Heute in den Feuilletons

Kein Placebo, sondern Aufputschmittel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2008. Die taz fragt: Was ist das für ein Buchpreis, der 14.000 Titeln keine Chance gibt? Die Welt meint: Heath Ledgers Joker ist unheimlicher als Jack Nicholsons Joker. Der Tagesspiegel fragt: Geben amerikanische Museen Raubkunst zurück? Die SZ macht sich Sorgen über den Rechtsextremismus in Ungarn. Die FAZ hat herausgefunden, dass W.G. Sebald mit seinen Vorwürfen gegen Alfred Andersch womöglich doch recht hatte.

TAZ, 19.08.2008

Erste Vorzeichen der kommenden Saison flackern am Horizont. Christoph Schröder konstatiert zunächst den Einflussverlust der Literaturkritik in den Feuilletons, um dann auf den Deutschen Buchpreis zu sprechen zu kommen, dessen Longlist morgen veröffentlicht wird. Anders als die Kritiker hat der Buchpreis Auswirkungen auf den Verkauf der Bücher: "Aber um welchen Preis? Im August benennt die Jury eine so genannte Longlist, bestehend aus etwa 20 Titeln. Einen Monat später erscheint die Shortlist, die sechs Titel umfasst. Wer es nicht mindestens auf die Longlist schafft, kommt nicht mehr vor. Wer es von der Longlist bis zur Verkündung der Shortlist nicht zum Bestseller geschafft hat, kommt auch nicht mehr vor. Bleiben also rund 14.000 Titel, die keine Rolle mehr spielen."

Weitere Artikel:Elisabeth Raether erinnert an die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow, deren Roman "Von Paul zu Pedro" bei Manesse wiederveröffentlicht wird. Joachim Lange zieht Halbzeitbilanz in Salzburg. In der "Warenkunde" analysiert Wolfgang Ullrich eine Werbung für einen Frauen-Kredit. Und Konrad Feuerstein hat das Festival c/o pop in Köln besucht. Auf der Medienseite stellt Rene Martens den Internetsender byte.fm vor.

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 19.08.2008

Christina Tilmann berichtet von einem weiteren Fall möglicher Raubkunst, der noch etwas spektakulärer werden dürfte als der Streit um das Kirchner-Bild "Berliner Straßenszene", aber bestimmt ebenso kompliziert: "Der Potsdamer Historiker und Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums Julius Schoeps kämpft seit 2003 im Namen der Mendelssohn-Erben um die Kunstsammlung des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy (1875- 1935). Um zwei besonders berühmte Bilder, Pablo Picassos 'Junge mit Pferd' (1906) aus dem Museum of Modern Art und Pierre Auguste Renoirs 'Die Mühle von La Galette' (1900) aus dem New Yorker Guggenheim-Museum, wird aktuell gestritten. Die New Yorker Museen wollen per Feststellungsklage erreichen, dass ihr Eigentum an den Bildern bestätigt wird. Unlängst war ihr Anwalt in Berlin, im Herbst beginnt die Verhandlung."

Welt, 19.08.2008

Eine ganze Seite widmet sich der Exegese der neuesten "Batman"-Episode. Hanns-Georg Rodek ist vor allem begeistert von Heath Ledgers Darstellung des "Joker. Er sei "viel beunruhigender als Jack Nicholsons Joker im ersten 'Batman' vor 20 Jahren, der sich im geheimen Einverständnis mit uns Zuschauern befand: Wenn er grinste, durften wir lachen. Ledgers Joker ist nicht so leicht auszurechnen." Peter Beddies unterhält sich außerdem mit dem Batman-Darsteller Christian Bale, der wie erwartet viel Positives über Heath Ledger sagt. Rodek meldet zudem, dass die Einnahmen aus "The Dark Knight" noch nicht ganz an "Titanic" heranreicht.

Weitere Artikel: Matthias Heine kommentiert den Umstand, dass es nichts Schlimmes bedeutet, wenn man bei Ebay einen gelben Stern bekommt. Hendrik Werner liest Memoiren von Dario Fo. Thomas Lindemann unterhält sich vor der Leipziger "Game Convention" mit dem von Computerspielen faszinierten Psychologen Dietrich Dörner.

Besprochen wird Dvoraks Märchenoper "Rusalka" unter Franz Welser-Möst und dem Regieduo Wieler/Morabito in Salzburg.

Auf der Magazinseite erzählt Helga Hirsch die Geschichte der Brüder Schlomo und Pinkus Turbiner, die in der Stadt Dzierzonow vom Ehepaar Konstanty und Maria Suproniuk vor den Nazis versteckt wurden und die es nun erreicht haben, dass ihre Retter in der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt werden. Und im Forums-Essay nimmt Richard Herzinger die offensichtlich von der Linkspartei gepflegte Legende auseinander, dass der Prager Frühling in einen "Dritten Weg" zu einer nicht kapitalistischen und dennoch freien Gesellschaft hätte führen können.
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FR, 19.08.2008

Der pakistanische Journalist Tariq Ali fragt sich, ob der Rücktritt von Präsident Pervez Musharraf wirklich einen Wandel zum Besseren bedeutet: "Pakistan hat sich damit von einer mottenzerfressenen Diktatur zu einer mottenzerfressenen Demokratie gewandelt... Wäre Musharraf einfach zurückgetreten, als seine Amtszeit 2007 ohne Option auf Verlängerung zu Ende ging, hätte er sich einigen Respekt erwerben können. Stattdessen rief er den Notstand aus und entließ den obersten Richter des Verfassungsgerichts, als der sich querstellen wollte. Deshalb geht Musharraf nun in Ungnade, verlassen von seinen Anhängern, die ihm große Reichtümer und Privilegien verdanken, sich jetzt aber lieber um die neuen Machthaber scharen."

Weiteres: Ina Hartwig liest bewundernd, freudig und bewegt den vorzeitig von den Erben freigegebenen Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Paul Celan, der ursprünglich bis ins Jahr 2023 gesperrt bleiben sollte. Judith von Sternburg setzt uns in Sachen Mondfinsternis, Rheingold und Tatort partiell ins Bild.

Besprochen werden Dvoraks Märchenoper "Rusalka" bei den Salzburger Festspielen, Virgilio Mazzocchis Psalmenvertonungen beim Rheingau Musik Festival, eine Ausstellung im Wilhelm Busch Museum in Hannover, das Berliner Theater-Großprojekt "Heidizeit" und der Band "Dagongmei" über Arbeiterinnen in China.

NZZ, 19.08.2008

Wie die Architektur versuchte, die Köpfe frei zu machen, zeigt die Ausstellung "Mind Expanders" im Wiener Mumok, berichtet Paul Jandl. Mit utopischen Architekturen wollte Österreichs Avantgarde Ende der 60er Jahre zur Bewusstseinserweiterung des Bauens beitragen: "Dass in diesem Zeitalter der Manifeste auch die Architektur nicht abseitsstehen wollte, versteht sich von selbst. 'Alles ist Architektur', verkündete Hans Hollein, der sich am vehementesten daranmachte, die Grenzen zwischen der Kunst und dem Leben zu verwischen. Seine 1967 erfundene 'Architektur-Pille' war kein Placebo, sondern Aufputschmittel. Nahm man nur eine der sorgsam in Zellophan verpackten Pillen, so bedeutete das 'Haus', zwei standen für ein Wohnviertel und vier für eine Stadt. Holleins pharmazeutische Architektur war im Kleinen, was seine Ideen auch im Großen sein konnten - eine Reverenz an den menschlichen Körper, an dem sich die Kunst zu messen hatte."

Über eine bisher enttäuschende Opernbilanz der Salzburger Festspiele tröstet Antonin Dvoraks "Rusalka" in einer Aufführung von Franz Welser-Möst hinweg, meint Marianne Zelger-Vogt, vor allem in gesanglicher Hinsicht: "Kohärenz entsteht hier vor allem durch das exzellente Solistenensemble. Camilla Nylunds Sopran hat für die Titelpartie die nötige Spannweite, Beweglichkeit und Ausdruckskraft, ihr etwas kühles Timbre passt durchaus zu dieser Nixengestalt. Und wie sie sich am Schluss, ungeachtet der keineswegs sängerfreundlichen Akustik des Bühnenraums, zu steigern vermag, an stimmlicher und darstellerischer Intensität gewinnt, das hat großes Format."

Weiteres: Felix Philipp Ingold erzählt die Geschichte des 1982 gegründeten Pariser Verlag Allia, der nur Texte im Programm hat, die kein anderer Verlag hatte drucken wollen, mithin "vergessene, verpönte, verbotene Werke aller Art". Markus Ganz besucht das Metallica-Open-Air-Konzert im Toggenburger Jonschwil.

Besprochen werden Bücher, darunter Wendy Guerras Autobiografie "Alle gehen fort", Berta Marses Kurzgeschichten "Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im Swimmingpool ertränken wollte", Julien Greens "Erinnerungen an glückliche Tage" und eine Anthologie neuer Literatur aus Kroatien, herausgegeben von Nenad Popovic (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

SZ, 19.08.2008

Alex Rühle beschreibt den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit in Ungarn und hält fest: "Nun gibt es in jedem europäischen Land rechtsextreme Fanatiker. Das große Problem in Ungarn ist, dass sich die bürgerliche Rechte nicht von diesen Extremisten abgrenzt. ... Die Soziologin Maria Vasarhelyi sagt, wegen dieses Flirts hätten sich die Grenzen zwischen radikalen und gemäßigten Rechten völlig verwischt, extremistische Phrasen seien salonfähig, Politiker der großen Parteien würden mit revisionistischen und nationalistischen Parolen hausieren gehen."

Weitere Artikel: Lars Weisbrod denkt über eine Studie des Bildungsministeriums nach, wonach Studenten mit den Universitätsreformen erstmals zufrieden sind. Christoph Luzi war bei einer Tagung in England über Sinn und Unsinn der Gefängnisstrafe. "Etwas Seltsames geschieht in der Provinz Westkap", schreibt die südafrikanische Wissenschaftsautorin Leonie Joubert in der Klimaserie: "Für die Klimaforscher ist es ein Rätsel. Die Provinz erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest des Landes - und niemand weiß, wieso." Ben Kingsley spricht im Interview über das Schauspielen. Burkhard Müller informiert über Orwells Blog. Lothar Müller schreibt zum Tod des Germanisten Karl Robert Mandelkow.

Besprochen werden Dennis Dugans Film "You Don't Mess With the Zohan", die Schau "Love" in der National Gallery, eine Aufführung von Antonin Dvoraks "Rusalka" bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter - im Aufmacher - Volker Schlöndorffs Erinnerungen und Jörg Matheis' Roman "Ein Foto von Mila" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.08.2008

Für Jörg Döring und Rolf Seubert belegen neu gefundene Dokumente, dass W.G. Sebald doch recht gehabt haben dürfte mit seinem Vorwurf, Alfred Andersch habe während des Dritten Reichs seine Ehe mit einer von den Nazis als "jüdischer Mischling" klassifizierten Frau in strategischer Absicht für sein eigenes Wohl benutzt. Der chinesische Autor Yu Hua notiert aktuelle Eindrücke von der chinesischen Schizophrenie zwischen großer Armut einerseits und rasant wachsendem Reichtung andererseits. Rüdiger Suchsland resümiert ein Filmfest von Locarno (Website), das er bei weitem nicht so schlecht fand, wie es mancherorts gemacht wurde. In der Glosse informiert Dirk Schümer über einen Dammbruch: Italiens rechter Kulturminister hat sich zu seiner Ignoranz gegenüber moderner Kunst bekannt, da wollen jetzt auch prominente linke Politiker nicht nachstehen. Thomas Jansen fragt sich, wie man von den Adresslisten für Bettelbriefe von Wohltätigkeitsorganisationen kommt. Zur gescheiterten chinesischen Hürdensprinterolympiahoffnung Liu Xiang liefert Dieter Bartetzko den griechisch-mythologischen Hintergrund, Stichwort "Achilles-Ferse". Henning Ritter schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Michael Baxandall. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite hat Michael Angele nach seinen Erfahrungen in der Praxis Tipps für Lehrende der Literaturwissenschaften (Lyrik unterrichten, weil die Texte kurz sind; mutig vereinfachen), von denen man nur hoffen kann, dass sie als Parodie gemeint sind.

Besprochen werden die Uraufführung in Chichester von Ronald Harwoods Stück "Collaboration" um die (un)mögliche Zusammenarbeit von Richard Strauss und Stefan Zweig, Jossi Wielers und Sergio Morabitos Salzburger Version von Antonin Dvoraks Märchenoper "Rusalka", die Wiener Ausstellung "Am Puls der Stadt - 2000 Jahre Karlsplatz" (pdf-Info), das Album "Vantage Point" der belgischen Band dEUS und ein Erzählungsband von Silvio Huonder mit dem Titel "Wieder ein Jahr, abends am See" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).