Heute in den Feuilletons

Die Augenbrauen des Holofernes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2012. Die Welt lernt das Alphabet des Umsturzes. Die Frankfurter Rundschau fürchtet, dass die Berliner High Society nicht mit der Provinz mithalten kann. Die Japaner verlieren ihren Glauben an die Technik, beobachtet die NZZ. Die SZ konstatiert: Leistung lohnt sich nicht, wenn keiner hinsieht. Die FAZ versammelt Beispiele der französischen Liebe zu Amerika.

Welt, 25.01.2012

Eckhard Fuhr findet die Dialogbereitschaft der Frankfurter Occupy-Bewegung mit dem Kunstverein zwar revolutionärtechnisch gesehen etwas schlapp, aber dann ist auch er einer Einladung zur Ausstellung "Demonstrationen" gefolgt. Und hat etwas gelernt: "Revolution kann jeder. ... Das Alphabet des Umsturzes gehört zum gemeinsamen Kulturerbe der Menschheit." Auslöser dieser Erkenntnis war ein Video von Irina Botea, die in Chicago Kunststudenten die Besetzung des Bukarester Rundfunks 1989 nachspielen ließ: "Am Anfang sind sie noch unsicher. Aber schnell finden sie in ihre Rolle und spielen in der fremden Sprache die rumänische Revolution, als wäre es ihre."

Hier ein sechsminütiger Ausschnitt aus dem Video Boteas:



Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek durchforstet die Oskarnominierungen. Eher mau fand Iris Alanyali Thomas Gottschalks ersten Auftritt in seiner neuen Sendung. Alan Posener entwickelt eine recht konkrete Vorstellung vom Fegefeuer. "Der Stil, das ist der Mensch", erklärt im Forum Bernard-Henri Levy mit Blick auf Marine Le Pen und ihre "ranzigen Polemiken".

Besprochen werden Michel Hazanavicius' Film "The Artist", Rossinis Oper "Tancredi" an der Deutschen Oper Berlin, Jette Steckels Inszenierung von Sartres "Die schmutzigen Hände" und "GeisterBahn", ein Album mit deutscher Volksmusik, dargeboten von irischen und britischen Migranten (hier kann man Probehören.)

FR/Berliner, 25.01.2012

Harald Jähner macht in seiner Besprechung von Helmut Dietls Film "Zettl" (mehr hier) die sehr nachvollziehbare Bemerkung: "Statt einer Gesellschaftsatire über die High Society der Berliner Republik würde man lieber eine über die von Niedersachsen sehen" (und den Film findet er überdreht und schwach).

Weiteres: Judith von Sternburg empfiehlt die Seite lucascranach.org, auf der man die Werke des Meisters hochauflösend digitalisiert betrachten kann, "bis man die Striche erkennt, aus denen die Augenbrauen des Holofernes bestehen". Für Anke Westphal verfilmt Alexander Payne in "The Descendants" (mehr hier) mit George Clooney "die Idee der Krise im Paradies, als das Hawaii, diese Ansammlung von Inseln wohl gilt", und es gelingt ihm. Und Judith von Sternburg begleitet das Weltkulturen-Museum in Frankfurt bei seinem Neustart. Abgedruckt wird außerdem der Festvortrag des Historikers Christopher Clark zur offiziellen Feier des großen Fritz im Konzerthaus Berlin.

TAZ, 25.01.2012

Klaus Irler schüttelt den Kopf über die Proteste "christlicher Fundamentalisten" gegen die Inszenierung des Stücks "Golgota Picnic" am Hamburger Thalia Theater. Es gab, muss man sagen, bessere Gründe, das Stück auszubuhen: "Drei farbbespritzte Schauspieler in Unterhosen verknoten sich ineinander, drei nackte Schauspieler modellieren ihre Schamhaare mit Duschgel zu Zöpfchen. Am Ende spielt ein hervorragender Pianist, nackt, über 40 Minuten lang Joseph Haydns 'Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze'. Der rote Faden der Texte und Szenen ist die Haltlosigkeit in einer metaphysisch leeren, von Gewalt und Konsum zerrütteten Zeit."

Weiteres: Karim El-Gawhary hat vier Ägypter gefragt, was sie von der Zukunft erwarten. Zum Beispiel dies: "Ich möchte, dass meine Kinder alle zur Schule gehen". Michael Sontheimer sieht im Spiegel eine Verschwörung zur Vertuschung des Mordes an Benno Ohnesorg bewiesen. Kulturaustausch in seiner positivsten Form erlebte Dirk Knipphals beim Goetheinstitut in Mumbai. Auf der Meinungsseite erzählt Ilija Trojanow vom Literaturfestival im indischen Jaipur, bei dem zu seinem Bedauern die "leiseren Stimmen" vom Streit um die geplante Teilnahme Salman Rushdies übertönt wurden.

Und Tom.
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Weitere Medien, 25.01.2012

(via longform) Im amerikanischen GQ schreibt Chris Heath ein langes, etwas tränenseliges Porträt der Schauspielerin Michelle Williams, die demnächst als Marilyn Monroe zu sehen ist. Der beste Rat, wie sie die Rolle angehen sollte, erzählt sie, kam von Philip Seymour Hoffmann: "Wenn auch nur ein Hauch der Ikone bemerkbar ist, wird das ganze sofort uninteressant."

(via longform) Gil Scott-Heron war viel mehr als nur ein Vorläufer des HipHop, meint Andrew Nosnitsky in einem Porträt über den im Mai 2010 gestorbenen amerikanischen Dichter und Sänger: "There were parallels to be sure, but to exaggerate them to influence is to overlook the differences of influence. Hip-hop's roots stemmed more directly from radio jocks and reggae toasters, while Gil drew his primary influence from the pages of Harlem Renaissance literature. Gil self-identified as a poet first and foremost (or pianist or 'bluesologist'); rapping was simply one of his vehicles. ... it's strange and maybe a little disrespectful that someone who was so powerful in his own time is now defined primarily by what came after." (Gerade erschienen: Gil Scott-Herons Erinnerungen "The Last Holiday")'

Im indischen Open Magazine stellt Akshay Sawai ein Buch über Bombays goldene Jazzjahre vor: Naresh Fernandes' "Taj Mahal Foxtrot: The Story of Bombay?s Jazz Age". "Jazz was poor man?s music from New Orleans. In India, it was the sahib?s music, initially at least. And yet, it was sometimes the background score to landmark moments in Indian and Bombay history. For example, it was jazz that was playing in the Taj Ballroom the night of 14 August 1947. At midnight, when India became a free country, the bands, led by Micky Correa and Chic Chocolate, played Jana Gana Mana. Also, jazz did not remain a pastime of the elite for long. Bollywood soon incorporated it in its music, taking the genre to the masses." Naresh Fernandes hat eine Webseite für das Buch mit wunderbaren Hörproben!

NZZ, 25.01.2012

Der Japanologe Florian Coulmas beschreibt, wie die Japaner mit dem Unglück von Fukushima den Glauben an Staat verloren, vor allem aber an die Technik: "Sie war verlässlich, unkompromittiert und ohne eigene Interessen. Was in der Politik nicht gelang, wurde zum Grundprinzip des japanischen Umgangs mit der Technik: schrittweise Verbesserung durch beständige Qualitätskontrolle."

Hans-Christoph Zimmermann porträtiert den türkischen Regisseur Nurkan Erpulat, der als Protagonist des postmigrantischen Theaters gilt, dessen Hype für Zimmermann noch nicht ganz erklärt ist: "Für das deutsche Theater gilt im Moment: Nur wo Integration fett draufsteht, ist auch Integration drin."

Besprochen werden Bellinis Oper "Sonnambula" in Stuttgart, Simon Sebag Montefiores Geschichte "Jerusalem", Michael Fischs Foucault-Biografie "Werke und Freuden" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 25.01.2012

Turi2 meldet, dass Facebook seine umstrittene Timeline zum Standard macht: "Im Update eines Eintrags im Firmenblog kündigt Facebook still und leise an, dass die neue Profilseite schon in den kommenden Wochen für alle Nutzer weltweit eingeschaltet wird. Danach bleiben den Nutzern nur sieben Tage Zeit, Einträge und Statusnachrichten aus der Vergangenheit ggf. zu löschen oder die Sichtbarkeit zu ändern."
Stichwörter: Facebook, Standard

SZ, 25.01.2012

Abgedruckt ist ein Auszug aus Christoph Bartmanns kommender Buchveröffentlichung "Leben im Büro", der darin den Wandel von der Leistungs- zur Performancegesellschaft kenntlich machen will: "War Leistung einstmals etwas Vollendetes und zu Vollendendes im Sinne von 'Ich habe dies und jenes vollbracht', hat Performance die Zeitform der Präsenz und des Präsens: 'Seht her, was ich tue und als Nächstes tun werde', wobei das 'Seht her' so elementar ist wie die Zeitgestalt der Gegenwart. (...) Wir leben ... in einer Zeit, in der performative Sprechakte die konstativen überflügelt haben; in denen unser berufliches Reden eine stark werbliche Dimension angenommen hat."

Weitere Artikel: Michael Stallknecht schaut bei der neugegründeten Bayerischen Akademie des Schreibens auf einen Besuch vorbei. Gustav Seibt berichtet vom Staatsakt zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen in Berlin. Tobias Kniebe kommentiert die hier aufgelisteten Oscarnominierungen.

Besprochen werden neue Pop-CDs, "The Descendants", der neue Film mit George Clooney, die in katholischen Nachrichtenmedien als "Schweinetheater" bezeichnete Aufführung von Rodrigo Garcias "Golgota Panica" am Thalia in Hamburg, die Till Briegleb als "genauso rührend wie die im Regen singenden Christen vor der Tür" empfand, Marcel van Eednes "Totalinstallation" auf der Mathildenhöhe Darmstadt, Stefan Herheims "La Boheme" an der Nationaloper in Oslo und Karl Ove Knausgards Roman "Sterben" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 25.01.2012

In Frankreich gibt es eine Menge Antiamerikanismus. Und dennoch liebt kein Land Amerika besser:

Andreas Platthaus freut sich auf das diesjährige Comicfestival von Angouleme, in dem die Hauptausstellung Art Spiegelman gewidmet ist. Und besser noch: "Er ist ein großer Kenner und Liebhaber historischer Comics, und deshalb hat er sich ausbedungen, dass neben der Retrospektive seines Werks in Angouleme auch noch eine Ausstellung gezeigt wird, die er selbst kuratiert hat und die seine Lieblingscomickünstler versammelt."

Und Andreas Kilb seufzt nach Betrachtung der französischen Stummfilm-Hommage "The Artist": "Vielleicht muss man wirklich ein 1967 geborener, als Gagschreiber und Fernsehregisseur erprobter Franzose sein, um eine derart hinreißende Liebeserklärung an das klassische Hollywood hinzukriegen ."

Weitere Artikel: Martin Kämpchen berichtet vom Literaturfestival in Jaipur, zu dem Salman Rushdie nach viel Hin und Her nun doch nicht anreisen konnte. Volker Corsten betrachtet mit Degout die blasphemischen Szenen in dem Stück "Golgota Picnic" am Hamburger Thalia-Theater, das sogar ein Häuflein fundamentalistischer Katholiken zum Protest mobilisierte. Karen Krüger verfolgte eine Berliner Lesung der türkischen Autorin Fethiye Cetin, die sich in ihrem Buch "Anneannem" mit dem Völkermord an den Armeniern auseinandergesetzt hat - und die sich empört über die milden Urteile im Hrant Dink-Prozess äußerte. Auf der Medienseite bringt Gina Thomas neue Details darüber, wie Murdochs News of The World die britische Polizei täuschte.

Besprochen werden Ereignisse des Festivals "Resonanzen" in Wien, neue Choreografien im Aalto-Theater Essen und Tony Kushners Stück "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen" in Mannheim.