Heute in den Feuilletons

Das bunte Geflüster

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.02.2011. Eine Nachricht an die Demonstranten in Ägypten: Dank Google kann man jetzt auch telefonisch twittern. Die Berliner Zeitung recherchiert über das Elend des Kulturprekariats und den relativen Wohlstand seiner Verwalter. Die New Republic ärgert sich über die im Netz und den Medien gefeierte Detroiter Desaster-Ästhetik. In der FR warnt der Nahostexperte Daniel Gerlach davor, die islamistische Gefahr zum "Argument für alles" zu machen. Das Medienblog DWDl.de wundert sich sehr doch sehr über die aktuelle Schwerpunktsetzung der Öffentlich-Rechtlichen. Die NY Times thematisiert den klaffenden Gender Gap bei der Wikipedia. Die SZ unternimmt einen Streifzug durch die Opernlandschaft der neuen Länder. Sie ist blühend!

TAZ, 01.02.2011

Eine von der iranischen Regierung beauftragte "Denkfabrik für sanfte Sicherheit" nimmt in ihrer Broschüre "Das bunte Geflüster" Schriftsteller aufs Korn nimmt, berichtet Bahman Nirumand: "'Schlagworte wie 'sanfter Umsturz' und 'samtene Revolution' hätten in die politische Literatur Einzug gefunden. Nahezu täglich tauchten neue Varianten einer von langer Hand geplanten Strategie des Umsturzes auf. Selbstkritisch gestehen die Autoren, die Bedeutung dieser Umsturzstrategie nicht hoch genug eingeschätzt und es versäumt zu haben, systematisch dagegen vorzugehen." Das werden Autoren im Iran wohl zu Recht als Drohung verstehen.

Alem Grabovac und der Migrationsforscher Klaus J. Bade haben das dumpfe Gefühl, dass die Linke in der Sarrazin-Debatte "irgendwie versagt" hat. Es lag an der Schockstarre, meint Bade: "Das war im Grunde wie damals bei der Konfrontation mit der Neuauflage von 'ethnischen Säuberungen' in Exjugoslawien und dem Schock von Srebrenica: Viele registrierten ungläubig, wie dünn der Firnis der 'modernen' Zivilisation sein kann".

Weiteres: In seiner Kolumne fühlt Micha Brumlik den "Besitzbürgern" den Puls und notiert Abstiegsängste, denen mit Amy Chuas "Schlachtruf einer chinesischen Mutter" auch nicht beizukommen sei. Klaus Hillenbrand lernt auf einer Konferenz, dass nicht alle Retter von Juden selbstlos waren. Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken von Felix Gonzalez-Torres im Frankfurter MMK (was für Profis und Kunstmarktkosmopoliten, meint Ulf Erdmann Ziegler).

Und Tom.

Berliner Zeitung, 01.02.2011

Der Tourneeveranstalter Berthold Seliger schreibt über die Ausbreitung des Kulturprekariats in Gestalt von Praktikanten und anderen Profis: "Wer als Musiker jünger ist als 30 Jahre, hat ein Jahreseinkommen von nur 8909 Euro. Zum Vergleich: Dem Vorstandschef der Urheberrechtsgesellschaft Gema, Harald Heker, werden 380.000 Euro im Jahr gezahlt."
Stichwörter: Euro, Gema, Berthold Seliger

NZZ, 01.02.2011

Christian Gasser vernimmt die Anzeichen der Krise auch beim Comic-Festival von Angouleme, vor allem die kleinen avantgardistischen Verlage und ihr Zugpferd L'Association sind in finanzielle Bedrängnis geraten. Um das mal klarzustellen: "L'Association ist nicht irgendein kleiner Verlag: L'Association ist der Verlag, der seit seiner Gründung vor 20 Jahren die französische Szene umgekrempelt, den Autoren-Comic neu definiert und mit Marjane Satrapis 'Persepolis' einen Weltbestseller gelandet hat."

Weiteres: Joachim Güntner nimmt Marbachs Direktor Ulrich Raulff gegen Vorwürfe (etwa von Roland Reuß in der FAZ) in Schutz, beim Erwerb von Kafkas Briefen an Ottla zu defensiv agiert zu haben. Besprochen werden eine "Tannhäuser"-Inszenierung von Harry Kupfer und Ingo Metzmacher in Zürich, Reinhart Kosellecks Aufsätze "Vom Sinn und Unsinn der Geschichte", Francis Wyndhams Roman "Der andere Garten" (Leseprobe) und Peter Schabers Schrift "Instrumentalisierung und Würde" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Aus den Blogs, 01.02.2011

Die aktuelle Schwerpunktsetzung der öffentlich-rechtlichen Anstalten in den Tagen der ägyptischen Revolution kommentiert Thomas Lückerath im Medienblog DWDL.de. Zum Beispiel das Erste: "Es ist nicht das erste Mal, dass die ARD hier merkwürdige Prioritäten beweist. Bei den Terroranschlägen von Mumbai im Herbst 2008 zog man die geplante 'Bambi'-Preisverleihung einer aktuellen Berichterstattung vor. Im vergangenen Frühjahr wiederum war der verletzte Knöchel von Michael Ballack gleich eine Sondersendung nach der 'Tagesschau' wert - wenn auch als 'Sportschau Extra' gebrandet. Anne Will talkte gleich im Anschluss an den 'Tatort' gestern übrigens lieber über Karl-Theodor zu Guttenberg."
Stichwörter: ARD, Tatort, Terroranschlag

Tagesspiegel, 01.02.2011

Da das Internet nicht funktioniert, bietet Google ägyptischen Demonstranten an, ihre Informationen per Telefon über den Dienst Speak2Tweet an Twitter zu leiten, meldet Martin Gehlen: "Die Nachricht müsse als Voicemail bei den internationalen Rufnummern +1 650 419 4196 oder +39 06 62 207 294 oder +97 316 199 855 hinterlassen werden. Die Nachrichten würden dann mit dem Schlagwort #egypt augenblicklich bei Twitter veröffentlicht." Mehr dazu im offiziellen Google-Blog.
Stichwörter: Google, Internet, Twitter

Welt, 01.02.2011

Matthias Kamann denkt anlässlich eines Streits um die Homo-Ehe über den Zustand des deutschen Protestantismus nach. Katharina Sieverding erklärt im Interview, warum viele Berliner Künstler gegen Klaus Wowereits geplante, 1,6 Millionen teure "Leistungsschau" protestieren: Erst mal sollten die bestehenden Institutionen mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden, bevor was neues gestartet wird. Eckhard Fuhr stellt einen neuen Literaturpreis "Von Autoren für Autoren" vor. Dankwart Guratzsch schreibt über Denkmalpflege in Ostdeutschland.

Besprochen wird Andreas Homokis Inszenierung von Gounods Oper "Faust" an der Hamburgischen Staatsoper.

FR, 01.02.2011

Heute morgen war die FR noch nicht online, unser resümee daher unverlinkt.

Daniel Gerlach, Mitherausgeber von Zenith, der Zeitschrift für den Orient, spricht im Interview mit Harry Nutt über die Revolte in Ägypten und Mubarak als Garanten der Stabilität und Bollwerk gegen den Islamismus im Nahen Osten: "Wenn es ein gemeinsames Muster für die Diktaturen in der arabischen Welt gibt, dann bestand es in dieser Argumentation. Das galt für Tunesien, gilt aber auch für Jordanien und erst recht für Saudi-Arabien, das im Grunde islamistisch regiert wird. Wahrscheinlich war die Gefahr eines islamistischen Umsturzes in Ägypten sogar am größten, weil es die islamistischen Kräfte bereits seit Nasser gab. Seit der Ermordung Saddats befindet sich Ägypten im Ausnahmezustand. So gesehen war das Szenario durchaus real. Aber man hat es sich dennoch zu leicht gemacht und die islamistische Gefahr zum Argument für alles genommen."

Weiteres: Der Ballettintendant Reid Anderson feiert im Gespräch mit Sylvia Staude Stuttgarts Tanztalente. Ganz richtig findet Daniel Bartetzko, dass das DAM in diesem Jahr David Chipperfield mit seinem Preis für Architektur auszeichnet. Besprochen werden eine Inszenierung von Walter Braunfels' "Ulenspiegel" in Gera und Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Wiesbaden.

Weitere Medien, 01.02.2011

(Via Rivva) Ein sehr traurige Zahl, die nicht fürs weibliche Geschlecht spricht, teilt Noam Cohen in der New York Times mit: "In 10 short years, Wikipedia has accomplished some remarkable goals. More than 3.5 million articles in English? Done. More than 250 languages? Sure. But another number has proved to be an intractable obstacle for the online encyclopedia: surveys suggest that less than 15 percent of its hundreds of thousands of contributors are women." Und wer hat sie in diesem Fall unterdrückt?

(via arts and letters daily) Noreen Malone ärgert sich in der New Republic über edle Fotos von den "fabelhaften" Ruinen Detroits. "Ruinen-Porno" nennt sie es. "Without people in them, these pictures don?t demand as much of the viewer, exacting from her engagement only on a purely aesthetic level. You can revel in the sublimity of destruction, of abandonment, of the march of change - all without uncomfortably connecting them with their human consequences. ... Those pictures are a funereal celebration, for a place that is sick but not dead."

SZ, 01.02.2011

Wolfgang Schreiber unternimmt einen Streifzug durch die Opernlandschaft der neuen Länder: "Von Abwicklung und Schließung spricht keiner mehr. Die im Magazin Wirtschaftswoche angeprangerte, weil angeblich viel zu teuer bezahlte Hochkultur erweist sich als lebensnotwendig - allerdings nur, wenn die künstlerische Qualität stimmt... In Chemnitz etwa ist die 1929 komponierte, noch nie aufgeführte Zeitoper 'Benzin' des Komponisten Emil Nikolaus von Rezniceck ausgegraben und schlagfertig gespielt worden."

Im Aufmacher analysiert Andrian Kreye die politische Dimension des Internets nach Wikileaks, warnt aber auch unter Bezug auf den Abwinker Evgeny Morozov ("The Net Delusion", Auszüge) vor Illusionen über sein revolutionäres Potenzial. Gemeldet wird, dass der Komponist Aribert Reimann den Siemens-Musikpreis bekommt. In der "Zwischenzeit" mahnt Gustav Seibt mit Blick auf die dies betreffende FAZ-Debatte: "Goethes hintergründiges, halb ehrfürchtiges, halb spielerisches Verhältnis zum Islam taugt nicht fürs Parteigeschrei der Islamhasser und ihrer Gegner." Gleichzeitig informiert er aber Thilo Sarrazin, der sich einbildete, Goethes Deutsch zu verstehen, dass Goethe mit dem Wort "furchtbar" nicht furchtbar, sondern eher so etwas wie "erhaben" meint. Camilo Jimenz meldet, dass die UN das Kauen von Koka-Blättern, das unter anderem von Evo Morales propagiert wird, weiterhin als Drogenmissbrauch ansieht. Tobias Kniebe schreibt zum Tod des Filmkomponisten John Barry.

Besprochen werden David Martons "Heimkehr des Odysseus" an der Berliner Schaubühne, eine Ausstellung der israelischen Künstlerin Keren Cytter in München, Händels "Giulio Cesare" mit Nathalie Dessay in Paris, eine Ausstellung über britische Plastik des 20. Jahrhunderts in London, der Kriegsheimkehrer-Film "Brothers" (mehr hier) und Bücher, darunter eine Ausgabe mit späten Schriften von Friedrich Engels (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.02.2011

Enttäuscht blickt Felicitas von Lovenbergs aufs für ihre Begriffe flache und unterhaltungslastige Frühjahrsprogramm der deutschen Verlage. Alles wird noch schlimmer werden, fürchtet sie, durch das für literarische Verlage ohne Taschenbuchprogramm kaum erträgliche Übersetzer-Urteil des Bundesgerichtshofs - und durch das Herannahen der E-Books: "Eine Lösung der Übersetzerhonorierung ist auch deshalb dringend nötig, weil das nächste Problem bereits vor der Tür steht: Der Onlinebuchhändler Amazon hat am Wochenende bekanntgegeben, 2010 in Amerika erstmals mehr E-Books als Taschenbücher verkauft zu haben. Wenn die E-Books der Zukunft die Taschenbücher der Vergangenheit ersetzen und die Taschenbücher von heute das anspruchsvolle Hardcover-Programm von morgen - wo bleibt dann der Leser, der von einem Buch mehr erwartet als nur gute Unterhaltung?" Im Logikkurs?

Weitere Artikel: Der Jurist Christoph Möllers kritisiert die jüngst in der FAZ erhobenen Einwände des CCC-Sprechers Frank Rieger gegen die Vorratsdatenspeicherung als typisches Beispiel die Problemlage vereinfachender "technokratischer Politikkritik". In osteuropäischen Zeitschriften liest Joseph Croitoru auch einen Artikel über das problematische Verhalten Bela Bartoks unter dem antisemitischen Regime in Ungarn. In der Glosse berichtet Gina Thomas über den Streit um die Wald-Privatisierungspläne der neuen britischen Regierung. Michael Martens macht sich lustig über das, was er auf der Website der Leipziger Buchmesse an statistisch ermittelten Daten übers Leseverhalten des diesjährigen Gastlandes Serbien zu lesen bekommt. Dieter Bartetzko schreibt einen kurzen Nachruf auf den Filmkomponisten John Barry

Besprochen werden Vera Nemirovas Inszenierung von Tommaso Traettas "Antigona" mit der von Rene Jacobs dirigierten Akademie für alte Musik (Julia Spinola lobt die "Wiederentdeckung" dieses bereits stark Richtung Mozart weisenden Werks), die Heilbronner Uraufführung von Anna Katharina Hahns erstem Theaterstück "Die letzte Stufe", die Abschiedsvorstellungen der Tänzerin Sylvie Guillem als Manon in Kenneth McMillans gleichnamigem Stück an der Mailänder Scala, der antisemitische türkische Actionfilm "Tal der Wölfe Palästina" und Bücher, darunter Paul Edwards' bisher nur in englischer Sprache erschienene Klimadebatten-Studie "A Vast Machine" und Jan Wagners Gedichtband "Australien" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr):