Heute in den Feuilletons

Sex lässt sich nicht verfilmen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2008. In der taz erklärt der ukrainische Autor Mykola Riabchuk, warum sich nach dem Feldzug in Georgien selbst die prorussischen Kräfte von Russland abwenden. Der Perlentaucher übersetzt den Liberation-Artikel von Glucksmann und Levy, denen die FAZ vorwirft, allein die Interessen Amerikas und Israels zu verfechten.  Der Perlentaucher antwortet auch auf eine Polemik des Filmkritikers Josef Schnelle gegen Filmkritik im Internet. In der SZ erklärt Michel Houellebecq, warum das Genital das Problem ist.

TAZ, 18.08.2008

Der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk erklärt, warum sich nach dem Feldzug gegen Georgien selbst die prorussischen Kräfte von Moskau abwenden: "Russlands Regierung hat eine Grenze überschritten, weswegen sich jetzt alle postsowjetischen Länder äußerst verwundbar fühlen. In der Kritik stehen dabei nicht nur die absehbaren zukünftigen "friedenserhaltenden Maßnahmen" in Regionen, die Moskau als seinen rechtmäßigen Hinterhof begreift - angefangen beim moldawischen Transnistrien über die ukrainische Krim bis hin zum dem an Erdöl reichen Aserbaidschan, das derzeit in einen schwelenden Krieg mit Armenien verwickelt ist. Das Problem ist auch, dass die postsowjetischen Autokraten bislang mit ihrer russenfreundlichen Haltung auf dem politischen Markt punkten konnten... Wie fleißige Schüler wollten sie für ihre "Russland-Wahl" gelobt und ausgezeichnet werden. Nun aber hat Moskau klargestellt: Die Loyalität mit Russland ist keine Option, sondern ein Muss."

Weiteres: Hugo Velarde analysiert die Lage in Bolivien, wo Evo Morales wieder einen politischen Sieg eingefahren hat. Isabelle Reicher resümiert das Filmfestival von Locarno. Jutta Harms wirft einen Blick auf die produktive J-Culture-Community der Comic- und Mangazeichner. Kein gutes Haar lässt Gert G. Wagner an Hans Herbert von Arnims Anti-Politiker-Schrift "Die Deutschlandakte".

Und Tom.

Perlentaucher, 18.08.2008

SOS Georgien? SOS Europa! Nach der FAZ-Attacke gegen einen Georgien-Artikel Andre Glucksmanns und Bernard-Henri Levys in Liberation übernimmt der Perlentaucher diesen Artikel erst recht: "Glauben Sie nicht, dass es sich hier um eine rein lokale Angelegenheit handelt: Es ist wahrscheinlich der entscheidendste Wendepunkt der europäischen Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer. Moskau gibt die Tonart vor: 'Völkermord' lautet die Anschuldigung durch Putin, der das Wort beim sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nicht auszusprechen geruhte. Der sanfte Medwedjew erinnert an 'München', als sei Georgien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern die Wiedergeburt des Dritten Reichs. Wir werden die geistigen Kapazitäten dieser Führungsfiguren nicht unterschätzen. Darum glauben wir, dass sie unter dem Mäntelchen ihrer geheuchelten Empörung die große Keule verstecken."

Und noch eine Debatte im Perlentaucher. Ekkehard Knörer antwortet auf eine Polemik des Doyens der deutschen Filmkritik, Josef Schnelle, gegen Filmkritik in Blogs: "'In den deutschen Blogs herrscht der Warentest: Daumen hoch - Daumen runter. Tausende Blogger greifen die Filmkritik an.' Glaubt Schnelle. Was für ein paranoides Szenario. In den USA zeigt sich, dass das glatte Gegenteil der Fall ist: Die Blogger sind längst da, wo sich die Print-Kritik den Platz, die Zeit und die Radikalität nicht mehr leisten will oder kann oder darf, die es für eine gründliche Auseinandersetzung so unabdingbar braucht." In der Medienlese reagiert Ole Reißmann auf Schnelles Artikel.

Aus den Blogs, 18.08.2008

Netzpolitik.org kommentiert Pläne einer kostenpflichtigen Video-on-Demand-Plattform des WDR: "Die von uns finanzierten und für uns produzierten Inhalte sollen nach Ablauf der üblichen sieben Tage in den Mediatheken in einer eigenen Plattform vertrieben werden. Das heißt, die Nutzer und Finanziers des Öffentlich-Rechtlichen Systems sollen dann die Möglichkeit erhalten, die Inhalte auf Wunsch nochmal zu kaufen." Dann kommen vielleicht nochmal sieben Millarden zusammen!

In Indiskretion Ehrensache nimmt Thomas Knüwer einen Leitartikel Josef Joffes gegen die Huffington Post in der letzten Zeit auseinander.
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Welt, 18.08.2008

Volker Schlöndorff hat seine Memoiren geschrieben. Im Gespräch mit Peter Zander sagt er auch einige selbstkritische Worte über den Neuen Deutschen Film: "Es ist immer erst mal gut, zu sagen, Papas Kino ist tot. Aber als wir das getan hatten, hätten wir danach sofort einen Waffenstillstand schließen müssen, wie es die Franzosen der Nouvelle Vague auch gemacht haben. Alles selbst zu machen, aus der Wohnküche heraus, das war der eigentliche Fehler des Neuen Deutschen Films. Nicht, dass es Autorenfilmer waren oder dass man seine eigenen Geschichten erzählt hat; nein. Das Realitätsprinzip erfahrener Produzenten, das hat gefehlt, die einerseits knallharte Geldstandpunkte vertraten und einem andererseits Sicherheit gaben."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland porträtiert den Regisseur Christopher Nolan, der mit seinem "Batman"-Film gigantische Erfolge feiert. Rolf Schneider kommentiert den Plan des Schauspielers Peter Sodann, sämtliche je in der DDR erschienenen Bücher zu sammeln. Alexander Kluy erklärt, was es mit dem heutigen Tag der schlechten Gedichte aus sich hat. Hans-Jörg Schmidt berichtet, dass jetzt auch Prag wegen vermehrten Hochhausbaus Ärger mit der Unesco-Welterbekommission hat.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Inszenierung der "Räuber" in Salzburg, ein Konzert mit Eric Clapton und Jakob Dylan in Berlin, eine DVD mit James Browns berühmtem Bostoner Konzert nach der Ermordung Martin Luther Kings und Ereignisse des Lucerne Festivals (das übrigens 100 Millionen Schweizer Franken geschenkt bekommen hat, wofür es ein Saal für experimentelles Musiktheater bauen will).

FR, 18.08.2008

Daniel Kothenschulte bilanziert zufrieden das Filmfestival von Locarno, das mit "Parque Via" des Mexikaners Enrique Rivero wahrscheinlich den langsamsten Film preisgekrönt hat: "Rivero inszeniert seinen ersten Langfilm in einer atemberaubenden Verbindung aus Dokument und Fiktion. Gedreht im alten Dokfilm-Format 16mm, ist dennoch jedes Bild perfekt komponiert, als blicke man dem göttlichen Auge über die Schulter." (Hier alle Gewinner.)

Als "Festivalentdeckung der Saison" feiert Peter Michalzik das Nature Theater of Oklahoma: "Kelly Copper, Povol Liska und ihr Nature Theater of Oklahoma (das seinen Namen von Franz Kafka hat) sind endlich mal wieder Avantgarde, die tatsächlich aus New York kommt, sie machen ein Theater, wie es wirklich noch keines gab, und sie sind mit 'No Dice' und 'Poetics: A Ballett Brut' dieses Jahr die angesagtesten Performer bei den diversen europäischen Festivals."

Weiteres: In Times mager erklärt Hans-Jürgen Linke, warum ein Sensor noch lange nicht "schmecken" kann. Besprochen werden Nicolas Stemanns chorische Inszenierung von Schillers "Räubern" in Salzburg (die Peter Iden ausgesprochen unsubtil fand), Hildegard Knefs Buch über Romy Schneider (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 18.08.2008

Alexandra Stäheli zieht die Bilanz eines durchschnittlichen Festival-Jahrgangs in Locarno, der zwar keine großen Entdeckungen, dafür aber Tiefgang zu bieten hatte: "Es gab an dieser 61. Festival-Ausgabe tatsächlich viele Bohrungen in den Gründen und Abgründen der menschlichen Seele, unzählige Vermessungen des Leids in den Zeiten des Neoliberalismus - Schwermut scheint im momentanen Filmschaffen wieder schwer im Trend zu liegen, so dass man sich in der dunklen Höhle des Kinosaals manchmal insgeheim doch einen kleinen hellen Film über das Glück wünschte; aber das Glück ist ja leider, wie alles Schöne, langweilig, es folgt nicht dem aristotelischen Spannungsbogen und eignet sich kaum für Herzmassagen und Katharsis."

Marc Zitzmann stellt private Museen und Kunstorte in Paris vor, als deren spannendsten er Espace EDF Electra rühmt: "Markante Ausstellungen galten den Filmillusionisten Georges Melies und Etienne-Jules Marey, den Lichtkünstlern Yann Kersale und James Turrell oder dem Erfinder der 'vertikalen Gärten', Patrick Blanc. Ob verspielt, verschroben oder verstörend, der Espace Electra ist immer für Überraschungen gut."

Weiteres: Roman Bucheli berichtet von Leben und Werk des Dichters Rudolf Borchardt, einem der eigenwilligsten Intellektuellen der Weimarer Republik. Besprochen werden Nicolas Stemanns "Räuber"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen sowie Tanzproduktionen des Lucerene Festivals von Joachim Schloemer und Verena Weissbeim.

SZ, 18.08.2008

In Locarno stellt Michel Houellebecq sein Regie-Debüt, die Eigenromanverfilmung "Die Möglichkeit einer Insel" vor. Barbara Gärtner hat ihn zum Gespräch getroffen, in dem er wenig, aber immerhin erklärt, warum es keinen expliziten Sex gibt in dem Film: "Wenn man Sex zeigt, gibt es immer ein Problem mit den Männern; die männlichen Genitalien sind einfach nicht schön. Ich habe schon einmal einen erotischen Kurzfilm gemacht, darin waren aber nur Frauen beim Sex zu sehen. Doch bei einem längeren Film nur vögelnde Frauen zu zeigen, ist ja langweilig. Sex lässt sich nicht verfilmen, darüber kann man höchstens schreiben."

Weitere Artikel: Burkhard Müller beschreibt den gerade von einem Mäntelchen a la Christo umhüllten Marx-Kopf in Chemnitz. In den Nachrichten aus dem Netz schreibt Tobias Moorstedt über den Nachteil, nicht den Nutzen der E-Mail. Volker Breidecker attestiert dem Frankfurter Hauptbahnhof zum hundertzwanzigsten Geburtstag beste Zukunftsaussichten. Matthias Lüdecke sieht die Chartserfolge des mit Klassik zum britischen Superstar-Sieger gewordenen Paul Potts (hier der YouTube-Clip, der mehr als 33 Millionen mal gesehen wurde) als Beleg, dass sich Pop und Klassik näherkommen. Knapp berichtet Steffen Heinzelmann von einem kleinen ägyptisch-iranischen "Filmkrieg". Auf der Medienseite informiert Thomas Schuler über die Ankündigung der Ex-Vanity-Fair- und New-Yorker-Chefredakteurin Tina Brown, im Herbst eine Website mit dem Titel The Daily Beast zu starten.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Salzburger "Räuber", Konzerte der Pianisten Krystian Zimerman und Maurizio Pollini ebenfalls in Salzburg, die Ausstellungen der Künstler Saadane Afif und Annette Kelm im Rotterdamer Witte-de-With-Museum, Shari Springer Bermans und Robert Pulcinis Film "Nanny Diaries", Horrorfilme und anderes auf neuen DVDs, und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan (den Helmut Böttiger als "literaturgeschichtliches Ereignis" feiert) und Kerstin Ekmans Essaysammlung "Der Wald" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 18.08.2008

Vom Kölner Musik- und Unterhaltungsbranchentreffen "c/o pop" hat Oliver Jungen manche Erkenntnis mitgebracht: "Es hat sich in der Branche etwas geändert, und zwar fundamental. Man erkennt endlich den De-facto-Zustand an, was nicht unbedingt zu Resignation führt, sondern auch zu Pragmatik. Geld lässt sich mit dem Internet nur bedingt verdienen. Vor allem das große Geschäft mit Musik ist vorbei, das Copyright spielt in der Realität keine Rolle mehr... Erkannt hat man auch, dass das Gebot der Stunde nicht Web 3.0, sondern Reauratisierung heißt, die Aussetzung der technischen Distanz: Konzerte werden zu immer wichtigeren Einnahmequellen."

Weitere Artikel: Thomas Thiel versucht sich einen olympischen Hundertmeterlauf vorzustellen: "Es gilt, das Paradox der Gleichzeitigkeit von höchster Anspannung und Lockerheit zu bewältigen." (Allein um diesen Satz zu verstehen, brauchen wir elf Sekunden!) Kerstin Holm berichtet, wie umstandslos sich die Putin-Partei das Erbe Solschenizyns auf die eigenen Fahnen schreibt. In der Glosse kritisiert Gina Thomas die Inflation allzu guter Abschlussnoten an britischen Schulen bei sinkender Leistungsfähigkeit. In deutschen Zeitschriften liest Ingeborg Harms noch mal was von den Problemen mit der Willensfreiheit, aber auch, warum die Linkszeitschrift konkret (Artikel) bei der Kulturzeitschrift lettre nicht nur den revolutionären Impetus, sondern auch die Ironie vermisst. Andreas Rossmann porträtiert Peter van den Brink, den Leiter des Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. Über Pläne zur Begradigung und Stauung der Donau zwischen Straubing und Vilshofen informiert Franziska Seng. Thomas Sparr schreibt zum Tod des Germanisten Karl Robert Mandelkow, Edo Reents würdigt den im Alter von einundneunzig Jahren verstorbenen Musikproduzenten Jerry Wexler. Auf der Medienseite lässt Jochen Hieber die erste Woche Olympia im Fernsehen (mit lobender Erwähnung der Radioübertragungen) Revue passieren.

Besprochen werden ein rheinabwärts gleitendes Kölner Konzert des Singer-Songwriters Jose Gonzalez, Nicolas Stemanns "Räuber"-Dekonstruktion in Salzburg, und Bücher, darunter Enrique Vila-Matas' Roman "Doktor Pasavento" und Bettina Gaus' Reisereportage "Auf der Suche nach Amerika" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).