Heute in den Feuilletons

Ein Arbeitsloser mit dem Namen Park Dae Seung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2009. Gegen einen Artikel von Richard J. Evans attestiert Karl-Heinz Bohrer in der SZ den Hitler-Attentätern eine "Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats", die heutigen Politikern abgehe. Die FR bringt eine bisher unveröffentlichte Erzählung Mark Twains, in der dieser ein Gesetz über das Funktionieren von Öffentlichkeit formuliert. Die Welt beschreibt die wachsende Macht privater Opernagenturen. Die NZZ weiß, wer Minerva ist.

Welt, 30.01.2009

Manuel Brug schildert recht konkret die wachsende Macht privater Opernagenturen, die die staatlich subventionierten Häuser mit Komplett-Paketen samt Dirigenten und Sänger-Ensemble beliefern. Einfallstor sind dabei oft die Regisseure: "Die, die gut im Geschäft sind, könnten ihre im gesunden Fall maximal drei Neuinszenierungen pro Spielzeit eigentlich selbst aushandeln. Aber da ihnen die Vertragsverhandlungen immer lästiger und komplizierter werden (vor allem bei internationalen Koproduktionen), delegieren die Inszenatoren, die sich meistenteils längst als den Komponisten ebenbürtige Originalgenies sehen, das inzwischen gern an die in diesem Feld neuen Agenten. Und die werden natürlich nicht müde, gern Pakete zu schnüren, die dann wiederum die Sänger und Dirigenten aus hauseigenem Bestand mitvermitteln. Die Theater schlucken das offensichtlich. Als an der Deutschen Oper Berlin der nach noch nicht einmal zwei Spielzeiten glücklos ausgeschiedene Generalmusikdirektor Renato Palumbo herrschte, kamen auffällig viele Sänger aus der eher kleinen, aber zufällig auch ihn vertretenden italienischen Agentur Punto Opera."

Weiteres: Uta Baier berichtet, dass Wilhelm Leibls Gemälde "Baunermädchen ohne Hut" an die Erben seines einstigen Eigentümers, des Gubener Hutfabrikanten Alexander Lewin, zurückgegeben werden muss. Dankwart Guratzsch vermeldet, dass Edithas Grabmal in Magdeburg nicht wie angenommen leer ist, sondern tatsächlich einen Leichnam birgt. Sven Felix Kellerhoff bringt uns auf den neuesten Stand im Streit um den Nachdruck von NS-Blättern als "Zeitungszeugen". Holger Kreitling interviewt den Comic-Autor und neuerdings auch Regisseur Frank Miller, dessen Verfilmung von "The Spirit" nun ins Kino kommt. Ernst Cramer erinnert an den Religionsphilosophen Hans-Joachim Schoeps, der vor hundert Jahren geboren wurde. Ingolf Kern verabschiedet die Schauspielerin Christine Schorn, die nach vierzig Jahren die Bühne verlässt.

FR, 30.01.2009

Die FR veröffentlicht eine bisher unbekannte Erzählung Mark Twains. Darin formuliert er ein Gesetz über das Funktionieren von Öffentlichkeit: "Wird der Öffentlichkeit eine völlig neue und noch unerprobte politische Idee vorgelegt, sind die Leute zunächst ängstlich, verunsichert und zaghaft und werden anfänglich schweigen und sich nicht festlegen. Nur eine kleine Minderheit wird sich die Zeit nehmen und die neue Ansicht eingehend prüfen, um sich selbst eine Meinung zu bilden; die meisten werden abwarten, um zu sehen, wofür sich die Mehrheit entscheidet. Als sich vor einem dreiviertel Jahrhundert im Norden (der USA, d. Red.) die Bewegung gegen die Sklaverei formierte, fand sie dort zunächst kaum Zuspruch. Weder Presse noch Kirche, ja fast niemand interessierte sich dafür. Man schwieg, weil man Angst hatte, sich zu äußern und als Folge davon ausgestoßen zu werden, und nicht etwa, weil man die Sklaverei billigte." Die Erzählung wird demnächst in dem neuen amerikanischen Verlag Harper Studio veröffentlicht, dem Rüdiger Wischenbart seinen neuen Virtualienmarkt widmet.

Weitere Artikel: Sebastian Moll berichtet über die Hoffnungen der amerikanischen Kulturszene auf Obama. Besprochen werden eine neue CD der 17 Hippies (Hörproben) und Tschaikowskys "Pique Dame", inszeniert von Thilo Reinhardt an der Komischen Oper Berlin.

NZZ, 30.01.2009

In einem "Schauplatz Korea" erzählt Hoo Nam Seelmann, dass die koreanische Regierung ein probates Mittel gegen die Krise gefunden hat, die vom geheimnisumwitterten Blogger Minerva vorausgesagt worden war: "Als seine regierungskritischen und pessimistischen Blogs im Internet immer mehr Leser fanden, befürchtete die Regierung die Untergrabung des ohnehin schwindenden Vertrauens in die eigene Wirtschaftspolitik und kündigte an, ihn ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Sie wusste nicht mehr, wie sie sich gegen die subversive Kraft der Worte aus der virtuellen Welt wehren sollte, denen die Bürger mehr Glauben schenkten als den eigenen Verlautbarungen. Am 10. Januar wurde Minerva enttarnt, verhaftet und sein Geheimnis gelüftet." Und übrigens: "Minerva ist ein 31-jähriger Arbeitsloser mit dem Namen Park Dae Seung, der nur einen zweijährigen College-Besuch vorweisen kann."

Weitere Artikel: Patricia Grzonka nimmt das neue Porsche-Museum in Stuttgart in Augenschein. Joachim Güntner kommt auf das Verbot eines Reprints mit Nazizeitungen in Bayern zurück.

Besprochen werden die Ausstellung "Byzantium 330 bis 1453" in der Royal Academy of Arts in London, neue Alben und Installationen des japanischen Elektro-Künstlers Ryoji Ikeda und eine Biografie über Kurt Cobain.

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Freitag, 30.01.2009

Dirk F. Liesemer unterhält sich mit dem Autor Ilija Trojanow, der in seinem jüngsten Buch "Kampfabsage" zusammen mit seinem Mitautor Ranjit Hoskote für eine Mischung der Kulturen plädiert: "Wir stellen die hybriden kulturellen Energien dar, die uns alle und unsere Welt prägen. Was etwa als typisch europäisch gilt, speist sich aus sehr unterschiedlichen Quellen. Einige davon liegen im früheren muslimischen al-Andalus auf der iberischen Halbinsel, andere im arabisierten normannischen Königreich Sizilien."
Stichwörter: Sizilien, Ilija Trojanow

Jungle World, 30.01.2009

Scharf attackiert Klaus Bittermann die linke Solidarität mit der Hamas: "Der Hamas werden als nationaler Befreiungsbewegung Sympathien entgegengebracht, ohne zu erwähnen, dass sie mit Gewalt über den Alltag herrscht und dass, wer ihr in die Quere kommt, schnell in einer Folterzelle enden kann, und auch ohne ein Wort über die Ideologie der Hamas zu verlieren, die 'Die Protokolle der Weisen von Zion' für eine Aufklärungsschrift hält. Dass die Hamas ein religiös-fundamentalistischer Heimatvertriebenenverband ist, der die glei­che Blut-und-Boden-Ideologie wie die Nazis und eine widerwärtige Heldenverehrung betreibt - 'Palästina wird frei sein. Unser Blut wird seinen Boden tränken' -, scheint die Linke nicht zu stören... Mit den Opferbildern als Aufmacher das Leid der Zivilbevölkerung zu missbrauchen, um Propaganda gegen Israel zu treiben, damit erreicht man keine Aufklärung, sondern schürt nur den Hass auf Israel und die Juden."

Florian Eisheuer weiß zu berichten, dass zur antizionistischen Allianz aus islamistischen und linken Gruppen nun auch Verbande der türkischen Community gestoßen sind.
Stichwörter: Hamas, Israel

TAZ, 30.01.2009

Im Interview spricht John Sinclair, Manager der revolutionären Rockband MC 5 und Gründer der White Panther Party in Detroit über schwarze Musik und den drogenbewehrten Kampf gegen das Spießertum in den sechziger und siebziger Jahren. Der Behauptung, heute gehe es ja nur noch um die Pflicht auf Spaß und nicht mehr um Disziplin, widerspricht er entschieden: "Glaubt ihr das wirklich? Die Disziplin besteht darin, sich die neuesten Produkte zu kaufen, egal wie viel sie kosten und wie schrecklich sie auch sein mögen. Wenn du dir das alles leisten willst, besorgst du dir besser einen Job! Sonst wird das nichts mit den Piercings und 1000 Dollar teuren Jeans."

Weiteres: Tania Martini resümiert eine Veranstaltung der Akademie der Künste in Berlin, auf der Publizisten - darunter Franziska Augstein, Mathias Greffrath und Markus Ederer - über ein Ende der Globalisierung und Möglichkeiten für ein neues solidarisches Handeln diskutierten. Daniel Bax hangelt sich an der Achse des Afropop entlang und bespricht neue Alben von Chiwoniso, Amadou & Mariam und Oumou Sangare.

Auf der Meinungsseite beklagt Iris Hefets, dass deutsche Medien angeblich nur die israelfreundliche Haltung zum Nahostkonflikt des deutschen Zentralrats der Juden reproduzieren und anderen Stimmen zu wenig Raum geben. In tazzwei berichtet Philipp Gessler, wie Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats, auf die den Holocaust leugnenden katholischen Würdenträger reagiert: mit einem Abbruch des Dialogs mit den Katholiken. Nina Ernst schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Tempos.

Hier Tom.

FAZ, 30.01.2009

Jürg Altwegg berichtet auf der ersten Feuilletonseite vom scharfen Protest rechtsintellektueller Katholiken wie Rene Girard gegen die Aufhebung der Ex-Kommunikation der unter Antisemitismus-Verdacht stehenden Pius-Brüder und insbesondere des Holocaust-Leugners Richard Williamson: "Nicht alle Religionen sind gleich, sagt Girard. Der Relativismus, der im Zentrum des Achtundsechziger-Denkens steht, ist auch das Kernproblem der zeitgenössischen Philosophie: Nicht alle Werte, Ideen, Meinungen sind gleich und gleichwertig. Gerade deswegen hat Girard den 'Aufruf gegen den Negationismus in der Kirche' unterschrieben. Man muss ihn durchaus als Petition des Protests gegen den Papst lesen. Formuliert haben ihn seine verlässlichsten Verbündeten in der Welt der Intellektuellen."

Weitere Artikel: Joachim Müller-Jung unterhält sich mit der dänischen Klima- und Energieministerin Connie Hedegard über die Klimafrage in Zeiten der Finanzkrise. Regina Mönch schildert die ihrer Meinung nach verheerende Integrationspolitik in Berlin, die etwa dazu führt, dass ein den fundamentalistischen Muslimbrüdern nahestehender Imam wie Ferid Heider auch noch öffentliche Fördergelder erhält. Hubert Spiegel denkt über mögliche Folgen der Finanzkrise für den deutschen Kulturbetrieb nach - der bisher verdächtig stillschweigt zum Thema. In der Glosse weiß Edo Reents mit Thomas Mann auf alle Fragen des Wirtschafts-Krisen-Gipfels in Davos eine Antwort. Mark Siemons erklärt, dass mit den Todesurteilen gegen die Hauptangeklagten der Milchpulver-Skandal in China noch keineswegs zu den Akten gelegt ist. Jürg Altwegg widmet dem französischen Verlag Gallimard zum hundertsten Geburtstag ein kleines Porträt. Marcel Reich-Ranicki gratuliert der Münchner Buchhändlerin Rachel Salamander zum Sechzigsten.

Besprochen werden eine Baden-Badener Inszenierung von Richard Strauss' "Rosenkavalier" mit Christian Thielemann am Dirigentenpult und Renee Fleming und Sophie Koch, die Ausstellung "Art of Two Germanys" in Los Angeles, Meisterwerke von Franz von Stuck in der Münchner Villa Stuck, Mohammad Farokhmaneshs Dokumentarfilm "Reich des Bösen - Fünf Leben im Iran" und Bücher, darunter Christa Bürgers Monografie zu "Goethes Eros" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 30.01.2009

In einer Polemik gegen einen SZ-Magazin-Artikel des Historikers Richard J. Evans fordert der konservative Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, den Vorbildcharakter der moralischen Haltung Graf Stauffenbergs und des aristokratischen Widerstands zu würdigen - und nicht umstandslos gegen ihre politisch nicht korrekte Weltanschauung aufzurechnen: "So wie Georges, Jüngers und Benns präfaschistische Phantasien zugleich bedeutende Symbole der Moderne enthielten und also nicht einfach dem Verdikt des politischen Moralismus anheimfallen, so repräsentierten Stauffenberg und seine Freunde - in anderer Weise als der Kreis um die ebenso 'idealistischen' Geschwister Scholl - eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats, von dem heutige Politiker und andere Mitglieder der Funktionselite nur träumen können."

Weitere Artikel: Holger Liebs weiß, dass die Google-Earth-Version des Prado im 19. Jahrhundert im Kunst-Diagnostiker Giovanni Morelli einen Vorläufer hatte. Vom Düsseldorfer Tanz-Festival "Temps d'Image" berichtet Melanie Suchy. Volker Breidecker erklärt, worum es bei einem Gerichtstermin um einen Romy-Schneider-Roman geht. Abgedruckt wird ein offener Brief (hier online nachzulesen, hier als pdf) von Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, in dem er sich - im Namen der Akademie - gegen die Pläne eines Marstall-Erweiterungsbaus ausspricht. Heribert Prantl schreibt zum Tod des Juristen Werner Flume, der im Alter von 100 Jahren gestorben ist. Auf der Medienseite stellt Thomas Schuler Forschungsergebnisse zur Nazi-Vergangenheit des Verlegers Georg von Holtzbrinck vor.

Besprochen werden ein Münchner Konzert des Star-Pianisten Jewgenij Kissin (Joachim Kaiser war teils bezaubert), eine "Fliegender Holländer"-Inszenierung in Basel (Jörg Königsdorf sieht in Regisseur Philipp Stölzl "einen der wichtigsten Musiktheaterregisseure seiner Generation"), das Debütalbum der gehypten Schotten Glasvegas (Diedrich Diederichsen kennt Vorgeschichten), und Bücher, darunter Ludger Honnefelders Essay-Band "Woher kommen wir?" und - in, so ist zu erfahren, Friedrich Anis letzter Krimi-Kolumne - Neuausgaben von Leo Malets Nestor-Burma-Romanen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im heutigen SZ-Magazin unterhält sich Lars Reichardt mit Philip Roth.