Heute in den Feuilletons

Ausreichend Sex

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2010. Amazon begibt sich immer mehr auf das Feld der Verlage, berichtet paidcontent.org. In Amerika will die Firma vor allem Übersetzungen publizieren. Anders als die ÖRA in Deutschland wird die BBC sparen müssen, berichtet Telepolis. Der Observer schickt eine Reportage aus Sodom-sur-mer (das liegt in Dubai). Facebook wird auf Kritik an Datenschutzbestimmungen reagieren, berichtet das Wall Steet Journal. Und Dirk Baecker verteidigt den Kapitalismus gegen die FR.

Aus den Blogs, 19.05.2010

Amazon begibt sich immer mehr auf das Feld der Verlage, berichtet David Kaplan auf paidcontent.org: "The company has unveiled its second publishing imprint, AmazonCrossing, which will acquire the rights to foreign-language titles and publish the English versions... Amazon's publishing move follows last year?s launch of AmazonEncore, a program aimed at promoting books from independent, unknown authors who stand a good chance of attracting a wider audience based on 'buzz' from Amazon reviews." Mehr auch hier.

Charles Simic denkt in einem sehr schönen kleine Blogeintrag in der NYRB darüber nach, warum man gelegentlich ein Gesicht aus der Menge im Gedächtnis behält. "Why do we remember some faces and not the others? One meets all sorts of interesting-looking people in the city: confident, bursting with health, sickly, preoccupied, seemingly lost or thoroughly defeated, so how come so few stick in our memory? No doubt it?s because something about them cheers or troubles our spirit. At times, compassion and fear make us identify with them. We find ourselves in their shoes for a moment, living a life we have read in their faces."

Der Anwalt Georg Nolte analysiert bei Carta den bei Irights.info veröffentlichten Entwurf der Zeitungsverleger für ein Leistungsschutzrecht und kommt zu keinen positiven Ergebnissen: "Das Leistungsschutzrecht ist weder zur Schließung einer vermeintlichen Regelungslücke erforderlich, noch haben die Verleger bislang die behaupteten ökonomischen Hintergründe ihrer Forderung belegt. Letztlich zielt das Leistungsschutzrecht auf eine Quersubventionierung einer Branche durch andere - abgewickelt über das Vehikel einer urheberrechtlichen Verwertungsgesellschaft (mit entsprechender Ausnahme vom Kartellverbot)."

Während die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland nach dem Vorschlag von Paul Kirchhof 800 Millionen Euro mehr an Gebühren bekommen sollen, bereitet sich die BBC unter der neuen Regierung aufs Sparen vor, berichtet Peter Mühlbauer in Telepolis: "Auch der 112 Millionen Pfund umfassende Etat für den Internetauftritt wird um ein Viertel verringert. Zudem soll die BBC dort in Zukunft stärker auf Zeitungsartikel verlinken und so helfen, deren Traffic zu erhöhen. In Deutschland dürfte das geplante Gesetz zu Leistungsschutzrechten für Zeitungsverleger exakt das Gegenteil herbeiführen."

FR, 19.05.2010

Der Soziologe Dirk Baecker erklärt im Interview, warum gerade die Finanzkrise zeigt, dass der Kapitalismus funktioniert. Dennoch muss der Staat auch politisch intervenieren, sagt er auch. Nur wie, bleibt die Frage. Denn durchsetzen könne die Politik nur dies: "Sie kann diejenigen zur Kasse bitten, die keine Alternative haben. Aber auch das ist nicht wirklich eine gute Idee, weil es das Klima im Lande, die Beweglichkeit und Geistesgegenwart der Bürger abwürgt."

Weiteres: Dirk Fuhrig berichtet über das renovierte Opernhaus Teatro Colon in Buenos Aires. Für Konstantin Neven DuMont ist die Welt aus den Fugen - die Medienlandschaft, die Demokratie, die Kinder - an allem schuld ist das Internet und darum muss der Staat die alten Medien fördern. (Es ist nämlich total demokratiefördernd, wenn ein Verleger sein Medium permanent zur Lobbypolitik in eigener Sache nutzt.)

Besprochen werden ein Konzert von Rufus Wainwright in der Münchner Muffathalle und Benjamin Steins Roman "Die Leinwand" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Welt, 19.05.2010

Gerhard Gnauck verfolgte in Breslau ein Symposion über das deutsch-polnische Verhältnis. Hanns-Georg Rodek sah in Cannes die neuen Filme von Alejandro Gonzalez Inarritu und Xavier Beauvois. Tilman Krause sucht in Schwaben nach den Spuren der schönen Stauferzeit. Besprochen wird ein neues Album der Fantastischen Vier.
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Perlentaucher, 19.05.2010

Die Verbreitung von E-Book-Lesegeräten wie dem Ipad verschafft der Literatur neue Ausdrucksmöglichkeiten: Aus beweglichen Lettern können bewegte Lettern werden. Die Remix-Kunst der 'animierten Typografie' lässt erahnen, wie dies aussehen könnte, schreibt Thomas Rohde im Perlentaucher. "Der Gedanke, dass bald nicht nur Werkderivate (also Adaptionen traditioneller Literatur, Filme oder Songs in die animierte Typografie), sondern originäre Werke der animierten Typografie entstehen werden, ist reizvoll. Für Lyrik scheint die neue Werkform auf den ersten Blick besonders geeignet: Ich wäre beispielsweise ausgesprochen neugierig auf eine Adaption von Mallarmes 'Coup de des' in bewegten Lettern."
Stichwörter: Remix, Typografie

Weitere Medien, 19.05.2010

(Via Gizmodo) Facebook wird möglicherweise diese Woche noch auf Kritik an seiner Datenschutzpolitik reagieren und den Nutzern mehr Möglichkeiten bieten, ihre Privatsphäre zu kontrollieren, berichtet Jessica E. Vascellaro im Wall Street Journal: "The site's privacy travails have rattled Facebook employees and put pressure on Mr. Zuckerberg..."

The Big Picture erinnert mit einer Strecke historischer Aufnahmen an den Ausbruch des Mount St. Helens vor 30 Jahren.

(via 3 quarks daily) William Butler hat dem Observer eine Reportage aus Sodom-sur-Mer geschickt - Dubai. In dem Golfemirat kann man für einen Kuss auf die Wange einen Monat im Knast landen, Alkohol ist verboten und Ehebruch wird mit Gefängnis bestraft. Einerseits. Andererseits leben und arbeiten hier unter dem wohlwollenden Auge der Behörden schätzungsweise 30.000 Prostituierte. Die Einheimischen profitieren gleich zweifach von ihnen: "Jeder Staatsangehörige der UAE hat Anspruch auf eine Reihe von Aufenthaltsvisa, die er nutzt, um Bedienstete, Fahrer oder Gärtner zu importieren. Der Überschuss wird an Zwischenhändler verkauft, die sie wiederum an Frauen weiterverkaufen, die dauerhaft in der Stadt leben wollen. ... Mit dem Visa wechseln mehr als 5000 Dollar den Besitzer, ein nettes Nebeneinkommen selbst für eine reiche Nation. Und der Handel versorgt die Emiratis mit ausreichend Sex."

(via BoingBoing) In Saudiarabien hat eine Frau einen Religionspolizisten verprügelt, der sie und ihren Begleiter (mit dem sie nicht verheiratet war) angehalten und verhört hatte. Im Laufe des Verhörs war der Begleiter zusammengebrochen, berichtet die Jersusalem Post.

NZZ, 19.05.2010

Barbara Villiger Heilig stimmt nach Inszenierungen von Robert Lepage und Alvis Hermanis eine kleine Eloge auf die Wiener Festwochen an, deren Schauspielsparte sich unter Luc Bondy, Marie Zimmermann und Stefanie Carp zu einem der "schönsten Festivals überhaupt" gemausert habe: "Für Qualität ist gesorgt. Es herrscht kein Zwang zur sogenannten Avantgarde, doch auch keine Angst vor ihr; man grenzt sich nicht krampfhaft von dem ab, was dem großen Publikum gefällt; die Arbeit gewisser Künstlerteams wird über Jahre verfolgt und begleitet; daneben haben Neuentdeckungen ihre Chance."

Weiteres: Joachim Güntner ist mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nach Istanbul gereist. Besprochen werden "Ring"-Inszenierungen in Frankfurt und Mailand, Ingeborg Bachmanns Kriegstagebuch, Maria Angels Angladas Roman "Die Violine von Auschwitz" sowie zwei Studien zur mittelalterlichen Kriegsführung (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 19.05.2010

Max Dax hat sich für die tazzwei in Bristol Carl Theodor Dreyers "Die Passion der Jeanne d'Arc" angesehen, die Adrian Utley von Portishead und Will Gregory von Goldfrapp neu vertont haben. Ganz ohne arte, Kulturstaatsminister und Exzellenzen lief die Premiere ab, dafür "rührend provinziell": "Es gab keine Laudatio, und auch dass Dreyers 1928 gedrehter Film jahrzehntelang in England wegen Empire-Feindlichkeit auf dem Index stand, war den Veranstaltern, dem Stiftungsgremium der Colston Hall, gerade mal einen Nebensatz im Programmfaltblatt wert. Anders als bei den hochoffiziellen Prestigeveranstaltungen in Berlin durfte das Publikum Bier und Schnaps mit in den bestuhlten Saal und in die Balkone nehmen, und als i-Tüpfelchen der sympathischen Nichtperfektion knatterte der Filmprojektor so laut, dass er in leisen Momenten der Musik wahrnehmbar zu hören war. "

Im Kulturteil porträtiert Simone Kaempf den britischen Dramatiker Dennis Kelly, dessen hochkomplexe Theaterstücke sich zu ganzen Denkfeldern ausweiten. Cristina Nord hat in Cannes die Filme von Takeshi Kitano und Xavier Beauvois gesehen. Besprochen werden Haim Tabakmans Film über orthodoxe Schwule in Jerusalem "Du sollst nicht lieben" und der Auftakt von Rufus Wainwrights Deutschlandtournee.

Auf einer Tagesthemenseite bilanziert die Memorial-Mitbegründerin Swetlana Gannuschkina eher enttäuscht die bisherige Menschenrechtspolitik von Russlands Präsident Medwedjew. Trotz aller Ankündigungen hat sich vor allem die Lage in Tschetschenien nicht gebessert: "Warum nur gibt es nach den Sonderoperationen immer nur tote Aufständische und keine Festgenommenen? Wenn die Führung Leichen braucht, bekommt sie welche. Als Folge werden weiterhin friedliche Bürger verschleppt. Die häufig von Folter gezeichneten Leichen werden in Uniformen gesteckt und als Aufständische deklariert."

Und Tom.

SZ, 19.05.2010

Ein kleiner Film beim Mahnmal für die verfolgten Schwulen in Berlin zeigt den Kuss eines homosexuellen Paars. Soll dieser Film nun, wie ursprünglich vorgesehen, gegen das Bild küssender Lesben ausgetauscht werden, obwohl Lesben unter den Nazis gar nicht verfolgt wurden? Stephan Speicher verfolgte in Berlin eine Diskussion, wo einige dies ernstlich forderten - mit Blick auf aktuelle Diskriminierungen in anderen Ländern. Speichers Kommentar: "Die Erinnerung an das, was geschehen ist, verdämmert, der Platz im Licht gehört den aktuellen Anliegen. Auch wer den Rang dieser Anliegen nicht verkennt, muss die Entwertung der Geschichte zur Kenntnis nehmen."

Weitere Artikel: Jan Füchtjohann verfolgte das Symposium 'Heroen, Übermenschen, Superhelden' im Siegener Museum für Gegenwartskunst. Andrian Kreye schreibt zum Tod des Jazzpianisten Hank Jones. Gunnar Hermann berichtet über einen neuerlichen Prozess gegen die Pirate Bay, den diese zwar verlor aber dennoch unbeschadet überstand.

Besprochen werden eine neue Folge des "Nightmare on Elm Street" (mehr hier), eine Austellung mit Propagandaplakaten aus Nordkorea im Museum für angewandte Kunst in Wien, zwei Ausstellungen des Barockmalers Johann Evangelist Holzer in Augsburg und Bücher, darunter Klaus Reicherts Gedichtsammlung "Das Gesicht in den Wolken" (mehr ins unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 19.05.2010

Die Hamburger Kunsthalle (Website) ist in Geldnot und schließt ihre "Galerie der Gegenwart" für ein halbes Jahr. Niklas Maak kennt die Hintergründe und blickt auf die deutsche Museumsszene im Ganzen. Kunsthallen-Leiter Hubertus Gaßner äußert sich in einem schnellen Kurzinterview skeptisch aus dem Urlaub: "Wenn sich jetzt die bürgerliche Gesellschaft auflöst, kann es durchaus sein, dass sich auch die Museen auflösen." Aus Cannes berichtet Verena Lueken ausführlich über den neuen Film von Jean-Luc Godard und weniger ausführlich über Neues von Takeshi Kitano und Abbas Kiarostami. Karen Krüger schildert die Wut emanzipierter Frauen in der Türkei über Ministerpräsident Erdogans konservative Gebärprämienversprechen. In der Glosse hinkt und humpelt Edo Reents mit Michael Ballack. Wer von Bildungspolitik redet, sollte, findet jedenfalls Christian Geyer, vom riesigen Nachhilfemarkt nicht länger schweigen. Jan Brachmann stellt die Pläne der Komischen Oper für die nächste Saison vor.

Besprochen werden die Uraufführung von Alvis Hermanis' "Kapusvekti - Friedhofsfest" bei den Wiener Festwochen, ein den Rezensenten Lennart Schneck ganz und gar nicht begeisternder Auftritt der Münchner Philharmoniker mit Bruckners "Achter" unter dem kurzfristig eingesprungenen designierten neuen Chef Lorin Maazel, eine Ausstellung der Fotoagentur Ostkreuz unter dem Titel "Die Stadt" bei c/o Berlin, und Bücher, darunter Daniel Heller-Roazens Piratengeschichte "Der Feind aller" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).