Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Ein Besuch auf einer Schildkrötenfarm, die einen Großteil des nordamerikanischen Bedarfs an Schildkrötenfleisch deckt; das Porträt einer seit 1854 bestehenden New Yorker Kneipe; schwindelfreie Indianer im Stahlhochbau; findige Nichtstuer, hochbegabte Kinder, Muschelfischer und bärtige Damen; eine Schilderung der Institution "Beefsteak", einem Begängnis, bei dem es ums Vertilgen ungeheurer Mengen Fleisch geht; der fundamentalistische Straßenprediger, der das Telefon für seine Zwecke entdeckt hat, oder Captain Charleys Museum für intelligente Menschen: Joseph Mitchells Geschichten, Porträts, Reportagen und Erzählungen sind längst Klassiker amerikanischer Literatur. Mitchell ist ein begnadeter Zuhörer, der vor allem die von ihm Porträtierten selbst zu Wort kommen lässt. In seinen "teilnehmenden Beobachtungen" verbinden sich Sachlichkeit mit literarischer Anschaulichkeit der Beschreibung, subjektivem Humor und scharfer Beobachtungsgabe. Immer wieder zieht es ihn zu den Käuzen, Exoten und Exzentrikern seiner Stadt. Mit Hingabe widmet er sich aussterbenden Milieus, Phänomenen, die alsbald der Vergangenheit angehören werden, und immer wieder dem pulsierenden Leben der Hafenstadt New York. Joseph Mitchells legendäre Reportagen gehören zur Geschichte New Yorks, sie lesen sich wie Bohrungen in einer heute verschütteteten Zeitschicht jener Stadt, die mehr als alle anderen die Moderne verkörpert. Die hier versammelten Geschichten sind in den Jahren 1938 bis 1955 im Magazin "New Yorker" erschienen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.03.2011
Rezensent Andrian Kreye gesteht freimütig, dass Joseph Mitchells Geschichten für den New Yorker schon seit 20 Jahren griffbereit auf seinem Schreibtisch liegen und ein Gegenmittel für Schreibblockaden darstellen. Der amerikanische Journalist gilt als "Wegbereiter des New Journalism" und inspirierte Paul Auster, Jonathan Lethem oder Woody Allan, lässt der Rezensent wissen. Den Reportagen aus Mitchells Anfangsjahren beim New Yorker, erstmals gesammelt 1934 erschienen und jetzt endlich in deutscher Übersetzung zu haben, merkt man den erzählerischen Quantensprung an, den der Wechsel zum New Yorker bedeutete, meint Kreye. Hier hatte Mitchell zeitliche Freiheiten, konnte manche Figuren, die man schon aus seinen Zeitungsreportagen kannte, über längere Zeiträume begleiten und sich in der Erzählweise mehr der Short Story annähern, so der Rezensent. Irgendwann ist Mitchell dann verstummt, berichtet Kreye, der denjenigen Lesern, die den Autor noch nicht kennen, eine echte "Entdeckung" verspricht.
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