Heute in den Feuilletons

Wenn Geist und Materie zusammenschießen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2010. In der FR sprechen südafrikanische Regisseure über das Theater in ihrem Land sechzehn Jahre nach der Apartheid: "Nur bei Premieren haben wir ein gemischtrassiges Publikum." Die NZZ meldet Entspannungen im polnisch-jüdischen Verhältnis. Die taz rätselt über den neuen Godard. Die SZ lauscht verzückt dem Berliner Rundfunkchor im Berghain.

FR, 18.05.2010

Die südafrikanischen Theaterregisseure Paul Grootboom (mehr) und Brett Bailey (mehr) sprechen im Interview über die Situation von Theatermachern in Südafrika und die Nachwirkungen der Apartheid. Auf die Frage, ob auch Weiße in seine Vorstellungen kommen, antwortet Grootboom: "Nur bei Premieren haben wir ein gemischtrassiges Publikum. Normalerweise trennt sich das Publikum anhand der Hautfarbe eines Regisseurs. Ich mag das nicht, aber es ist so. Das ist ein Problem über das man nicht spricht. Und wenn man es öffentlich thematisiert, wird man schnell des Rassismus bezichtigt."

Außerdem: Peter Michalzik bereitet uns auf den 200. Geburtstag von Kleist 2011 vor. Christian Schlüter gefiel's auf dem Kirchentag, nur mehr Kapitalismuskritik hätte er sich gewünscht. Bernhard Honnigfort berichtet über angeblichen Pfusch am Bau der Elbphilharmonie. Besprochen wird Alvis Hermanis Inszenierung des Erzählabends "Kapusvetki - Friedhofsfest" bei den Wiener Festwochen.

NZZ, 18.05.2010

Marta Kijowska will Anzeichen dafür erkennen, dass sich das polnisch-jüdische Verhältnis entspannt hat: "Dass die jüngeren Polen zwar kein Miteinander mit den Juden erleben, dafür aber in den zwanzig Jahren nach 1989 ohne Zensur und Reiseverbot vieles gelernt haben. Und dass sie infolgedessen die Abwesenheit der Juden zunehmend bedauern. Das spektakulärste Beispiel ist die jüngste Idee des Aktionskünstlers Rafal Betlejewski: Seit Ende Januar malt er in ganz Polen an Hauswände und Mauern den provokanten Satz 'Ich sehne mich nach dir, Jude'."

Andreas Breitenstein preist die neuen grandiosen Erzählungen "Seiobo auf Erden" des ungarischen Großmeisters Laszlo Krasznahorkai: "Seine Kunst ist die Utopie des Wartens - da zu sein, wenn Augenblick und Ewigkeit, Geist und Materie zusammenschießen. Und wir stehen staunend dabei."

Susanne Ostwald hat in Cannes einige recht "gestrige" Filme von Woody Allen und Bertrand Tavernier gesehen, aber auch Mike Leighs palmenverdächtiges Drama "Another Year". Marc Zitzmann begutachtet das vom Architektenduo Jakob und MacFarlane umgebaute Centre culturel suisse in Paris. Roman Bucheli berichtet von den Solothurner Literaturtagen, für die er sich mehr ungeschützte Worte gewünscht hätte.

Besprochen wird auch Samson Kambalus autobiografischer Roman "Jive Talker" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 18.05.2010

The Big Picture bringt erschütternde Bilder von den sich überschlagenden Ereignissen in Thailand.
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Stichwörter: Thailand

Welt, 18.05.2010

Die Holocaustüberlebende Helen Blaustein, die zum ersten Mal nach 72 Jahren nach Berlin zurückkam, spricht im Interview über ihre Flucht, das alte und das neue Berlin. Peter Dittmar berichtet über einen Rechtsstreit zwischen einem Galeristen und einem Sammler: Es geht um Schwarze Listen. Hannes Stein schickt einen Brief aus New York.

Besprochen werden ein neuer "Ring" von Daniel Barenboim und Guy Cassiers in Mailand, die Fotoausstellung der Agentur Ostkreuz "Die Stadt" bei c/o Berlin und eine Ausstellung über die Pracht der Maharadschas in der Hypo-Kunststiftung München.

TAZ, 18.05.2010

Cristina Nord versucht sich einen Reim auf Jean-Luc Godards neuen in Cannes gezeigten "Film Socialisme" zu machen: "Wie ist ein Lama an der Zapfsäule einer Tankstelle zu erklären, neben ihm eine junge Frau, vertieft in einen Roman von Balzac, während aus dem Off deutsche Touristen nach dem Weg an die Côte d'Azur fragen? "

Weiteres: Eva Behrendt hat sich in Neuhardenberg Gerhard Stadelmaiers "unerwartet differenzierenden" Vortrag über das Regietheater angehört. Alexander Haas erzählt die Erfolgsgeschichte der Kölner Schauspielintendantin Karin Baier. Ulrike Steglich beobachtet die Entwicklung der schrumpfenden Städte in Sachsen-Anhalt. In ihrer Kolumne aus London amüsiert sich Julia Grosse noch immer über den Wahlausgang. Besprochen wird das neue Album "Infinite Arms" der Band of Horses.

Und Tom.

SZ, 18.05.2010

Wolfgang Schreiber war dabei, als der Rundfunkchor Berlin (mehr) im "'angesagtesten' Club der Hauptstadt", dem spätestens seit der Hegemann-Debatte feuilletonbekannten Berghain (mehr), ein Konzert von Gustav Holst zur Aufführung brachte, und schwärmt über die Möglichkeiten eines solches Clashs: "Es fällt einem wie Schuppen von Aug' und Ohr: Andere Räume braucht es, um Ereignis und Wahrnehmung neu aufzuladen. Die klassische Musik braucht, um dem alten Dunstkreis ihrer bürgerlich abgenutzten Rezeption zu entkommen, das neue Ambiente, die Hallen mit den anderen Erinnerungen im Gemäuer, den anderen Farben, Gerüchen, Rhythmen. Die stillgelegten Zechen an der Ruhr, die extremen Architekturen neuer Säle - und die Kathedrale von Berghain mit ihren Blick- und Klangbrechungen scheinbarer Unendlichkeit, ihrer kryptosakralen Anmutung, sie transportieren die Künste in eine unvermutete Realität."

Weiteres: In Cannes hat Tobias Kniebe neue Filme von Takeshi Kitano ("die beinah komische Verzweiflungstat eines Mannes, der versucht, sich selbst um jeden Preis noch einmal zu übertreffen", hier mehr), Alejandro Gonzalez Inarritu ("ähnlich forciert, aber durchaus noch quälender") und Jean-Luc Godard ("seine Lässigkeit wird heute dringender gebraucht denn je", hier mehr) gesehen. Im Schloss Neuhardenberg hat sich Tobias Lehmkuhl FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaiers "wohlformulierte Wut" über das "Regietheater" a la Castorf und Co. angehört. In Sachen Eurokrise plädiert Johan Schloemann gegen Expertokratie auf dem politischen Parkett. Christopher Schmidt berichtet vom Besuch einer hundertköpfigen Delegation der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Istanbuler Goethe-Institut. Das Salzburger Mozarteum wurde mit einer neuen Orgel beschenkt, worüber sich Michael Stallknecht ausführlich freut. Kurz und knapp fällt der Nachruf auf den am Sonntag verstorbenen Metalsänger Ronnie James Dio aus, der das Genre (wie hier zu sehen und zu hören) grundlegend geprägt hat. Die schönste Ehrung als anbetungswürdiger Gott des Metal erfuhr der Sänger vor wenigen Jahren im Tenacious-D-Film "Pick of Destiny" (ab 2:13):



Besprochen wird die Aufführung von Fritz Katers "We Are Blood" (mehr) im Gorki-Theater Berlin, zwei Berliner Konzerte der Dirigenten Claudio Abbado und Simon Rattle, eine "Rheingold"-Aufführung in der Mailänder Scala, eine Ausstellung mit indianischer Beutekunst vom Amazonas im Staatlichen Museum für Völkerkunde München und Bücher, darunter Emanuel Guiberts Comic "Alans Krieg", in dem dieser die Weltkriegserinnerungen des US-Veteranen Alan Cope verarbeitet (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 18.05.2010

Zu Beginn der Islamkonferenz sieht Regina Mönch viel in Bewegung, nicht auf Seite der alten Verbände, sondern darin, wie sich bislang nicht organisierte (säkulare, feministische) Interessen zu organisieren beginnen. Sehr freut sich in der Glosse Hannes Hintermeier, dass auszubildende Buchhändler jetzt eine konzertierte Aktion gegen die einseitige Fixierung auf neue digitale Medien gestartet haben. Atemlos beschreibt Thomas Strobl den Börsenhandel der Jetztzeit: Kaum Menschen noch, nur Computer und Maschinen und also regieren auch hier längst die Algorithmen, bei deren Tempo der Mensch nicht mehr mitkommt. Jürg Altwegg berichtet über heftig wogende Schlachten in Frankreich - unter Beteiligung von Debray, Levy und Lanzmann - um die "Schoa als Religion". Franziska von Lovenberg hat deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei ihrem Ausflug nach Istanbul begleitet. Als Folge des Gierens nach dem "Bilbao-Effekt" begreift Dieter Bartetzko die jüngsten Architektur-Desaster in Hamburg (Elbphilharmonie) und München (Marstall). Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazz-Pianisten Hank Jones. Einen deutlich knapperen Kurznachruf erhält der Metal-Sänger Ronnie James Dio.

Besprochen werden eine von Simon Rattle dirigierte Aufführung von Emmanuel Chabriers Oper "L'etoile" in der Berliner Staatsoper, eine Inszenierung von Kerstin Spechts Monolog "Marieluise" mit Hanna Schygulla bei den Ruhrfestspielen, zwei Wolfsburger Kunstausstellungen zu Rudolf Steiner, und Bücher, darunter Brigitta Eisenreichs Bericht "Celans Kreidestern" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).