Heute in den Feuilletons

Wenn meine Stimme zählte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2009. War der Mord an Marwa E. der "Mord an einer Muslimin, weil sie Muslimin war"? Die FR meint eindeutig: ja, ein Fall von Islamophobie. In der SZ misst der ägyptische Autor Alaa Al-Aswani  Marwa an Neda. Die NZZ schildert norwegische Schwierigkeiten mit dem Gedenken an den großen Autor und großen Hitler-Fan Knut Hamsun. In der taz sagt die Soziologin Amir Sheikhzadegan: Die Grünen im Iran sind eine Graswurzelbewegung. Das Blog Bewegliche Lettern erinnert daran, dass Schreiben für Geld schon vor dem Internet selten war.

FR, 10.07.2009

Der Dresdner Mord an der Ägypterin Marwa E., der in den ersten Tagen in der Presse nur als einfaches fait divers zirkulierte, kommt allmählich zu Bewusstsein. Ein Russlanddeutscher hat unter rassistischen Beschimpfungen im Gericht eine Muslima mit Kopftuch erstochen, die er zuvor bereits beleidigt hatte - darum war er angeklagt. Für Hilal Sezgin war dies Islamophobie, ein "Mord an einer Muslimin, weil sie Muslimin war." Und sie stellt eine allerdings fällige Frage: Es "ist schwer zu verstehen, warum Alex W. nur wegen Beleidigung angeklagt war. Weder wurde der Angeklagte auf Waffenbesitz kontrolliert, noch waren Polizisten präsent."

Martin Gehlen interviewt zu dem Fall auch den Autor Alaa Al-Aswany, der ebenfalls von Islamophobie spricht: "Viele Ägypter fragen sich, was wäre geschehen, wenn die getötete Frau eine Israelin gewesen wäre. Das hätte einen riesigen Unterschied gemacht - in jeder Hinsicht. Jeder einzelne deutsche Minister hätte sich bei jedem einzelnen Minister der israelischen Regierung entschuldigt." Aber er sagt auch: "Wir Araber sind keine unschuldigen Opfer. Wir geben auch Anlass für Vorurteile."

Weitere Artikel: Die israelische Journalistin Avirama Golan beklagt Ausländerfeindlichkeit in Israel. Volker Reinhardt, Historiker aus Freiburg in der Schweiz, schreibt zum 500. Geburtstag Calvins.

Besprochen werden die erste Ausstellung des neuen Kurators des Frankfurter Kunstvereins Holger Kube Ventura, "Gemeinsam in die Zukunft" (der Titel ist ironisch gemeint), Anselm Kiefers und Jörg Widmanns Spektakel "Am Anfang" an der Pariser Oper, das Album "Sexismus gegen Rechts" der Band K.I.Z. und eine PhilipsWouwerman-Ausstellung in Kassel.

Welt, 10.07.2009

Daniel Eckert und Holger Zschäpitz erzählen vom Selbstversuch der Journalistin Heike Faller, die sich mit 10.000 Euro für ein Jahr unter die Finanzjunkiesbegeben hat: "Schon im August 2008, ein halbes Jahr nach dem Start ihres Selbstexperiments, ist ihr Depot auf knapp über 7000 Euro 'zusammengeschmurgelt' wie eine Nylon-Strumpfhose, an die man ein Streichholz hält. Das Denkorgan eines geldgierigen Spekulanten funktioniert wie ein Gehirn auf Kokain, klärt sie uns später auf. Ältere emotionale Teile der grauen Masse, in denen Angst und Lust sitzen, übernehmen das Kommando und treiben uns zu Fehlentscheidungen bei der Geldanlage. Monatelang laufen nun fast alle ihre Wetten mit Optionsscheinen gegen sie, die eben noch ihrer Fähigkeiten berauschte Neuspekulantin droht im Chaos der Märkte und ihrer Gefühle zu versinken." Nach einem Jahr verzeichnet sie wieder ein Plus - von 155 Euro.

Weiteres: Für die Randglosse liest Eckhard Fuhr Martin Walsers gezielten Liebesbrief an die Kanzlerin aus der gestrigen Zeit. Lucas Wiegelmann besucht zu Calvins 500. Geburtstag die Reformierte Kirche in Potsdam, die unter sinkenden Mitgliederzahlen und kargem Profil leidet ("In Potsdam sind nicht einmal Kreuze erlaubt"). Jenni Roth berichtet etwas entsetzt von der neuen Kampagne gegen Raucher-Szenen in für Jugendliche freigegebenen Filmen. Brigitte Preissler besucht die Studiengänge für Kulturjournalismus in Hildesheim, Leipzig und Biel.

Besprochen werden die Aufklärungs-Ausstellung "Erleuchtung der Welt", mit der Leipzigs Universität ihren 600. Geburtstag feiert, eine Schau zum Barock im Londoner Victoria and Albert Museum und die im Sommer laufenden ARD-Verfilmungen von Helen Turstens Göteborg-Krimis.

NZZ, 10.07.2009

Aldo Keel schildert norwegische Schwierigkeiten mit dem Gedenken an den großen Autor und großen Hitler-Fan Knut Hamsun, die durchaus auch zu komischen Kompromissen führen können: "Jetzt ist die Kleinstadt Grimstad, in deren Nähe Hamsun lange Jahre lebte, vorgeprescht. Als der Vorsitzende der Kulturkommission den Plan kundgab, die Kirchenstraße in Hamsun-Straße umzubenennen, meldete sich jedoch eine Familie ehemaliger Widerstandskämpfer, die an besagter Straße wohnt und die Namensänderung entschieden ablehnt. Daraufhin verfielen die Verantwortlichen auf die Idee, den Platz vor dem Gebäude, in dem 1947 über Hamsun zu Gericht gesessen worden war, Hamsun-Platz zu taufen."

Weitere Artikel: Georges Waser berichtet über Zukunftssorgen britischer Studenten. Hans Jörg Jans unternimmt einen Streifzug durch das klassische Musikleben im schönen Tessin.

Besprochen werden eine Cy-Twombly-Ausstellung in in Altenburg bei Leipzig und ein Album von Mulatu Astatke und The Heliocentrics.

Auf der Medienseite stellt Kristina Bergmann das ägyptische Musikfernsehen 4Shabab vor, das seine Modernität unter Beweis stellen, "doch sind Frauen als Moderatorinnen und Sängerinnen ausgeschlossen". Und Heribert Seifert wirft einen Blick in das Magazin Compact des linken oder rechten Globalisierungsgegners Jürgen Elsässer.

Anzeige

TAZ, 10.07.2009

Allessandro Topa unterhält sich mit dem Soziologen Amir Sheikhzadegan über die "grüne" Protestbewegung, die Rolle der Frauen und den Kampf um den Begriff der Nation. Die Grundlagen der aktuellen Entwicklung beschreibt er so: "Vor und nach der Revolution wurde die Demokratiebewegung von nationalliberalen Politikern, Intellektuellen und Geistlichen wie Mehdi Bazargan, Ali Shariati und Ajatollah Taleghani angeführt. Auch Chatami ist als Führer ein typischer Intellektueller gewesen. Was wir jetzt sehen, ist hingegen eine dezentrale Graswurzelbewegung. Die beginnt nicht mit Kant und Voltaire, sondern mit dem Alltag. Man sagt: Es wäre ein Schritt zur Demokratie, wenn meine Stimme zählte. Es wäre ein wichtiger Schritt, wenn ich mich äußern könnte, ohne Repressionen zu erleiden."

Weiteres: Steffen Siegel berichtet über das Fotofestival F/Stop, das zum dritten Mal in Leipzig stattfand. Besprochen wird das Album "Speech Therapy" der Londoner Rapperin Speech Debelle.

Auf den Tagesthemenseiten porträtiert Karim El-Gawhari die jemenitische Fotografin Boushra al-Mutawakil, die mit ihren Arbeiten Grenzen ihres islamisch-konservativen, von Stammestraditionen geprägten Land austestet. Und Kai Schlieter spricht mit Wolfgang Templin über die wahrscheinlich 17.000 ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, die weiter im Öffentlichen Dienst arbeiten.

Hier Tom.

Berliner Zeitung, 10.07.2009

Matthias Nöther besucht in der südiranischen Stadt Schiraz die Musikerin Azadeh Azimi, die dort einen gemischten Chor dirigiert: "Ist es Frauen dort überhaupt erlaubt, in Anwesenheit von Männern zu singen, noch dazu öffentlich? Nein, es ist verboten. Und ein Musikleben, ob klassisch europäisch oder klassisch persisch, ist offiziell seit 1979 nicht mehr existent. Der Drohbrief indes, den Azadeh Azimi vor dem ersten Auftritt ihres Chores im Jahr 2001 erhielt, war nicht offiziell, sondern anonym, und es kam danach nie wieder einer. Wie das intellektuelle Leben, die Filmkunst und Malerei im Iran trotz aller Repressalien nie ganz untergegangen sind, so zeigt das von den Klerikern propagierte Lebensmodell offenbar auch in Bezug auf Musik Risse. Vielleicht beruhen sie auf Ratlosigkeit der Behörden gegenüber so etwas Exotischem wie Chormusik."

Ulrike Simon gibt die Krisenmeldungen aus der Medienbranche weiter: "Insbesondere der für Zeitungen wichtige Stellenmarkt spiegelt die wirtschaftliche Situation des Landes: Er schrumpfte in den ersten fünf Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 40 Prozent. Insgesamt brach das Anzeigenvolumen um 12,6 Prozent ein."
Stichwörter: Iran, Musik, Zeitungen

Aus den Blogs, 10.07.2009

Susanne Gaschke, bete noire der Blogosphäre, hat in der neuesten Zeit (leider nicht online) geschrieben, dass Autoren wohl aufhören werden zu schreiben, wenn sich herausstellt, dass ihre Texte im Netz kostenlos zirkulieren. Thomas Rohde kommentiert in seinem neuen Blog Bewegliche Lettern: "In den meisten schreibenden Disziplinen funktioniert die Entlohnung ohnehin schon heute nicht über eine direkte Honorierung des Geschriebenen. Sondern das Geschriebene ist ein Einsatz, mit dem die Schreibenden in andere Bezahlungssysteme hineinkommen. Das Paradebeispiel hierfür ist das wissenschaftliche Publizieren, das in aller Regel nicht nur nicht direkt vergütet wird, sondern bisweilen sogar in Form sogenannter Druckkostenzuschüsse für Qualifikationsschriften erhebliches Geld kostet."
Stichwörter: Geld

FAZ, 10.07.2009

Der Soziologe Christoph Deutschmann hält es für gut möglich, dass der Kapitalismus aufgrund der "Überliquidität der Kapitalmärkte" in seine Endphase eingetreten ist. Wie die Welt darauf reagieren müsste, fasst er so zusammen: "Liquidität müsste durch höhere Vermögensteuern abgeschöpft, Steueroasen müssten ausgetrocknet, größere Teile der Wirtschaft verstaatlicht, die Subsistenz der Bevölkerung vielleicht durch eine partielle Kollektivierung des Lohnfonds über die konventionellen Wohlfahrtssysteme hinaus gesichert werden. All dies müsste in einer international koordinierten Weise nach dem Vorbild des Systems von Bretton Woods geschehen. Es würde nicht das Ende der Marktwirtschaft bedeuten, wohl aber das Ende der kapitalistischen Marktwirtschaft mit ihrem selbstreferentiellen Nexus von Geld und Arbeit."

Weitere Artikel: Gina Thomas schildert den jüngsten britischen Skandal: Journalisten von "News of the World", einem Murdoch-Blatt, sollen 3000 Prominente abgehört und der Verlag das dann mit Schweigegeld unter den Teppisch gekehrt haben. Joseph Hanimann berichtet von den ersten Stücken des Theaterfestivals von Avignon. Frank Pergande informiert über eine Tagung des "Netzwerks der Literaturhäuser" in Rostock, bei der eine Ost-West-Kluft an mehr als einer Stelle sichtbar wurde. In der Glosse nimmt Hubert Spiegel schockiert zur Kenntnis, dass, sagt die Wissenschaft, Multitasking schneller blöd im Kopf macht als Marihuana. Eleonore Büning meldet Tohuwabohu bei Katharina Wagners Versuch, auf Gran Canaria den "Tannhäuser" zu inszenieren.

Besprochen werden ein Konzert des Elektroduos "La Roux" in Köln, die Ausstellung "Dieter Roth - Blicke in ein Universum" in Zürich, der dritte Teil von Stefan Pauls Rio-Reiser-Doku-Trilogie, "Lass uns 'n Wunder sein", und Bücher, darunter Aharon Appelfelds Roman "Blumen der Finsternis" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 10.07.2009

Im Feuilleton-Aufmacher zürnt der ägyptische Schriftsteller Alaa Al-Aswani ("Der Jakubijan-Bau") darüber, dass der Westen mit zweierlei Maß misst. Wird im Iran eine junge Frau bei Protesten ermordet, schreit die Welt auf. Sticht ein Russlanddeutscher eine Araberin vor Gericht nieder, kümmert es keinen. "Der Grund ist, dass der Mord an Neda das iranische Regime belastet, während der Mord an Marwa zeigt, dass Terrorismus keine Domäne der Araber und Moslems ist. Ein weißer deutscher Terrorist bringt eine unschuldige Frau um, die er nicht kennt, und versucht ihren Mann zu töten - und das alles nur deshalb, weil sie Muslimin ist und einen Hidschab trägt. Westliche Medien scheren sich nicht um diese Nachricht. Kurz: Der Westen, die Politik wie die Medien, vertritt immer den Standpunkt und die Politik, die den Arabern und Moslems feindlich gegenüber ist. Das ist eine Tatsache, die nicht zu leugnen ist."

Weitere Artikel: Der Politologe Wolfgang Fach stellt fest, dass nicht alles, was an deutschen Unis aktuell Probleme macht, auf "Bologna" geschoben werden kann. Erstaunlich erfolgreich ist, wie Jörg Häntzschel schildert, der Calvinismus in den USA derzeit bei jüngeren Menschen. Jens-Christian Rabe fand plausibel, wie die GEMA sich auf einer Pressekonferenz gegen Vorwürfe der "Gier" verteidigte. Jörg Königsdorf porträtiert den lettischen Jungdirigenten Andris Nelsons. Vom Klavierfestival Ruhr berichtet Wolfgang Schreiber. Volker Breidecker hat Uwe Timms Frankfurter Poetikvorlesungen gehört.

Besprochen werden die Sarah-Morris-Ausstellung "Gemini Dressage" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, zwei Dresdener Ausstellungen zu Carl Gustav Carus (mehr hier), Miroslav Vitous' neues Album "Remembering Weather Report" und Bücher, darunter eine ganze Reihe neuer Werke zu Jean Calvin (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).