Heute in den Feuilletons

Fußleisten bereits abgefallen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.03.2009. In der NZZ hofft Christoph Schlingensief auf ein Treffen mit Luis Bunuel. Spiegel Online erzählt, wie der baden-württembergische Innenminister und mit ihm die gesamte Öffentlichkeit auf eine Internet-Fälschung hereinfielen. Die taz fürchtet, dass die Buchlobbyisten, die in Leipzig den "eskalierenden Fortschritt" beklagen, die Fehler der Musikindustrie wiederholen. Die SZ schildert, wie der Buchhandel auf das Internet reagiert: mit taktiler Unordnung.

NZZ, 13.03.2009

Paul Jandl hat Christoph Schlingensief bei den Proben zu seinem autobiografischen Stück (Arbeitstitel "Mea culpa") am Burgtheater besucht. "Im Jenseits hofft Schlingensief dereinst wenigstens gute Gesellschaft zu haben. 'Bunuel im Himmel zu treffen, da wär ich scharf drauf, weil der seine Figuren auch ganz liebevoll beschreibt. Bunuel hat es Spaß gemacht, Frauenbeine zu sehen, aber er wollte auch die Auflösung des Menschlichen zeigen. Die Leute bei ihm sind sehr alleine. Ich fühle mich den Filmen sehr verbunden.' In diesem Sinn sind die Schauspieler bei Schlingensief 'Leidensbeauftragte'. Selten weicht seine neue Sanftheit der Ungeduld. 'Denkt doch bitte mal ein bisschen voraus', heißt es dann in Richtung Bühne, wo Irm Herrmann, Fritzi Haberland, Mira Partecke und Joachim Meyerhoff stehen. 'Beuys hat gesagt: Mehr loben als tadeln! Ich will im Moment weniger einschenken und will auch weniger einstecken müssen.'"

Der kosovarische Schriftsteller Beqe Cufaj hat Peter Handkes Nachschrift zur seiner Reise in die serbische Enklave des Kosovos "Die Kuckucke von Velika Hoca" gelesen: "Wer unter den Lesern sich für Handke, aber nicht besonders für den Balkan interessiert, kommt hier zur Ruhe. Ich nicht. Für diejenigen unter den Lesern nämlich, die den Balkan lieben, die von ihm gesegnet oder verflucht sind, die sich mit ihm verbunden fühlen, fehlt ein Stück. Nachkriegsländer sind deshalb Nachkriegsländer, weil manch einer auf einer Barrikade gestanden oder in einem Schützengraben gelegen hat. Krieg und Frieden, sagt uns diese Reiseerzählung, alles hat nach dem Frühling wieder seine Zeit. So schreiben Nachkriegsautoren."

Weiteres: Für "starken Tobak" hält Martin Meyer, dass der Papst in seinem Brief an die Bischöfe nicht die Heimholung des Holocaust-leugnenden Piusbruder Williamson bedauert, sondern nur einige Kommunikationspannen. Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Wiener Staatsoper, ein Album des somalisch-kanadischen Rappers K'naan und ein weiteres der französisch-amerikanischen Sängerin Madeleine Peyroux.

Auf der Medienseite hat Heribert Seifert die Biografie des Medienmoguls Rupert Murdoch von Michael Wolff gelesen, die seiner Meinung nach eine "präzise und sehr kritische Analyse von Mann und Unternehmen" darstellt.

Spiegel Online, 13.03.2009

Christian Stöcker erzählt, wie der baden-württembergische Innenminister Rech einer Internet-Fälschung aufsaß, an der die Journalisten von Anfang an gezweifelt hatten - und auch die Meldung, dass sich Daten eines Chatbeitrags auf dem Computer von Tim K. befanden, war falsch: "Am Abend erreichten Spiegel Online Informationen, dass sich auf dem Computer des Amokläufers keinerlei Hinweise darauf befanden, dass K. jemals auf der Seite Krautchan war. Ein Waiblinger Polizeisprecher bestätigte dann, Rechs Annahmen hätten sich als falsch herausgestellt. Es gebe derzeit keinen Beweis, dass Tim K. den Forumseintrag selbst verfasst hat."

Veit Medick berichtet über die gestrige Pressekonferenz der Intiatitive "Boykottiert Durban 2", die sich nach einem Artikel Pascal Bruckners im Perlentaucher gegründet hatte (mehr hier) und erläutert: "Der Boykottaufruf stützt sich auf den Entwurf des Abschlussdokuments der Konferenz. Nach derzeitigem Stand würde das 60 Seiten starke Papier nur einen Staat explizit verurteilen: Israel. Entsprechend widmet sich das Papier auch nur einem Konflikt: dem Nahostkonflikt. Und folgt man den Ausführungen, ist der jüdische Staat dort der alleinige Aggressor."

Aus den Blogs, 13.03.2009

Auf der Seite Krautchan, auf der Tim K. erwiesenermaßen nicht chattete, gibt's nur noch eine Stellvertreterseite. Und da steht: "Leider wird unser winziger Server mit dem momentanen Ansturm nicht fertig. Es gibt allerdings auch gar nichts zu sehen, da die deutsche Presse sich bedauerlicherweise (vermutlich nicht zum ersten Mal) von einer Fälschung hat täuschen lassen. Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können. Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool. Schlimm genug, bei Wikipedia abzuschreiben, aber hier? Grundgütiger."
Anzeige

FR, 13.03.2009

Christian Thomas ärgert sich über das neu eröffnete Frankfurter Einkaufszentrum "MyZeil" von Massimiliano Fuksas: "Die Lage in 'MyZeil' ist die, dass im sogenannten Hochpreissegment des Stararchitektentums die Detaillierung nicht zählte; gemessen an Malls, wie sie zuletzt von Berlin über Braunschweig, Münster bis Wiesbaden eröffnet wurden, wurde Frankfurt die billigste Ausführung angedreht. Es quillt aus den Ritzen und Fugen, die Schaufenstersprossen sind nicht auf derselben Höhe, Fensterformate in den Oberlichtern nicht auf Format gebracht, Fußleisten bereits abgefallen, Schlitze zwischen Putz und Metallpaneelen sind Einladungen, um sie mit Kaugummipapier zu stopfen."

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass Sibylle Lewitscharoff für ihren Roman "Apostoloff" den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Auf der Medienseite berichtet Tilmann P. Gangloff über ein Ergebnis des "Drei-Stufen-Tests" für die Öffentlich-Rechtlichen: der Kinderkanal muss Pläne zu einem Internetportal für Vorschulkinder offenlegen, Super RTL fühlt sich ob des neuen Konkurrenzmediums auf den Schlips getreten und will die Einführung verhindern.

Besprochen werden die CD "Rubber & Meat" der Band Kissogram, ein Konzert von Elisabeth Leonskaja und dem Frankfurter Museumsorchester, ein Konzert der Geigerin Sarah Chang mit dem Kammerorchester Basel, die Ausstellung "Masken" in der Mathildenhöhe Darmstadt, Schorsch Kameruns Stück "M.S. Adenauer" im Kölner Schauspiel und Philipp Bloms Buch "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 - 1914" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 13.03.2009

Gregor Dotzauer hat für seine heute im Tagesspiegel dokumentierte Dankesrede für den Kerr-Preis herausgefunden, dass das Netz nicht nur am Niedergang der Kritik, sondern auch des Kritikers schuld ist: "Dass inzwischen so viele Schreihälse und Phrasendrescher unterwegs sind, hat sicher auch damit zu tun, dass sie sich nur so gegen das allgemeine Netzgemurmel durchsetzen zu können meinen. Diskurshoheit ist auch eine Volumenfrage."

Berliner Zeitung, 13.03.2009

Martin Jehle unterhält sich mit Uwe Tellkamp, der tatsächlich eine "Fortschreibung" des "Turms" plant, die dann in Berlin spielen soll: "Nach Berlin - das ist tatsächlich geplant, aber wahrscheinlich nicht mit dem Christian, sondern mit einer anderen Figur, die im 'Turm' nur in einer Nebenstelle vorkommt und die eigentlich aus einem anderen Projekt ist. Also Berlin wird vorkommen, sehr wahrscheinlich. Aber das ist Zukunftsmusik. Das muss sich zeigen."
Stichwörter: Berlin, Uwe Tellkamp

Welt, 13.03.2009

Hanns-Georg Rodek überlegt, wie sich Amok und Pop gegenseitig beeinflusst haben - Bob Geldofs "I don't like Mondays" bezieht sich auf die Erklärung einer 16-jährigen Amokläuferin von 1979. "Vielleicht sind es nicht primär rabiate Computerspiele und gewalttätige Filme, welche die Schulkiller von heute und von morgen konditionieren. Es könnte auch viel mit unserem Abdriften in virtuelle Welten zu tun haben. Simple Mausklicks ersetzen zunehmend persönliche Erfahrung. Investmentbanker haben mit einem Klick Tausende von Existenzen zerstört, aber diese Schicksale bleiben abstrakt - und zu einer ähnlichen Abstraktion ist das Töten für Schulmörder geworden. In der Tat selbst mischt sich beides: der virtuelle Drill, der ethische Barrieren senkt - und der Drang, sich einmal in der realen Welt auszuprobieren."

Weiteres: Tilman Krause ist völlig einverstanden mit dem Leipziger Buchpreis für Sibylle Lewitscharoff. Und Eckhard Fuhr berichtet von der offenbar sehr interessanten Rede Karl Schlögels bei der Entgegennahme des Buchpreises zur Europäischen Verständigung. Gerhard Gnauck berichtet von einer russischen Fernsehschmonzette, die die wundersame Rettung Krakaus im Zweiten Weltkrieg dem russischen Geheimdienst anrechnet ("'Es ist furchterregend und romantisch, zum NKWD zu gehören', haucht der Held Aleksej seiner Angebeteten Galja ins Ohr").

In der Randspalte verzeiht Berthold Seewald trotz Finanzkrise dem Staat nicht, dass er "drei Einbäume aus Schwerin" hat verrotten lassen. Michael Stürmer sieht mit Köln die Bedeutung von Archiven bewiesen. Katharina Dockhorn berichtet von den Verwerfungen in der Kinobranche, seit das Leipziger Verwaltungsgericht die Filmförderung zur Überprüfung nach Karlsruhe verwiesen hat. Johanna Merhof interviewt Patricia Kaas.

TAZ, 13.03.2009

Unter den Überschriften "Die Normalität feiern" und "Muffensausen vor der Zukunft" berichtet Dirk Knipphals gleich zwei Mal von der Eröffnung der Leipziger Buchmesse. Im zweiten Artikel geht es um die Rede des Börsenverein-Vorsitzenden Gottfried Honnefelder, der das eBook zum Messethema machte und gegen Netzpiraten wetterte. "In den Blogs über die Buchmesse wird bereits angemerkt, dass die Buchbranche offenbar gerade dabei ist, die Fehler der Musikindustrie zu wiederholen, statt auf neue, kreative Vertriebswege zu setzen, die das Netz einbeziehen. Immerhin konnte Honnefelder auf die Netzplattform Libreka! verweisen, auf der man ab sofort legal eBooks beladen kann. Nur haben solche legalen Angebote eben einen in Netzkreisen nicht zu unterschätzenden Makel: Sie sind so uncool wie ihr Name."

Weiteres: Julian Weber porträtiert das (wirklich wunderbare!) Münchner Plattenlabel Trikont und dessen legendäre Macher Achim Bergmann und Eva Mair-Holmes; für sie hat die Krise in der Musikindustrie übrigens nichts mit kostenlosen Downloads, sondern vielmehr mit einer schon lange "betriebenen systematischen Entwertung von Musik durch Verramschung und Überangebot" zu tun. Besprochen werden das Debütalbum der österreichischen Musikerin Soap & Skin und Tamara Staudts Film "Nur ein Sommer".

Auf der Meinungsseite setzt Rudolf Walther die Reihe zum Postkapitalismus fort. Er sieht die Legende, wonach Marktwirtschaft und Kapitalismus die Demokratie und den Rechtsstaat gewährleisten würden, zerstört.

Außerdem erscheint heute auch die Le Monde diplomatique.

Hier Tom.

SZ, 13.03.2009

Einen sehr interessanten Hintergrundartikel über die Rückwirkung des Internets auf die reale Welt schreibt Andreas Bernard am Beispiel des Sortimentsbuchhandels - statt Vollständigkeit will man dort nun "Erlebniswelten" schaffen: "Das deutlichste Zeichen dieser Bemühung ist der Wechsel vom Regal zum Tisch als Hauptschauplatz des Sortiments. Die alphabetische Ordnung von 'rückenpräsentierten' Büchern, wie es in der Buchhändler-Sprache heißt, ist von einer thematischen Ordnung 'frontalpräsentierter' Bücher abgelöst worden. Die Strategie dieser Veränderung liegt auf der Hand: Wo sich das Regal als Ausstellungseinheit nicht sonderlich von der Zweidimensionalität auf dem Computerbildschirm unterschied, schafft der freie Zugang zu den Büchern auf den Tischen jenes atmosphärische, haptische Element, das beim Klicken durch die Websites zu kurz kommt."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld versucht in einem Artikel über Winnenden, die wahren Gründe der Gewalt zu enträtseln. Fritz Göttler kommentiert die Idee des Filmemachers Rob Spence, dem ein Auge fehlt und der sich jetzt ein Glasauge mit einer Miniaturkamera einsetzen lassen will, das er zugleich auch zum Filmemachen nutzen will (hier ist das Auge zu sehen). Reinhard J. Brembeck berichtet, dass das Philadelphia Orchestra wegen ausbleibender Sponsorengelder kräftig sparen muss. Adrienne Braun besucht die Ausstellung "Alles" im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, das tatsächlich sein gesamtes Depot präsentiert: "9236 Arbeiten von der Romantik bis zur Gegenwart". Wolfgang Schreiber schreibt zum Tod des Komponisten Henri Pousseur. Jens Bisky hörte verschiedene Reden zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse und war besonders beeindruckt von der Rede Gottfried Honnefelders vom Börsenverein, der vor dem "eskalierenden technischen Fortschritt" warnte.

Besprochen werden der Film "Nur ein Sommer" (mehr hier) und eine Caravaggio-Ausstellung in Mailand.

FAZ, 13.03.2009

"Der Kunstmarkt blutet", seufzt Rose Maria Gropp, findet dann aber alles doch nicht so schlimm. Richard Kämmerlings lauschte Herbert Grönemeyer, der zum Auftakt der Leipziger Buchmesse Gedichte las und dabei "kluge Sebstbeschränkung und Bescheidenheit" bewies. Kerstin Holm beschreibt in der Leitglosse die Werbekraft der russischen Miss Atom und resümiert in einem zweiten Artikel eine Konferenz zur russischen Beutekunst.

Besprochen werden Gerhard Meisters Radfahrerstück "Hugos schönster Schatten" im Stadttheater Bern, eine Luther-Ausstellung im Museum für Vorgeschichte in Halle, ein Ausstellungsreigen zur preußischen Vergangenheit Nordrhein-Westfalens und drei Kurzopern von Bohuslav Martinu am Nationaltheater Brünn.