Heute in den Feuilletons

Umworben werden müssen die konstruktiven Kräfte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2011. Die FAZ erzählt, was passieren kann, wenn in China ein Dorfvorsteher energisch protestiert. Die Blogs machen sich Sorgen um den RSS Feed. Die SZ rät im Fall der Journalisten Marcus Hellwig und Jens Koch zur Beschwichtigungspolitik. In der Berliner Zeitung veröffentlicht der ivorische Autor Venance Konan einen Brief an seinen abgewählten, aber nicht weichenden Präsidenten  Laurent Gbagbo. Die taz interviewt Monika Piel. Die FR interviewt Monika Piel. Die SZ interviewt Monika Piel. Die Welt interviewt Monika Piel.

Welt, 03.01.2011

Henryk Broder hat ja den Spiegel verlassen und ist jetzt fester Kommentator bei der Welt. Sehr schön jedenfalls schon mal sein Kommentar zu den Problemen bei der Bahn: "Wie haben es die Deutschen damals bis nach Stalingrad geschafft? Ich vermute, es hatte nichts mit dem Stand der Technik, sondern mit der inneren Einstellung zu tun."

Auch Hannes Stein greift in die Debatte um die "Islamophobie" ein und sieht keine Parallele zum Antisemtismus, wohl aber im Kampf der Protestanten gegen die Katholiken in zurückliegenden Jahrhunderten: "Der Vergleich des antimuslimischen Ressentiments mit der Katholophobie ist hilfreich, weil er die Erkenntnis zulässt, dass die Furcht vor der katholischen Kirche einst begründet war, dass sie einen rationalen Kern enthielt; gleichzeitig sieht man aber, dass diese begründete Furcht zu Rassismus, Ungerechtigkeiten, auch Massakern führte."

Im Feuilleton schreibt Elmar Krekeler über den Boom von Romandramatisierungen im deutschen Theater und zitiert den Dramaturgen John von Düffel, der die Tendenz so erklärt: Es ist ein "großer, vielleicht letzter Versuch der Selbstverständigung über gemeinsame Lektüreerfahrungen, gemeinsame Werte, gemeinsame Bildungsauffassungen".

Weitere Artikel: Paul Jandl berichtet, dass die Falle des berüchtigten ungarischen Mediengesetzes erstmals zugeschnappt hat: Einem kleinen Privatradio drohen drakonische Sanktionen, weil es einen Song des längst vergessenen Rappers Ice T. spielte. Wilfried Urbe hat ein (recht unlebendiges) Interview mit der WDR-Intendantin Monika Piel geführt, die jetzt den ARD-Vorsitz innehat und Einsparungen bei den Anstalten verspricht.

Besprochen werden Bastien Vives' Comic "In meinen Augen" und Ralf Schmerbergs Dokumentarfilm "Problema", der im Netz kostenlos heruntergeladen werden kann.

Perlentaucher, 03.01.2011

Oliver M. Piecha und Thomas von Osten-Sacken greifen in die von Pascal Bruckner lancierte Perlentaucher-Debatte um den Begriff der "Islamophobie" ein. Ihrer Ansicht nach dient er vor allem dazu, durch eine Parallele zum Begriff des Antisemitismus einen neuen Opfer-Status der muslimischen Minderheit zu konstruieren, meinen sie, und er hat entlastende Funktion: "Wenn der 'Jude von heute' endlich ein Muslim von nebenan ist, braucht man über eliminatorischen Antisemitismus nicht mehr sprechen - auch nicht über den zeitgenössischen, der etwa von Teheran aus die Vernichtung Israels propagiert und tatkräftig vorbereitet."

Aus den Blogs, 03.01.2011

In 3quarksdaily wehrt sich Jenny White energisch gegen Susan Jacobys Predigt in der NYT, dass Alter, Alzheimer und Tod unvermeidlich sind und alle guten Vorsätze für das neue Jahr eh für die Katz. "But why tell us now? Why not in February, when we're sunk in darkness and cold, our backs thrown out by shoveling, primed to believe the bad news? Or November, when crumpled husks of leaves cling like forlorn bats to the naked branches. I'd be willing to contemplate mortality then. Not now when the gates are flung wide open. Of course it's important to plan for the worst. But it's just as important, I would argue, to hope and not to expect the worst. Hope lights the fire under our butts that keeps us moving, even as our energy fades to black. Yeats said it better (naturally):
'Everything that man esteems
Endures a moment or a day.
Love's pleasure drives his love away,
The painter's brush consumes his dreams;
The herald's cry, the soldier's tread
Exhaust his glory and his might:
Whatever flames upon the night
Man's own resinous heart has fed.'"

Hier sehr schön eingefangen die Berliner Stimmung beim Warten auf die S-Bahn am Morgen des neuen Jahres:



(Via Rivva) Asa Dotzler macht sich auf camendesign.com Sorgen um den RSS-Feed, der von den Browser-Herstellern (auch Google und Mozilla) arg vernachlässigt wird. Der Preis könnte die Autonomie der Nutzer sein: "If RSS isn't saved now, if browser vendors don't realise the potential of RSS to save users a whole bunch of time and make the web better for them, then the alternative is that I will have to have a Facebook account, or a Twitter account, or some such corporate-controlled identity, where I have to 'Like' or 'Follow' every website's partner account that I'm interested in, and then have to deal with the privacy violations and problems related with corporate owned identity owning a list of every website I'm interested in..."

Auch Marcel Weiß verlinkt auf Neunetz zu mehreren Artikel zum Thema RSS Feed.

Ansonsten, gähn, gibt's nichts Neues.


Anzeige

TAZ, 03.01.2011

Die Aktivitäten der ungarischen Regierung erschöpfen sich nicht im Mediengesetz schreibt der ungarische Philosoph und Politiker G.M. Tamas, der die liberale Demokratie Ungarns nach 1989 mitbegründet hat und davon jetzt so enttäuscht ist wie viele ungarische Bürger. Kein Wunder, dass die Rechten auf dem Vormarsch sind: "Die Regierung hat das Führungspersonal in allen staatlichen Behörden ausgetauscht - vor allem bei der Polizei, den Steuer- und Zollbehörden und in der Armee. Sie hat ein Gesetz verabschieden lassen, wonach alle Staatsbediensteten ohne Begründung entlassen bzw. Nachfolger ohne die erforderliche Qualifikation eingestellt werden können. [...] An diesem Punkt stehen wir heute. Es gibt keinen Weg zurück zu einer erfolglosen und unpopulären liberalen Ära. Eine Alternative zu einer neuen autoritären Ordnung ist derzeit nicht in Sicht."

(Über das empörendste ungarische Ereignis berichtet aber Gawkers Jeff Neumann: "A radio station in Hungary is under investigation by the National Media and Communications Authority for playing the 1993 Ice-T song 'Warning (It's On),' because the lyrics 'could influence the development of minors in a negative way.'" Kommentar einer Leserin: "They prefer Ice Cube's 'Czech Yourself'.")

Für das Feuilleton besucht Jenni Roth den Komponisten Pierre Oser, der in Hanoi sein Spektakel "Der durch das Tal geht" vorbereitet. Steffen Grimberg entlockt der neuen ARD-Vorsitzenden Monika Piel einige furchtbar offiziell klingende Verlautbarungen.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografin Alice Springs in Berlin, ein Tributalbum des Gitarristem Elliott Sharp an diie Blueslegende Willie Dixon und R. Murray Schafers Buch "Die Ordnung der Klänge - Eine Kulturgeschichte des Hörens" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 03.01.2011

Erwin Dettling besucht die mexikanische Schriftstellerin und Journalistin Elena Poniatowska. Von Mexikos Anti-Drogen-Krieg scheint sie nicht viel zu halten: "Warum gab es die blutrünstige Jagd auf Drogenzaren während der langen Jahre der PRI-Herrschaft nicht? Die Antwort von Elena Poniatowska ist lapidar. 'Der PRI schloss eben Abkommen mit den Drogenbaronen. Das schuf Sicherheit und relative Ruhe im Land."

Weiteres: Der Autor Marko Martin berichtet von einem Besuch in der monumentalen Gedenkstätte für Tschiang Kai-schek in Taipeh: "Der große Abwesende in diesen Hallen ist selbstverständlich Mao Zedong." Besprochen werden eine Ausstellung über den Architekten der Pariser Oper Charles Garnier in der Ecole des Beaux-Arts in Paris und Andris Nelsons' Konzert mit Richard und Johann Strauss in der Tonhalle Zürich.

Berliner Zeitung, 03.01.2011

Der ivorische Schriftsteller und Journalist Venance Konan hält eine Rede an den abgewählten Präsidenten der Elfenbeinküste, der nicht abtreten will und sein Land in einem Blutbad zu ersäufen droht: "Es wird Nacht werden, Laurent Koudou Gbagbo. Und es wird eine lange Nacht. Eine sehr lange, Laurent Koudou. Denn es ist die Nacht Deines Rendez-vous mit dem Schicksal, Laurent. Hast Du Dir schon die Augenlider ausgerissen - wie Sakouato, der mystische Vogel in Deinem Land, dessen Aufgabe es war, das Dorf vor Gefahren zu warnen, und der sich die Augenlider ausriss, um nicht plötzlich vom Schlaf übermannt zu werden? Es wird eine lange Nacht werden, Koudou. Die Nacht Deines Schicksals. Und des Schicksals Deines Landes, der Elfenbeinküste..."
Stichwörter: Elfenbeinküste

FR, 03.01.2011

Die FR bringt ebenfalls den Offenen Brief des ivorischen Journalisten Venance Konan an den abgewählten Präsidenten der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, allerdings nicht online. Besprochen werden Bernd Leukes musikphilosophisches Album "Der Uhu des Ihi", eine Ausstellung über Schuhe in Mainz, Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers und eine Neuübersetzung von Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel".

Das heutige Pflichtinterview mit der neuen ARD-Vorsitzenden Monika Piel führt Anne Burgmer: "Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein."
Stichwörter: ARD, Elfenbeinküste

FAZ, 03.01.2011

Der dubiose Tod eines durch eine energische Protesthaltung landesweit bekannten Dorfvorstehers hat in China eine massive Blogger-Gegenöffentlichkeit aktiviert. Mark Siemons berichtet: "Unterdessen traf am vergangenen Freitag eine Reihe bekannter Blogger und Vertreter zivilgesellschaftlicher Institutionen im Dorf ein, um die polizeilichen Untersuchungen nachzurecherchieren. Sie sprachen auf eigene Faust mit den Bauern, den Augenzeugen und den Polizisten und stellten ihre mitgefilmten Interviews sofort live ins Netz. So etwas hatte es bislang nicht gegeben." 

Weitere Artikel: Friederike Reents erinnert an Gottfried Benn, dessen literarische Karriere vor hundert Jahren ihren Ausgang zu nehmen begann. Abgedruckt wird daneben eine sehr späte kurze Erinnerung des Dichters an die Silvesternächte 1900, 1914 und 1944. Vom alljährlichen Hacker-Kongress des Chaos Computer Club berichtet Detlef Borchers. Dirk Schümer glossiert die italienische Begeisterung für Gegenwartskunst-Museumsbauten - zu den bereits existierenden gesellt sich nun in Mailand ein Museum namens "Mac" nach einem Entwurf von Daniel Libeskind. "Klarer Denken" heißt in Fortzsetzung von Rolf Dobellis Kolumne heute: den "Regression-zur-Mitte-Irrtum" erkennen. Das Scheitern eines Anti-Piraterie-Gesetzes in Spanien meldet Paul Ingendaay.

Besprochen werden Matthias Hartmanns wieder aufgewärmte Inszenierung von Friedrich Schillers "Der Parasit" in Wien, eine Ausstellung mit Werken von Helmut Kolle in den Kunstsammlungen Chemnitz, und Bücher, darunter Zora del Buonos Roman "Big Sue" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 03.01.2011

Im Fall der beiden deutschen Staatsgeiseln des Iran, Marcus Hellwig und Jens Koch, rät der große alte Mann des Iran-Journalismus Rudolf Chimelli zwar zur Nennung der Namen (auf die er selbst aber verzichtet), aber auch zur Beschwichtigung: "Verantwortliche in Deutschland sollten aber Drohgebärden vermeiden, zumal kaum Druckmittel zur Verfügung stehen. Theaterdonner wäre kontraproduktiv, denn er würde Trotzreaktionen hervorrufen... Umworben werden müssen die konstruktiven Kräfte im iranischen Apparat, die in den deutschen Gefangenen eine lästige Bürde sehen."

Im Feuilletonaufmacher plädiert Andrian Kreye mit Matt Ridley (hier) und Steven Pinker (hier) für einen "rationalen Optimismus", während der britische Essayist Alain de Botton dem Pessimismus das Wort redet. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hofmann vom Bloggerkrieg um Wikileaks zwischen Glenn Greenwald bei Salon.com (pro Wikileaks) und Kevin Poulsen von Wired und verweist auf eine penible Chorink der Auseinandersetzung bei Firedoglake. Andrian Kreye verweist passend zum Thema auf das "Vicki Leekx Mixtape" (kostenloser Download) der Rapperin M.I.A. Thomas Urban wirft einen Blick auf das Kulturhauptstadtjahr in Tallinn (die andere Kulturauptstadt ist die finnische Stadt Turku auf der anderen Seite des Ostsee). Anke Sterneborg unterhält sich mit dem Dokumentarfilmer Frederick Wiseman über seinen Film "La Danse".

Auf der Medienseite interviewt Christopher Keil die sich recht betonköpfig gebende neue ARD-Vorsitzende Monika Piel.

Besprochen werden die Silvesterkonzerte verschiedener Spitzenorchester, die Ausstellung "Die Kelten. Druiden. Fürsten. Krieger" in Völklingen, neue DVDs und Bücher, darunter die monumentale Neuausgabe von Arno Schmidts "Zettel's Traum".