Heute in den Feuilletons

Diva der Negativität

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2009. Die Welt wundert sich: Nun werden Bücher doch ohne Zustimmung der Autoren digitalisiert. Aber diesmal unter staatlicher Aufsicht. Die NZZ erkundet die Erinnerungskultur des jüdischen Lebens in Polen. Die SZ stattet deutschen Denkmalschützern im Bamian-Tal einen Besuch ab: Werden die Buddhas wieder aufgebaut? In The Daily Beast bekennt Philip Roth: Er glaubt nicht mehr ans Buch. Und was genau sagte Horst Köhler bei Lyrikline

Welt, 28.10.2009

Auch in Deutschland wird man wohl die Digitalisierung von "verwaisten" Büchern, also Büchern, deren Urheber unauffindbar sind, erlauben, berichtet Ilija Braun. Bibliotheken, die ihre Bestände digitalisieren und auf der Webseite europeana.eu zugänglich machen möchten, zahlen für unauffindbare Autoren eine "Schutzgebühr" an die VG Wort und dann digitalisieren sie. Ohne Erlaubnis des Autors. "Hat Google nicht genau dasselbe gemacht? 'Ich wusste, dass Sie das sagen würden', reagiert VG-Wort-Geschäftsführer Dr. Robert Staats. 'Aber die VG Wort ist eine Einrichtung unter staatlicher Aufsicht, die ohne Gewinnerzielungsabsicht arbeitet. Google ist ein kommerzielles Unternehmen." Ach so.

Weitere Artikel: Hannes Stein widmet sich im Aufmacher Shakespeares Sonetten, die vor 400 Jahren erschienen sind. Der Streit um ein Heine-Denkmal in Bremen ist beigelegt, berichtet Hendrik Werner in der Glosse: Heine kommt auf die Wallanlagen. Tilman Krause schreibt den Nachruf auf den Lyriker Heinz Czechowski. Jenni Roth erzählt auf einer ganzen Seite, wie sich Island nach dem Börsencrash wieder berappelt. Brigitte Preissler war auf der Geburtstagsfeier von lyrikline.org. Gerhard Charles Rump berichtet über die Versteigerung von Martin Kippenbergers Werk "Paris Bar" (das Kippenberger gar nicht selbst gemalt hat) für 2,7 Millionen Euro.

FR, 28.10.2009

Auf der Medienseite reitet Jan Freitag eine kleine Attacke gegen Hans-Wolfgang Jurgan, Chef der ARD-Einkaufsorganisation Degeto, unter dessen Ägide sich die ARD zum vorrangigen Sendeplatz für biedere Gefühlsschmonzetten entwickelte: "'Wir machen eben weibliches Fernsehen', sagt Jurgan."

Weiteres: Arno Widmann annonciert die neue Ausgabe des "Atlas der Globalisierung" und rät dringend, sich von den hier präsentierten Fakten aufrütteln zu lassen. Harry Nutt knöpft sich in Times mager den shwarzgelben (vielleicht etwas nach Dritter Welt klingenden) Dreiklang "Wachstum, Bildung, Zusammenhalt" vor. Hans-Klaus Jungheinrich schreibt zum vierzigjährigen Bestehen des Jazzlabels ECM.

Besprochen werden Ai Weiweis große Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die Architekturbiennale in Rotterdam und "Peterchens Mondfahrt" in einer Aufführung des Frankfurter Theaterkollektivs Showcase Beat Le Mot.

Aus den Blogs, 28.10.2009

(Via lenerl) Philipp Roth glaubt nicht an die Zukunft der Bücher. "I think always people will be reading them but it will be a small group of people. Maybe more people than now read Latin poetry, but somewhere in that range", sagt er zu Tina Brown in The Daily Beast.

Qualitätsjournalismus erreicht in den Onlineablegern von Printmedien oftmals ungeahnte Höhen. Die FR zum Beispiel hat eine Strecke mit Fotos von Prominenten zusammengestellt, die aus unterschiedlichsten Gründen weinen. Titel: "Prominente Heulsusen". Stefan Niggemeier kommentiert: "Ich hoffe, dass es mir nie so schlecht geht, für ein solches Medium arbeiten zu müssen."

Die Lettre International klagt bekenntlich auf Schadenersatz gegen den Onlinedienst bild.de, der das Sarrazin-Interview ohne Erlaubnis online gestellt hatte. In Telepolis berichtet Peter Mühlbauer: "Beim Axel Springer Verlag meint man gegenüber Telepolis, dass Lettre International der Bild-Zeitung das Interview mit einem 'Hinweis auf Quellennennung' zukommen ließ, was man als Erlaubnis gewertet hätte." Na, dann wissen wir ja, wie wir demnächst Ansprüche auf Leistungschutzrechte abwehren!

(Via Gawker). Hier tut Christopher Walken unbeschreibliche Dinge mit einem Huhn.
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NZZ, 28.10.2009

Die Kulturhistorikerin Monica Rüthers beobachtet die seit längerer Zeit zwiespältige Erinnerungskultur des jüdisches Lebens in Polen, vor allem im Krakauer Kazimierz, die vor allem von Nicht-Juden geprägt wird. Gabriela M. Keller erzählt von einer Debatte in der libanesischen Kunstszene über "neokolonialistische Phantasien" bei Kunstsammlern und Galeristen: Man fühlt sich zunehmend auf das Klischee einer arabischen "Kriegskunst" reduziert, profitiert aber gleichzeitig vom Boom. Die Theaterkritikerin Barbara Villiger Heilig stichelt gegen die Workshop- und Subventionskultur in der Theaterszene, die zwar viele junge Stücke auf die Bühne bringe, die aber leider meist mittelmäßig seien. Brigitte Kramer berichtet, dass Gabriel Garcia Marquez während seiner Exilzeit in Mexiko jahrelang vom mexikanischen Geheimdienst beobachtet wurde. Michael Braun schreibt zum Tod des Lyrikers Heinz Czechowski. Daniel Ender erinnert an den Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger.

Besprochen werden Svenja Goldmanns Analyse zu deutschen Kriegsheimkehrern im Zweiten Weltkrieg "Die Gesellschaft der Überlebenden" sowie die Übersetzung von Tiziana Scarpas mit dem Premio Strega ausgezeichnetem Roman "Stabat Mater".

TAZ, 28.10.2009

Von einer neuen Lage im Hamburger Gängeviertel kann Christiane Müller-Lobeck berichten: "Nachdem der holländische Investor Hansevast, der bereits als pleite galt, vorige Woche überraschend der Stadt eine überfällige Rate für das Häuserensemble gezahlt hat, müssten die seit dem 22. August besetzten Gebäude jetzt nach und nach geräumt werden."

Weiteres: Andreas Resch war auf der Jubiläumsfeier der Website Lyrikline, bei der sich auch Bundespräsident Horst Köhler die Ehre gab. Bert Rebhandl bespricht Theo Angelopoulos' Jahrhundertfilm "The Dust of Time".

Auf den Tagesthemenseiten werden Angela Merkel von ihrem Biografen Gerd Langguth alle Chancen eingeräumt, sechzehn Jahre Kanzlerin zu bleiben: "Merkel hat im Vergleich zu Kohl sogar den Vorteil, dass sie für alle denkbaren Koalitionen gut ist, außer mit der Linkspartei."

Und Tom.

Tagesspiegel, 28.10.2009

Sonja Pohlmann berichtet über Einsparungen bei der Süddeutschen Zeitung: "Noch einmal sollen circa 60 Stellen in Redaktion und Verlag abgebaut werden, nachdem bereits im vergangenen Jahr 90 Mitarbeiter das Haus verlassen haben."
Stichwörter: Süddeutsche Zeitung

FAZ, 28.10.2009

Joseph Hanimann hat im Schnittstudio die Theaterautorin Yasmina Reza besucht. Dort stellt sie nämlich gerade ihren ersten Film "Chicas" fertig, den sie nach ihrem eigenen Drama "Ein spanisches Stück" gedreht hat. Es geht in dem Artikel um manches, auch Rezas Empörung über die Inhaftierung Roman Polanskis, der im nächsten Frühjahr ihren "Gott des Gemetzels" verfilmen wollte. Ganz besonders begeistert äußert sich die Autorin dagegen über die Aufnahme ihres Werkes in Deutschland: "Nirgends sonst würden ihre Stücke so aufmerksam, so offen und - selbst in der Ablehnung - so scharfsinnig aufgenommen, sagt sie."

Von der gar vom Bundespräsidenten beehrten Eröffnungsveranstaltung zu einer Feierwoche, die sich das seinen Zehnten feiernde Internetportal lyrikline.org gönnt, berichtet Stefanie Peter, wenn auch tendenziös: "Nicht nur durch Köhler bekam das Internet an diesem Abend sein Fett als 'geschwätziges Medium' weg - auch von anderer Seite wurde gelobt, dass die Dichtkunst gerade hier auf feindlichem Terrain eine Insel der Kontemplation errichtet hätte", schreibt Peter.

Ein Blick auf lyrikline.org zeigt, dass Köhlers Einlassung nicht ganz so krass war, wie es die Journalistin kolportiert. Köhler wandte sich, zumindest im hier veröffentlichen Redetext, gegen die "riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt. Wir reden vom Kommunikations- und Informationszeitalter, in dem wir leben - aber oft kommt es uns so vor, als sei die Kommunikation noch nie so belanglos und als sei die Information noch nie so leer gewesen. Die Sender müssen ja rund um die Uhr senden und die Online-Dienste ihre Schlagzeilen möglichst stündlich ändern - so kommt es, dass die Sprache in eine Art Überproduktionskrise geraten ist." Aber allein das Internet kann dem Geschwätz der Medien Einhalt gebieten!

Weitere Artikel: Karin Leydecker schildert, wie in Speyer die Rheinpromenade verbaut wird. In der Glosse hat Gina Thomas wenig übrig für publik gewordene sprachpolizeiliche Political-Correctness-Maßnahmen bei Feuerwehr und Polizei in Großbritannien. Kerstin Holm meldet, dass die russischen Präsidentenjugend der "Naschi" europäische Zeitungen wie Le Monde und die Frankfurter Rundschau wegen Rufschädigung verklagt. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod des an Adorno geschulten "epochalen" Musiktheoretikers Heinz-Klaus Metzger (eine "Diva der Negativität und Callas des metaphysischen Desasters" nennt Koch ihn). Einen kurzen Nachruf für den vielgepriesenen Übersetzer aus dem Spanischen Fritz Vogelgsang hat Paul Ingendaay verfasst.

Auf der DVD-Seite werden Jean-Luc Godards nun bei Suhrkamp veröffentlichtes Monumentalwerk "Geschichte(n) des Kinos", King Vidors Ayn-Rand-Verfilmung "The Fountainhead" und Filme von Richard Brooks empfohlen. Auf der Geisteswissenschaften-Seite liefert Patrick Bahners eine Heine betreffende Fußnote zu Karl-Heinz Bohrers Sloterdijk-Debattenbeitrag - eine Fußnote allerdings, die kaum kürzer ausgefallen ist als der Text, den sie kommentiert.

Besprochen werden Johannes Eraths Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" in Köln, zwei Ausstellungen zum 100. Geburtstag das Kölner Museums für Ostasiatische Kunst, die Vandalen-Ausstellung "Erben des Imperiums in Nordafrika" in Karlsruhe, Theo Angelopoulos' Film "Dust of Time" und Bücher, darunter Markus Orths zweiter Roman "Hirngespinste" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 28.10.2009

Uwe Kröger besucht das Bamian-Tal, das bis heute an der Sprengung der riesigen Buddha-Figuren durch die Taliban laboriert. Dort sichern deutsche Denkmalschützer die Überbleibsel. Und Kröger berichtet von einem Konflikt: "Die meisten Bewohner Bamians wollen die leeren Nischen mit Nachbildungen der Buddhas füllen, und das möglichst rasch, weil sie damit Touristen anlocken wollen, und zwar bevorzugt konsumfreudigere als die Hippies der Sechziger. Für die Denkmalschützer jedoch wären Nachbildungen der schiere Albtraum."

Weitere Artikel: Tobias Haberkorn nimmt Erstaunen eine These des Soziologen Eric Maurin über den Niedergang Frankreichs zur Kenntnis: "Das größte Problem der französischen Gesellschaft sei kein zu erwartender oder bereits eingetretener, massenhafter sozialer Abstieg, sondern die generalisierte Angst vor genau diesem Abstieg." Anlässlich einer "Nachtasyl"-Aktualisierung durch Volker Lösch am Stuttgarter Theater, die ernstlich eine Revolution herbeisehnt, macht sich Christopher Schmidt Sorgen um das politische Theater in Deutschland. Wolfgang Schreiber schreibt zum Tod des großen Musiktheoretikers Heinz-Klaus Metzger. Hans-Peter Kunisch berichtet von der Feier zum zehnten Geburtstag des Berliner Internetprojekts Lyrikline. Jügen Verdofsky schreibt zum Tod des Dichters Heinz Czechowski. Und Henning Klüver zeichnet Debatten um das "Dizionario Biografico degli Italiani" nach.


Besprochen wird eine große Ausstellung des englischen Malers Edward Burne-Jones (1833 - 1898) in Stuttgart.

Auf Seite 3 schreibt Birk Meinhardt über Henryk Broders Kandidatur für den Vorsitz im Zentralrat der Juden.