Heute in den Feuilletons

Querbeet die Faust im Sack

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2009. Das Schweizer Minarett-Verbot wird allenthalben mit Entsetzen bis Befremden kommentiert. Die Blogs kopieren Bernd Neumanns Satz, dass es kein Recht auf Privatkopien gibt. In der taz verbittet sich der iranische Regimekritiker Akbar Gandji Einmischung aus dem Westen: "Man kann Demokratie und Menschenrechte nicht von außen einführen." Die FAZ schildert den Streit zwischen Exklusionisten und Inklusionisten in der Wikipedia.

NZZ, 30.11.2009

Auf der Meinungsseite kommentiert Rene Zeller den Schweizer Volksentscheid zum Minarett-Verbot eher vorsichtig: "Der Souverän will der Multikulturalität Schranken setzen. Zwar haben die kunterbunten U-17-Fußballer im Ausland aufgetrumpft und im Inland Jubelstürme entfacht. An der Urne hat das Schweizervolk aber nicht nachgezogen. Die in der muslimischen Welt vorherrschenden Anschauungen, das dort praktizierte Frauenbild, der real existierende Fanatismus erzeugten Gegendruck. Das Minarett-Verbot steht nicht ursächlich, sondern stellvertretend für die grassierende Verunsicherung. Damit spielte die Kampagne der Initianten. Die Sorgenfalten waren aber nicht allein SVP-gesteuert. Die Stimmberechtigten ballten querbeet die Faust im Sack."

Im Feuilleton stellt Brigitte Kramer eine neue desillusionierte Generation von lateinamerikanische Schriftstellern vor, zu denen sie unter anderen Santiago Roncagliolo, Karla Suarez, Andres Neumann, Ivan Thays, Junot Diaz, Hector Abad und Piedad Bonnett zählt: "Sie wurden nach 1968 geboren, das Blutbad von Tlatalelco haben sie von ihren Eltern erzählt bekommen, erzogen wurden sie in Militärdiktaturen, erwachsen wurden sie nach dem Mauerfall, geprägt haben sie der Selbstmord Kurt Cobains, die Frauenmorde von Ciudad Juarez, der Irakkrieg sowie Internet und elektronische Musik. Ihre ersten Erinnerungen umfassen die Zeit, in der es mit der Wirtschaft der meisten Länder Lateinamerikas steil bergab ging."

Weiteres: Zu lesen ist eine Rede von Ilija Trojanow über die Bedeutung von Exil und Migration für die Literatur: "Wieso gedeiht Literatur im Exil, selbst wenn der Einzelne darin untergeht?" Ein "Ereignis von kathartischer Wirkung" hat Alfred Zimmerlin beim Lucerne Festival erlebt: Markus Hinterhäuser spielte die sechs Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja. Besprochen werden neue Aufnahmen für den Genfer Bruckner-Zyklus des Orchestre de la Suisse Romande.

Tagesspiegel, 30.11.2009

Gerd Appenzeller findet deutliche Worte zur Schweizer Minarett-Entscheidung: "Es ist ein Rückfall hinter die Errungenschaft der Aufklärung, ein Rückschritt in eine Zeit der Ideologien, Glaubensdogmen und Vorurteile, ein krachender Tritt gegen Vernunft und Wissen. Dänische und niederländische Islamhasser haben nun in der Eidgenossenschaft ihre Entsprechung gefunden, das Klima im Land scheint nach dieser Abstimmung genauso vergiftet wie das internationale Ansehen der Schweiz schwer beschädigt."

Spiegel Online, 30.11.2009

Entsetzt kommentiert Mathieu von Rohr das Schweizer Minarett-Votum: "Dieses vermeintliche demokratische Musterland missachtet das Menschenrecht der freien Religionsausübung und diskriminiert eine einzelne Religionsgruppe, die Muslime. Das Verbot wird folgenschwere Auswirkungen haben - es wird nicht die Integrationsprobleme in der Schweiz beseitigen, aber es wird die Schweiz international vor große Probleme stellen."
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Aus den Blogs, 30.11.2009

In 3 quarks daily beschreibt Randolyn Zinn Frederick Wisemans neuen Dokumentarfilm "La Danse" über das Pariser Opernballett: "Without a pre-conceived idea or narrative arc imposed in advance of shooting, Wiseman is patient and learns as he goes. As is customary in his films, he neither includes interviews, voice-overs nor hints about his process. He observes with the eye of the curious neophyte (like most of his audience will; no previous knowledge of dance is required) to discover what he is truly interested in: the mysterious connection between rehearsal and performance."

(Via Litblogs_net) Die Forderung der Verleger nach einem Leistungsschutzrecht ist aus Sicht der Urheber absurd, schreibt Jörg Wittkewitz in digitalpublic.de: "Die Verleger, die gegenüber dem Gesetzgeber gerade so tun, als ob sie von dem Verwertungsrechte-Kuchen wenig abbekommen, sind in Realität schon sehr nahe dran, über alle denkbaren Verwertungsformen zu verfügen OHNE den Autoren im nachhinein besondere Vergütungen zukommen zu lassen."

(Via Gawker) Man trägt diesen Winter totenblass. In Folge des Vampirbooms ist der Verkauf von hellem Make Up um 200 Prozent gestiegen!

Es ist ja nur eine Frage der Zeit, bis wir mit den Geräten verwachsen. Gizmodo stellt das erste Bluetooth-Headset vor, das man ins Ohr einsetzen kann - mit einem Magneten holt man's wieder raus:



(Via Digitale Notizen) Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat Bundeskulturminister Bernd Neumann den kostenlosen Zugang zu Privatkopien zur Disposition gestellt. Auf die Frage "Soll die bisherige Regelung zur Privatkopie beibehalten werden?" in einem regierungsoffiziellen Interview antwortet Neumann: "Es ist sicher zu früh, sich abschließend zu äußern, hierzu möchte ich zunächst das Gespräch mit den Beteiligten suchen. Man sollte sich aber vor Augen halten, dass es kein 'Recht auf Privatkopie' gibt. Die Informationsfreiheit gebietet auch nicht etwa einen kostenlosen Zugang zu Kulturgütern."

Halb so schlimm, meint Henryk Broder in der Achse des Guten zur Schweizer Minarett-Entscheidung: "Moslems dürfen in Europa Gebetshäuser bauen, Christen in den arabisch-islamischen Ländern dürfen es nicht (von den Juden und anderen Dhimmis nicht zu reden). In Afghanistan und Pakistan droht Konvertiten die Todesstrafe, Touristen dürfen nach Saudi-Arabien nicht einmal Bibeln im Gepäck mitführen. Das sind Zustände, die nicht toleriert werden können."

Welt, 30.11.2009

Das Argument, dass muslimische Länder den Bau von Kirchen untersagen, macht das Schweizer Minarett-Votum nicht besser, meint Clemens Wergin: "Zu Recht sieht die EU dies etwa in der Türkei als wichtige Hürde an für einen Beitritt. Der Westen kann aber nur glaubwürdig für echte Religionsfreiheit in muslimischen Ländern eintreten, wenn er sie auch zu Hause ernst nimmt."

Im Feuilleton fordert der Schriftsteller Michael Kleeberg mehr Anerkennung für die deutschen Soldaten in Afghanistan und mehr Engagement für traumatisierte Kriegsheimkehrer: "Was nicht geht, ist der halbherzige Schlingerkurs, der auf halber Strecke abgebrochene Weg hin zu internationaler Verantwortung, die Tatsache, dass wir Soldaten in ein Kampfgebiet schicken und zugleich zu vertuschen suchen, dass es sie gibt und was sie dort durchmachen. Wir haben Pflichten gegenüber den Staatsbürgern, die wir in Afghanistan und und in Zukunft womöglich noch anderswo im Namen unserer Demokratie in Lebensgefahr bringen."

Weitere Artikel: Ulli Kulke verfolgte ein von der Agentur "Utopia" veranstaltetes Treffen von Wirtschaftsunternehmen, die sich Chancen vom Klimawandel versprechen. Hendrik Werner liest einen Duden-Band über die Sprache des Sports. Jörn Lauterbach schreibt zum Tod von Erich Böhme.

Besprochen werden eine Ausstellung über Federico Fellini in Paris, das Gershwin-Musical "Pardon my English" in Dresden, ein Konzert von Beth Ditto und ihrer Band Gossip und Jette Steckels "Othello"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin.

TAZ, 30.11.2009

Bahman Nirumand spricht mit dem iranischen Regimekritiker Akbar Gandji über die Opposition im Iran: "Der Westen sollte sich nicht einmischen. Man kann Demokratie und Menschenrechte nicht von außen einführen. Das ist die Aufgabe des iranischen Volkes. Schauen Sie, was solche Versuche im Irak und in Afghanistan angerichtet haben."

Im Feuilleton porträtiert Wiebke Porombka den Schriftsteller Lutz Seiler. Rudolf Balmer resümiert die französischen Debatten über die geplante Pantheonisierung Albert Camus'. Besprochen werden Konzerte der Hamburger Klangwerktage (mehr hier).

In tazzwei porträtiert Steffen Grimberg, den ZDF-Intendanten Markus Schächter, der trotz der eigenen Zuordnung zur CDU seinen Chefredakteur Nikolaus Brender tapfer verteidigte. Auf der Medienseite berichtet Grimberg in der gleichen Sache, dass Gegner der Roland-Koch-Entscheidung nun vors Verfassungsgericht ziehen wollen.

Und Tom.

FR, 30.11.2009

Sylvia Staude unterhält sich mit dem britischen Autor David Peace über seinen neuen Krimi "Tokio im Jahr Null" und seine rhythmische Sprache: "Als Teenager habe ich sehr viele Gedichte geschrieben, und ich empfinde Lyrik noch immer als natürlichere Ausdrucksweise. Ich denke, in mancher Hinsicht ist Lyrik eine wahrhaftigere Abbildung unseres Lebens. Die Gesellschaft, der Alltag sind heute sehr fragmentiert. Der Roman repräsentiert die große Erzählung mit einem Anfang, einer Mitte, einem Ende, und ich kann diese großen Erzählungen nicht mehr erkennen."

Weitere Artikel: In Times mager verortet Judith von Sternburg den Wutanfall an der Grenze zwischen Leidenschaft und Idiotie. Peter Pragal schreibt auf der Medienseite einen ganzseitigen Nachruf auf den früheren Spiegel-Chefredakteur Erich Böhme.

Besprochen werden die Ausstellung "Verlorene Welt des Alten Europa" - über alte Kulturen aus dem Donautal - in der New York University, Jan Neumanns neues Stück "Fundament" im Depot des Staatstheaters Stuttgart und Jossi Wielers Inszenierung von Aischylos' "Promotheus, gefesselt" an der Berliner Schaubühne.

SZ, 30.11.2009

Thomas Steinfeld kommt in einem kulturkritischen Aufmacher über das Genre der Powerpoint-Präsentation zu dem Ergebnis: "Das Programm ist nur das Instrument. Es ist aber ein Instrument, dessen Formalismen dem Totalitarismus einer ökonomischen Weltanschauung entsprechen."

Weitere Artikel: Klaus Brill verfolgte ein Symposion über "Verfolgung und Vernichtung der Eliten in Polen und der Tschechoslowakei" in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Jonathan Fischer berichtet dass der homophobe Reggae-Star Sizzla in München unter den Augen wachsamer Zensoren auftrat ("die Amtsvertreter hatten eigens einen jamaikanischen Übersetzer mitgebracht"). Jörg Häntzschel unterhält sich mit dem "Seinfeld"-Erfinder Larry David, der im jüngsten Woody-Allen-Film mitspielt. Niklas Hofmann erzählt in den Nachrichten aus dem Netz, was er in Malte Weldings Blog über Melancholie und Verfall in der deutschen Blogosphäre gelesen hat. Wolfgang Schreiber berichtet beeindruckt von einem Comeback-Konzert des Pianisten Josef Bulva zwölf Jahre nach einem schweren Unfall an der linken Hand.

Besprochen werden Martin Kusejs Inszenierung von Theo van Goghs satirischem Zweipersonenstück "Interview", neue DVDs, eine Ausstellung des Malers James Ensor in Paris und Bücher, darunter Richard Starks Krimi "Das große Gold" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Auf der Medienseite schreibt der ehemalige Spiegel-Kollege und heutige SZ-Chefredakteur Hans-Werner Kilz den Nachruf auf Erich Böhme. Für die Seite 3 hat Birk Meinhardt die kargen Überreste des Vernichtungslagers Sobibor besucht, wo John Demjanjuk, dessen Prozess heute beginnt, seinen Beitrag zum massenhaften Morden geleistet haben soll.

FAZ, 30.11.2009

Jochen Reinecke schildert in einem lesenwerten Hintergrundartikel für die gestrige FAS den Kampf zwischen Exklusionisten (ein böserer Begriff lautet "Relevanznazis") und Inklusionisten in der Wikipedia - wie fast immer sind die Angelsachsen in dem Streit gelassener: "Die englischsprachige Wikipedia geht im Vergleich zur deutschen eher inklusionistisch vor, was sicherlich auch daher rührt, dass sie einen weitaus größeren Autorenkreis hat - und damit zwangsläufig auch der Kreis der Themen größer ist. Auch scheut man in der englischsprachigen Wikipedia weniger, Kurzartikel - sogenannte 'Stubs' - stehenzulassen, auch wenn sie nur vergleichsweise wenige Informationen enthalten: Es könnte ja mal jemand kommen, der sie ausbaut."

Und das Feuilleton von heute: Nach der Entscheidung des ZDF-Verwaltungsrats, wonach Nikolaus Brender sein Amt als ZDF-Chefredakteur abgeben muss, geißelt Michael Hanfeld noch einmal den Einfluss der Politiker auf die öffentlich-rechtlichen Sender und hofft, dass die Grünen die notwendigen Stimmen im Parlament zusammenbekommen, um ein Normenkontrollverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht einleiten zu können. Joseph Hanimann stellt die Pariser Veranstaltungsreihe, die Ausstellung und das Buch vor, mit denen Umberto Eco dem Wesen der Liste auf die Spur kommen will. In der Glosse geht es um die auf der Suche nach Reality-TV-Ruhm befindlichen ungebetenen Gäste im Weißen Haus. Jordan Mejias freut sich über ein musikalisches "Lebenszeichen" der New York City Opera. Von einer Berliner Veranstaltung, bei der deutsche AutorInnen (Terezia Mora, Jan Wagner) Texte britischer AutorInnen (A.L. Kennedy, Robin Robertson) fortsetzten, berichtet Wolfgang Schneider. Gerhard R. Koch meldet, dass der deutsche Komponist York Höller für seinen Orchester-Zyklus "Sphären" den mit 200.000 Dollar dotierten Grawemeyer Award erhält. Matthias Hannemann schreibt zum Tod des Journalisten Erich Böhme. Den Nachruf auf den Religionswissenschaftler Carsten Colpe hat Jürgen Kaube verfasst.

Besprochen werden Martin Kusejs Inszenierung einer Theaterversion von Theo van Goghs Film "Das Interview", der dritte und letzte Strawinsky-Abend des zwangsweise scheidenden Leipziger Ballettdirektors Paul Chalmers, die Ausstellung "Fremde" im Deutschen Historischen Museum in Berlin und Bücher, darunter Michel Foucaults letzte Vorlesungen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).