Heute in den Feuilletons

Nicht reisefähig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2008. Zum Tode Samuel Huntingtons arbeiten sich die weihnachtsmüden Feuilletons nochmal an seinem Begriff des Clash of Civilisation ab: Er analysierte den identitären Diskurs und war selbst Teil davon, meint die taz. Das Religiöse ist nur die Verkleidung des Politischen, meint ausgerechnet die FAZ.

TAZ, 29.12.2008

Robert Misik schreibt zum Tod Samuel Huntingtons: "Er analysierte den identitären Diskurs - und war selbst schon Teil von ihm. Dies machte seinen Text zu einer Provokation, weil er nicht nur eine Konfliktkonstellation beschrieb, sondern immer auch einer Seite die Argumente gab. Mit einem Wort: Die These vom Kampf der Kulturen machte etwas sichtbar - aber sie war selbst schon Teil dieses Kampfes."

Gabriele Goettle porträtiert in ihrer monatlichen Reportage den Gefängnisseelsorger und Radikalpazifisten Henricus Hubertus Janssen: "Es geht mir nicht darum, dass ich als Seelsorger irgendwelche Dinge vom lieben Gott erzähle. Dass ich die Leute vertröste. Das ist etwas Schreckliches! Seelsorge hat auch was mit Veränderung zu tun, hat auch eine politische Dimension und dazu gehört die Auseinandersetzung, auch der Streit, ich kann gar nicht sagen, wie sehr wir manchmal gerungen haben."

Weitere Artikel: Miriam Janke schickt eine Mail aus Rio. Besprochen wird Simon Blackburns Buch "Wollust - Die schönste Todsünde".

Auf der Meinungsseite empfiehlt Rudolf Walther zum Verständnis der Finanzkrise die Lektüre von Karl Marx.

Schließlich Tom.

FR, 29.12.2008

Die FR druckt eine Hommage des chilenischen Dramatikers Ariel Dorfman auf den verstorbenen Nobelpreisträger Harold Pinter: "Pinter zeigte mir, dass das Drama auch ohne Verse lyrisch sein kann. Es kann poetisch sein, nur durch seine Fähigkeit, einzutauchen in die Rhythmen unserer magischen Alltagsunterhaltungen. Pinter flüsterte mir zu, dass wir oft nicht reden, um zu sagen, was wir denken und fühlen, sondern um unser Inneres zu verstecken statt es zu offenbaren. Pinter fürchtete das Schweigen seiner Figuren nicht, auch nicht ihr Stottern oder ihren Absturz in eine unerforschliche Rhetorik."

Weiteres: Arno Widmann schreibt den Nachruf auf den ebenfalls verstorbenen Theoretiker und "organischen Intellektuellen der Macht", Samuel Huntignton. Sylvia Staude gratuliert dem Frankfurter Künstlerhaus Mouson-Turm zu seinem 20-jährigen Bestehen. Gemeldet wird, dass dem Management des Guggenheim-Museums von Bilbao Veruntreuung vorgeworfen wird. In Times mager nüchtert Judith von Sternburg aus. Besprochen werden zwei Händel-Biografien.

Welt, 29.12.2008

Manuel Brug porträtiert den zweiten Oboisten der Berliner Philharmoniker, Christoph Hartmann, der gerade eine Solokarriere startet (und auf dessen Website man kein Fitzelchen Musik hören darf). Rainer Haubrich freut sich in der Leitglosse, dass der Berliner Friedrichstadtpalast mit der Revue "Qi" an alte Erfolge anknüpft und auch wirtschaftlich wieder über die Runden kommt. Uta Baier weist darauf hin, dass die antiken Skulpturen der Berliner Sammlungen bisher keinen festen Ausstellungsort haben. Dankwart Guratzsch berichtet, dass die Litauer die Memelburg, eine mittelalterliche Festung des Deutschen Ordens, wieder aufbauen wollen. Gernot Facius erinnert an Helmut Gollwitzer, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Und Kai Hinrich Renner stellt Jakob Augsteins Pläne für die Wochenzeitung Freitag vor.

Besprochen werden eine Neuausgabe von Fontanes Roman "Mathilde Möhring" und einige DVDs, darunter Carl Theodor Dreyers restaurierter "Vampir" von 1932.

Auf der Forumsseite steht Torsten Krauels Nachruf auf Samuel Huntington.
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NZZ, 29.12.2008

Der Biologe Gottfried Schatz beschreibt noch einmal das Wunder der Befruchtung: "Von den zehn bis hundert Millionen Spermazellen, die sich jeweils auf die Reise machen, schafft es - bestenfalls - eine einzige. Viele Spermazellen sind missgebildet und nicht reisefähig, und unzählige andere sterben in Flüssigkeitswirbeln oder Schleimbarrieren des weiblichen Urogenitaltrakts. Und da dieser die Spermazellen als eindringende Parasiten missdeutet und todbringende Immunzellen auf sie hetzt, kann sich nur eine kleine Hundertschaft der schnellsten und kräftigsten bis zum äußeren Ende des Eileiters retten."

Weiteres: Urs Schoettli macht sich einige grundsätzliche Gedanken über den Sinn des Lebens und die menschliche Gier. Beat Ammann schreibt zum Tod des Politikwissenschaftlers und Theoretikers des "Clash of Cultures", Samuel Huntington. Besprochen werden eine Ausstellung des Architekten und Gestalters Gustave Serrurier-Bovy im Mamac in Liege und zwei Ausstellungen zur Geschichte der Juden in München.

Weitere Medien, 29.12.2008

Im History Club haben wir Huntingtons Essay über den "Clash of Civilisations" gefunden. Großartige Prosa! "It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural. Nation states will remain the most powerful actors in world affairs, but the principal conflicts of global politics will occur between nations and groups of different civilizations. The clash of civilizations will be the battle lines of the future." Die New York Times verlinkt in einem kleinen Artikel zum Tod Huntingtons auf Artikel von Michael Ignatieff (hier) und Edward Said (hier) zu Huntingtons Thesen.

FAZ, 29.12.2008

Christian Geyer arbeitet sich aus Anlass des Todes von Samuel Huntington nochmal an dessen Begriff des Clash of Civilisation ab: "Wo wir auch hinschauen: Ins Auge sticht das Primäre der politischen, nicht der kulturellen Logik. Es sind im wesentlichen politische Zweckmäßigkeiten, die kulturelle Deutungsmuster produzieren. Die Verteilungskämpfe mögen sich ethnisch oder religiös präsentieren. Aber das allein ist noch kein Grund, einen rationalen Kern der Islamophobie zu behaupten (der Kampf gegen einen islamischen Fundamentalismus bleibt davon freilich unberührt)."

Weitere Artikel: Erna Lackner denkt über das Hitler-Problem der kommenden Europäischen Kulturhauptstadt Linz nach. Daniel Hildebrand hat in Jena eine Tagung besucht, bei der Juristen und Politikwissenschaftler über den Begriff der "Republik" diskutierten. Frank-Rutger Hausmann erinnert daran, wie der später faschistische Dichter Ezra Pound im Jahr 1911 einmal beim jüdischen Gelehrten für altprovenzalische Dichtung Emil Levy Rat suchte. Über städtebauliche Erfolge in Meiningen freut sich Matthias Grünzig. In der Glosse kommentiert Joseph Croitoru Propagandabemühungen von Hamas und Israel im Nahen Osten. Swantje Karich vermeldet eine Einigung zwischen dem Haus Wettin und dem Freistaat Sachsen. Alexandra Kemmerer porträtiert Brad Braxton, den neuen Hauptpastor an der New Yorker Riverside Church.

Besprochen werden eine New Yorker Inszenierung von Jules Massenets Oper "Thais" mit einer für Jordan Mejias' Begriffe alles überstrahlenden Renee Fleming, die Sonia-Delaunay-Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld, die Ausstellung "Gefäß, Skulptur" im Leipziger Grassi-Museum und Bücher, darunter der Band "Love is not all" mit Gedichten von Edna St. Vincent Millay und Helmut Zanders Standardwerk über "Anthroposophie in Deutschland" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 29.12.2008

Die Krise bringt für Alex Rühle keine Rückbesinnung auf Werte, sondern nur Arbeitslosigkeit, Depression und besonders schäbiges Sparen auf Kosten der "Unterschicht". Thomas Steinfeld schreibt zum Tod Samuel P. Huntingtons. Die russische Band Leningrad hat sich aufgelöst, meldet Ingo Petz. Tobias Moorstedt schickt Nachrichten aus dem Netz. Carlos Widmann schreibt zum 50-jährigen Machtjubiläum der Castros. Als ziemlich dubiose Figur schildert Stefan Koldehoff den spanischen Unternehmer Juan Javier Bofill, der das Haus der Frau von Stein in Weimar gekauft hat. Baz Luhrmann spricht im Interview über seinen Heimat-Film "Australia". Anke Sterneborg schreibt zum Siebzigsten des Schauspielers Jon Voight. Der Unternehmer Eli Broad hat das vor dem Bankrott stehende Museum of Contemporary Art in L. A. gerettet, berichtet Jörg Häntzschel.

Besprochen werden die Ausstellung "Gustav Klimt und die Kunstschau 1908" im Belvedere in Wien, einige DVDs und Bücher, darunter Jan Koneffkes Familienroman "Eine nie vergessene Geschichte" und Nina zu Fürstenbergs Verteidigung von Tariq Ramadan (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).