Heute in den Feuilletons

Wille zur ästhetischen Unreinheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2008. Am Ende hat Venedig die Kritiker doch noch zufriedengestellt, Mickey Rourke als abgehalfterter Wrestling-Star rührte sie sogar zu Tränen. Die FR verteidigt die Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums. In der SZ erinnert Marcia Pally an die schmutzigen Kriege demokratischer US-Präsidenten.

TAZ, 08.09.2008

Hin- und hergerissen ist Cristina Nord in ihrem Venedig-Resümee. Genervt haben sie manche eher provinzielle Auftritte italienischer Filme und Filmeinführer - andererseits findet sie den Willen des Festivals zur ästhetischen Unreinheit nach wie vor großartig: "Wie überall, wo nicht hierarchische Vielfalt Avantgardekonzepte ablöst, kann man dies als Verlust betrauern, man kann sich aber genauso gut freuen, weil sich enorm viele Spielräume eröffnen. In Venedig bedeutet dies: Neben 'The Wrestler', einer schwarzen Komödie wie 'Burn After Reading' von Joel und Ethan Coen oder Kathryn Bigelows Kriegsdrama 'The Hurt Locker' bekommen die spröderen Formen des Kinos so selbstverständlich wie nirgendwo sonst Platz eingeräumt. Außer Konkurrenz zum Beispiel lief Abbas Kiarostamis Konzeptfilm 'Shirin', der 115 Schauspielerinnen zuschaute, wie sie der Bühnendarbietung eines persischen Versepos aus dem 12. Jahrhundert folgten."

Weitere Artikel: Andreas Becker glossiert den Logo-Wahnsinn bei der Bahn. Besprochen wird die Ausstellung "Malerei für die Ewigkeit - Die Gräber von Paestum" im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Für die zweite taz hat David Denk den Dokumentarfilmregisseur Volker Heise durch den Tag begleitet, an dem das monumentale "24 h Berlin"-Multi-Stadtporträt entstand. Adrienne Woltersdorf staunt in ihrer "Overseas"-Kolumne über die irren Lebensläufe typischer US-Amerikaner und die Historikerin Dagmar Herzog wundert sich auch: über die Begeisterung, die Sarah Palin bei den Konservativen entgegenschlägt.

Und hier Tom.

FR, 08.09.2008

Robert Kaltenbrunner, Leiter der Abteilung Bauen, Wohnen, Architektur des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, plädiert für eine Gestaltung des öffentlichen Großstadt-Raums, in der Begegnungen unterschiedlicher Klassen, Schichten und Kulturen an der Tagesordnung sind: "Es ist keine Polemik, wenn man konstatiert, dass die meisten Deutschen auf Theater, Konzert und Qualitätskino ohnehin verzichten können. Gesellschaftlich bedeutsam ist, dass ihre Bewohner die Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums hier augenscheinlich nicht auszuhalten brauchen. Die Konfrontation mit Fremden, die Anonymität, die Unsicherheit, wie man sich verhalten soll, also all das, was seit je her den großstädtischen Raum prägt - und mitunter auch schwer erträglich macht -, all das gibt es hier nicht. Die wichtigen Aktivitäten stehen hier also unter der Prämisse des Privaten. Öffentlichkeit ist nur etwas Komplementäres, das man dosiert, indem man es sich hin und wieder in der Stadt abholt. Und das ist keinesfalls ein akzeptabler Zukunftsprospekt."

Weitere Artikel: Die Venedig-Ausgabe 2008 war, wie Daniel Kothenschulte findet, besser als ihr Ruf. Und die Preisauswahl schlimmer als befürchtet. Der Hauptgewinner "The Wrestler" sei Mickey Rourkes und Marisa Tomeis wegen sehenswert, anders als Marco Bechis "The Birdwatchers" oder die gar nicht erst im Wettbewerb gezeigten neuen Werke von Claire Denis und Avi Mograbi aber kein wirklich großer Film. Kothenschulte schreibt auch zum Tod des Stummfilmstars Anita Page. In einer Times Mager wundert sich Hans-Jürgen Linke über die Normalitätssucht der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Hamburger Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" und ein Gedenkkonzert zum achtzigsten Geburtstag des Jazz-Posaunisten Albert Mangelsdorff.

Welt, 08.09.2008

Thomas Lindemann erinnert im Aufmacher an den im Juni verstorbenen Ausnahmepianisten Esbjörn Svensson, der mit seinem Trio e.s.t. noch ein letztes Album aufgenommen hat: "Mit dem fünften Album 'From Gagarins point of view' hatte EST 1999 seinen Durchbruch. Jazz klang plötzlich nach afrikanischen Rhythmen, nach Trommel-Ekstasen der Siebziger, war lyrisch und doch mitreißend, intelligent aber nicht intellektuell."

Auf der Debattenseite nimmt Clemens Wergin Stellung zu Artikeln von Thomas Steinfeld in der SZ (unser Resümee) und Patrick Bahners (hier) in der FAZ, die in seltener Einmütigkeit ihre Minderheitenposition gegen Henryk Broders Antisemitismuskeule zum Ausdruck brachten: "Die Behauptung, Kritik an Israel sei in Deutschland nicht möglich, ist aber inzwischen selbst zu einer Keule geworden, mit der unliebsame Kritik an der Kritik an Israel weggewischt wird. Eine 'freie Debatte' wäre nach Meinung der Bahners und Steinfelds wohl erst dann gegeben, wenn man Israel kritisieren kann, ohne überhaupt Widerspruch zu ernten."

Weiteres: Abgesehen von Hayao Miyazakis leer ausgegangenen Trickfilm "Ponyo" sieht Peter Zander die Preise von Venedigs Filmfestival fair verteilt und auch Mickey Rourkes Comeback in "The Wrestler" findet sein Gefallen. Andrea Seibel berichtet vom Potsdamer Mediengipfel zu Russland. In der Randspalte stöhnt Berthold Seewald über die nicht enden wollenden Diskussionen um Troja. Matthias Heine berichtet vom Streit zwischen Berliner Ensemble und Wiener Theater an der Josefstadt um die Ehre, Brechts "Judith von Shimoda" uraufgeführt zu haben. Sven Felix Kellerhoff berichtet von Diskussionen um Münchens NS-Dokumentationszentrum.

Auf der DVD-Seite ruft Sascha Westsphal den japanischen Regisseur Kenji Mizoguchi ins Gedächtnis. Rüdiger Sturm unterhält sich Mario Adorf über verpasste Chancen.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" im Hamburger Thalia Theater und die ZDF-Produktion "Der Heckenschütze".
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NZZ, 08.09.2008

Die Letzten können die Ersten sein: Susanne Ostwald zieht Bilanz nach dem durchwachsenen Filmfestival Venedig (Alle Preisträger 2008 hier). Die zweite Hälfte des Wettbewerbs war deutlich besser als die erste und der letzte Film der beste: Darren Aronofskys "The Wrestler", eine Milieustudie über einen alternden Show-Ringer, gespielt von Mickey Rourke. Dennoch war es für die Kritikerin "eine große Überraschung, als dem Film dann statt eines Darstellerpreises sogar der Hauptpreis zugesprochen wurde. Denn ähnlich wie bei der diesjährigen Berlinale ... hat sich auch die Jury in Venedig unter dem Vorsitz von Wim Wenders für den wohl kontroversesten Beitrag entschieden."

Weitere Artikel: Urs Schoettli skizziert die englisch-indische Kolonialgeschichte mit besonderem Augenmerk auf die liberalen Strömungen der "Bengalischen Renaissance", einer Reformbewegung, die neben einem regen philosophischen Austausch vor allem die englische Sprache in Indien verbreitet hat - und die ihre späte Erfüllung in Indiens Aufstieg zur IT-Supermacht gefunden haben mag. Peter Hagmann hört in Luzern gleich zweimal Strawinskys "Sacre": einmal vom New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Lorin Maazel und von der Lucerne Festival Academy unter Pierre Boulez. Außerdem fürchtet Joachim Güntner nach dem Urteil im Antisemitismus-Streit zwischen Henryk M. Broder und Evelyn Hecht-Galinski weitere Prozesse. Arnold Bartetzky besucht das georgische Signagi, ein "städtebauliches Kleinod", das weiterhin auf den Tourismus hofft - nach dem Krieg unter erschwerten Bedingungen.

SZ, 08.09.2008

Marcia Pally warnt mit Blick auf die übelsten Interventionen amerikanischer Außenpolitik vor allzu großen Hoffnungen auf einen demokratischen Präsidenten: "Rückblickend auf den Kalten Krieg betrieben republikanische Präsidenten wie Richard Nixon, Gerald Ford und Ronald Reagan Stellvertreterkriege und verdeckte Militäroperationen in Indochina, Südkorea, El Salvador, sowie gegen Salvador Allende in Chile und gegen die Sandinisten in Nicaragua. Doch die demokratischen Präsidenten Truman, Kennedy und Johnson taten es ihnen gleich, ob in Indochina oder Südkorea, ob gegen Patrice Lumumba im Kongo, Kwame Nkrumah in Ghana, Juan Bosch in der Dominikanischen Republik, Victor Paz in Bolivien oder gegen Jao Groulet in Brasilien. Auf das Konto der Demokraten gehen Vietnam und Suhartos Blutbad in Indonesien; Chile geht auf das der Republikaner."

Weiteres: Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler resümieren völlig zufrieden das Filmfestival von Venedig, der Goldene Löwe für Darren Aronofskys Wrestler-Drama mit Mickey Rourke geht in Ordnung: "Das bodenständige Amerika, das Darren Aronofsky filmt, ist von großer Trostlosigkeit, seine Showbuden erinnern an die tristen Sägemehl-Varietes in den Filmen von Fellini." Franziska Augstein stellt sich im Aufmacher hinter Forderungen, im Grundgesetz die Bezüge auf Rasse oder rassische Zugehörigkeit zu streichen. Jörg Magenau berichtet von einer Berliner Debatte über Kultur-Sponsoring. Jörg Häntzschel weiß zu berichten, dass das Berliner Stadtschloss in den USA viele Unterstützer findet.

Auf der Medienseite spricht Sonja Zekri mit Makscharip Auschew, dem Betreiber der regierungskritischen Webseite inguschetiya.ru über die Ermordung seines Vorgängers Magomed Jewlojew: "Magomed wurde auf dem Flughafen in Nasran festgenommen und auf ein Gelände gebracht, das einem Cousin des Präsidenten Murat Sjasikow gehörte. Dort wollte man Magomed demütigen und alles auf Video aufzeichnen. Als er sich wehrte, wurde er erschossen... Sjasikow flog in derselben Maschine wie Magomed. Wer sonst hätte den Befehl geben sollen? Außerdem haben wir Informationen aus der Umgebung Sjasikows, dass dieser aus dem Flugzeug seinen Sicherheitsdienst angerufen hat."

Besprochen werden die Rembrandt-Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, Dimiter Gotscheffs "Leonce und Lena" im Hamburger Thalia (das Till Briegleb als "obszönes Verreißen von Büchners Text zum Zwecke der Pädagogik" schmäht) und Bücher, darunter Roland Barthes' Vorlesungen "Die Vorbereitung des Romans" und Sönke Zankels "Mit Flugblättern gegen Hitler" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 08.09.2008

Durchaus einverstanden ist Michael Althen mit dem Goldenen Löwen für Darren Aronofskys Film "The Wrestler", schon weil es zuletzt doch die amerikanischen Filme waren, die überzeugen konnten. Der Siegerfilm "wäre nicht mehr als eine gelungene Show-Business-Biographie, wenn ihm nicht ein entscheidender Besetzungs-Coup gelänge, der um ein Haar gescheitert wäre, hätte Nicolas Cage nicht in letzter Minute abgesagt: Mickey Rourke spielt die (fiktive, aber umso liebevoller erfundene) Wrestling-Legende Randy 'The Ram'Robinson. Und damit hat der Film ein Zentrum von solch schmerzlicher Intensität, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann. Dies ist die Rolle eines Lebens - das, was Jake La Motta in 'Raging Bull' für De Niro war -, nur musste sich Rourke dafür kaum verstellen."

Weitere Artikel: Jochen Hieber feiert den Abschluss der Epoche machenden Hölderlin-Ausgabe bei Stroemfeld nach dreiunddreißig Jahren. In der Glosse erinnert Andreas Platthaus anlässlich des Rücktritts von Kurt Beck an den George Washingtons. Jordan Mejias porträtiert den Singer/Songwriter Rufus Wainwright, der gerade mit Robert Wilson ein Stück fürs Berliner Ensemble vorbereitet. Jürgen Dunsch stellt den zwischen der Großstadt Zürich und dem Land gelegenen Ort Wädenswil vor. Andreas Eckert informiert über das Erscheinen einer Schrift, in der Afrika-Wissenschaftler eine von ihnen als rassistisch und kolonialistisch begriffene Rede Nicolas Sarkozys zur Fortschrittsunfähigkeit der Afrikaner analysieren. Vorabgedruckt werden Auszüge aus dem jüngsten Roman des Ex-FAZ-Feuilletonredakteurs und fleißigen Schriftstellers Dietmar Dath, der den Titel "Die Abschaffung der Arten" trägt.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Georg Büchners "Leonce und Lena", die ersten Konzerte beim Musikfest Berlin, eine musikalische Gedenkfeier für Albert Mangelsdorff in der Alten Oper Frankfurt und Bücher, darunter Andrew Delbancos "Melville"-Biografie und Catrin Kerstens Luhmann-Studie "Ort der Freundschaft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).