Heute in den Feuilletons

Zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2009. Die NZZ ist nicht zufrieden mit einer Studie über den DuMont-Verlag in der Nazizeit. Peter Glaser erklärte auf der re:publica, in was für einer digitalen Welt er leben will. In der taz verweist Bahman Nirumand auf eine noch offene Rechnung des Irans aus dem Jahr 642. In der FR sucht Cees Nooteboom den Schatten. Die Welt feiert die Unzernuschelbarkeit alter Dylan-Songs. Und die Freischreiber präsentieren einen Vertrag, in dem die FAZ ihren Urhebern ein Nutzungsrecht gewährt.

NZZ, 03.04.2009

Auf der Medienseite kritisiert Thomas Schuler die Aufarbeitung der NS-Zeit des Kölner Zeitungverlags DuMont durch den Firmenhistoriker Manfred Pohl, der nicht genügend auf die Vorwürfe eingegangen sei, die Familie habe sich im Zuge von Arisierungen bereichert: "Das Buch über DuMont ist eine Auftragsarbeit. DuMont wünschte eine differenzierte Darstellung, die Pohl nun liefert. Differenziert im Sinne, die Grundstücksgeschäfte 'nicht überbewertet' zu sehen. Die Vorwürfe und die Auseinandersetzung von 2006 sind erwähnt, aber nicht eingehend beschrieben. Der Leser kann also leider nicht nachvollziehen, wie sie konkret lauteten und was sich davon bestätigt hat oder widerlegt wird. Der Konflikt, der zur Studie führte, ist nicht Teil davon und nicht aufgearbeitet."

Nicolas Sarkozys Einwanderungspolitik ist in Frankreich ins Visier der Kritik geraten ist, berichtet Marc Zitzmann im Feuilleton. Unter anderem durch den Film "Welcome" von Philippe Lioret, in dem ein junger irakischer Kurde auf seiner Flucht durch Europa im französischen Calais festsitzt. "Eine Fiktion? Mitnichten: die traurige Wahrheit, so jüngst ein Mitgründer einer in Calais ansässigen Hilfsorganisation gegenüber 'Le Monde'. Tränengas und Knüppelschläge seien in der Region das tägliche Los der Migranten, schwangere Frauen und Kinder inbegriffen. 'Was wir hier seit sechs Jahren erleben, ist unvorstellbar. Polizeiautos, die mit Vollgas auf einen zurasen oder mit offenen Türen den Rückwärtsgang einlegen. Wir leben in einer anderen Welt, über die die Medien nur sehr selten berichten.'"

Weiteres: Roman Hollenstein berichtet vom Hundertjahrjubiläum der "Weißen Stadt" Tel Aviv, deren Häuser ihn vom Flugzeug aus an Zuckerwürfel erinnern. Joachim Güntner empört sich, dass das mittlerweile veraltete Modell des Sony-Readers PRS-505 heute in den Schweizer Handel kommt. Die Niederländer seien da doch klüger, indem sie geduldig auf die verbesserte Version warten. Javier Marias lobte in seiner Dankesrede zum Premio Iberoamericano Jose Donoso die Arbeit des Übersetzers als literarische Übung, berichtet Brigitte Kramer. Daniel Ender singt ein Hohelied auf die Orgel.

Besprochen werden Philipp Eglis Tanzstück "Silence.Now!" in St. Gallen (das sich Lilo Weber am liebsten ohne Pause angesehen hätte, so sehr hat sie die "Magie" des Stücks verzaubert) sowie eine CD-Box mit den kompletten Sinfonien von Ralph Vaughan Williams.

Aus den Blogs, 03.04.2009

Neue Volte im Kampf um das Hürlimann-Zitat, für das die FAZ dem Perlentaucher eine Rechnung von 590 Euro gestellt hat (die nun aber nicht mehr eingetrieben werden soll). Gestern hat uns Thomas Hürlimann geschrieben: Er hatte vergessen, dass er der FAZ im Jahr 2004 die Rechte an Texten, die er für die FAZ schreibt, an diese abtritt. Die Freischreiber haben heute einen Vertrag, wie ihn die FAZ freien Autoren vorlegt, als pdf online gestellt. Wenn Hürlimann diesen Vertrag unterschrieben hat (2004 gab's vielleicht noch andere), dann hätte er die FAZ fragen müssen, bevor er seinen Artikel an den Tages-Anzeiger weiterverkauft! Der Autor räumt dem Verlag "ausschließliche zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkte" Rechte an seinen Beiträgen ein. Die FAZ darf Dritten Nutzungsrechte an dem Beitrag des freien Autors "gewähren", sie darf die Texte vermieten und sie beansprucht ein "Bearbeitungsrecht, das heißt, das Recht zur Übersetzung Ihrer Texte oder einzelner Teile davon sowie zur sonstigen sinnwahrenden Bearbeitung, insbesondere Kürzung (bspw. in abstracts)". Mit der Zahlung des Zeilengeldes ist das alles abgegolten. Falls der Autor seinen Text selbst gern weiterverkaufen möchte, versichert ihm die FAZ: "die dafür notwendigen Nutzungsrechte werden wir Ihnen gerne einräumen, soweit dies die Verwertung der vorstehend eingeräumten exklusiven Nutzungsrechte nicht unbillig behindert".

"In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?" fragte Peter Glaser auf der re:publica und hält auch in der neuen Welt an alten Begriffen fest: "Ich wünsche mir, in einer digitalen Gesellschaft zu leben, in der das Projekt der Aufklärung mit aller Kraft fortgeführt wird. Aufklärung ist die Quelle, aus der das frische Wissen kommt. Information wird die Welt retten, so lautete die Vision der neunziger Jahre, das Wissen der Menschheit liege vor uns im Zugriff. Wo stehen wir heute? Noch sind nicht ganz so viele Menschen wie im Mittelalter wieder davon überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber es wird daran gearbeitet. Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte."

(Via Blogpiloten) Ziemlich unzufrieden mit der re:publica als ganzes ist f!xmbr: "Wir erleben eine Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes - die Folgen sind noch lange nicht abzusehen. Diese Krise ist auch Folge einer medialen Unfähigkeit, kritisch die Mächtigen, die Elite zu hinterfragen, zu recherchieren, Alternativen aufzuzeigen. Die Medien selbst erleben gerade ihren nuklearen Winter - zurecht. Und was passiert? In Berlin werden auf der re:publica Häkelkurse angeboten. Da philosophiert man über Todsünden beim Webdesign, lässt sich von IBM in Werbeveranstaltungen berieseln und freut sich darüber, das man endlich mit Twitter im Mainstream angekommen ist. Unglaublich."

TAZ, 03.04.2009

Auf der Meinungsseite analysiert Bahman Nirumand, wie in der arabischen Welt, die bisher von der Exklusion des Iran profitierte, nach Obamas Umschwenken die Angst vor einem noch mächtigeren Iran wächst. "Die gelegentlich auch offen ausbrechende Gegnerschaft zwischen dem Iran und den arabischen Staaten geht weit in die Geschichte zurück. 642 eroberte das Heer der Araber den Iran und zwang die Bevölkerung zum Übertritt zum Islam. Der Feldzug hinterließ bei den Iranern, die sich als eine große Kulturnation den Arabern weit überlegen fühlten, tiefe Wunden, die bis heute eine Rolle spielen. Nicht zuletzt deswegen herrscht in vielen arabischen Gesellschaften Misstrauen, ein mächtiger Iran könnte in die Versuchung kommen, die noch offene Rechnung von damals zu begleichen."

Im Kulturteil porträtiert Rene Martens den Londoner Plattenladen "Honest Jons", der seit 1974 Reggae, Salsa, Pop aus Afrika und aktuelle Tanzmusik im Angebot hat und dessen dazugehöriges Label sich um die Wiederveröffentlichung vergessener Platten verdient macht. Jan Kage stellt den Berliner Rapper Amewu und sein Debütalbum "Entwicklungshilfe" vor.

Besprochen wird der Bildband "Portraits from Above - Hong Kongs Informal Rooftop Communities" des Fotografen Stefan Canham und der Architektin Rufina Wu und in tazzwei Arno Luiks Interviewband "Wer zum Teufel sind Sie nun?" und Nils Minkmars Essayband "Mit dem Kopf durch die Welt" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)
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FR, 03.04.2009

Der Schriftsteller Cees Nooteboom bekennt, nie ernsthaft über Schatten nachgedacht zu haben. Mit der Ausstellung "La Sombra" hat sich das geändert: "So wird die Ausstellung insgesamt zu einer Art Spiel mit Aufgaben: Suche den Schatten, erkläre, warum er da ist oder nicht da ist, weshalb er bei den Modernen - mit Ausnahme von Andy Warhol, Ed Ruscha und Susan Rothenberg - anscheinend viel seltener auftritt. Die Antwort lässt sich vielleicht bei Tanizaki Junichiro finden, der eine glänzende Studie über den Schatten geschrieben hat ('Lob des Schattens'). Für ihn ist die Abwesenheit von Schatten in der abendländischen Kunst einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Ost und West. Seine Argumentation mag etwas merkwürdig anmuten, wenn man sich gerade stundenlang unverkennbar westliche Schatten angesehen hat, doch er behauptet, der mächtigste Verbündete der Schönheit im Westen sei immer das Licht gewesen, während es im Osten gerade darum gegangen sei, 'das Rätsel des Schattens einzufangen'."

Weiteres: Judith von Sternburg sorgt sich in Times mager ums Gipfel-Bankett. Besprochen werden Neil Youngs neues Album "Fork in the Road" (von dem Thomas Winkler besonders das Titel-Video empfiehlt, das man wegen des Gema-Einspruchs bei Youtube aber nicht mehr sehen kann / Nachtrag: kann man doch, auf der Homepage von Neil Young, hier), Bob Dylans Konzert in Berlin, eine Ausstellung zu Vladimir Ossipoff im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt und Rawi Hages Roman "Als ob es kein Morgen gäbe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 03.04.2009

Bob Dylan ist auf seiner immerwährenden Tournee mal wieder in Berlin vorbeigekommen. Er spielte neue Lieder, aber auch alte, berichtet ein merklich bewegter Sebastian Zabel: "Auch 'Like A Rolling Stone', Dylans Opus Magnum in lässig entschleunigter und zerkauter Version, trieb die Besucher aus den Sesseln, denn die jedem in der Halle bekannten Verse erwiesen sich einmal mehr als unzernuschelbar, der Song siegt über jede Interpretation. How does it feel 2009? Forever gültig." Michael Pilz erinnert in einem zweiten Artikel an den Einfluss Dylans in der DDR.

Weitere Artikel: Gernot Facius stellt ein vom Zentralkomitee der Katholiken erarbeitetes Papier "Nein zur Judenmission - Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen" vor, das von katholischen und jüdischen Würdenträgern unterzeichnet wurde und sich gegen die aktuelle Position des Papstes zu den Juden wendet. Manuel Brug hat den Regisseur Stefan Herheim getroffen, der an der Berliner Staatsoper den "Lohengrin" inszenieren soll, aber offensichtlich an einer von Daniel Barenboim zu verantwortenden "künstlerischen Visions- und Führungslosigkeit" des Hauses verzweifelt. Michael Stürmer erinnert an die "Pax Americana", die am 3. Apil 1949 von Harry Truman ausgerufen wurde. Und Rüdiger Suchsland unterhält sich mit Werner Schroeter über seinen neuen Film "Diese Nacht".

Besprochen wird eine römische Ausstellung über den Kaiser Vespasian.

SZ, 03.04.2009

Angesichts der eher bedeutungslosen Proteste gegen die aktuelle G20- und Finanzkrisen-Politik fragt Andrian Kreye: "Warum läuft eine Protestbewegung, die ihre neuen Medien so beherrscht und deswegen so perfekt organisieren könnte, dermaßen ins Leere?" Und antwortet: "Was fehlt, ist klar. Eine Ideologie. Eine klar definierte Bewegung. Köpfe, Sprecher, Vordenker. Was stört, ebenfalls: die Ritualisierung des Protests in der Popkultur einer Gesellschaft, die aus der Rebellion eine Tugend und aus dem Rebellen einen vermarktbaren Mythos gemacht hat."

Weitere Artikel: Jens-Christian Rabe meint zum Youtube/Gema-Streit: "Manches spricht dafür, dass bei dieser Machtprobe YouTube/Google am längeren Hebel sitzen wird." Jens Bisky berichtet, dass auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof nach jüngsten Plänen ein Neubau für die Berliner Landesbibliothek entstehen soll. Im Interview meint deren Leiterin Claudia Lux, es sei höchste Zeit: "Wir haben nicht einmal genügend Platz, um unsere Neuerwerbungen so aufzustellen, dass man diese benutzen kann." Wie schwierig es ist, in Peru ein Museum zum Gedenken an den Bürgerkrieg einzurichten, weiß Uschi Treffer. Fritz Göttler meldet, dass zum Entsetzen des Studios eine noch unfertige Version des neuen "Wolverine"-Films das Licht des Internet erblickt hat. Auf der Medienseite geht Hans Hoff recht grundsätzlich mit dem Grimme-Preis und seinen Jurys ins Gericht.

Besprochen werden eine Baseler Aufführung von Francis Poulencs Oper "Dialoge der Karmeliterinnen", die Ausstellung "Isa Genzken - Open, Sesame!" in der renovierten Londoner Whitechapel-Galerie, die Ausstellung "Democratic Design - Ikea" in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine sehr erfolgreiche "Fledermaus" in Ulm, und Bücher, darunter Joseph O'Neills Roman "Niederland" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 03.04.2009

Mark Siemons kennt Umfragen, die China als Weltrekordhalter in Zuversicht und Sendungsbewusstsein ausweisen: "92 Prozent sind davon überzeugt, dass ihr Einfluss auf die Welt günstig ist." Gina Thomas hat von Barack Obama und Ehefrau beim G20-Treffen offenbar den allerbesten Eindruck gewonnen. In der Glosse weiß Andreas Platthaus überdies, dass Obama der Königin jede Menge Musical-Musik auf einem iPod als Gastgeschenk mitgebracht hat - wie gut Obama den Geschmack der Königin damit traf, weiß er allerdings nicht. Eduard Beaucamp denkt in seiner Kunstkolumne über Für und Wider der Abstraktions-Moderne der deutschen Nachkriegskunst nach. Der Historiker Ernst Engelberg, der am Sonntag seinen 100. Geburtstag feiert, erinnert sich an seine Verhaftung und Inhaftierung im Berliner Columbia-Haus im Jahr 1934.

Besprochen werden die Berliner Aufführung von Werner Braunfels' Oper "Die Vögel" (Jan Brachmann ist überaus angetan von der "zivilen Moderne", die aus den Klängen der Oper spricht), die große "Calvinismus"-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die Ausstellung "Medium Religion" am ZKM in Karlsruhe, Jonathan Demmes Film "Rachels Hochzeit" und Bücher, darunter gleich zwei von Joseph von Westphalen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).