Heute in den Feuilletons

Die Zerstreuung des Ichs im Netz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2009. Die Feuilletons fiebern Barack Obama Amtseinführung entgegen. In der FAZ brütet Charles Simic über der Frage, wie man ein Gedicht zu diesem Anlass schreibt. Die FR möchte gleich George Bush vor Gericht stellen. Im Tagesspiegel stellt der Historiker Peter Steinbach zum Stauffenberg-Film klar: "Ein Antreibender, viele Angetriebene - dies hat nichts mit der Realität des Umsturzversuches vom Sommer 1944 zu tun." Die SZ vergibt dagegen 100 Punkte an Tom Cruise und an sich selbst.

Welt, 20.01.2009

Andre Glucksmanns Artikel aus Le Monde (hier das Original), der in der FAZ schon heftig angegriffen worden war, ist am Samstag in der Welt erschienen. Wir haben ihn in dem unübersichtlichen Online-Auftritt übersehen, darum reichen wir ein Zitat nach. Glucksmann wendet sich darin gegen die Kritik, Israels Antwort auf die Hamas sei "unverhältnismäßig": "Welches wäre denn die gerechte Proportion, die Israel wahren müsste, um das Wohlwollen der Meinungen wiederzuerlangen? Soll die israelische Armee nicht ihre technische Überlegenheit ausnutzen und sich auf dieselben Waffen beschränken wie die Hamas, auf einen Kampf mit ungenauen Grad-Raketen oder mit Steinen oder soll es gar aus eigenem Antrieb Selbstmordattentate, menschliche Bomben und bewusste Angriffe auf die Zivilbevölkerung einsetzen? Oder sollte Israel gar noch ruhig abwarten, bis die Hamas mit Hilfe von Iran und Syrien eine gleichwertige Feuerkraft erlangt hat?"

Online gemeldet wird die Ermordung des russischen Menschenrechtsanwalts Stanislaw Markelow: "Der 34-jährige Jurist wurde kurz nach einer Pressekonferenz in Kremlnähe von einem Unbekannten mit einem Kopfschuss getötet, wie die Staatsanwaltschaft nach Angaben der Agentur Interfax mitteilte. Die Journalistin Anastasja Baburowa, die für die kremlkritische Zeitung Nowaja Gazeta arbeitete und Markelow begleitet hatte, wurde durch Schüsse schwer verletzt und starb später im Krankenhaus. Dutzende Passanten wurden Zeugen der Bluttat im Zentrum der russischen Hauptstadt."

Im heutigen Feuilleton: Michael Stürmer erklärt die unaufhaltsam näher rückende Inauguration Barack Obamas als Zeremonie des Übergangs in eine andere Daseinsform: Aus einem Wahlkämpfer wird ein Monarch auf Zeit. Berlins früherer Kultursenator Volker Hassemer fordert mehr Unterstützung für die Errichtung des Humboldt-Forum: "Es geht um das Interesse nicht nur der Museumsleute, sondern aller, die das Verhältnis der Kulturen der Welt heute bewegt und interessiert." Dankwart Guratzsch fragt sich im Falle Frankfurts, ob "Internationalität" als Bauidee für die IBA im Jahr 2018 trägt. Gabriela Walde kündigt den Umzug der Nofretete ins Neue Museum an.

Besprochen werden Clint Eastwoods neuer Film "Der fremde Sohn", ein Konzert von Oasis in Berlin, die Uraufführung von Michael Lentz' "Warum wir also hier sind", eine Aufführung der "Ägyptischen Helena" an der Deutschen Oper Berlin und Else Spillers wiederentdeckte Berichte von 1900 über "Slums".

Tagesspiegel, 20.01.2009

Wir erinnern uns: Peter Steinbach, Leiter Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, hatte die Interventionen Frank Schirrmachers pro Cruise im letzten Jahr kritisiert, wofür er später von der FAZ ohne Nennung der Gründe als streitsüchtiger Professor gebrandmarkt wurde (unser Resümee). Jetzt schreibt Steinbach im Tagesspiegel über Cruises Stauffenberg-Film: Ein schwerwiegendes Problem sieht er gerade in der Konstuktion des Films als Thriller: "Sie bedingt, dass alles auf die Hauptperson zugeschnitten ist. Der Held treibt die Entwicklung voran und steht im Zentrum aller Ereignisse. Über die Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter der nationalsozialistischen Politik zum Kritiker und schließlich zum unbedingten Gegner Hitlers erfahren wir nichts. Eine offensichtlich später hinzugefügte Anfangsszene bündelt Stauffenbergs Motive in einer fiktiven Tagebuchnotiz - mehr nicht... Ein Antreibender, viele Angetriebene - dies hat nichts mit der Realität des Umsturzversuches vom Sommer 1944 zu tun."

NZZ, 20.01.2009

Aram Lintzel berichtet von der Berliner Tagung "Dancing With Myself" über Digitalisierung und die Krise der Pop-Kultur, wobei das Internet eher als Agent denn als Retter angesehen wurde: "Die Zerstreuung des Ichs im Netz sei keineswegs Ausdruck einer neuen Freiheit, vielmehr habe sich dort eine 'Techno-Bürokratie der Affekte' der User bemächtigt. Der Amerikanist Götz-Dietrich Opitz analysiert die Rhetorik der Inaugurationsreden vor allem in Hinblick auf die amerikanische Bedeutung der Jeremiade als politischer Predigt. Klaus Bartels schreibt zum Stichwort "Inauguration".

Besprochen werden eine Aufführung des "Fliegender Holländer" im Theater Basel, die Anthologie mit Gedichten Nazim Hikmets "Die Namen der Sehnsucht", Friedrich Möbius' Anthropologie des Bauens "Wohnung, Tempel, Gotteshaus" und Dave Eggers' Roman "Weit gegangen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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TAZ, 20.01.2009

Andreas Resch war bei einem Symposium zur Filmvermittlung in Bremen. Ralf Leonhard erzählt, wie sich Linz zur Kulturmetropole mausert. Ulrich Gutmair schreibt über den Berliner Kongress "Dancing with myself" zur fundamentalen Krise der Musikindustrie. Nicht die Jungen sind faul, sondern die Alten, hält Wolfgang Ullrich in der "warenkunde" fest. Besprochen wird David Martons Inszenierung der "Lulu" am Schauspielhaus Hannover.

Auf der Meinungsseite wünscht der Soziologe Norman Birnbaum Barack Obama zwar Glück, glaubt aber nicht, dass die neue Politik viel ändern wird.

Und Tom.

FR, 20.01.2009

Arno Widmann möchte George W. Bush vor Gericht stellen, wegen Folter und Angriffskrieg, und Hans-Christian Ströbele erklärt ihm im Interview, wie das gehen würde. Ina Hartwig zieht die Tagebuchschreiber den Bloggern vor. Dieter Glawischnig, Chefdirigent der Hamburger NDR-Bigband, spricht im Interview über Siebener-Takte, Motivierungsarbeit und Ernst Jandl. Judith von Sternburg schreibt zum 150. Todestag von Bettine von Arnim.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung des "Urfausts" im Thalia Theater, Burghart Klaußners Trashrevue "Marigold" mit Musik von den Beatles am Schauspielhaus Bochum und ein Band mit Gedichten von Thomas Kling (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 20.01.2009

Die SZ scheut keine Kosten und hat ihren Kritiker Tobias Kniebe nach Los Angeles geschickt, um dort in der üblichen Hotelsuite Tom Cruise zu interviewen, der uns den Stauffenberg geschenkt hat. Und die historische Lektion hat gesessen, findet Kniebe: "Was im November Wunsch war, ist heute Wirklichkeit. Der Film hat seine 75 Millionen Dollar in den USA eingespielt. Tom Cruises Instinkt also mal wieder: 100 Punkte. Blogger, Zweifler, Untergangspropheten, Scheinexperten: Null Punkte." Einem Hinweis auf der Literaturseite entnehmen wir auch, dass Tobias Kniebe ein Buch zum Film verfasst hat "Operation Walküre - Das Drama des 20. Juli".

Weitere Artikel: Alex Rühle erklärt zum heutigen Zahlentag, was es mit Milliarden und Billionen auf sich hat. Kristina Maidt-Zinke inspiziert das neue, von Jean Nouvel entworfene Konzerthaus von Kopenhagen. Cornelius Wüllenkemper verfolgte die Berliner Tagung "Dancing with myself", in der die Popbranche das Internet für ihr Elend verantwortlich machte. Roman Deininger wirft einen Blick auf die am heutigen Inauguration Day von Barack Obama zu leistenden Aufgaben.

Besprochen werden Goethes "Urfaust" in der Regie Andreas Kriegenburgs am Thalia Theater Hamburg und Bücher, darunter eine Neuübersetzung der "Poetik" des Aristoteles.

FAZ, 20.01.2009

Der Ex-Poet-Laureate der USA Charles Simic zerbricht sich freundlicherweise den Kopf der Elizabeth Alexander, die eingeladen/verdonnert wurde, ein Gedicht zur Amtseinführung Barack Obamas zu schreiben und vorzutragen: "Was soll ein Dichter in einer Demokratie bei einem solchen Anlass sagen? Soll er dem Mann schmeicheln, die Größe unseres Landes preisen oder nicht ganz so subtil darauf hinweisen, was aus einem Präsidenten werden kann, dem die Macht zu Kopf steigt? Sollte man die beiden Kriege erwähnen, die wir gegenwärtig führen und die bereits länger andauern als jeder andere Krieg mit amerikanischer Beteiligung und wohl auch nicht so bald beendet sein werden? Sollte man Folter und Misshandlung von Häftlingen und die anderen schlimmen Dinge, die unsere Politiker in der letzten Zeit getan haben, mit Schweigen übergehen? Würde ein Gedicht, das all diese Dinge ausblendet, etwas taugen?"

Weitere Artikel: Jordan Mejias macht sich Gedanken, wie Obama seinerseits die Welt noch überraschen will mit seiner Inaugurationsrede. In der Glosse zeichnet Niklas Maak den Weg des Volkswagens von Hitler bis Herbie nach. Konstanze Crüwell kann vermelden, dass Liam Gillick, britischer Vertreter Deutschlands auf der diesjährigen Kunstbiennale, sich in Venedig mit dem gescheiterten Versuch Arnold Bodes befassen wird, den Nazi-Pavillon durch einen Umbau zu humanisieren. Andreas Rossmann war dabei, als bei der Wiedereröffnung des Opernhauses in Wuppertal so mancherlei los war. Am Berliner Wissenschaftskolleg hörte Gustav Falke einen Vortrag der Juristin Andrea Bühler über die problematische Ausübung fremden Rechts in Deutschland, die sich dem "Staatsbürgerschaftsprinzip" verdankt..

Auf einer anders gearteten Veranstaltung war Till Krause, auch in Berlin: der Konferenz "Dancing With Myself", auf der es um die Folgen der Musik-Digitalisierung und also Dinge wie "Zahlhemmschwelle, Kulturflatrate, Verwertungsschnittstelle, Impactfaktor" ging. Kristin Kruthaup stellt in einer Reportage das auch in Kriegszeiten kooperierende, in Israel beheimatete israelisch-palästinenische "Radio All For Peace" vor. Dieter Bartetzko freut sich immer wieder, Axel Milberg im Märchenfilm auf dem Kindersender zu sehen. Auf der Medienseite fragt sich Jörg Thomann, wie intim der Gesundheitszustand Prominenter sein sollte.

Besprochen werden Aufführungen von Stücken von Dennis Kelly in Basel und Bochum, eine der seltenen Aufführungen von Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals "Ägyptischer Helena" an der Deutschen Oper Berlin, das neue Animal-Collective-Album "Merriweather Post Pavillion", und Edward P. Jones' Erzählungsband "Hagars Kinder" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).