Heute in den Feuilletons

Bestimmte Zumutungen des Kunstbetriebs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2011. Die taz übt Selbstkritik und verspricht künftig sauberen Journalismus. AOL will eine deutsche Huffington Post gründen, meldet Meedia. Der Kapitalismus ist tot, meldet Franz Schuh in der NZZ. Was soll die Empörung über das annoncierte Referendum in Griechenland?, fragt Frank Schirrmacher in der FAZ. Außerdem verlinken wir auf zwei alte und schöne Reportagen von Joseph Mitchell und Tom Wolfe.

TAZ, 02.11.2011

Ziemlich verwöhnte Fratzen erlebte Tom Mustroph beim Kongress und Festival "Politik im Freien Theater" in Dresden. Und er war nicht der einzige, der das so sah: "Zur Eröffnung ... schnippeln zwei Mitglieder der Performancetruppe des spanisch-argentinischen Autors und Regisseurs Rodrigo Garcia aus diversen runden Pizzen jeweils ein Quadrat heraus und berichten entrüstet, dass sie es so bei Jugendlichen in Brüssel und New York gesehen hätten. 'Diese Arschlöcher schneiden den Rand ab und schmeißen ihn einfach weg. Sie essen ihn nicht, sie berühren ihn nicht einmal', schimpfen die Männer. Sie können auf die heutige Jugend offenbar so gut verzichten, wie diese sich des ungeliebten Teigrands entledigt."

Die Ausstellung "Tür an Tür" im Berliner Gropius-Baus zeigte auch Artur Zmijewskis 1999 gedrehtes Video mit Nackten, die in einer Gaskammer Fangen spielen. Jetzt flog es aus der Ausstellung, aber "Zensur", meint Brigitte Werneburg, ist auch nicht die richtige Antwort auf Zmijewski: "Es hülfe vielmehr, sich bestimmter Zumutungen des Kunstbetriebs zu erwehren wie etwa seiner ideologischen Spekulationsgeschäfte samt des offenkundig substanzlosen PR-Talks, mit dem sie propagiert und vermarktet werden."

Die taz hat am Samstag ein paar Dokumente veröffentlicht, die den Einfluss von Lobbyarbeit zeigten und einige Kollegen anderer Zeitungen nicht so gut aussehen ließen. Nun üben Journalisten der taz Selbstkritik. Martin Kaul spricht zum Beispiel das beliebte Phänomen der Journalistenreise an, bei denen in den allerseltensten Fällen der Geldgeber erwähnt wird: "GATE Germany, das für seine Werbetouren wesentlich vom Auswärtigen Amt mitfinanziert wird, bezahlte meinen Flug, das Hotel, die Verpflegung. Ob mein Text kritisch war? Bla. In meiner Berichterstattung verschwieg ich die Zahlmeister. Das war nicht deren Schuld. Sondern meine."

Besprochen wird Dirk von Gehlens Buch "Mashup. Lob der Kopie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 02.11.2011

(via 3quarksdaily) Appalachian Spring. Choreografie von Martha Graham, Musik von Aaron Copland. Sehen Sie sich das in der Mittagspause an, wenn Sie den Ton laut stellen können.



Hier Teil 2, 3 und 4.

(via Peter Glaser) Tanz mit Katze. Anna Pawlowa mit Katze.



"I'd always thought of Dominic Sandbrook as intelligent, nuanced, a demolisher of myths. I might have to change my mind", schreibt Kenan Malik auf Twitter und verlinkt auf einen Artikel Sandbrooks, in dem er sich einen Krieg der EU gegen Großbritannien ausmalt.

Weitere Medien, 02.11.2011

(via longform) Falls Sie Joseph Mitchells Reportagebuch "McSorley's Wonderful Saloon" (auf Deutsch 2011 bei Diaphanes erschienen) noch nicht gelesen haben, können Sie jetzt überlegen, ob sich die Lektüre nicht doch lohnen würde. The Jupiter hat Mitchells Reportage "Up in the old hotel", die er 1952 für den New Yorker geschrieben hat, ins Netz gestellt. Der Anfang: "Every now and then, seeking to rid my mind of thoughts of death and doom, I get up early and go down to Fulton Fish Market. I usually arrive around five-thirty, and take a walk through the two huge open-fronted market sheds, the Old Market and the New Market, whose fronts rest on South Street and whose backs rest on piles in the East River. At that time, a little while before the trading begins, the stands in the sheds are heaped high and spilling over with forty to sixty kinds of finfish and shellfish from the East Coast, the West Coast, the Gulf Coast, and half a dozen foreign countries. ... Then I go into a cheerful market restaurant named Sloppy Louie's and eat a big, inexpensive, invigorating breakfast - a kippered herring and scrambled eggs, or a shad-roe omelet, or split sea scallops and bacon, or some other breakfast specialty of the place."

(via longform) Und Tom Wolfe erzählte 1983 in Esquire, jetzt von der Stanford University online gestellt, wie die Computerrevolution begann: "The revolution didn't just happen; it was engineered by a small number of people, principally Middle Americans, whose horizons were as unlimited as the Iowa sky. collectively, they engineered Tomorrow. Foremost among them is Robert Noyce."
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Spiegel Online, 02.11.2011

Spiegel online meldet: Die Pariser Satirezeitschrift Charlie hebdo hat Ärger wegen einer Mohammedkarikatur zum Wahlsieg der Islamisten in Tunesien: "100 Peitschenhiebe, wenn ihr euch nicht totlacht". Jemand schmiss einen Molotow-Cocktail ins Redaktionsbüro, das ausbrannte.

Welt, 02.11.2011

Aufmacher ist ein Vortrag des Militärhistorikers Martin van Creveld, der von der Uni Trier ausgeladen wurde, weil er sich fragt, warum Männer spielen, Frauen aber nicht. Ekkehard Kern klopft der FAZ und SZ in einem Kommentar zum Perlentaucher-Urteil (mehr hier) auf die Schulter: "Der Kampf um den Schutz qualitativ hochwertiger journalistischer Produkte hat gerade erst begonnen." Johnny Erling berichtet von der drastischen Steuernachforderung gegen Ai Weiwei. Besprochen werden eine Platte von Lou Reed und Metallica. Und ein "Kirschgarten" mit Cornelia Froboess am Berliner Ensemble.

Aus den Blogs, 02.11.2011

Nancy Sims kommentiert im irights.info-Blog das Perlentaucher-Urteil (mehr hier), das unter anderem besagt, dass Urheberrechtsverletzungen immer nur durch Einzelfalluntersuchungen zu benennen sind - und hier zählt, welche Formulierung "künstlerisch" ist: "Wie in Zukunft zwischen Ausdrücken, die urheberechtlich geschützt sind, und solchen, die es nicht sind, unterschieden werden kann, und welche Anstrengungen unternommen werden müssen, das zu tun, ist also bislang offen. Ob das Urteil dazu generelle Klarheit schaffen kann, ist mehr als fraglich."

AOL will eine deutsche Huffington Post aufmachen und dabei wahrscheinlich mit etablierten Medien zusammenarbeiten, berichtet Christian Meier nach einem Gespräch mit dem AOL-Mann Jimmy Maymann in Meedia: "Das Investment in Deutschland soll indes überschaubar bleiben. Maymann spricht von etwa einem guten Dutzend Mitarbeitern, die man vermutlich einstellen wolle. Die Chancen, mit einem deutschsprachigen Angebot bestehen zu können, schätzt er naturgemäß als gut ein: 'Es gibt in Deutschland Raum für Innovationen.'"

(Via hemartin) Der Schriftsteller und Vorsitzender des amerikanischen Autorenverbands Scott Turow denkt in dem Dienst Mediashift von PBS über die Zukunft des Buchs nach: "The increasing popularity of e-books and e-readers has some alarming consequences. The most obvious is that American booksellers, already under heavy pressure from the discounting of bestsellers and online retailing, are being pushed to the point of collapse. Bookstores are not simply places to buy books. They are intellectual hubs in our communities."

NZZ, 02.11.2011

Franz Schuh erklärt im Interview den Kapitalismus für tot und diskutiert Fragen der Moral und die Suche nach dem Glück: "Das Glück ist eine Funktion des real existierenden Unglücks. Je unglücklicher die Leute, desto mehr gehen sie der Glücksindustrie auf den Leim. Aber in Glücksfragen lernt man nie aus. Nietzsche sagte: 'Der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das.' Mich hat der Satz immer verwundert. Heute glaube ich, Nietzsche hielt die Engländer für Zivilisationsspießer. Der kleine Mensch, der allzu menschliche, der spießig seinem Alltag nachgeht, der kokettiert ständig mit dem Glück. Kleines Glück - statt heroischer Bewährung."

Weitere Artikel: Joachim Güntner stellt das neue Hanser Berlin vor und die Pläne für den Eichborn Verlag, der offenbar von Bastei-Lübbe gekauft wird. Roman Bucheli schreibt zum Tod von Heinz Ludwig Arnold.

Besprochen werden die Münchner Ellsworth-Kelly-Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne und dem Haus der Kunst, einige Kinder- und Jugendbücher und Thomas Jeiers Geschichte der Indianer, "Die ersten Amerikaner" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 02.11.2011

Frank Schirrmacher will das Entsetzen, das in Europa über das von Papandreou annoncierte Referendum herrscht, nicht teilen: "Papandreou tut nicht nur das Richtige, indem er das Volk in die Pflicht nimmt. Er zeigt auch Europa einen Weg. Denn in dieser neuen Lage müsste Europa alles tun, um die Griechen davon zu überzeugen, warum der Weg, den es zeigt, der richtige ist."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel schreibt zum Tod des Publizisten und Verlegers Heinz Ludwig Arnold. Mark Siemons meldet, dass Ai Weiwei nun umgerechnet 1,7 Millonen Euro an Steuern nachzahlen soll. Oliver G. Hamm begutachtet ein nachhaltiges Hochhaus des Architekten Christoph Ingenhoven (dysfunktionale Architektenwebsite im Flash-Format) in Sydney. Auf der Medienseite wird nach dem gestrigen Urteil des OLG Frankfurt gemeldet, dass "der Perlentaucher Urheberrecht bricht" (mehr hier).

Besprochen werden die Ausstellung "Die andere Seite des Mondes - Künstlerinnen der Avantgarde" in Düsseldorf, Händels "Alcina" in Dresden und Bücher, darunter Gedichte von Mario Luzi (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 02.11.2011

Manfred Schwarz empfiehlt die Ausstellung "Die andere Seite des Mondes" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit Werken von Künstlerinnen der Avantgarde. Ausgehend von den (dann doch abgeblasenen) Kriegsdrohungen des Hacker-Netzwerks "Anonymous" gegen das mexikanische Drogenkartell "Los Zetas" fasst Camilo Jimenez einige Postionen zu Möglichkeiten und Wesen des Cyberkriegs zusammen. Florian Kessler berichtet von einem Symposium in Potsdam zu Ehren des Friedensnobelpreisträgers Alfred Hermann Fried. Helmut Mauro unterhält sich mit dem Dirigenten Valery Gergiev über Schostakowitsch, dessen Werke Gergiev gerade mit den Münchner Philhamornikern einübt. Franz Himpsl liest neue Bücher über das Sterben und den Tod. Helmut Böttiger würdigt in seinem Nachruf den Kindler-Literaturlexikon- und text+kritik-Herausgeber Heinz Ludwig Arnold. Till Brieglieb berichtet von den Autorentagen Schwalenberg, wo dieses Jahr der Lyriker Michael Krüger gewürdigt wurde.

Besprochen werden neue CDs, Werner Herzogs neuer Dokumentarfilm "Die Höhle der vergessenen Träume", Frank Castorfs Horvath-Interpretation "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater, die Aufführung von Jacques Offenbachs Oper "Les Contes d'Hoffmann" an der Bayerischen Staatsoper und Julia Friedrichs Buch über "Ideale" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).