Heute in den Feuilletons

Auf Comics fixiert wie ein Entenküken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2008. In der FR erklärt der Booker-Preisträger Aravind Adiga, warum er höchstwahrscheinlich niemals nach Deutschland kommen wird. In der NZZ spricht Art Spiegelman über sein "Porträt des Künstlers als junger %@)*!" In der taz bekennt Campino seinen Konservativismus. Die Welt staunt über den Erfolg von "World of Warcraft". Die SZ staunt über die Türken, die sich mit einer Schlaftablette in Wallung bringen.

NZZ, 14.11.2008

Heute morgen war die NZZ noch nicht online. Hier unser Resümee unverlinkt:

Christian Gasser unterhält sich mit Comic-Autor Art Spiegelman über sein Werden als Künstler und seinen autobiografischen Band "Porträt des Künstlers als junger %@)*!": "Ich wollte endlich verstehen, warum ich mich als kleiner Knabe auf Comics fixierte wie ein Entenküken, das sich auf etwas anderes als seine Mutter fixiert und diesem Mutterersatz ein Leben lang folgt... Ich habe einsehen müssen, dass ich am Anfang meiner Laufbahn ein beschränkter Idiot war, der sich ausschließlich für Comics interessierte. Deshalb dauerten meine Lehrjahre auch so lang. Comics werden gemeinhin als einfach und primitiv betrachtet, in Wahrheit aber ist der Comic eine überaus komplexe Ausdrucksform. Man muss nicht nur als Autor und Zeichner begabt sein, sondern auch fähig, Wort und Bild zu etwas Drittem zu verbinden."

Weiteres: Marc Zitzmann besichtigt den engagierten Theaterneubau von Joao Luis Carrilho da Graca in Poitier. Uwe Justus Wenzel berichtet von einer Tagung zur Menschenwürde in München.

Besprochen werden Robert Dornhelms "Boheme"-Verfilmung mit Anna Netrebko und Rolando Villazon sowie das Projekt "Performing Medicine" des Londoner Clod Ensemble.

Auf der Medienseite portätiert Stephan Russ-Mohl den amerikanischen Journalisten Peter Laufer, der sich als Radiojournalist den Außenseitern und Underdogs verschrieben hat. Heribert Seifert stellt das neue Online-Forum Carta vor.

Weitere Medien, 14.11.2008

Via 3quarks daily. "Es ist ein verheerender Schlag für Millionen nichtsahnende Amerikaner", schreibt The Onion. "Der neu gewählte Präsident Barack Obama ist mit fast 85 Millionen Dollar Kampagnengeld geflohen. Laut Berichten des FBI wurde Obamas plötzliches Verschwinden um 18.15 Uhr entdeckt, als der ehemalige Senator von Illinois nicht zu einem Gala Event im Lincoln Center erschien. Um 18.23 Uhr bestätigten Fluglogs des O'Hare International Airport, dass zwei Passagiere, ein Mann in einem perfekt geschneiderten Smoking von Brioni, der zwei silberne Aktentaschen trug, und eine afroamerikanische Frau in einem Pelzmantel und schwerem russischen Akzent beim Besteigen eines Privatflugzeugs gesehen wurden." In einem Abschiedsbrief erklärte Obama: "An meine lieben kleinen Bauern, die zu vertrauensvollen Menschen von Amerika, ... ich versichere euch, dass dies der vergnüglichste und erfüllendste Wahlkampf war, den ich je durchgezogen habe. Seit den Wahlen in Marokko 1984 habe ich nicht mehr so viel Vergnügen darin gefunden, die Hoffnungen und Träume so vieler mitleiderregender, entrechteter und unterdrückter Menschen erst zu wecken und dann zu zerstören."

FR, 14.11.2008

Booker-Preisträger Aravind Adiga erklärt im Gespräch mit Julia Kospach, warum er nicht besonders erpicht darauf ist, bei seiner Lesereise durch Europa auch in Deutschland Station zu machen: "In meiner Studentenzeit in England bin ich viel gereist und war auch in Deutschland. Dort hat man mir die ganze Zeit Schwierigkeiten gemacht, weil man mich für einen illegalen Immigranten hielt. Das war sehr unangenehm. Ich habe meinen Aufenthalt damals auf drei Tage verkürzt und bin zurück nach England. Mein Interesse daran, jemals wieder nach Deutschland oder auch nach Österreich zu kommen, ist gleich null. Ich glaube, ich werde es mein ganzes Leben lang nicht tun."

Weitere Artikel: Klaus Walter schreibt zum 24. Dienstjubiläum der Goldenen Zitronen, deren fortwirkende Punkmusik in einem Film dokumentiert wird. Besprochen wird auch die Produktion "Peter Pan" mit Zitronensänger Schorsch Kamerun in den Münchner Kammerspielen. Sebastian Moll schreibt unter Bezugnahme auf Sharon Waxmans Buch "Loot" über 200 Jahre Kunstraub durch westliche Museen in praktisch allen anderen Kulturen und über den Fall der Marion True, die in diesem Sinne für das Getty-Museum unterwegs war und nun in Italien vor Gericht steht. Peter Michalzik freut sich in "Times mager", dass Anselm Weber, bisher Essen, das Bochumer Theater übernnimmt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen von Wilhelm Lehmbruck und Joseph Beuys in Duisburg und ein Konzert der Staatskapelle Dresden in Frankfurts Alter Oper.
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Aus den Blogs, 14.11.2008

Turi2 meldet, dass der SZ dramatische Einsparungen bevorstehen: "Insider berichten von einem geplanten, drastischen Stellenabbau - nahezu jeder fünfte Redakteur könnte gehen müssen."

Berliner Zeitung, 14.11.2008

Der Soziologe Reinhard Blomert schreibt über die Finanzkrise: "Der Staat ist zurück, mit aller Macht und allen Insignien, die er nach Carl Schmitt hat. Der Staat nämlich, so lehrte der Staatsjurist, ist dadurch definiert, dass er den Notstand erklärt."
Stichwörter: Carl Schmitt

Welt, 14.11.2008

Wer spricht noch über "Second Life"? "World of Warcraft" ist das große Ding. Elf Millionen Nutzer zahlen 10 Euro Abogebühren im Monat für das Onlinespiel, schreibt Thomas Lindemann anlässlich einer neu auf DVD erschienen Episode. "Genauso viele Frauen wie Männer spielen, viele sind über 30, und hinter den Zwergen, Elfen und Magiern verbergen sich Anwälte, Kassierer, Lehrerinnen, gleichsam die ganze Gesellschaft."

Weitere Artikel: Johannes Wetzel schildert anlässlich der großen Pariser Literaturpreise, die in diesem Jahr ausnahmsweise an nicht pariserische Autoren gingen, Auseinandersetzungen zwischen bloß "frankophonen" und echt französischen Autoren. Peter Dittmar glossiert die arg gesunkenen Preise hoch taxierter Kunstwerke bei Christie's und Sotheby's. Michael Loesl unterhält sich mit Ärzte-Sänger Farin Urlaub über seine Solokarriere. Michael Pilz schreibt zum Tod von Jimi Hendrix' Schlagzeuger Mitch Mitchell. Hannes Stein plädiert für etwas Nachsicht mit Senator McCarthy, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde ("Es ging nicht darum, Leute ins Gefängnis zu stecken. Es ging darum zu verhindern, dass Kommunisten an Stellen saßen, wo sie die Außenpolitik der USA beeinflussen oder Geheimnisse weitergeben konnten") Manuel Brug wünscht sich, dass der Franzose Olivier Py auch mal in Deutschland Operninszenierungen übernimmt.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Thomas Manns "Doktor Faustus" in Wien und der heute auf Arte laufende letzte Film mit dem kürzlich verstorbenen Guillaume Depardieu, "Ein Schloss in Schweden".

TAZ, 14.11.2008

Im Interview mit Thomas Winkler erzählt Campino, was er an Angela Merkel mag, warum er Lafontaine für "ein Brechmittel" hält und warum er nicht mehr mit der Zeit gehen will: "Wenn ich mir anschaue, wie heute in den Jugendkulturen mit Sponsoren und Werbung umgegangen wird: Das wäre für meine Generation nicht denkbar, wie die sich da einkaufen, wie die die Bewegung übernehmen und die Leute auch noch stolz ihre beschissenen Marken-T-Shirts in die Kamera halten. Da bin ich konservativ. Für so etwas hätte man uns früher zu Recht am Laternenpfahl aufgehängt. Auch was meine Wertvorstellungen von Freundschaft oder Solidarität angeht, bin ich wohl eher konservativ."

Weiteres: Enttäuscht hat Katrin Bettina Müller Armin Petras' freie Bühnenadaption "Ödipus auf Cuba" von Max Frischs Roman "Homo Faber" am Berliner Maxim Gorki Theater verlassen: "Oh, du liebes bisschen, für nix als eine fette Midlifecrisis dieser ganz zivilisationskritische Klimbim!" Patrock Peltsch erzählt vom Coup der Yes Men mit der gefälschten New York Times. Tobias Rapp stellt die neuesten Mix-CDs vor.

Auf der Meinungsseite sieht sich die Theoretikerin Judith Butler bei Barack Obama mit ganz "neuen Konstellationen des politischen Denkens" konfrontiert: "Das stach besonders bei jenen Wählern ins Auge, die explizit zu ihrem eigenen Rassismus standen, aber sagten, sie würden dennoch Obama wählen. Das zeigte sich in Äußerungen wie: 'Ich weiß, dass Obama Moslem und Terrorist ist, ich werde ihn aber trotzdem wählen; er ist wahrscheinlich besser für die Wirtschaft.'"

Für die vorderen Seiten porträtiert Cristina Nord Tilda Swinton, die als Jury-Präsidentin der nächsten Berlinale "Glamour, Wärme und Witz" verheißt. Heute liegt außerdem der taz die Le Monde diplomatique bei.

Und noch Tom.

Zeit, 14.11.2008

Alena Wagnerovas Text haben wir gestern leider zu spät entdeckt. Wir reichen ihn hiermit nach. Sie springt Milan Kundera entschieden zur Seite, den Bericht im Magazin Respekt brandmarkt sie als "öffentliche Medienhinrichtung": "Zuckte man bei der ersten Nachricht über den Fund noch zusammen, so fühlte man sich nach der Lektüre des Artikels in Respekt nur noch angewidert von der Art und Weise, wie die Zeitung die Nachricht als als Sensation ausbreitete, von der Niedertracht der ganzen Kampagne, die man stolz als ein Beispiel für die notwendige Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit Ausgabe. Eher fühlte man sich freilich an die Kampagnen der Stalinzeit erinnert, an all jene Säuberungen und Prozesse, bei denen mit den gleichen Methoden der schwarz-weißen Sicht der Dinge und je nach politischem Bedarf Menschen verurteilt und vernichtet wurden."
Stichwörter: Milan Kundera

FAZ, 14.11.2008

Als Beleg für die katastrophale Ineffizienz staatlich organisierter Sozialbetreuungsverhältnisse in Großbritannien nimmt Gina Thomas den Tod eines auf schreckliche Weise von seiner Mutter getöteten siebzehn Monate alten Jungen: "Als Todesursache ließe sich nennen: erdrosselt von der Bürokratie und Opfer der Abhängigkeitskultur, die eine Unterschicht am Dauertropf des Sozialstaates hält." Vom Streit um Begnadigungsgesuche für die schwangere inhaftierte Ex-Yukos-Anwältin Swetlana Bachmina berichtet Kerstin Holm. Ziemlich beeindruckt zeigt sich Jordan Mejias von der den Frieden im Irak verkündenden Fake-Ausgabe der New York Times, für die nun die Aktionisten-Gruppe "Yes Men" verantwortlich zeichnete. Michael Hanfeld unterhält sich mit dem ProSieben-Sat.1-Chef Andreas Bartl über die Umstände, die zum Umzug von Berlin nach München geführt haben.

Joseph Hanimann weiß, warum die Comedie Francaise jetzt doch nicht in die Pariser Vorstadt zieht. Pia Reinacher stellt den in ganz landesuntypischer Blitzesschnelle ins Leben gerufenen "Schweizer Buchpreis" vor. Die Gymnasiasten David Rado und Jakob Schirrmacher waren bei der feierlichen Vorstellung der neusten World-of-Warcraft-Version im Berliner Einkaufszentrum Alexa vor Ort und erklären den Uneingeweihten, worum es bei dem virtuellen Fantasy-Rollenspiel überhaupt geht. In der Glosse staunt Oliver Jungen, wer, von der Wikipedia bis zu den Dorfkirchen, alles um vorweihnachtliche Spenden barmt. Christina Hucklenbroich macht uns mit dem auf dem Hamburger Flughafen herumschnüffelnden Labrador Retriever Berry bekannt. Peter Kemper schreibt zum Tod des Jimi-Hendrix-Schlagzeugers Mitch Mitchell.

Besprochen werden eine Züricher Aufführung von Bohuslav Martinus Oper "The Greek Passion", die Ausstellung des Arbeitszimmers von "Darwin" im Londoner Natural History Museum, Philippe Claudels Debütfilm "So viele Jahre liebe ich dich" und Bücher, darunter gesammelte journalistische Arbeiten von Gabriel Garcia Marquez mit dem Titel "Dornröschens Flugzeug" und zwei Bücher über die Konsumgesellschaft (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 14.11.2008

In der Türkei sorgt ein Dokumentarfilm über Kemal Atatürk für Aufsehen, der allerdings nicht einmal am Bild des Unkritisierbaren kratzt. Gerade das findet Kai Strittmatter aber bezeichnend: "Ein Film über einen Mann, der in der Türkei, so sieht es die Zeitung Taraf, 'behandelt wird wie sonst nur der Führer Nordkoreas in seinem Land'. Eine Dokumentation, die nichts Neues erzählt. Die zu 50 Prozent noch immer Führerkult ist, zu 40 Prozent öffentlich-rechtliches Fernsehen auf Valium - in den restlichen zehn Prozent jedoch Anrührendes und Menschliches zeigt. Diese zehn Prozent reichen aus, um viele Türken in Wallung zu bringen. Wenn aber eine Schlaftablette bei jemandem das Blut zum Kochen bringt, dann lohnt mehr noch als der Blick auf die Schlaftablette der Blick auf den Patienten."

Weitere Artikel: Stephan Speicher glaubt dem Speditionsunternehmer Klaus-Michael Kühne, dass ihm die Wendung, er wolle sein Unternehmen "reinrassig deutsch" halten, nur so "herausgerutscht" sei. Im Gespräch erklärt der britische Künstler Liam Gillick - aber nur sehr vage -, was er im nächsten Jahr im deutschen Pavillon in Venedig vorhat. Wie die katholische Soziallehre zwischen radikaler Markt- und vorsichtiger Staatsskepsis laviert, zeichnet Alexander Kissler nach. Gustav Seibt war mit Google in Rom und wurde nicht glücklich. Vom Bielefelder Theaterfestival "Voices from Undergroundzero", das junge New Yorker Dramatiker-Avantgarde vorstellt, berichtet Mounia Meiborg. Alf Christophersen war bei einem Kongress in Madison, auf dem der von politischer Theologie bestimmte "Weimarer Moment" der Geistesgeschichte auf die Gegenwart übertragen wurde.

Der Historiker Karel Hruza rekonstruiert, wie die Insignien der Prager Universität im Jahr 1945 zerstört worden sein dürften. Johan Schloemann stellt das Washingtoner "Pension Building" vor, in dem der Weltfinanzgipfel tagt. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod von Jimi Hendrix' Schlagzeuger Mitch Mitchell. Auf der Medienseite erinnert die ultrarechte US-Publizistin Ann Coulter im Interview an den fanatischen Verteidiger vermeintlich amerikanischer Werte Joe McCarthy, der - hätte er sich nicht recht jung zu Tode gesoffen - heute seinen 100. Geburstag hätte feiern können. Coulter sagt, was sie immer sagt, nämlich sowas: "Ja, ein großer amerikanischer Patriot! Von Gott gesandt."

Besprochen werden Gerald Kolls Film "88 - Pilgern auf Japanisch", Bücher, darunter Michael Wildenhains Hausbesetzer-Roman "Träumer des Absoluten" und ein großer schöner Visconti-Bildband (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Ach so, und hier noch (via Indiskretion Ehrensache) eine geschlechterpolitische Glanzleistung auf sueddeutsche.de: "Die Gourmet-Bibel 'Michelin' hat in seiner neuen Ausgabe für Überraschungen gesorgt - es hat den dienstältesten Drei-Sterne-Koch abgestuft."