Heute in den Feuilletons

Kathedrale gesammelten Aufheulens

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2011. Die taz atmet auf: Der Super-GAU wurde im Schlingensief-Pavillon gerade noch verhindert. Fast wäre es zum Fascho-Fluxus gekommen! Die FAZ ist insgesamt zufrieden mit der Biennale, die  sie als Absage an die Hysterie des Kunstmarkts sieht. Die FR ärgert sich aber über den italienischen Pavillon. In der FR erinnert Jochen Hörisch außerdem an verborgene Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Die Amerikaner lachen über das französische Staatsfernsehen, dessen Moderatoren die Namen Facebook und Twitter nicht mehr aussprechen dürfen. 

FR, 04.06.2011

Jochen Hörisch erinnert in seiner Kolumne an verborgene Kontinuitäten der deutschen Geschichte, zum Beispiel die zwischen Nazis und RAF: "Der einzige Versuch, auch nur ansatzweise Verständnis für die RAF zu wecken, lief über deren plakatives Selbstverständnis, gegen die alten Nazis in der herrschenden Schicht der Bundesrepublik zu kämpfen. Genau dies war nicht der Fall: Die RAF, die sich als kampfbereite Elite der radikalen Linken verstand, hat an die Tradition der SS angeknüpft."

Georg Imdahl besichtigt die venezianische Kunst-Biennale. Das Leitthema Licht ist ihm zu banal, manches findet er doch interessant, wirklich herausragend scheint ihm wenig. Dafür gibt es einen richtigen Tiefpunkt: "Unangenehm geriert sich der italienische Pavillon unter der Leitung des Populisten und Berlusconi-Vertrauten Vittorio Sgarbi - gar nicht ironisch als Bollwerk gegen eine vermeintliche internationale Kunstmafia und verramscht das Prinzip der Auslese an ein Massenspektakel mit Hunderten namenloser Teilnehmer. Diese rekrutieren sich, raffinierterweise, aus Vorschlägen, die Prominente unterbreiten durften, und man kann sich nur wundern, dass sich Intellektuelle wie Giorgio Agamben oder Dario Fo vor den Karren dieser Bizarrerie spannen ließen."

Weitere Artikel: Christian Thomas erlebt den Vatertag in Berlin Kreuzberg. Jürgen Otten feiert zu ihrem siebzigsten Geburtstag die Pianistin Martha Argerich. Emmanuel van Stein gratuliert dem Schrifsteller Erasmus Schöfer zum Achtzigsten.

Besprochen werden Frank Hoffmanns deutsche Erstaufführung von George Taboris frühem Theatertext "Demonstration" bei den Ruhrfestspielen, der Abend unter dem Titel "Unverhofft" im Frankfurter Theater Willy Praml, das O'Death-Album "Outside" und Annette Vowinckels Kulturgeschichte der "Flugzeugentführungen" sowie Albert Ostermaiers Roman "Schwarze Sonne scheine" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 04.06.2011

Richtig gut gegangen ist die Schlingensief-Übernahme des deutschen Pavillons in Venedig nicht - viel hätte nicht gefehlt, findet Ingo Arend, und es wäre zum Schlimmsten gekommen: "Der mögliche GAU wurde gerade so vermieden: dass die herrenlose Raum-Installation, die den Innenraum von Schlingensiefs heimatlicher Pfarrkirche Herz Jesu nachstellte, in der er jahrelang Messdiener war, das architektonische Dokument einer nekrophilen Ideologie sakral aufladen, gar zum Fascho-Fluxus adeln würde."

Weitere Artikel: Über Franco-verharmlosende Geschichtsklitterung in einer Enzyklopädie der Königlichen Akademie Spaniens berichtet Reiner Wandler. Der kongolesische Musiker Papa Wemba zeigt im Gespräch mit Dominic Johnson viel Verständnis für unpolitische Musiker. Auf den vorderen Seiten spürt der italienische Star-Komiker und Anti-Berlusconi-Aktivist Beppe Grillo im Interview den wind of change: "Das ist der Wind aus dem Maghreb, der auch schon in Spanien weht. Bald wird er auch Deutschland erreichen!" In der Leuchten-der-Menschheit-Kolumne nimmt sich Nina Apin den Odenwald-Apologeten Tilman Jens und sein Buch "Freiwild" vor. Steffen Grimberg verabschiedet den Anrufsender 9Live.

Besprochen werden das Jessica-6-Album "See the Light", und Bücher, darunter Najem Walis Roman "Engel des Südens" und Avishai Margalits philosophische Studie "Über Kompromisse und faule Kompromisse" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 04.06.2011

Nicht wirklich aufregend, aber auch nicht enttäuschend findet Samuel Herzog die von Bice Curiger kuratierte Biennale in Venedig, vor allem sehr geerdet: "Verkürzt gesagt zeigt uns Bice Curiger einfach das, was sie gut findet oder aussagekräftig für unsere Zeit - und davon natürlich nur das, was sich auch finanzieren ließ." In den Länderpavillons in den Giardini stößt Urs Steiner dann auf Kampfpanzer, abstrakten Tagesschau-Expressionismus und eine "Kathedrale gesammelten Aufheulens" gestoßen.

Weiteres: Mathias Mayer entschlüsselt einen rätselhaften Geburtstagsgruß Robert Musils an Thomas Mann. Besprochen werden Olivier Adams Roman "Gegenwinde", Yuri Herreras Narcopoesie "Abgesang des Königs" und Hugo Balls Heiligen-Schriften "Byzantinisches Christentum" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Literatur und Kunst erzählt Eduard Kaeser die heikle, mitunter aber ruhmreiche Geschichte des wissenschaftlichen Tricksters: Schon Galileis Experimente lieferten viel zu genaue Ergebnisse, um echt zu sein: "Faute de mieux sah sich Galilei gezwungen, seine Zeitgenossen mit jenen Mitteln von seiner neuen Naturwissenschaft zu überzeugen, die ihm zu Gebote standen und die er meisterlich beherrschte: Rhetorik und Gedankenexperimente. Wenn er schummelte, dann tat er dies im Dienste des Erkenntnisfortschritts."

Außerdem: Roland Frischknecht porträtiert den Schweizer Architekten Bruno Giacometti. Thomas David unterhält sich mit dem britischen Schriftsteller Graham Swift über dessen Roman "Im Labyrinth der Nacht". Hubertus Lutterbach verschreibt sich Zöilbat und mönchischer Askese.
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Aus den Blogs, 04.06.2011

(Via Achgut) Endsieg in Gaza? Oder sieht das Logo der neuen Free-Gaza-Flotille, die sich hier ("unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Udo Steinbach") mitteilt, nicht irgendwie seltsam aus?

(Via Martin Weigert) Die Franzosen machen sich erneut zum Gespött der Amerikaner! Die Aufsichtsbehörde des französischen Staatsfernsehens, CSA, hat Moderatoren verboten, die Namen Facebook und Twitter in den Mund zu nehmen, etwa um zu sagen "Folgen Sie unserer Sendung auf...". Paul Sawers kommentiert auf Thenextweb: "Some people might say that the French have acquired an unfair reputation for being obsessed with frustratingly pedantic rules and regulations, but this latest ruling would suggest that reputations are sometimes earned."

Welt, 04.06.2011

In der Literarischen Welt deutet Jörg von Uthmann die französisch-amerikanischen Auseinandersetzungen um DSK als einen Kampf der Kulturen. Tilman Krause trifft Pierre Radvany, den Sohn Anna Seghers', der für die Aktualität von "Transit" und des "Siebten Kreuzes" wirbt. Eine Doppelseite ist Robert Louis Stevenson gewidmet: Einige Briefe des jüngst erschienenen Briefwechsels mit seiner Frau sind abgedruckt, und Wieland Freund freut sich über einige Neueditionen. Besprochen werden außerdem Gerhard Roths Roman "Orkus", eine Biografie über Dorothy Parker und Olivier Bellamys Buch über Martha Argerich.

Im Feuilleton stellt Michael Pilz das singende Berliner Arbeiterduo Haudegen vor.

Perlentaucher hört das singende Berliner Arbeiterduo Haudegen:



Ansgar Graw berichtet über den Chefredakteurswechsel bei der New York Times. Paul Jandl berichtet über Plagiatsvorwürfe gegen die Dissertation des österreichischen und EU-Politikers Johannes Hahn. Andreas Seibel geht mit der Fotografin Regina Schmeken essen. Und Harald Peters besucht die Party-Insel Ibiza.

FAZ, 04.06.2011

Als Absage an die Hysterie des aktuellen Kunstmarkts beschreiben Niklas Maak und Julia Voss die von Bice Curiger kuratierte Biennale in Venedig: "Curigers Biennale hat ihre Stärken im Feinsinnigen, im Ironischen und auch in der offensichtlichen Ruhe, die hier dem Betrachter gegönnt wird: Die Ausstellungsräume der Arsenale enden in einem mit Sofas ausgestatten Kino, in dem Christian Marclays Filmcollage 'The Clock' läuft. Zusammengeschnitten wurden hier Kinofilmsequenzen, in denen Uhren exakt die Stunden und Minuten abbilden, die es gerade im Zuschauerraum schlägt."

Weitere Artikel: Edo Reents rebelliert gegen den Zwang, bei allen Kategorien der Bevölkerung (außer bei Mördern und Mörderinnen) immer auch den weiblichen Genitiv mit nennen zu sollen. Jürgen Dollase gönnte sich (auf Kosten der FAZ, nehmen wir an) ein gutes Essen im Restaurant Cheval Blanc in Basel. Joachim Müller-Jung rät aus Anlass der Ehec-Krise vor allem zu gründlicher Hygiene. Joseph Croitoru berichtet, dass die ägyptischen Muslimbrüder den christlichen Intellektuellen Rafik Habib aufgenommen haben und beobachtet insgesamt eine erfreuliche Tendenz zur Mäßigung. Gina Thomas verfolgte in London ein Symposion zur Frage, ob britische Unis Geld von Stiftungen deutscher Unternehmen annehmen sollen, die in der Nazizeit verstrickt waren, eine Frage, die die Briten zu quälen scheint.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite stellt Julia Spinola zwei CD-Boxen vor, die zum siebzigsten Geburtstag Martha Argerichs erschienen. Außerdem geht?s um die Arctic Monkeys (Musik), um ein auf DVD erschienenes Carlos-Kleiber-Porträt von Georg Wübbolt und um die mangels Material kaum mehr zu stillende Sehnsucht nach alter Soulmusik. Auf der letzten Seite erinnern sich FAZ-Redakteure (aber nicht Redakteurinnen) kurz vor dem Ableben der Institution an ihren Wehr- beziehungsweise Zivildienst.

Für Bilder und Zeiten porträtiert Andreas Platthaus den australischen Animationsfilmer Shaun Tan. Renate Schostak erzählt, was sie bei ihrer umzugsbedingten Haushaltsauflösung erlebte. Der Arzt Achim Peters rät Übergewichtigen vom schlechten Gewissen ab. Tilo Richter erinnert an den Architekten Fritz August Breuhaus. Hansgeorg Hermann unterhält sich auf der letzten Seite mit Ismael Kadare ("Ich war Albaner, ich bin Albaner und ich werde es bis zu meinem Tod sein"). Auf der Literaturseite geht?s unter anderem um einen Band aus dem Nachlass Robert Gernhardts.

Und für die Frankfurter Anthologie stellt Dieter Lamping ein Gedicht von Karl Kraus vor - "Nächtliche Stunde:

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich's ersinne, bedenke und wende (...)"

SZ, 04.06.2011

Trotz gelegentlicher gelungener Werke ist Kia Vahland nicht sehr beeindruckt von der diesjährigen Venedig-Biennale: "Bice Curiger hat erstaunlich viel gefällige Wohnzimmerkunst geladen, etwa die konventionellen Frauenskulpturen und Stahlplatten von Rebecca Warren oder die süßlichen Degas-Tänzerinnen von Ryan Gander. Besonders bei einigen Italienern fragt man sich, wie sie hierher kamen: Einer arbeitet sich an Schaufensterfiguren ab, als hätte es nie die Puppenmanie der Surrealisten gegeben; eine Kollegin scheut sich nicht, Ährenmotive antiker Münzen auf große bunte Seidenvorhänge zu übertragen. Ein Bekenntnis zum Dekor, mehr nicht." Eher ins Einzelne geht in einem zweiten Artikel zum Thema Catrin Lorch.

Weitere Artikel: Über den Kampf um den Schutz der Menschenrechte in verschiedenen Teilen der Welt berichtet Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (Website) in Berlin. Khalid al-Khamissi erkennt in der großen Demonstration vom 27. Mai ein Hoffnungssignal, dass Ägyptens Revolution vielleicht doch nicht einfach in einer Militärdiktatur endet. Eva-Elisabeth Fischer besucht die "Entfesselten Welten" bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen. Cornelia Staudacher gratuliert dem Schriftsteller Erasmus Schöfer zum Achtzigsten.

In der SZ am Wochenende werden Nicolas Borns "Letzte Aufzeichnungen" aus dem Nachlass auszugsgweisee vorabgedruckt. Christine Brinck unterhält sich mit der Taschendesignerin Anya Hindmarch über "Organisation".

Besprochen werden Volker Löschs S-21-Abend "Metropolis/The Monkey Wrench Gang" am Stuttgarter Staatstheater, Hans Steinbichlers Alzheimer-Film "Das Blaue vom Himmel" und Henry Roths neu aufgelegter autobiografischer Roman "Ein Amerikaner" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).