Funktionäre des alten Regimes zu schonen und vor allem, als sie entschied, die Direktoren der öffentlichen Medien selbst einzusetzen. Ein sehr beunruhigendes Signal..."

NZZ, 24.01.2012

Auf der Medienseite lässt sich Andreas Mink von der ehemaligen NYT-Redakteurin Elizabeth Wade erzählen, wie hart der Kampf um Gleichberechtigung in der New York Times war - und immer noch ist: "Wie Wade kritisch anmerkt, hat die Times ihre [1978 gerichtlich ertrotzten] Zusagen jahrelang nur zögerlich erfüllt. Und bis heute würden Frauen bei der Bezahlung benachteiligt: 'Darum habe ich Bewerberinnen bis zu meiner Pensionierung stets über das Gehaltsniveau der Männer unterrichtet und ihnen gesagt, sie sollten sich nicht unter Preis verkaufen.'"

Im Feuilleton schreibt Andrea Köhler zum 150. Geburtstag der Brooklyn Academy of Music. Besprochen werden eine Aufführung der "Meistersinger" im Zürcher Opernhaus, Alain Francons Neuproduktion von Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" an der Comedie-Francaise (die Marc Zitzmann so wenig inspirierend fand, dass er lieber über den Streik an der Comedie schreibt) und Bücher, darunter zwei Romane von Edith Wharton sowie Benedicte Savoys Buch über den deutsch-französischen Streit um die Nofretete (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 24.01.2012

Vor zwei Jahren kam heraus, dass Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoss, Stasi-IM war. Aus den nun vom Spiegel analysierten Fotos des Tages lernt Thomas Schmid, "dass es in der West-Berliner Polizei zumindest auch Kräfte gab, die die Eskalation wollten, denen das Demonstrationsrecht ein Gräuel war und die in den Demonstranten nur zu bekämpfende Feinde sahen."

Fürs Feuilleton unternimmt Andrea Backhaus einen Streifzug durch die Kairoer Kunstszene, der ihr zeigt, dass es eine solche ohne eine demokratische Öffentlichkeit eigentlich nicht geben kann: "In einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, bleibt Kultur, wie viele hier sagen, zwangsläufig ein Randphänomen. Von Stimmungsführern will auch nach der Revolution niemand sprechen, eher davon, wie sehr die Kunstszene noch immer einer kleinen Elite vorbehalten ist."

Weitere Artikel: Jan Küveler unterhält sich mit Michel Friedmann über Barrie Koskys umstrittene "Lear"-Inszenierung in Frankfurt. Sascha Lehnartz berichtet über die Eröffnung der französischen Huffington Post, deren erster Coup die Chefin ist: Anne Sinclair. Christina Hoffmann stellt die Elektroband der Stunde vor, Wrongkong (Musik) aus Nürnberg.

Besprochen werden eine Ausstellung des Malers Alex Katz in Hannover, Markus Schleinzers Film "Michael" (mehr hier), den Elmar Krekeler als gelungene und beklemmende Studie über Kindsmissbrauch sieht, und Bellinis "La Sonnambula" in Stuttgart.

Im politischen Teil Tilman Krauses Gedenkartikel auf Friedrich den Großen und die Ankündigung, dass der Springer Verlag hundert Tage lang Axel Springers Hundertsten feiern wird.

Tagesspiegel, 24.01.2012

Die Piraten und alle, die sich für eine "falsch verstandene" (so die Welt neulich) Freiheit im Netz einsetzen, sind Büttel des Kapitals, findet Malte Lehming: "In ihrem etwas naiven Selbstverständnis setzen sie sich für ein offenes Netz ein, für Transparenz, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte, Datenschutz, gegen Zensur und die 'kulturelle Verwertungsindustrie'. Dass sie damit genau jenen Kräften in die Hände arbeiten, die von einer Aufweichung geistiger Eigentumsrechte massiv profitieren - abgesehen von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken sind das vor allem auch Tauschbörsen wie Megaupload, Rapidshare oder Mediafire -, scheint sie nicht sonderlich zu stören." (So wenig, wie es die Redakteure deutscher Zeitungen stört, dass ihre Arbeitgeber freie Journalisten mit Total-Buy-Out-Verträgen um die Früchte ihres Eigentums bringen?)

FR/Berliner, 24.01.2012

Christian Schlüter porträtiert den Comiczeichner Winsor McCay, dem im Bilderbuchmuseum in Troisdorf eine Retrospektive gewidmet wird: "McCays Geschichten beruhen auf dem Prinzip der Wiederholung. Damit formulierte er das erzählerische und gestalterische Prinzip des Comics mustergültig. Die Wiederholung hatte aber auch einen thematischen Grund, denn alle seine Geschichten beschäftigten sich mit dem unbewussten Leben - den Träumen, Zwängen oder Ängsten und der hier unerbittlichen Wiederkehr des Verdrängten."

Außerdem: Alle gedenken Friedrichs, aber keiner Elisabeth Christines von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, der Königin, klagt Nikolaus Bernau und macht es gleich gut.
Stichwörter: Bernau, Comics, Winsor McCay

SZ, 24.01.2012

Ein andächtiger Gottfried Knapp kommt in der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall aus dem Staunen nicht mehr heraus, seit dort die Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren zu sehen ist: "In der perspektivisch wirkungsvoll vertieften Nische der weinroten Wand, die der Münchner Bildhauer Lun Tuchnowski unter den grau verhängten Fenstern in das Chorhaupt hineingebaut hat, erhält das Gemälde erstmals den die Komposition zusammenfassenden breiten Rahmen zurück, von dem es in der Hauskapelle des Bürgermeisters sicher umgeben war. (...) Nie hat Holbeins Vergegenwärtigungskunst ihren Zauber besser entfalten können als hier."

Weitere Artikel: Stephan Speicher ächzt beim Blättern durch eine neue Broschüre über das seit zehn Jahren angekündigte Humboldt-Forum in Berlin über "feierlich-unklare Worte". Christine Dössel meldet, dass Hasko Weber als Intendant von Stuttgart ans Deutsche Nationaltheater in Weimar wechselt.

Ansonsten Rezensionsfeuilleton. Besprochen werden Pierre Salvadoris Liebeskomödie "Bezaubernde Lügen" mit Audrey Tautou, die Susan Vahabzadeh als "viel zu verdreht, um vorhersehbar zu sein" lobt, eine Ausstellung über den mittelalterlichen Herzog Gaston Febus im Musee National du Moyen Age in Paris, Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Tony Kushners "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen" am Mannheimer Nationaltheater, bei der sich Christopher Schmidt Kaffee zum Wachbleiben gewünscht hätte, Jossi Wielers Inszenierung von Vicenzo Bellinis "Die Nachtwandlerin" an der Stuttgarter Oper, die Reinhard Brembeck für einen Moment lang mit dem Regietheater versöhnt und Bücher, darunter die neue Friedrich-Dürrenmatt-Biografie von Peter Rüedi (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 24.01.2012

In Weißrussland sind zwei Jugendliche wegen eines angeblichen terroristischen Akts, der wahrscheinlich der Geheimpolizei des Landes zuzuschreiben ist, zum Tod durch Genickschuss verurteilt. Jetzt hat sich der Künstler Denis Limonow in einer tollkühnen Aktion bezichtigt, Mittäter zu sein, berichtet Kerstin Holm: "Die Staatsanwaltschaft muss Limonows Behauptungen jetzt prüfen. So lange können die Verurteilten nicht erschossen werden."

Weitere Artikel: Anlässlich des 300. Geburtstag Friedrichs des Großen, der "uns nichts mehr sagt", macht sich Jürgen Kaube einige kritische Gedanken über die zwanghafte Gedenkerei in der hiesigen Öffentlichkeit, an der die FAZ ja keinen geringen Anteil hat. Nils Minkmar lobt eine Grundsatz- und Wahlkampfrede des bisher etwas blassen Francois Hollande gegen Sarkozy. Jürg Altwegg resümiert den französischen Streit über das Gesetz, das die Leugnung von Genoziden unter Strafe stellt. Dirk Schümer schreibt zum Tod des italienischen Schriftstellers Vincenzo Consolo. Martin Otto resümiert einen Rostocker Streit um die Frage, ob eine Straße nach Ilja Ehrenburg benannt werden sollte. Jordan Mejias stellt Chad Harbachs in Amerika viel gefeierten Roman "The Art of Fielding" (Auszug) vor, der leider Gottes von Baseball handelt. Auf der Medienseite wirft Jürg Altwegg einen ersten Blick in die französische Ausgabe der Huffington Post, die von Anne Sinclair geleitet wird.

Besprochen werden Peter Handkes "Sturm"-Stück im Staatstheater Karlsruhe und Bellinis "La sonnambula" in Stuttgart.