Heute in den Feuilletons

Vertrackte Hausaufgabe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.01.2009. In der Berliner Zeitung fragt Norbert Bolz: Gibt es ein Fernsehen jenseits der Wonnen des Trivialen? Und antwortet mit Nein. Die FAZ genoss höheren literarischen Klatsch in den Tagebuchaufzeichnungen Susan Sontags. Die FR ist ganz verzückt über die Installation einer Inaugurationspoetin für Barack Obama.

FR, 15.01.2009

Zu seiner Amtseinführung hat Barack Obama ein Gedicht bei der 46-jährigen Lyrikerin Elizabeth Alexander in Auftrag gegeben. Sebastian Moll hörte die Freude unter Amerikas Schriftsteller; vor Obama haben sich nur John F. Kennedy (von Robert Frost) und Bill Clinton (von Maya Angelou) besingen lassen: "Der Auftritt Alexanders ist für die Literaten und Intellektuellen Amerikas eine Aufwertung, an die sie nicht mehr geglaubt hatten. Er ist Zeichen dafür, dass die literarische Kultur nach acht Jahren der Marginalisierung wieder einen Platz in der amerikanischen Öffentlichkeit erhält: 'Nach acht Jahren missbrauchter und manipulierter Sprache mit katastrophalen Folgen ist jede Würdigung von klarem Ausdruck überaus willkommen", sagt Christian Wiman (der Chefredakteur des Poetry Magazine). Dazu müsse Alexander nicht einmal ein transzendentales Werk abliefern: 'Um das Gedicht selbst geht es gar nicht. Es geht darum, dass wieder ein Zusammenhang zwischen der Kultiviertheit der Sprache und der Zivilisiertheit des politischen Lebens hergestellt wird.'"

Weiteres: In Times mager meldet Hans-Jürgen Linke, dass die Briten vom Glauben abgefallen sind: Ihr Vertrauen in die Banken ist derzeit noch geringer als das der Isländer! Frauke Hartmann beobachtet die Wiederauferstehung des Hamburger Hansa-Theaters als Variete. Auf der Medienseite stellt Harald Keller das Multikultur-Magazin "puzzle" des br vor.

Besprochen werden Sam Mendes' Yates-Verfilmung "Zeiten des Aufruhrs", Laurent Cantets Schuldrama "Die Klasse", Francesco Cavallis Oper "Ercole amante" in Amsterdam, Werner Fritschs Frankfurter Poetikvorlesung, die Ausstellung über die deutsche Sprache im Deutschen Historischen Museum in Berlin und Bliss Broyards Buch über ihren Vater Anatole "Ein Tropfen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 15.01.2009

Im Gespräch mit Roland Mischke über 25 Jahre Privatfernsehen gesteht der Medienwissenschaftler Norbert Bolz seinen heiteren Kulturkonservatismus: "Fernsehen ist am schlechtesten und wird am gefährlichsten, wo es anspruchsvoll sein will. Volkshochschulfernsehen funktioniert nicht, vor dem Bildschirm genießen wir die Wonnen des Trivialen. Der Kulturauftrag des Fernsehens ist nichts weiter als ein Phantasma."

Welt, 15.01.2009

Matthias Heine besucht eine Ausstellung über die Geschichte der deutschen Sprache im Deutschen Historischen Museum. In der Leitglosse findet Michael Pilz, dass der nun endgültig verkündete Ausstieg der Band Led Zeppelin aus der Popgeschichte schon seine Richtigkeit hat. Hannes Stein liest eine Anthologie von fünfzig amerikanischen Autoren über die fünfzig Staaten der USA. Uta Baier berichtet über die Restaurierung einer in 150 Teile zerfallenen antiken Antinoos-Skulptur aus Dresden im Getty-Museum, Los Angeles. Daniel C. Schmidt porträtiert den israelischen Popsänger Aviv Geffen, der in Deutschland gastiert. Auf der Filmseite interviewt Hanns-Georg Rodek einen der Chefs der neu gegründeten Ufa Cinema, Thomas Friedl, der trotz der Krise an den ambitionierten Plänen des Hauses festhält. Besprochen werden unter anderem Francois Begaudeaus Film "Die Klasse" und die Ausstellung "Gustav Klimt und die Kunstschau 1908 " in Wien.
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FAZ, 15.01.2009

Mara Delius hat den ersten Band der von deren Sohn herausgegebenen Tagebuchaufzeichnungen Susan Sontags gelesen, den sie wirklich sehr spannend findet für jeden, der sich für Sontags intellektuelle Entwicklung interessiert. Aber auch die Freunde des Klatschs kommen auf ihre Kosten: "Es finden sich schwungvolle Beschreibungen wie die der Zwanzigjährigen, sie bewundere Kafka von allen Schriftstellern am meisten, denn nur seine Werke besäßen eine magische Aktualität, die beim Lesen einen Schauder, einen mahlenden blauen Schmerz in den Zähnen verspüren lasse, im Vergleich sei Joyce schlicht dumm. Es finden sich beißende Bemerkungen zu ihren Treffen mit Geistesgrößen wie Simone de Beauvoir (zwar gutaussehend, doch verkrampft und unangenehm hochstimmig) und Thomas Mann (in beigefarbenem Anzug und kastanienbrauner Krawatte habe er verknöchert dagesessen, seinen Hund am Halsband haltend, und in feinziselierten Worten Banalitäten zu seinem Werk hervorgebracht)."

Weitere Artikel: Paul Ingendaay staunt über die hohe Auflösung der vielen tausend Gemälde, die man im "Prado"-Layer von Google Earth bewundern kann, dem ersten Resultat der Kooperation von Google mit großen Museen. Der slowakische Schriftsteller Michael Hvorecky weiß, was der Gaslieferstopp, der zuallererst die ehemaligen Ostblockstaaten trifft, eigentlich ist: "ein weiterer unvermeidlicher Schritt zur Verbreitung der einzigartigen russischen Kultur in der Welt". Chancen und Probleme der Stadtentwicklung Magedeburgs schildert Günter Kowa. In der Glosse kommentiert Jürg Altwegg die Pläne von Nicolas Sarkozy zur Einführung eines "Hochkommissariats für die Jugend". Jürgen Kaube porträtiert Esther Duflo, die als jüngste Frau aller Zeiten mit 36 Jahren einen Lehrstuhl, und zwar für die "Wissenschaft der Armutsforschung", am College de France erhält. Auf den neuesten Stand im Kölner Stadtentwicklungskampf, in dem nun auch alte Dokumente ins Spiel kommen, bringt uns Andreas Rossmann. Auf der Medienseite schreibt Jochen Buchsteiner über die Ermordung des srilankesischen Journalisten Lasantha Wickrematunge auf offener Straße. Sein letzter regierungskritischer Artikel wird abgedruckt.

Auf der Kinoseite unterhält sich Marco Schmidt mit dem Filmemacher Spike Lee, unter anderem über nach wie vor mangelnden afroamerikanischen Einfluss in Hollywood: "Solange kein einziger Farbiger in Hollywood wirklich etwas zu sagen hat, wird sich an unserer Situation auch nichts ändern." Die durch die Republik tourende Filmreihe "uebermacht" stellt Hans-Jörg Rother vor. Michael Althen kommentiert kurz die Vorauswahl für die Auslands-Oscars - bei der trotz veränderter Regularien schon wieder ein Favorit fehlt, nämlich "Gomorrha".

Besprochen werden eine Inszenierung von Claude Debussys Oper "Pelleas et Melisande" im Theater an der Wien, eine Ausstellung mit Fotografien von Heinz Hajek-Halke in der Städtischen Galerie von Regensburg, Laurent Cantets Film "Die Klasse", Catherine Hardwickes Stephenie-Meyer-Verfilmung "Twilight - Biss im Morgengrauen" und Bücher, darunter Tim Wintons Roman "Atem" und der Band "Based on a True Story" von rothstauffenberg (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 15.01.2009

Uwe Justus Wenzel spürt dem in diesem Jahr besonders heftig wehenden Geist von Darwin, Calvin und dem Kapitalismus nach. Besprochen werden die Schau autobiografischer Kunst "Ego Documents" im Kunstmuseum Bern, Jean-Yves Tadies monumentale Proust-Biografie und James Sallis' Thriller "Deine Augen hat der Tod".

Auf der Filmseite schreibt Susanne Ostwald sehr lobend über Sam Mendes' Yates-Verfilmung "Zeiten des Aufruhrs", weniger freundlich äußert sich Christoph Egger über Lionel Baiers Film "Un autre homme" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 15.01.2009

Als "Verrat am christlichen Auftrag" sieht Christian Füller das in Berlin laufende Schulvolksbegehren "Pro Reli" an, in dem die Kirchen nun selbst in der U-Bahn um Unterschriften für Religion als Pflichtfach kämpfen: "Was die Kirchen in Berlin gerade veranstalten, ist keine lässliche Sünde. Denn sie missbrauchen die Schule für rein organisatorische Zwecke. Die Kirche aber wird gebraucht. Um das viel größere Problem der Schule anzuprangern und beheben zu helfen - ihre große Ungerechtigkeit. (...) Es gibt mittlerweile Bildungseinrichtungen, die sich Hartz-IV-Schulen titulieren, arme Schüler bekommen vielerorts kein Mittagessen. Die Schule also ist schreiend ungerecht."

Ines Kappert stellt den Siegerfilm des letztjährigen Fimfests von Cannes vor: "Die Klasse" porträtiert den Unterrichtsalltag einer 7. Klasse in einem Pariser "Problembezirk". Dessen Regisseur Laurent Cantet erklärt im begleitenden Interview, dass die jugendlichen Laiendarsteller Rollen und nicht sich selbst gespielt hätten, und fand heraus: "Besonders schlechte Schüler sind es gewohnt, zu schauspielern. Sie machen das jeden Tag in der Schule." Auf den Tagesthemenseiten hält der Sozialwissenschaftler Michael Heinrich einen ausführlichen "Kapital"-Kurs ab.

Besprochen werden außerdem Sam Mendes' Melodram "Zeiten des Aufruhrs" mit einer brillanten Kate Winslet und Catherine Hardwickes Bestsellerverfilmung "Twilight - Biss zum Morgengrauen".

Und Tom.
Stichwörter: Berlin, Melodram, Sam Mendes, U-Bahn

SZ, 15.01.2009

Sehr beeindruckt ist Alex Rühle von Laurent Cantets Film "Die Klasse" (mehr), in dem sich viel über - nicht nur - das französische Schulsystem von heute lernen lässt: "Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann leben die meisten dieser Jugendlichen in windschiefen Hütten. Wie aber soll man, um im Bild zu bleiben, eine gemeinsame Hausordnung finden, wenn die Kinder nicht mal Wörter wie Österreich kennen? Und wie kann umgekehrt die Schule allen ein Haus sein, wenn am dramatischen Ende gerade der Schüler, der sie am dringendsten bräuchte, rausfliegt, wenn also die vermeintliche Integrationsmaschine am Ende immer auf Exklusion beruht? Das Gute ist, dass 'Die Klasse' einem diese Fragen nicht beantwortet, sondern als vertrackte Hausaufgabe mit nach Hause gibt." Daneben gibt es auch ein Interview mit dem Regisseur.

Weitere Artikel: Franziska Augstein beklagt den neuen Wilheminismus, den sie in neuer Begeisterung über die Hermannschlacht und allgemeinem Geschichts-Gedenkeifer erkennt. Alexander Menden gratuliert dem British Museum ganzseitig zum 250-jährigen Bestehen. Sehr freut sich Holger Liebs, dass die Fotosammlung von Ann und Jürgen Wilde in München ihre neue Heimat findet. Bernd Graff glossiert den von der titanic lancierten falschen Schäfer-Gümbel bei Twitter (der richtige ist übrigens hier). Johannes Willms erläutert, wie Nicolas Sarkozy die französische Kultur fördern will. Jörg Königsdorf kommentiert die Berufung von Peter F. Raddatz zum neuen Generaldirektor der Berliner Opernstiftung.

Besprochen werden Katie Mitchells Kölner Inszenierung von Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert", Lars von Triers Komödie "The Boss of it all", Catherine Hardwickes Stephenie-Meyer-Verfilmung "Twilight - Biss im Morgengrauen" und Bücher, darunter Lucius Shepards autobiografische Reportage "Hobo Nation" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 15.01.2009

Auf der Meinungsseite verzweifelt der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo (mehr hier) daran, wie sich Israelis und Palästinenser gegenseitig die Hoffnung rauben: "Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern gibt es keine Guten und keine Bösen. Da sind zwei Völker, die schon seit hundert Jahren einer das Blut des andern vergießen, die einander in die entsetzlichsten moralischen Abgründe reißen, einander das Leben zur Hölle machen - und sie schaffen es nicht aus eigener Kraft, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien. Die meisten Israelis sind nicht kriegslüstern. Sie wollen Sicherheit, ein sicheres Zuhause. Ich glaube, auch die meisten Palästinenser sind nicht kriegslüstern. Sie wollen Unabhängigkeit, sie wollen Freiheit."

Im Feuilleton verteidigt Jens Jessen Tom Cruise und seinen Stauffenberg-Film "Operation Walküre" gegen seine Verächter und Bewunderer im Feuilleton. Kerstin Kohlenberg erzählt die Geschichte der gigantischen Plakatsammlung des Hans Sachs, die dessen Sohn nun nach ihrem Wiederauftauchen zurückfordert. Der amerikanische Historiker Andrew Bacevich sieht mit Barack Obamas Amtsantritt in der nächsten Woche den Zeitpunkt gekommen, an dem die USA "endlich jene Selbstgerechtigkeit über Bord werfen sollten, mit der sie die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges behelligt haben". Claus Spahn schreibt zum Tod seines Zeit-Kollegen, des Musikkritikers und Kinderbuchredakteurs Konrad Heidkamp.

Besprochen werden Volker Löschs Stuttgarter "Hamlet"-Inszenierung (die Peter Kümmel in enger Verbidnung zum Selbstmord des Blaubeurener Unternehmers Adolf Merckle versteht), Laurent Cantets Cannes-Siegerfilm "Die Klasse", Sam Mendes' Ehedrama "Zeiten des Aufruhrs".

Im Literaturteil rezensiert Jochen Jung mit verhaltener Begeisterung Daniel Kehlmanns neues Buch "Ruhm": "Die technische Seite des Erzählens wird uns hier vorgeführt, das Skelett, nicht das Fleisch der Erzählung, die Fabel, nicht das Ineffabile."

Der Politikteil greift nun endlich auch die Charta 2008 auf, mit der sich 303 chinesische Intellektuelle zu Wort meldeten und für die einer der ersten Unterzeichner, der Philosoph Liu Xiaobo, prompt verhaftet wurde: Matthias Nass fordert Europas Solidarität: "Europa kann China seine Werte nicht aufzwingen. Es darf sich allerdings auch nicht davonstehlen, wenn diese Werte verletzt werden."