Heute in den Feuilletons

Özür diliyoruz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2009. Die SZ staunt über die Türkei, wo es möglich wird, über den Völkermord an den Armeniern zu sprechen. In der FR fragt der Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean nochmals dringlich: Ist Barack Obama denn überhaupt schwarz genug? Die taz macht sich Sorgen über Obamas Evangelikalität. Im Guardian staunt Naomi Wolf über die Macht von Youtube. Die FAZ freut sich: "Operation Walküre" feiert 64 Jahre nach ihrer Erfindung doch noch Erfolge. Außerdem: Zwei Drittel der deutschen Alphablogger bloggen jetzt in der FAZ.

TAZ, 19.01.2009

Großes Entsetzen unter seinen Anhänger hat Barack Obama mit der Entscheidung ausgelöst, sich bei seiner Inauguration den Segen vom evangelikalen Prediger Rick Warren erteilen zu lasse, berichtet Sebastian Moll: "Warren hat gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften mit der Verbindung zwischen alten Männern und minderjährigen Mädchen gleichgesetzt sowie mit Inzest und Polygamie. Abtreibung hat Warren mehrfach als Holocaust bezeichnet und den Abtreibungsbefürworter Obama als 'Holocaust-Leugner' denunziert."

Weiteres: Reinhard Wolf meldet neuen Streit aus Dänemark um eine Karikatur: Die Zeitung Politiken veröffentlichte eine Zeichnung, die Israels Vorgehen Gaza mit dem der Nazis im Warschauer Ghetto gleichstellte. Zu lesen ist ein Vorabdruck aus Robert Misiks Buch über den Konservatismus "Politik der Paranoia". Besprochen wird Dave Eggers Geschichte eines sudanesischen Flüchtlingsjungen "Weit gegangen".

Und Tom.

FR, 19.01.2009

Dass mit Barack Obama ein Schwarzer zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, bereitet dem Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean offenbar einige Bauchschmerzen. Am Samstag fragte er sich in der NZZ, ob Obama schwarz genug sei und machte einen Roman von Ralph Ellison, "The Invisible Man", zum Kronzeugen: "Ellisons Roman ist ein Einspruch gegen die vorschnelle Einebnung des Rassengrabens." Heute fragt sich Dean in der FR, ob Obama schwarz genug ist und verweist auf Richard Powers' Roman "Der Klang der Zeiten": "Powers' Roman bestätigt und dementiert Obamas Sieg gleichermaßen. Er bildet einen Einspruch gegen die allzu schnelle, medial herbeigeredete 'Überwindung' der Rassenfrage."

Weiteres: Sandra Danicke lauschte der Rede, die Peter Zumthor aus Anlass des ihm verliehenen Preises für das beste Bauwerk in Deutschland 2008 - sein Kolumba Museum - im Deutschen Architektur Museum. Besprochen werden eine "Lulu" am hannoverschen Schauspielhaus in der Inszenierung von David Marton, der Wedekinds Text mit Bergs Libretto-Passagen und Musik verschneidet ("Eins plus eins ergibt hier drei", jubelt Michael Laages) und die von Michael Helbling inszenierte Uraufführung von Michael Lentz' Stück "Warum wir also hier sind" am Schauspiel Frankfurt.

Welt, 19.01.2009

Hendrik Werner schreibt zum 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe. Sven Felix Kellerhoff findet es absurd, dass das Land Bayern eine an den Kiosken gehandelte Zeitschrift mit Faksimiles von Zeitungen aus der Nazizeit verbietet. In der Leitglosse freut sich Rainer Haubrich über die Meldung, dass 60 Prozent der Berliner das Schloss wiederhaben wollen (ob mit oder ohne Kaiser wurde wohl nicht gefragt). Katharina Dockhorn liefert einen Hintergrundbericht über das immer stärkere Engagement von Hollywood-Produzenten für rein deutsche Filme. Michael Pilz unterhält sich mit dem R&B-Sänger Akon, der zusammen mit Michael Jackson einen Song produzierte, der inzwischen 50 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Und Sven Felix Kellerhoff erinnert daran, dass das Frauenwahlrecht vor 90 Jahren eingeführt wurde.

Die Forumsseite bringt ein Gespräch Jacques Schusters mit dem Autor und Politikberater Walter Laqueur.
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Weitere Medien, 19.01.2009

Im Guardian staunt Naomi Wolf über die Macht des Videos. Jemand hat ihren Vortrag an der Washington University über das "Ende Amerikas" gefilmt und bei Youtube gepostet. "Bis jetzt ist es fast 1.250.000 Mal angeklickt worden. Das war eine demütigende Lektion. Während ein polemisches Argument in Prosa zehntausende der üblichen Verdächtigen erreicht - gebildete Menschen, die gern Texte lesen - hat die Videoversion ein sehr viel größeres Publikum erreicht. Überall, wo ich hinkomme, von der Tankstelle bis zum Nagelsalon, laufe ich in Leute, die kaum mein Buch gelesen hätten, aber leidenschaftlich die Argumente unterstützten, die sie auf Youtube gehört hatten."

Wenig amüsiert zeichnet Dessy Gavrilova in Open Democracy den Skandal um die Entropa-Installation des tschechischen Konzeptkünstlers David Cerny für das Ratsgebäude in Brüssel nach. "Entropa" ist ein Puzzle aus 27 Teilstücken, auf denen jedes EU-Mitglied durch ein Stereotyp vorgestellt wird - Polen zum Beispiel durch einen katholischen Priester, der eine Schwulenfahne schwingt, Rumänien durch einen Drakulapark und Bulgarien durch eine türkische Toilette. Das hat in Bulgarien für höchste Aufregung gesorgt, der bulgarische EU-Repräsentant hat gar eine offizielle Protestnote bei der EU eingereicht. "Die bulgarischen politischen, institutionellen und medialen Überreaktionen sind exzessiver als die jedes anderen dargestellten Landes. Sie enthüllen Instinkte, die unangenehm an jene erinnern, die die Antwort einiger Muslime in Europa und darüber hinaus auf die dänischen Karikaturen 2005 begleiteten. Diese Furore ehrt ein Land nicht, das europäisch im Geiste ist - oder dies doch anstrebt."

Bei BoingBoing amüsiert sich Mark Frauenfelder über die Chuzpe des Künstlers, der ursprünglich 27 Künstler aus allen EU-Ländern an Entropa beteiligen sollte, dafür 350.000 Euro erhalten hat, sich dann aber entschlossen hat, die Skulptur mit seinen Kumpels allein zu bauen: "Ich finde, er sollte doppelt bezahlt werden."

NZZ, 19.01.2009

Roman Hollenstein macht sich für den von Jean Nouvel entworfenen Erweiterungsbau des aus allen Nähten platzenden Musee d'art et d'histoire in Genf stark. Der Privatbankiers und Präsident der Bach-Stiftung St. Gallen, Konrad Hummler, schreibt über seine Leidenschaft für Bach. Klaus Bartels erklärt Herkunft und Bedeutung des Wortes Krise. Christoph Egger kündigt die heute eröffnenden Solothurner Filmtage an. Besprochen wird Matthias Hartmans Inszenierung von Thomas Bernhards "Immanuel Kant" im Zürcher Schauspielhaus - nach Barbara Viliger Heiligs Geschmack wie Kümmelsuppe ohne Kümmel.

FAZ, 19.01.2009

Nun hat es sich doch so ergeben, wie die FAZ schon vor einem Jahr mutig prognostizierte. Mit der "Operation Walküre" wollen die Filmemacher "der Welt vom 20. Juli erzählen". Hollywood schenkt den Deutschen die nunmehr approbierte Wahrheit, und der Widerstand war breiter, als man je vermutet hat, erfurhen wir am Sonnabend (unser Resümee). In seiner Filmkritik hat Claudius Seidl gestern in der FAS zudem herausgefunden, dass Cruise den "Couragebambi" zurecht bekam: "Wenn man jetzt die Kritiken aus Amerika studiert (sie stehen alle im Internet), dann sieht man genau, was so ein Hollywoodstar riskiert, wenn er eine Wehrmachtsuniform anzieht und gelegentlich, wenn auch mit Widerwillen, den Arm hebt und 'Heil Hitler' sagt."

In osteuropäischen Zeitschriften stößt Joseph Croitoru auf mehr als einen entsetzten Bericht über massiv auftretende Kommunismus-Nostalgie in Rumänien und Russland. Warum der Schweizer "Filmchef" Nicolas Bideau heftigen Ärger hat, erklärt Jürg Altwegg. In der Glosse bekommt es Hubert Spiegel mit ganz viel Kleingeld zu tun. Paul Ingendaay vermeldet knapp einen neuen Rekord im Dauersprechen: Der Franzose Lluis Colet hat 124 Stunden am Stück die Klappe nicht gehalten - und zwar auf Katalanisch. Zu erfahren ist, in einem kurzen Artikel von ihm selbst, dass Blogger Don Alphonso sich von nun an bei der FAZ verdingt, um über die "Stützen der Gesellschaft" zu bloggen. (Gratuliere! Zwei Drittel der deutschen Alphablogger bloggen somit nicht mehr über die FAZ.) Auf der letzten Seite ist, wie jeden Montag, Geburtstag. Glückwünsche gibt es für den Historiker Anselm Doering-Manteuffel (60, mehr), den britischen Medizin-Nobelpreisträger Sir Paul Nurse (Autobiografisches), den Maler Harald Metzkes (80, Bilder), den Spinat-Werbeträger Popeye (80, im Bild) und den Tierfilmer und Unternehmensberater Hans Hass (90). Niklas Maak hat einen kurzen Nachruf auf den amerikanischen Maler Andrew Wyeth verfasst. Zum Tom des Autors John Mortimer schreibt Gina Thomas. Auf der Medienseite kommentiert ebenfalls Thomas den geplanten Kauf des Londoner Evening Standard (Website) durch den russischen Ex-Geheimdienstmann Alexander Lebedew und zitiert genüsslich dessen Beinamen "The Spy Who Came In For The Gold".

Besprochen werden Niklaus Helblings Frankfurter Uraufführungs-Inszenierung von Michael Lentz' neuem Stück "Warum wir also hier sind", die Züricher "Wiedervorholung" von Thomas Bernhards dreißig Jahre alter, fast nie gespielter Komödie "Immanuel Kant" unter Regie von Matthias Hartmann (Gerhard Stadelmaier hat sich königlich amüsiert), eine Brüsseler Aufführung von Benjamin Brittens "Death in Venice"-Oper, die Ausstellung "Die Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die Ausstellung "Einrichten - Leben im Karton" in Bergisch Gladbach und Bücher, darunter die kommentierte Neuübersetzung von Edgar Allan Poes "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 19.01.2009

In der Blogbar denkt FAZ-Blogger Don Alphonso nochmal über das Bloggen an und für sich nach: "Ich hatte in den letzten Tagen ein paar Gelegenheiten, über die Frage von Blogs und Wert nachzudenken. Ich finde, was Blogs wirklich wertvoll macht, ist das Geschenk, dass sich da einer hinsetzt und etwas schreibt mit der Absicht, anderen etwas zu geben. Und sonst nichts."

Gawker teilt die Regeln mit, die laut einigen Medien gelten, wenn man zur Zeit Tom Cruise interviewen will:
"- Must have seen Valkyrie.
- Must have liked Valkryie.
- Must read a letter about how Scientology has never been banned in Germany. Even though, uh, Tom Cruise hates talking about Scientology."

"New York Times holt sich mexikanische Finanzspritze" und rettet sich somit vorerst, meldet turi2 unter Berufung auf amerikanische Medien.

SZ, 19.01.2009

Kai Strittmatter schreibt zum zweiten Todestag des armenisch-türkischen Autors Hrant Dink einen hoffnungsfrohen Artikel: "Es gab Dinge, von denen vor zwei Jahren noch keiner zu träumen gewagt hätte. Etwa die überraschende Reise von Staatspräsident Abdullah Gül nach Armenien. Vor allem aber jene Kampagne, ins Leben gerufen von vier Freunden Hrant Dinks, unterschrieben von mittlerweile fast 30 000 Türken, die den Titel trägt 'Özür diliyoruz' - Wir entschuldigen uns. Türken, die sich öffentlich entschuldigen bei den Armeniern für die Massaker von 1915, für 'Ungerechtigkeit' und 'Schmerz', das hat es nie zuvor gegeben."

Im Aufmacher fragt der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck, ob und wie Barack Obama die Folterung von Terrorismusverdächtigen unter der Regierung Bush strafrechtlich verfolgen lassen wird. Slavenka Drakulic schildert die Schwierigkeiten der tschechischen EU-Präsidentschaft mit einem Kunstwerk, das spöttisch Klischees über die europäischen Länder aufgreift und nun wegen der Proteste Bulgariens ins Gerede kam. In den "Nachrichten aus dem Netz" schreibt Johannes Boie über die ebay-Versteigerung des Blogs Basicthinking von Robert Basic, mit der der Alphablogger gerade mal 46.000 Euro erlöste. Tobias Kniebe verfolgte die Verleihung der Bayerischen Filmpreise. Hans-Peter Kunisch ließ sich eine "Berliner Lektion" von Claude Lanzmann erteilen, der von seiner Studienzeit in Tübingen nach dem Krieg erzählte. Auf der Literaturseite erinnert Burkhard Müller an Edgar Allan Poe, der vor 200 Jahren geboren wurde. Ein zweiter Artikel widmet sich einer Neuübersetzung der "Geschichte des Arthur Gordon Pym".

Besprochen werden die Ausstellung "Die Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum, Thomas Bernhards "Minetti" mit Michel Piccoli in Paris, neue DVDs, Stefan Puchers Inszenierung von "Maß für Maß" an den Münchner Kammerspielen, erste Konzerte einer vom Münchner Rosamunde-Quartett organisierten Konzertreihe.

Auf der Medienseite schreibt Tom Schimmeck über einen neuen Journalistenpreis der bisher eher unbekannten Postille visdp: "Trotzdem kommt jeder. Weil alle anderen ja auch da sind. Das Geschäftsmodell funktioniert in Berlin, der Hauptstadt der Suppenküchen, wo jede warme Mahlzeit kostbar ist."