Heute in den Feuilletons

Quasi im Schweben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2009. kress.de meldet, dass die Lettre gegen die Bild-Zeitung klagt: wegen unerlaubter Onlinestellung des Sarrazin-Interviews. Die NZZ liest sich durch die Mediengeschichte des "Feind-Bild Springer". Techcrunch meldet drastische Auflageneinbrüche bei amerikanischen Zeitungen. Das Bundespräsidialamt erklärt, warum es zum Jahrestag der Auschwitzbefreiung der Toten im Gazastreifen gedenkt. Don Alphonso zitiert Exklusivmeldungen der Augsburger Allgemeinen, die demnächst richtig teuer werden.

Weitere Medien, 27.10.2009

Die Zukunft des Überwachungsstaates ist immer wieder vorab in Britannien zu besichtigen. Der Guardian präsentierte am Wochenende einige Spotter-Cards. Das sind Polizeifotos von Menschen, die als "potentielle Störenfriede" betrachtet werden, weil sie bei mehreren (friedlichen!) Demonstrationen dabei waren. Einer der Fotografierten ist der Komiker und Aktivist Mark Thomas (keinerlei Vorstrafen). In einem Kommentar fragt Thomas: "What exactly was I doing that was so awfully wrong as to merit this attention? Today's Guardian revelations of three secret police units goes some way to explain the targeting of protesters and raises worrying questions. The job of these units is to spy on protesters, and collate and circulate information about them. Protesters – or, as the police call them, 'domestic extremists' – are the new 'reds under the bed'."

NZZ, 27.10.2009

Auf der Medienseite liest sich Heribert Seifert höchst interessiert durch die Mediengeschichte "Feind-Bild Springer" von Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle: "Ein wichtiges Ergebnis ihrer Arbeit ist die Erledigung der These von der Steuerung der aggressiv gegen den Verlag vorgehenden Studenten durch SED und Stasi. Ehemals leitende Springer-Mitarbeiter vertraten diese These bis in jüngste Zeit. Die späte Entdeckung, dass der Polizist, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und damit den Anlass für schwere Krawalle in Berlin und andern Städten gab, ein Stasi-Agent war, befeuerte solche Gerüchte noch in diesem Jahr."

Weiteres: Joachim Güntner stellt mit Günter Wallraffs Film "Schwarz auf Weiß" fest, dass Rassismus in Deutschland weiterhin grassiert und Wallraff mitunter nachhilft, das zu zeigen. Marion Löhndorf nimmt das Interesse der Tories für die Hochkultur wahr und zieht Rückschlüsse auf die zukünftige britische Kulturpolitik.

Besprochen werden Bohuslavs Martinus Opera buffa "Alexandre bis" am Theater Biel-Solothurn, Die Inszenierung von "Jenatsch" nach Conrad Ferdinand Meyer am Theater Chur, die Kunstausstellung "Pittoresk" im Genter Marta Herford, eine Ausstellung zur Schauspielerin Marianne Hoppe am Deutschen Theatermuseum in München sowie die begleitende Biographie dazu von Birgit Pargner und weitere Bücher, darunter Terezia Moras Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" und Dinaw Mengestus Erstling "Zum Wiedersehen der Sterne" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 27.10.2009

Wolf Lepenies berichtet über die Ergebnisse einer Komission zur "Verbesserung der Messung wirtschaftlicher Leistung und gesellschaftlichen Fortschritts", die Nicolas Sarkozy sechs Monate vor der Pleite der Lehman Brothers gegründet hatte. Bisher war wirtschaftlicher Fortschritt nur nach dem Anstieg des BIP gemessen worden. Die Komission, in der u.a. Joseph Stiglitz und Amartya Sen saßen, möchte das ändern. "Auf 300 Seiten macht der Komissionsbericht Vorschläge, wie neue Instrumente geschaffen werden können, die zu erkennen helfen, wie es den betroffenen Menschen wirklich geht. Die Umsetzung dieser Empfehlungen in die amtliche Statistik ist eine anspruchsvolle und mühsame Aufgabe, die lange Zeit in Anspruch nehmen wird. Wie können beispielsweise in die Statistik gesellschaftlich wertvolle Aktivitiäten wie Hausarbeit, Kindererziehung und private häusliche Pflege eingehen, für die keine Preise existieren?"

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek berichtet über den Michael-Jackson-Film "This is it", der hunderte von Millionen Dollars in die Kassen von Sony, AEG und der Jackson-Familie spülen soll. Außerdem gratuliert Rodek John Cleese zum Siebzigsten. Peter Sloterdijk entpuppt sich im Spiegel-Interview nun doch als vollendeter Sozialdemokrat, notiert Eckhard Fuhr in der Glosse. Rainer Haubrich berichtet über den verbesserten Entwurf für das Berliner Schloss.

Besprochen werden ein "Lohengrin" in Dessau (Reinhard Wengierek findet die Inszenierung von Andrea Moses nicht nur "fulminant", sondern auch "plausibel") und Schostakowitschs "Lady Macbeth" in Wien (dank Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern erlebte Manuel Brug einen "Triumph des Musikalischen").
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FR, 27.10.2009

Rolf-Bernhard Essig feiert im Aufmacher David Wagners Supermarktroman "Vier Äpfel", von dem er viel über den modernen Menschen und seine Lebenswelt erfahren hat. Harry Nutt meldet, dass sich die Errichtung der Stadtschlossfassade mindestens bis 2016 hinziehen wird. In Times mager erzählt Hans-Jürgen Linke Geschichten vom Ring.

Auf der Medienseite beklagt Jan Freitag, dass er die Kindersendungen der siebziger Jahre, das "Befreiungsfernsehen", nur noch auf YouTube sehen kann ("Willste übern Rasen laufen, musste dir ein Grundstück kaufen, so hieß es im Vorspann der 'Rappelkiste'.")

Besprochen werden James Turells Lichtinstallation im Kunstmuseum Wolfsburg, die von Ingo Metzmacher dirigierte Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk", Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" in Köln, Ben Riepes Choreografie Liebe.Tod. Teufel", Originalaufnahmen von Karl Amadeus Hartmann und William Polks Untersuchung "Der Aufstand"

TAZ, 27.10.2009

Christian Rath meldet den neuesten Stand in der Causa Roman Polanski: Offenbar soll ihm nun in den USA nicht mehr wegen Vergewaltigung, sondern wegen Sex mit einer Minderjährigen der Prozess gemacht werden. Isolde Charim begutachtet die Sozialarbeit im Wiener Schöpfwerk. Christian Broecking berichtet vom Enjoy-Jazzfestival in Mannheim und Heidelberg.

Auf der Meinungsseite wettert Rudolf Walther über Peter Sloterdijk und sein Bürgerliches Manifest gegen den Zwangssteuerstaat: "Seine banale Kritik ist so alt wie das liberale Spießbürgertum, das auf Steuerersparnis aus war und sonst gar nichts."

Besprochen werden Daniel Barenboims Aufführung von Verdis "Simon Boccanegra" mit Placido Domingo in Berlin und Rainald Goetz' Report aus dem Innern des Kulturbetriebs "loslabern" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 27.10.2009

Eine Bürgerin, die beim Bundespräsidialamt fragte, warum der Bundespräsident eine Laudatio auf Henning Mankell gehalten habe, der Israel das Existenzrecht aberkennt, antwortete das Amt laut Achse des Guten mit einem Brief. Eine Passage: "Ebenso eindeutig bekennt sich der Bundespräsident zur besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel und sein Existenzrecht. Dazu gehört auch ein dauerhafter Friede für den Nahen Osten. In seiner Rede im Bundestag anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar 2009, hat er daher auch der Toten der Auseinandersetzung im Gaza-Streifen gedacht."

Die Sarrazin-Zitate wurden von skandalgeilen Medien aus dem Zusammenhang gerissen, klagt Lettre-International-Herausgeber und Sarrazin-Interviewer Frank Berberich im Medienmagazin VisdP: "Ich habe drei Interviewanfragen von Berliner Rundfunksendern abgelehnt, weil die Interviewer nicht bereit waren, vor dem Interview den ganzen Text zu lesen. Das sind die Krankheiten, an denen Berlin leidet: Dilettantismus, politisch-korrekte Phrasen, Irreführung, große Parolen. Aber kaum etwas wird ernsthaft diskutiert." kress.de berichtet unterdes über eine Klage der Lettre gegen Bild: Man will Schadensersatz für eine unerlaubte Veröffentlichung des Sarrazin-Interviews auf bild.de.

In der Abendzeitung riet der Autor Mike Wuliger schon gestern seinem Kollegen Henryk Broder davon ab, für den Zentralrat zu kandidieren: "Jüdische Gemeindefunktionäre hast Du nie leiden können. Jetzt werden die bei Dir tagtäglich auf der Matte stehen, weil sie was von Dir wollen. Genau gesagt, wollen Sie Geld: Geld für eine Jugendfreizeit in Davos im Winter, Geld für ein gemeindeeigenes Streichorchester, Geld für ein jiddisches Filmfestival. Geld, das Du nicht hast. Weswegen Du für diese Leute ganz schnell der Schmock sein wirst."

MG Siegler zitiert in TechCrunch neue Zahlen zur Verbreitung der amerikanischen Zeitungen: "Die Zahlen sind schlecht - nein schrecklich. Genau eine Zeitung kann im Vergleich zum Stand vor sechs Monaten Wachstum melden, nämlich das Wall Street Journal. Das ist nun die Nummer Eins im Land, da USA Today einen erschütternden Verlust von 20 Prozent seiner Leser verzeichnet. Und es ist nicht so, dass das WSJ großartig wächst, sondern gerade mal um 0,61 Prozent in den vergangenen sechs Monaten."

Die Professionalisierung der Blogs gelingt in Deutschland noch nicht, berichtet Matthias Schwenk auf Carta: "Viele der interessanteren kommerziellen Blog-Projekte dümpeln laut blogoscoop bei Reichweitenregionen zwischen 150.000 und 700.000 PIs pro Monat herum - zu wenig, um wirklich eine relevante Honorarbasis für Mitarbeiter aufbauen zu können. Die Mathematik dahinter: Kommerzielle Blogs machen - je nach Thema und Geschick bei der Vermarktung - nach meiner Einschätzung zwischen 1 und 10 Euro Umsatz pro 1.000 Seitenabrufe (eTKP)... Nehmen wir beispielhaft einen relativ optimistischen eTKP von 4 Euro auf 1.000 Seitenabrufe an, so würde ein Blog mit 200.000 Seitenabrufen im Monat demnach 800 Euro Umsatz erzielen - viel zu wenig, um damit ein Blog rein auf Basis von Honoraren am Laufen zu halten."

Im Interview mit dem Blogger Eren Güvercin spricht die Schweizer moralische Instanz Jean Ziegler über den "vernunftgeleiteten Hass" des Südens auf Amerika. Stolz berichtet er über seine Arbeit für den UN-Menschenrechtsrat: "Ich bin Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates. Ich erlebe bei jeder Versammlung des Uno-Menschenrechtsrates diese westliche Verlogenheit. Auch Präsident Obama foltert weiter. In Bagram wird weitergefoltert. Er kriegt den Nobelpreis, während er zwei Kriege führt. Die Doppelzüngigkeit des Westens wird nicht mehr ertragen von den Völkern des Südens." (Die gerne Holocaustleugner als Keynote Speaker zu Konferenzen des UN-Menschenrechtsrats einladen.)

Andreas Scherer von der Augsburger Allgemeinen sprach sich auf einer Konferenz für Bezahlinhalte aus. Don Alphonso zitiert einige der Schlagszeilen, für die die Leser der Region künftig zahlen sollen:

"Feuerwehr kippt bei Übung um, Beim Üben ist ein Feuerwehrauto verunglückt. Der Löschtank schlug leck."
"Dreister Diebstahl: Über Nacht ist in Kaufering ein Apfelbaum abgeernet worden." Das wird teuer!

SZ, 27.10.2009

Auf Seite 1 des Feuilletons liest Thomas Steinfeld einen kleinen Band, der ihm das Scheitern der Bolognaprozesse und Exzellenzinitiativen an deutschen Universitäten vor Augen hält. Stephan Speicher bringt neue Informationen zum Aufbau des Humboldtforums in Berlin, das frühestens in sieben Jahren fertig wird. Jörg Häntzschel besucht ein Museum mit DDR-Devotionalien, das von dem 31-jährigen Historiker Justin Jampol ausgerechnet Culver City, einem Stadtteil von Los Angeles betrieben wird. Der emeritierte Pädagogik-Professor Freerk Huisken kritisiert den Integrationsbegriff der deutschen Politik. Johan Schloemann gratuliert dem englischen Schauspieler John Cleese zum Siebzigsten.

Auf Seite 1 des politischen Teils berichtet Javier Caceres, dass in Südspanien nun, gegen den Willen der Nachfahren, nach den Überresten Garcia Lorcas gesucht wird, der vor über 70 Jahren erschossen wurde ("die Opferverbände träumen von einem Staatsbegräbnis, stellvertretend für die mehr als 100.000 Opfer der Franco-Repression"). Auf Seite 2 fragt sich der russische Journalist Boris Kaimakow, was die Einrichtung einer Präsidialkommission gegen "Versuche, die Geschichte zum Nachteil Russlands zu verfälschen" für seine Berichterstattung, etwa zum Jahrestag des Mauerfalls, bedeutet.

Besprochen werden eine große Lichtinstallation James Turrells in Wolfsburg ("Die vom Künstler generierten Farbmutationen lassen sich hier also erstmals im Schreiten, ja quasi im Schweben erleben", schreibt ein beeindruckter Gottfried Knapp), ein Chopin-Abend Ivo Pogorelichs in München, die Londoner Ausstellung "Pop Life" (mehr hier) und Bücher, darunter Rosemarie Tietzes Neuübersetzung der "Anna Karenina" Im Hanser Verlag.

FAZ, 27.10.2009

Regina Mönch kann vermelden, dass das Berliner Stadtschloss nun wirklich gebaut werden soll, und zwar genau so, wie geplant. Hubert Spiegel gibt sich, uns und Bernd Neumann für die zweite Kulturstaatsminister-Amtszeit die Erkenntnis mit auf den Weg, dass "Kontinuität und Krise feindliche Geschwister sind". Siegfried Thielbeer schildert den Fall des schwedischen Autors und Journalisten Jan Guillou, dessen Kontakte zum KGB in seiner Heimat für viel öffentliches Aufsehen sorgen. In der Glosse klärt Andreas Platthaus Bibelübersetzungsfragen bei Robert Crumb. Konstanze Crüwell war dabei, als die wiederentdeckten Briefe Rainer Maria Rilkes an Hertha Koenig auf Gut Böckel, wo Hertha Koenig lebte, zum Vortrag kamen. Vom Mannheimer "Enjoy Jazz"-Festival, bei dem das ECM-Label im Mittelpunkt stand, berichtet Ulrich Olshausen. Der Jurist Martin Morlock erklärt, warum er den Bundeswahlausschuss in seinem derzeitigen Zustand für eine rechtlich bedenkliche Angelegenheit hält. Richard Kämmerlings schreibt zum Tod des Dichters Heinz Czechowski.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Wien, die von Thirza Bruncken inszenierte Uraufführung von Anna Behringers Szenencollage "Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte" in Dortmund, die Ausstellung "Hexen - Mythos und Wirklichkeit" in Speyer und Bücher, darunter Nick Hornbys neuer Roman "Juliet, naked" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).