Heute in den Feuilletons

Der Inhalt ist Indoktrination pur

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2010. In der Welt stellt Carlos-Regisseur Olivier Assayas klar, dass es das revolutionäre Subjekt  nicht gibt, sondern nur Botschaften, die ein Staat einem anderen schickt. In der FR erinnert der Ethiker Markus Tiedemann daran, dass die Menschenrechte über die Zustimmung der Religion erhaben sind. In der NZZ schildert György Dalos einen besonders bitteren Fall von Ungarntümelei. In der SZ erklärt die Reporterin Dana Priest, dass sie erst mit der CIA diskutiert, bevor sie sie in die Pfanne haut. Und das Internationale Komitee gegen die Steinigung fürchtet sehr aktuell um die Iranerin Sakineh Ashtiani.

Welt, 03.11.2010

Im Interview mit Peter Praschl spricht Regisseur Olivier Assayas über seinen "Carlos"-Film und lässt keinen Zweifel daran, dass der Mann nur eine Marionette war: "Für mich gibt es keinen Terrorismus, der nicht Staatsterrorismus ist. Die Idee des revoltierenden Individuums, das Bomben wirft, weil es den Staat hasst, ist für mich eine Idee des 19. Jahrhunderts. Natürlich verkauft man den Fußsoldaten Narrative, die es ihnen ermöglichen, sich für autonome Revolutionäre zu halten. Doch die Leute, die Theorien machen und die Aktionen finanzieren, haben Geopolitik im Sinn. Jede terroristische Handlung ist eine Botschaft, die ein Staat an einen anderen Staat schickt." Hier Praschls Besprechung des Films (und hier noch einmal Simon Rothöhlers Essay im Perlentaucher).

Weiteres: Hanns-George Rodek hält den angekündigten Ehren-Oscar für Jean-Luc Godard für eine gute Gelegenheit, einmal genauer Godards ablehnendes Verhältnis zu Israel und den Juden genauer unter die Lupe zu nehmen (mehr hier). Stefan Koldehoff erzählt die Geschichte des Van-Gogh-Bildes, das morgen bei Christie's versteigert werden soll. Thomas Lindemann unterhält sich mit Bruce Feirstein, dem Entwickler des James-Bond-Videospiels.

FR, 03.11.2010

Ah, auch in der FR tritt mal jemand für säkulare Werte ein. Markus Tiedemann, Didaktiker für Ethikunterricht an der FU Berlin, erinnert in Antwort auf einen Artikel Abdullahi Ahmed An-Naims, der Scharia und Menschenrechte annähern wollte, an ein paar grundsätzliche Wahrheiten: "Gerade in den drei großen Buchreligionen häufen sich positive und erschreckende Impulse. Die Bergpredigt ist mit den Menschenrechten kompatibel, die Offenbarung des Johannes sicherlich nicht. Immer wieder muss daran erinnert werden, dass die Menschenrechte nicht durch, sondern gegen die Kirchen erstritten wurden. Selbstverständlich können Religionen zur Achtung der Menschenrechte motivieren, die Verbindlichkeit dieser Werte ist jedoch über die Zustimmung der Religionen erhaben."

Außerdem: Peter Michalzik glossiert den Wankelmut politischer Stimmungen in den USA und Deutschalnd. Auf der Medienseite annonciert Patrick Beuth eine neue Webseite von Helmut Markwort: stayalive.com, ein Online-Friedhof, auf dem sich jeder für die Nachwelt verewigen kann.

Besprochen werden Olivier Assayas' Film über den Terroristen Carlos (mehr hier), eine Ausstellung mit Privatfotos des KZ-Kommandanten Karl-Otto Koch in der Berliner Topografie des Terrors, die Uraufführung von Johanna Doderers Oper "Der leuchtende Fluss" (Jürgen Otten vermisste einen "facettenreichen Text, eine griffige Musik sowie eine Regie, die über Klischees" hinausgeht) und Bücher, darunter eine Biografie über Victoria Ocampo (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 03.11.2010

Christina Haberlik bilanziert die zu Ende gegangene Expo in Schanghai. Alles überragt der chinesische Pavillon, ein riesenhafter pagodenförmiger Bau: "Er wird als einziger stehen bleiben. Der Inhalt ist Indoktrination pur: Hier beginnt die Geschichte Chinas vor knapp vierzig Jahren, mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Öffnung des Landes. Die Errungenschaften dieser knapp vier Jahrzehnte werden in einem atemberaubenden Erfolgsrausch gepriesen. Dass man sich selbst feiert, meint mein chinesischer Guide, sei doch nur recht und billig und ein Zugeständnis an die Leute, die so hart arbeiten mussten, um all dies zu erreichen."

Weitere Artikel: Klaus Hillenbrand inspiziert die ersten Seiten von Google Street View. Cigdem Akyol interviewt eine der wenigen Rabbinerinnen in Deutschland, Alina Treiger. Susanne Knaul berichtet über das erste gleichgeschlechtliche Tanzpaar in "Dancing with the stars", in der israelischen Version.

Besprochen wird Olivier Assayas' Film "Carlos - Der Schakal".

Und Tom.
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Stichwörter: Olivier Assayas, Expo, Google

NZZ, 03.11.2010

Der Schriftsteller und Historiker György Dalos erzählt von einem besonders peinvollen Fall von Ungarntümelei: Die Budapester Bibliothek soll umbenannt werden, deren Namenspatron Ervin Szabo sich zwar um die Öffnung für breite Kundenkreise verdient gemacht hat, aber auch anarchosyndikalistische Ansichten vertrat: "Ein Gespenst geht um in Ungarn - das Gespenst des nachträglichen und deshalb risikofreien Antikommunismus. Offensichtlich ist dies ein gesamtosteuropäisches Phänomen, wenn man die sarkastische Bemerkung des rumäniendeutschen Schriftstellers Richard Wagners in Betracht zieht, der entsprechend es in Rumänien inzwischen fast ebenso viele Antikommunisten gibt, wie es unter Ceausescu Genossen gab. Bei uns ist es gar nicht anders, und man kann nur hinzufügen, dass die beiden Gruppen manchmal seltsame Überdeckungen aufweisen."

Weiteres: Joseph Croitoru berichtet vom kläglichen Ausgang eines Schulbuchprojekts (hier als pdf), das die historischen Erfahrungen der Israelis und Palästinenser gleichermaßen berücksichtigen wollte, aber auf wenig Interesse oder politischen Wohlwollen stieß. Besprochen werden Wagners "Walküre" als Fortsetzung des Frankfurter "Rings", Ahlrich Meyers Studie "Das Wissen um Auschwitz" und Kidnerbücher (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 03.11.2010

Das Internationale Komitee gegen die Steinigung befürchtet, dass die Iranerin Sakineh Ashtiani heute gesteinigt oder sonstwie umgebracht wird und ruft die Welt noch einmal zum Protest auf: "Come out in full force against the state-sponsored murder of Sakineh Mohammadi Ashtiani". Das Komitee plant heute Demonstrationen in Paris und Brüssel, berichtet Anna North bei Jezebel. "Die Webseite bittet außerdem die Unterstützer von Ashtiane, ihre Regierungen aufzufordern, sofort die Botschafter der Iranischen Republik kommen zu lassen und zu verlangen, das die Hinrichtung von Sakineh Mohammadi Ashtiani gestoppt und sie zusammen mit ihrem Sohn Sajjad Ghaderzadeh, ihrem Anwalt Houtan Kian und zwei deutschen Journalisten aus dem Gefängnis entlassen wird."
Stichwörter: Paris, Sohn

Weitere Medien, 03.11.2010

(via Valleywag) Über eine Etappe in dem großen Spiel, Twitter auch auf dem Anzeigenmarkt zum Konkurrenten aufzubauen, berichtet in der NYT Claire Cain Miller. Nachdem Twitter-Mitbegründer Evan Williams Ende 2008 den zweiten Twitter-Mitbegründer (es gibt noch einen dritten, Biz Stone) Jack Dorsey als Chef verdrängt hat, musste er seinen Job jetzt an Dick Costolo abtreten. Williams, so hat sich herausgestellt, ist einfach kein CEO. Als sich herausstellte, wie irrsinnig erfolgreich Twitter ist, hätten viel mehr Leute eingestellt werden müssen, so Miller. Vor allem Marketing-Leute, die das Anzeigengeschäft aufbauen. Aber Williams konnte sich dazu nicht entscheiden, er hatte Angst vor einer gesichtslosen Bürokratie: "The topic is important to Mr. Williams, who says he started companies because he didn't believe in aligning himself with institutions. Twitter's executives talk about the 'Dunbar number' - the maximum number of people, generally believed to be 150, with whom one person can have strong relationships. This effort, mind you, comes from a company with a business model that fosters a multitude of ever-growing - and largely glancing - interactions among Twitter's users. 'I've never seen a company so focused on avoiding the Dunbar number,' says Adam Bain, who recently joined Twitter from the News Corporation as head of global revenue. 'You can tell Ev planned it out.'"

Das Handelsblatt meldet, dass Le Monde gerettet ist. Allerdings wird die in schwere Finanznot geratene Zeitung künftig von Investoren rund um den linken Kulturmäzen Pierre Berge kontrolliert.

SZ, 03.11.2010

Auf der Medienseite erklärt Dana Priest, investigative Reporterin der Washington Post, warum sie nichts von Wikileaks hält: "Wikileaks ist kein Medienunternehmen und keine Nachrichtenagentur. Bei der Washington Post herrscht eine andere Kultur. Bevor wir brisante Informationen veröffentlichen, verständigen wir uns mit der Regierung oder diskutieren mit dem Chef der CIA." (Hmja. Trotzdem hat Dana Priest einige für die amerikanische und europäische Regierungen äußerst peinliche Misstände aufgedeckt mit dem Ergebnis, dass sie mit zwei Pulitzerpreisen nach Hause ging, während ein Leiter des amerikanischen Heeresamts seinen Hut nehmen musste. Man fragt sich, wie sie mit dem Chef der CIA diskutiert.)

Im Feuilleton kratzt sich Jens Bisky nach einer "peinigend plattitüdenreichen Rede" Klaus Wowereits zur Berliner Kulturpolitik am Kopf: "Warum spricht Wowereit von einer Prioritätensetzung für Kultur, setzt aber kulturpolitisch keine klaren Akzente?" Das Budget des Goethe-Instituts soll um 2,8 Prozent gesenkt werden, meldet Thomas Steinfeld. Florian Kessler musste nicht lachen, als ihm bei der Berliner Tagung über Theater und Glauben erklärt wurde: "Gemeindearbeit - das ist Ensemblearbeit". Rainer Gansera singt ein Liebeslied auf die Hofer Filmtage. Für die Reihe "Schule der Kunst" besucht Sonja Zekri das private Strelka-Institut für Medien, Architektur und Design in Moskau, wo Rem Koolhaas lehrt. Franziska Schwarz stellt das Netzprojekt für klassische Musik, Musopen, vor.

Besprochen werden Angela Schanelecs Flughafenfilm "Orly" ((Martina Knoben ist begeistert - von Schanelecs Regie: "Lupe und Seziermesser" (mehr hier), Reinhold Vorschneiders Kameraarbeit, ohne die "die Nouvelle Vague Allemande nicht so schwebend und so französisch" aussähe (mehr hier), und der Tonmischung: "eine Herkules- und Meisterleistung")), Philipp Stölzls Inszenierung der "Fledermaus" in Stuttgart (Wolfgang Schreiber konstatiert einen Hang zum Drastischen, hat sich aber amüsiert), das "Offertorium" von Sofia Gubaidulina mit dem Bayerischen Staatsorchester und der Geigerin Baiba Skride in München, Michael Thalheimers Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" am Wiener Burgtheater (Thalheimer "zelebriert das Stück sakrosankt und mit aufgeblasenen Backen als hohe Messe", urteilt Christopher Schmidt) und Bücher, darunter Martha Nussbaums Buch über "Die Grenzen der Gerechtigkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 03.11.2010

Hoch bedenklich findet es Joseph Croitoru, dass die britische Regierung das von Großbritannien aus agierende islamistische Onlinejournal der Muslimbrüder ikhwanpress duldet, in dem der neue Muslimbruderschaftschef Muhammad Badi scharf gegen den Westen hetzt: "Er wirft arabischen Regimen Verrat an der islamischen Sache vor, ruft zum gewaltsamen Widerstand gegen den 'Weltzionismus' auf und propagiert den Märtyrertod im Kampf gegen die Feinde des Islams... Als deren einzigen bedeutsamen Gegner im Nahostkonflikt - neben seinen Anhängern, versteht sich - sieht er die palästinensische Hamas, deren Ziel auch er anstrebt: die Abschaffung des 'zionistischen Gebildes', des Staates Israel."

Weitere Artikel: Der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn blickt nach Kanada, um zu erklären, wie eine erfolgreiche Einwanderungspolitik aussieht. Und warnt Deutschland vor der Kannibalisierung durch andere OECD-Partner: Denn es werde "mitleidlos weggeputzt, wer mehr dazu neigt, gefressen zu werden, als selbst zuzuschnappen." In der Glosse schreibt Jordan Mejias über den "dies irae, Tag der Volkswut" in den USA (Wie erwartet haben die Demokraten ordentlich Stimmen verloren, ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren, im Senat aber immerhin gehalten. Mehr hier oder hier). Ebenfalls Mejias liest in amerikanischen Zeitschriften bedenklich Stimmendes zur Alterung der Welt, insbesondere zum "grauen Tsunami" in Asien. Auf den Geisteswissenschaften-Seiten findet sich der auszugsweise Vorabdruck eines Gesprächs der Zeitschrift für Ideengeschichte mit dem Ideenhistoriker Jean Starobinski, der demnächst seinen neunzigsten Geburtstag feiert. 

Besprochen werden ein Konzert von Carl Barat in Köln (hier ein Eindruck auf Youtube), das Musikspektakel "Fürs Pücklers Utopia" im Staatstheater Cottbus, die große Gabriel-von-Max-Ausstellung im Münchner Kunstbau, eine dem Schweizer Architekten und Designer gewidmete Mario Botta gewidmete Ausstellung in RoveretoOlivier Assayas' Terrorismusepos "Carlos" (als "kleines Wunder" preist Michael Althen den Film, den er in der fünfeinhalbstündigen Langfassung zu sehen empfiehlt), und Bücher, darunter Sabrina Janeschs Romandebüt "Katzenberge" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).