Heute in den Feuilletons

Idealtypus eines zweifelhaften Gesellen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2011. Wie die schiitischen Iraner das Bilderverbot der Sunniten aushebeln, erzählt die NZZ. In Newsweek schwärmt Simon Schama von Robert Hughes neuer Geschichte Roms. Seit sechs Jahren in Arbeit ist Ilja Khrzhanovskijs Film "Dau" - GQ-Reporter Michael Idov erlebt am Set sein blaues Wunder. In der Welt erklärt Cora Stephan der Occupy-Bewegung: Die Parolen der Väter sind nicht die Zukunft. Die taz nimmt am Münchner Residenztheater einen Schluck Starkbier mit Mutterkorn. Die FAZ lernt von Andrea Segre, wie es chinesischen Einwanderern in Italien ergeht.

NZZ, 01.11.2011

Auf der Medienseite berichtet Mona Sarkis von einem pikanten Streit in der islamischen Fernsehwelt: Da für die schiitischen Iraner kein Bilderverbot besteht, mischen sie mit aufwändigen Religionsepen über die Propheten gehörig den arabischen Serienmarkt auf. Das Resultat: Empörung bei der sunnitischen Geistlichkeit, neue Geschäftsideen bei Regisseuren wie Majid Majidi: "In staatlichem Auftrag und mit 30 Millionen Dollar wagt er sich an das Leben Mohammads; zwar nur bis zu dessen 12. Lebensjahr, doch 'der sunnitische Klerus schäumt ohnedies genug', sagt Yves Gonzalez-Quijano. Nun begännen aber - wenngleich zaghaft - auch Sunniten für eine Verkörperung der Propheten zu plädieren. 'Nach dem Motto: Wenn es derart verlockend ist, die Heiligen 'leibhaftig' zu sehen, sollte man das Feld um Gottes Willen nicht den Schiiten überlassen', schmunzelt Gonzalez-Quijano."

Weiteres: Marc Zitzmann berichtet vom Gedenken an das Massaker von Paris, bei dem im Oktober 1961 die Polizei rund 200 demonstrierende Algerier ermorderte, unter anderem wird erstmals in einem Kino Jacques Panijels Zeitdokument "Octobre a Paris" gezeigt. Joachim Güntner hat bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises vergnügliche Stunden erlebt.

Besprochen werden Hector Berlioz' "La Damnation de Faust" an der Oper Stuttgart, Frank Castorfs Inszenierung von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Residenztheater in München und Bücher, darunter Hermann Bangs melancholischen Roman "Tine".

Weitere Medien, 01.11.2011

Michael Idov erzählt in GQ stolz, wie er sich in zwei Tagen auf dem Set von Ilja Khrzhanovskijs Film "Dau" in einen Untertan sowjetischer Prägung verwandelt. Jeder nach seinem Geschmack. Aber was Idov von dem Filmset beschreibt, ist schon recht beeindruckend. Erst mal wird er vom Kostümdepartment im Stil der 50er eingekleidet, Unterwäsche inklusive, und mit einem Pass aus der Zeit ausgestattet. Dann betritt er den Set: "Ich hatte die Geschichten gehört und Bilder gesehen. Mir stockt dennoch der Atem. Vor mir liegt eine ganze Stadt, maßstabsgetreu, den Elementen ausgeliefert und - um 1 Uhr morgens, ohne eine Kamera in Sicht - vollständig bevölkert. Zwei Wächter gehen die Außenseite ab, Kies knirscht unter ihren Stiefeln. Am Ende der falschen Straße fegt ein weiblicher Hausmeister in einem altmodischen Kopftuch eine Veranda." Khrzhanovsky lebt und dreht hier seit 2006. Fertig werden soll der Film über den Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau 2012.

Simon Schama hat sich für Newsweek begeistert durch Robert Hughes' Geschichte Roms gelesen und schwärmt: "Das ist klassischer Hughes. Wenn man seine energische, argumentative, leidenschaftliche Prosa liest, wird man daran erinnert, wie fade, steif und nervend konventionell die meiste Geschichts- und Kunstgeschichtsschreibung ist. Hughes kann über Lady Gagas Nagellack schreiben oder über die Verlegung von Wasserrohren, es ist immer noch belebend."

Daniel J. Wakin erzählt in der NYT, warum Claudio Abbado und die Pianistin Helene Grimaud nicht mehr zusammenarbeiten: Sie konnten sich bei einer Mozart-Aufnahme nicht über die Cadenza einigen.

Welt, 01.11.2011

Im Forum graust es Cora Stephan (homepage), wenn sie die Parolen der "Occupy Wall Street"-Bewegung hört: Das sind doch die aufgewärmten Sprüche der alten Säcke, "die endlich, endlich hören möchten, dass sie schon vor 40 Jahren, ach was: vor 100 Jahren recht gehabt haben". Zukunft hört sich für Stephan eher so an: "'Her mit den Studiengebühren!' Damit die Allgemeinheit nicht für künftig Besserverdienende einstehen muss. 'Weg mit der Rentengarantie!' Weil sie die jetzige Rentnergeneration gegenüber den zukünftigen begünstigt. Weg mit allen Steuerprivilegien, bei allen. Her mit der Kirchhof-Reform! Und ein Ende den kostspieligen Wahlgeschenken."

Im Feuilleton berichtet Hanns-Georg Rodek über die Hofer Filmtage. Matthias Heine mokiert sich in der Leitglosse über zwei Theaterskandale in Berlin und Paris. Paul Jandl gratuliert Ilse Aichinger zum Neunzigsten,

Besprochen werden die neue Dauerausstellung islamischer Kunstwerke im Metropolitan Museum in New York, Frank Castorfs Inszenierung von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater und Andrea Moses' Inszenierung der Berlioz-Oper "La damnation de Faust" in Stuttgart.
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TAZ, 01.11.2011

Ein Theaterfest hat Uwe Mattheiss bei Frank Castorfs Inszenierung von Horvaths "Kasimir und Karoline" in München erlebt: "Die weltweit größte kollektive Drogeneinnahme, das Oktoberfest, ist an München wieder einmal ohne außerplanmäßige Schäden vorübergegangen. Am Residenztheater jedoch war das Starkbier mit dem Gift des Mutterkorns kontaminiert."

Weiteres: Anlässlich einer Veranstaltung in Jena zum Verhältnis von Sozialismus und Postmoderne konstatiert Micha Brumlik eine "Unverträglichkeit von Dissidenz und Ironie". Cornelis Hähnel hat bei den Hofer Filmtagen "unverklemmtes" deutsches Kino gesehen. Besprochen werden eine Schinkel-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin, ein Gastspiel des Puppentheaters von Joël Pommerat in Halle und das Album "Celestial Lineage" der Band Wolves in the Throne Room.

Und Tom.

FR/Berliner, 01.11.2011

Harald Jähner steht vor der Anselm-Kiefer-Ausstellung in Tel Aviv und wundert sich: "Anselm Kiefer ist der Idealtypus eines zweifelhaften Gesellen. Als ihm vor drei Jahren der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen wurde, hagelte es Kritik wegen der politischen Indifferenz, mit der Kiefer auf die Gewalt und Zerstörung reagiere, die ihn manisch anziehe. Er ästhetisiere sie, statt sie zu verurteilen. Und nun, in Israel, darf er als erster das soeben fertig gestellte 'Herta und Paul Amir Gebäude' des Tel Aviver Kunstmuseums bespielen, das am 2. November feierlich der Öffentlichkeit übergeben wird. Wie passt das zusammen?"

Weiteres: Szenisch war der Frankfurter "Siegfried" für Hans-Jürgen Linke eine rechte Hängepartie, aber auf die Qualität der Sänger und des Orchesters will er nichts kommen lassen. Christian Schlüter fragt, wann Mike Daiseys Stück "The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs" nach Deutschland kommt, das von der weniger glamourösen Seite des Apple-Erfolgs erzählt. Sabine Rohlf gratuliert Ilse Aichinger zum Neunzigsten.

Besprochen werden unter anderem eine Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Kassel und Gerlind Reinshagen Erzählung "Nachts" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 01.11.2011

In Bayern ist heute Allerheiligen. Wir gratulieren.

FAZ, 01.11.2011

Dirk Schümer stellt Andrea Segres Film "Io sono Li" vor, der den Italienern von ihren chinesischen Einwanderern erzählt: "Wie viele in Italien leben, weiß niemand, auch keine Behörde, weil fast alle Chinesen mit Touristenvisa im Land leben und keine Steuern zahlen. Francesco Bonsembiante, der Produzent von 'Io sono Li', erzählt von seiner Heimatstadt Padua, in der ein hektargroßer Kleidermarkt ganz Osteuropa bis Istanbul mit chinesischen Anzügen und Hemden versorgt. Dass es in seiner Stadt drei rein chinesische Grundschulen gibt, wusste er vorher nicht".

Weitere Artikel: Den Anspruch der Deutschen Akademie, für die deutsche Sprachkultur verantwortlich zu sein, weist Jürgen Kaube schroff zurück. Rüdiger Suchsland meint nach den Hofer Filmtagen: Die "Jungfilmer" waren nicht so auf der Höhe, "deutlich bessere Filme machen derzeit die Älteren zwischen dem Dreißigsten und vierzigsten Lebensjahr."

Besprochen werden Vera Nemirovas Inszenierung des "Siegfried" an der Frankfurter Oper, ein Konzert mit Bernd Begemann in Köln, Frank Castorfs Inszenierung von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater, Martin Schläpfers Choreografie "b.10" in Duisburg und Bücher, darunter ein Interviewband mit Ilse Aichinger (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).