Heute in den Feuilletons

Dank Punk

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2009. In der Welt meint Ulrich Woelk: Im Moment seiner Besteigung  ist der Mond endgültig untergegangen. Andere feiern die erste Mondfahrt vor vierzig Jahren. In der taz erzählt Beth Ditto, wie sie begriff, wie schön sie ist.. Die FAZ besucht den Ort, wo Picasso eine grüne Periode bekam. Die NZZ würdigt als erste den verstorbenen polnischen Philosophen Leszek Kolakowski.

NZZ, 18.07.2009

Christian Heidrich zitiert in seinem Nachruf auf Leszek Kolakowski den am Freitag verstorbenen polnischen Philosophen: "Es geht uns um die Vision einer Welt, in der die am schwersten zu vereinbarenden Elemente menschlichen Handelns miteinander verbunden sind, kurz, es geht uns um Güte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung."

Weitere Artikel im Feuilleton: Der Kunsthistoriker und Chef des Historischen Museums Bern Peter Jezler erklärt "seinen Stil" ("Zu meinem Stil gehört nicht zuletzt die Arbeit im Team.") Marc Zitzmann resümiert die wichtigsten Ereingnisse des Festivals von Avignon. Besprochen werden Bücher, darunter Friedrich Christian Delius' neuer Roman "Die Frau, für die ich den Computer erfand" (Leseprobe).

In Literatur und Kunst meditiert der norwegische Autor Per Petterson über die "Sehnsucht nach dem Nichts" - und findet dabei einen sehr schönen Anfang: "Manchmal gehe ich in der Nacht spazieren. Nicht nur im Sommer, wenn das Licht ohne Unterbrechung vom Himmel kommt und man weit sehen kann, lange nach Mitternacht noch, aber auch nicht nur im Winter, wenn Schnee liegt, der das Licht in die entgegengesetzte Richtung schickt..."

Außerdem unternimmt Uwe Stolzmann eine Reise durch die skandinavische Krimilandschaft. Iso Camartin gedenkt des österreichischen Zeichners Paul Flora, der vor einigen Monaten gestorben ist. Und Urs Widmer betrachtet Jan Vermeers Gemälde "Die Malkunst".

Welt, 18.07.2009

Die Besteigung des Mondes läutete für den Autor Ulrich Woelk nur seinen endgültigen Untergang ein: "Stand er einst für unsere Verbundenheit mit dem Kosmos, ist er nun zu einem einsamen Vagabunden in einer endlosen Leere geworden. Statt über Wäldern und Tempeln stolz zu prangen, schleicht er - kaum noch beachtet - durch den trüben Neondunst der Städte. Es scheint ihm nicht anders zu ergehen als allen, die einmal im Rampenlicht gestanden haben - am Ende sind sie vergessener als je zuvor."

Außerdem befragt die Literarische Welt einige kleine Verlage, wie sie die Krise durchstehen. Einer von ihnen, die Edition Urs Engeler, muss bereits aufgeben. Auf der verbliebenen Feuilletonseite des Samstags schreibt Rainer Haubrich zum Tod des Fotografen Julius Shulman. Gemeldet wird, dass der Salzburger Konzertchef Markus Hinterhäuser abtritt.

Berliner Zeitung, 18.07.2009

Der Schauspieler Ernst Stötzner erzählt im Interview über die Arbeit mit seinem Lieblingsregisseur Jürgen Gosch und wie er zum ersten Mal an der Schaubühne arbeitete. DAs war noch unter Peter Stein. "Ich bin mit einer ganzen Gang engagiert worden, zusammen mit fünf oder sechs anderen jungen Schauspielern. Wir sollten die erste Frischzellenkur sein, die sich die Schaubühne neun Jahre nach ihrer Gründung verabreichen wollte. Das ist schief gegangen. Die ursprüngliche Idee des Gruppenengagements war, dass man an den kreativen Schwung der Neuen glaubte. Aber da kam nicht viel. Die Neuen saßen rum und warteten auf den Regisseur, der ihnen zum Erfolg verhelfen sollte. Es war ziemlich frustrierend für die Schaubühne."

Außerdem: Eine Meldung informiert uns, dass Claus Peymann gerade versucht, eine Inszenierung Rolf Hochhuths am BE zu verhindern. Und Anja Reich erzählt die Geschichte des Sohns eines Stasioffiziers, der am Schweigen seiner Familie zerbricht.
Anzeige
Stichwörter: Claus Peymann, Peter Stein

TAZ, 18.07.2009

Im Interview erklärt die Gossip-Sängerin und Lesben- und Dicken-Ikone Beth Ditto: "Dank Punk begriff ich in den 90ern: Hässlich ist eigentlich schön. Ich lernte, mich so zu lieben, wie ich bin, und an mich zu glauben, statt mir von anderen einreden zu lassen, ich sei nur ein fettes Stück Dreck. Wenn ich die Hänseleien meiner Mitschüler verinnerlicht hätte, dann hätte ich all meine Energie auf Diäten verschwendet. Ich wäre wohl nie Musikerin geworden."

Weitere Artikel: Daniel Schreiber porträtiert den vor 75 Jahren geborenen Uwe Johnson als aktuellsten der deutschen Nachkriegsklassiker und - mit einem Begriff des Kulturtheoretikers Nicolas Bourriaud - als "Altermodernen avant la lettre".Urs Müller-Plantenburg, einst Mitglied von SDS und Republikanischem Klub, verwahrt sich gegen die Behauptungen von Hubertus Knabe, die ganze BRD-Linke sei von der Stasi finanziert und unterwandert gewesen: "Wir alle waren längst mit Rudi Dutschke befreundet ... und teilten seine Abneigung gegen den bürokratischen Staatssozialismus, wie wir ihn in der DDR verkörpert sahen."

Weitere Artikel: In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne fragt Tania Martini nach dem Erbe des radikalen Staatsfeinds Guy Debords, dessen Werk von der konservativen Regierung jüngst als "nationales Kulturgut" reklamiert wurde. Auf der Meinungsseite kommentiert Andreas Fanizadeh die rechtsradikalen Gewalttaten der letzten Wochen.

Besprochen werden Bücher, darunter Ben Kiernans historische Studie "Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis zur Gegenwart" und Carmen Lomas Garzas Bilderbuch "Eine Pinata zum Geburtstag" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 18.07.2009

Arno Widmann war - wie andere Vertreter deutscher Feuilletons - zur Busfahrt durchs kommende Buchmessengastland China geladen. Er denkt über das nach, was nicht zu sehen ist und beschreibt, was er sieht: "China ist offen für Anregungen aus der ganzen Welt. Es nimmt auch das Fremdeste auf. In den Buchhandlungen liegt Derrida neben Riefenstahl, Herbert Marcuse neben Arnold Schwarzenegger. Alice Schwarzer habe ich nicht gesehen. Aber Simone de Beauvoir. Ob es ihr China-Buch inzwischen auch auf chinesisch gibt? Das Fremde nistet sich in China nicht mehr ein in Ausländerghettos, in englischen oder deutschen Siedlungen. Es ist integriert in ein chinesisches Peking. Nun, es ist vielleicht noch nicht integriert. Wir befinden uns in einem Übergangsstadium."

Weitere Artikel: Annette Selg stattet der Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff zu deren Achtzigstem einen Besuch ab.Sebastian Moll porträtiert die "Medien-Maschine" namens Lance Armstrong. Hans-Klaus Jungheinrich stellt das exquisite Klassik-Label cpo vor. In einer "Times Mager" träumt Arno Widmann von einem Häuschen in Frankreich. Marc Peschke schreibt zum Tod des Architekturfotografen Julius Shulman.

Besprochen werden zwei neue Bücher, die zum sechzigsten Geburtstag von Axel Honneth erscheinen - darunter die vom Verlag als Überraschung behandelte und im Programm nicht angekündigte Festschrift "Sozialphilosophie und Kritik" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 18.07.2009

Ein zwiespältiges Resümee der ersten Amtszeit von Kulturstaatsminister Bernd Neumann zieht Christiane Peitz. Neumann hat den Kulturetat erhöht und "mengenweise Kühe vom Eis geholt, ob beim Berliner Schloss, der Staatsoper, dem Stabwechsel in Bayreuth oder dem verminten Feld der Geschichtspolitik". Aber ein eigenes Profil hat er dabei nicht entwickelt, findet Peitz. "Schloss-Streit, Restitutionsprozesse, Einheitsdenkmal-Debakel, Kurras-Debatte: All diese Unruhezonen liegen in Neumanns Zuständigkeit. Aber er mischt sich nicht ein, entwickelt keine Leidenschaft, keine Emphase. Er wartet ab, schweigt sich im Zweifelsfall aus."

Im Kampf um die Übernahme des Opel-Mutterkonzerns GM präferiert die Bild-Zeitung den Finanzinvestor RHJ vor seinem Konkurrenten Magna. Eine wichtige Information fehlt jedoch in den Berichten, schreibt Sonja Pohlmann auf der Medienseite: Springer-Chef Mathias Döpfner sitzt im Aufsichtsrat von RHJ. "Schon am Sonntag hatte die Bild am Sonntag (BamS) 'exklusiv' berichtet, dass eine 'Wende in der Opel-Schlacht' anstehe, nachdem RHJ sein Übernahmekonzept nachgebessert hatte. Seither berichten die Zeitungen aus dem Axel Springer Verlag über den vermeintlichen RHJ-Coup. Erst am Freitag wurde ein Interview mit RHJ-Chef Leonhard Fischer in der Bild abgedruckt, in dem er das Übernahmekonzept für Opel erläuterte. ... Was die Leser bisher nicht erfahren haben: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, ist seit September 2008 Mitglied des Aufsichtsrats bei RHJ. Fischer wiederum ist der Springer-Verlag nicht unbekannt, von Juli 2002 bis April 2007 saß er hier im Aufsichtsrat. Beide Manager sind auch privat miteinander verbunden..."

SZ, 18.07.2009

Beinahe monothematisch ist heute das SZ-Feuilleton. Aus verschiedensten Perspektiven wird die Mondlandung vor vierzig Jahren beleuchtet. Willi Winkler ordnet das Ereignis ein ins Große und Ganze: "Es war die große Zeit für große Gesten: Der gottlose Russe Gagarin hatte den Genossen zu Hause erklärt, dass er draußen im All keinen Gott gesehen hatte; die amerikanischen Astronauten der Apollo 8 verlasen im Weltall die Genesis über eine vorzeitliche Erde, die 'wüst und leer' war."

Außerdem: Andrian Kreye sieht keinen anderen "Schlüsselmoment der Moderne", der so kollektiv erlebt wurde: "Wer erinnert sich schon lebhaft an seine erste E-mail, oder wo er war, als das Genom entschlüsselt wurde?" Alexander Stirn schildert die technischen Voraussetzungen der Unternehmung - und stellt fest, dass jede Waschmaschine heute deutlich mehr Rechenkapzitäten hat als damals der Bordcomputer (74 KB Speicher, 1 Mhz Taktfrequenz, 35 kg Gewicht). Die 24 Astronauten der Mondprogramme stellt Christopher Schrader knapp vor. Kia Vahland bebachtet den Mond in Wissenschaft und Kunst. Holger Liebs schreibt über die Auswirkungen aufs Design. Christopher Keil erinnert daran, dass die Apollo-11-Mission ein Fernseh-Live-Event war. Neben weiteren kleinen Artikeln gibt es dann noch ein Interview mit dem Wernher-von-Braun-Mitarbeiter Harry Ruppe.

Im auf eine Seite geschrumpften Normalfeuilleton gibt es einen Glückwunsch für den Historiker Emmanuel la Roy Ladurie zum Achtzigsten und einen Nachruf auf den Architekturfotografen Julius Shulman. Besprochen wird Michael Stavarics Roman "Böse Spiele" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende denkt Holger Gertz über die Attraktivität von Wahnsinnssummen im Fußball nach. Willi Winkler porträtiert den Bassisten Klaus Voormann, der unter anderem mit John Lennon und Bob Dylan gespielt hat. "Visionärere" Werbung wünscht sich der Markenstratege Peter John Mahrenholz. Harald Hordych reist in den Wilden Westen von Lincoln, Nebraska. Vorabgedruckt wird ein Erinnerungstext aus dem neuen Erzählband des Schriftstellers Robert Menasse. Kristin Rübesamen unterhält sich mit dem Hirnforscher Wolf Singer über das "Bewusstsein" und sein materiales Substrat.

FAZ, 18.07.2009

Werner Spies besucht für Bilder und Zeiten das Schloss Vauvenargues in der Nähe von Aix-en-Provence und vor allem der Montagne Sainte-Victoire, wo Picasso für einige Jahre lebte, bevor er für seine letzten Lebensjahre doch lieber nach Cannes zog. Seltsamerweise hat sich Picasso hier nicht mit Cezanne auseinandergesetzt, sondern hatte eine "grüne Periode", schreibt Spies: "Dahinter steckt der letzte Ausbruchsversuch des Künstlers, die Flucht in ein unerreichbares Pleinair, ins Freie. Nicht von ungefähr versinnbildlicht er diesen späten Eskapismus mit dem Griff nach Manets 'Frühstück im Freien'. Dank dieses Sujets greift er über Manet, Tizian und Raimondi zurück in die Antike, in eine bukolische, illusionäre Welt, an der er selbst eigentlich nie zu partizipieren vermochte."

Außerdem: Matthias Hannemann erzählt, wie die Norweger ihres schwierigen Genies Knut Hamsun gedenken, der in dem Jahr geboren wurde als Spohr starb. Tilman Spreckelsen unterhält sich mit dem in Neuseeland lebenden deutschen Autor Helme Heine. Auf der Literaturseite geht?s unter anderem um Inge Jens' Erinnerungen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton wird der Mondfahrt vor vierzig Jahren gedacht. Jordan Mejias hat den Microsoft-Milliardär Charles Simonyi getroffen, der zwar zweimal als Weltraumtourist im All war, aber ohne Ambitionen auf den Mond zu entwickeln. Günter Paul erzählt noch mal, wie es überhaupt zu dem Projekt kam. Jordan Mejias liest einen visionären Text Wernher von Brauns, der schon 1952 die Mondlandung annoncierte. Thomas Thiel begutachtet den damaligen Stand der Computertechnik. Die Medienseite verweist auf Fernsehsendungen zum Thema.

Bisher nur online wird gemeldet, dass der polnische Philosoph Leszek Kolakowski gestorben ist.

Weitere Artikel: Jürgen Dollase besucht für seine Gastro-Kolumne Patrick Bertron, der im Burgund als Nachfolger Bernard Loiseaus kocht. Karol Sauerland hat sich den chauvinistischen russischen Film "Taras Bilba" angesehen, der dazu geeignet ist, sowohl die Polen aus auch die Ukrainer zu brüskieren. Jürg Altwegg stellt das segensreiche Wirken des in der Schweiz lebenden schwäbischen Unternehmers Hans-Hinrich Dölle dar, der Schweizer Spenden für die Wiederrichtung der Anna-Amalia-Bibliothek sammelte. Niklas Maak schreibt zum Tod des Fotografen Julius Shulman. Stefan Niggemeier besucht die zeitungsärmste Landschaft Deutschlands, Mecklenburg-Vorpommern.

Besprochen werden eine Ausstellung über das Leben der Auslandsdeutschen in Berlin und ein Auftritt der Jayhawks-Veteranen Mark Olson und Gary Louris in Ingolstadt.

Auf der Schallplatten-und-Phonoseite geht?s um Aufnahmen mit Werken des heute fast vergessenen Louis Spohr, der vor 150 Jahren gestorben ist, um eine CD mit Werken von Charles Koechlin, um ein Album der Gruppe The Dead Weather und um eine Solo-CD des einstigen Blur-Gitarristen Graham Coxon.

Für die Frankfurter Anthologie liest Jan-Christoph Hauschild ein Gedicht Volker Brauns.

"Spiegelgasse

Sieh hinein. Der krumme Weg ins Freie
Auf steilem Pflaster mit gradem Gang
..."