Heute in den Feuilletons

Sprengstoff in Seidenpapier

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2011. In der taz erkundet Marlene Streeruwitz die Dialektik von Herr und Magd. In der FR zählen Karlheinz Bohrer und Kurt Scheel die drei Gründe auf, warum der Mainstream ihren Merkur in den letzten Jahren nicht so mochte. In der Welt erzählt Henryk Broder, warum er seit dem 11. September 2001 nicht mehr an Deutschland glaubt. Im Tagesspiegel erzählt Aino Laberenz, Christoph Schlingensiefs Witwe, wie das afrikanische Wellness-Zentrum funktionieren sollte, das er für den deutschen Pavillon in Venedig plante. Die NZZ bedauert das Formtief der russischen Kultur.

FR, 31.05.2011

Karlheinz Bohrer und Kurt Scheel hören nach 30 Jahren als Herausgeber der Zeitschrift Merkur auf, designierter Nachfolger ist Christian Demand. In einem langen Interview erinnern sich die beiden daran, wann sie den deutschen "Mehrheitsintellektuellen" am heftigsten gegen den Karren gefahren sind: Zum Beispiel 1989. "Das lag daran, dass wir mit unserer entschiedenen Befürwortung der deutschen Wiedervereinigung in einen absoluten Widerspruch zu den Mehrheitsintellektuellen in Deutschland gerieten. [...] Der Punkt nach 9/11 für uns war: Eine bestimmte Form von sentimentalem Antikolonialismus und Antiimperialismus spielen wir nicht mit. Der Araber als der neue edle Wilde, das kommt für uns nicht in Frage. [...] Das provokanteste Unternehmen war gewiss das Heft mit dem Titel 'Kapitalismus oder Barbarei?'. Das wurde zum Teil mit erstaunlichem Hass verfolgt", sagt Bohrer.

Weitere Artikel: Inge Ruthe unterhält sich mit Olafur Eliasson über dessen Regenbogenpanorama, das jetzt das Kunstmuseum im dänischen Aarhus schmückt. Julia Gerlach berichtet von einem Workshop der Deutschen Welle Akademie für deutsche und arabische Blogger mit durchaus bitteren Untertönen: "In Bahrain ist es gelungen, sowohl die Jugendbewegung auf der Straße als auch den Protest im Internet zu ersticken." Und Sacha Verna stellt die amerikanische Autorin Karen Russell ("Swamplandia") vor.

Besprochen werden Bücher, darunter Alain Ehrenbergs Buch "Das Unbehagen in der Gesellschaft" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 31.05.2011

In einem Essay erzählt Henryk Broder, warum er seit dem 11. September 2001 (den Eugen Drewermann noch am Abend des Geschehens als Akt der "Sprache der Ohnmächtigen" bezeichnete) nicht mehr an Deutschland glaubt: "Ich glaube seitdem nicht mehr, dass die Deutschen etwas aus ihrer Geschichte gelernt haben, außer, dass es für sie am günstigsten ist, sich aus der Geschichte rauszuhalten. Aus dem Volk ohne Raum wurde ein Volk ohne Rückgrat..., ein Club der toten Seelen, getrieben vom Willen zur Ohnmacht."

Weitere Artikel: Ulf Poschardt verdächtigt die Deutschen, sich im Moment des Atomausstiegs dem reaktionärsten ihrer Denker, Martin Heidegger verschrieben zu haben Tim Ackermann verabschiedet die Berliner Kunsmtesse Art Forum. Manuel Brug gratuliert Hans Neuenfels zum Siebzigsten. Und, nur online. Sven Assmann vom Festival Webcuts, erklärt im Interview mit Marion Meier, "wie der Internetfilm das klassische Kino verändert".

Besprochen werden der Thriller "Source Code", die große John-Constable-Ausstellung in Stuttgart und ein "Rigoletto" in Wien.

Tagesspiegel, 31.05.2011

Aino Laberenz, Christoph Schlingensiefs Witwe, erklärt im Interview, warum sie den von Schlingensief geplanten Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig nicht für ihn vollenden will: "Christoph hatte ein afrikanisches Wellness-Zentrum geplant. Es sollte ein Becken geben, in dem man schwimmen kann und das man schwarz wieder verlässt. Für mich war die Umsetzung das Problem: Wie mache ich das, wie sieht dieses Becken aus? Ist es rund oder eckig? Christoph war nicht nur ein Regisseur, der Anweisungen gab, sondern zugleich Autor und Bühnenbildner, Schauspieler und Kameramann. Sein Werk ist ohne seine Präsenz schwer zu realisieren. Ich hätte in Venedig letztlich meine Ästhetik umgesetzt. Dann wäre es keine Arbeit mehr von ihm."

So positiv wie alle behaupten ist das Gutachten des Wissenschaftsrats zur Stiftung Weimar Klassik und dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach gar nicht, meint Bernhard Schulz. Im Gegenteil: "Die Evaluierung nun birgt Sprengstoff in Seidenpapier", denn der Rat fordert letzlich "einen großen Schritt weg vom Reviergeist des Kulturföderalismus: Einrichtungen von nationaler Bedeutung, so die Quintessenz, gehören in Bundeszuständigkeit".

Und Peter Schneider kommentiert den Ausgang der Regionalwahlen in Italien, die Berlusconi zum Votum über seine Person erklärt hat: "Die großen Städte Norditaliens, vor allem Berlusconis langjährige Hochburg Mailand, gingen glamourös verloren, Neapel ebenso. [...] Da die Regierung fast alle denkbaren Amnestien für ihre Klientel längst erlassen hat, bleibt nicht mehr viel Spielraum für Bestechung. So könnte die Stichwahl zu einem historischen Datum werden: zum Tag der Abwendung der Italiener von der Kultur der Korruption."
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Aus den Blogs, 31.05.2011

(via Open Culture) Biblioklept hat ein Video ausgegraben, das Orson Welles bei der Vollführung eines Zaubertricks zeigt. 27 Sekunden totale Coolness:



(via BoingBoing) Ein ägyptischer General hat zugegeben, dass die Armee sogenannte "Jungfräulichkeitstests" an Demonstrantinnen durchgeführt hat. Die Begründung, die der General CNN dafür gegeben hat: "'The girls who were detained were not like your daughter or mine,' the general said. 'These were girls who had camped out in tents with male protesters in Tahrir Square, and we found in the tents Molotov cocktails and (drugs).' The general said the virginity checks were done so that the women wouldn't later claim they had been raped by Egyptian authorities."
Stichwörter: CNN, Cocktails, Tahrir, Orson Welles

NZZ, 31.05.2011

Olga Martynova konstatiert ein beträchtliches Formtief der russischen Kultur, warnt aber vor nachlassendem Interesse, denn vielleicht funktioniert Russland ja wie eine Musikschatulle: "Wo, wenn der Deckel geöffnet wird und jemand neugierig hineinblickt, die Musik erklingt und zierliche Figuren anfangen, sich zu drehen. Und wo es still und dunkel bleibt, wenn der Deckel zu ist."

Weiteres: Marc Zitzmann erinnert zum hundertjährigen Bestehen der ehrwürdigen Edition Gallimard an die großen Tugenden der Verlegerfamilie: Ideologiefreie Neugier und Entdeckerlust. Georg-Friedrich Kühn grtauliert Hans Neuenfels zum Siebzigsten. Marco Frei verabschiedet den nach Dresden wechselnden Dirigenten Christian Thielemann aus München. Hoo Nam Seelmann informiert, dass nun auch Koreas Fernsehen seinen Superstar gesucht und gefunden hat.

Besprochen werden Elias Khourys Roman "Yalo", Antonio Fians Dramolette "Man kann nicht alles wissen" und Nina Jäckles Roman "Zielinski" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 31.05.2011

Marlene Streeruwitz schreibt über die große Inszenierung, für die sich in New York der Staat, die Justiz die Kommentatoren in Stellung bringen. Und natürlich Dominique Strauss-Kahn: "Wie gesagt. Die Angestellten sind das Problem. Aber das sind sie in diesen Kreisen ja immer schon gewesen. Denn, was immer auch geschehen sein mag. Ganz sicher liegt diese Hierarchie vor. Der Herr des Hauses und das Dienstmädchen. Hierarchie. Das beschreibt es gar nicht. Es ist kulturell und eine jener Vereinbarungen, wie die Macht sich Ausdruck verschafft. Der römische Hausvater ist das, dem alles und alle in seinem Haus gehören. Selbstverständlich so. Die Anklage der Angestellten des Hotels Sofitel ist der Versuch, sich aus dieser Kultur herauszureklamieren. Darin wiederum knallen zwei Kulturen dieser Hausvaterei aufeinander."

Weiteres: Gaby Sohl berichtet von einer Tagung in Hofgeismar zum 50-jährigen Bestehen des documenta-Archivs mit Laurie Anderson. Klaus Irler war auf dem Nachwuchsliteraturfestival Prosanova in Hildesheim. Barbara Bollwahn liest Erich Loests Tagebuch "Man ist ja keine achtzig mehr" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 31.05.2011

In einem ausführlichen Aufmacher macht Jan Füchtjohann seiner These, in Demokratien sei "gerade die Langsamkeit eine Tugend", alle Ehre. Catrin Lorch schreibt zum Ende der Kunstmesse Art Forum in Berlin. Inga Rahmsdorf verfolgte ein Berliner Symposion über die Folgen des 11. Septembers und erfuhr etwa, dass muslimische Frauen überhaupt erst seit diesem Datum fälschlich als unterdrückt gelten. Burkhard Müller erlebte Georg Kreisler auf seiner Abschiedstournee in Weimar. Camilo Jimenez resümiert spanische Debatten (etwa hier, in Publico) um ein monumentales biografisches Lexikon in Spanien, das lobende Worte für Franco und Schergen seines Regimes findet. Laura Weißmüller lobt Erweiterungsbauten Max Dudlers für das Hambacher und das Heidelberger Schloss. Niklas Hofmann lauschte einem Symposion über Marshall McLuhan, der heute als Vordenker des Internets wieder entdeckt wird (und in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre). Wolfgang Schreiber gratuliert Hans Neuenfels zum Siebzigsten.

Besprochen werden Duncan Jones' Thriller "Source Code" (mehr hier) und Bücher, darunter das bisher nur auf englisch erschienene neue Buch des Islamwissenschaftlers Bernard Lewis, "The End of Modern History in the Middle East" (Auszug), rezensiert von Wolfgang G. Schwanitz.

FAZ, 31.05.2011

Von der feierlichen Verleihung des Orden pour le merite an Brigitte Fassbaender, Barbara Klemm und Willem Levelt berichtet Patrick Bahners. Abgedruckt ist die Laudatio von Durs Grünbein auf die FAZ-Fotografin Barbara Klemm (Bilder), die mit Worten wie diesen gerühmt wird: "Doch auch wer den Namen nicht kennt, hat als gelegentlicher Leser der F.A.Z. mit Sicherheit irgendwann eines ihrer Bilder vor Augen gehabt und vielleicht nicht nur überblättert, sondern ausgiebig betrachtet. Er wird sich dann, so wie ich, an sein Staunen erinnern vor den magischen Möglichkeiten dieser oft unterschätzten Vergegenwärtigungskunst Fotografie."

Weitere Artikel: Jörg Heiser erklärt, wie der berlusconinahe Moderne-Verächter Vittorio Sgarbi als Chef des italienischen Biennale-Pavillons die Kriterien der Kunst durch Inflationierung entwertet. Die Glosse widmet sich den jüngsten Zahlen zum Kohlendioxidausstoß und fällt darum einigermaßen apokalyptisch aus. Über den Weiterbau des Leipziger Paulinums freut sich, die Hintergründe der Unterbrechung erläuternd, Günter Kowa. Und auch Lisa Zeitz freut sich, und zwar über die Rückkehr (mehr dazu hier) des Gemäldes "Junge Dame mit Zeichengerät" von Carl Christian Vogel von Vogelstein in die Gemäldegalerie Dresden. In französischen Zeitschriften liest Jürg Altwegg unter anderem über Kollaboration, Nachkrieg, Algerien.

Besprochen werden ein Konzert von The Rural Alberta Advantage in Münster, Thomas Dannemanns Kölner "Warten auf Godot"-Inszenierung, ein von Luc Bondy inszenierter "Rigoletto" bei den Wiener Festwochen, die Ausstellung "Leo Rosenthal - ein Chronist in der Weimarer Republik" im Berliner Rathaus Schöneberg und Bücher, darunter Markus Orths' Roman "Die Tarnkappe" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).