Heute in den Feuilletons

Da hat ein Land wie China schon Vorteile

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2008. In der NZZ prangert der katholische Politiker Hans Maier die Verfolgung von Christen an. In der FR meint Moshe Zuckermann: Die 68er haben mit der "Obödienzgesinnung" der Deutschen Schluss gemacht. In der Welt schreibt Josef R. Reichholf: Nicht die Spekulanten sind schuld am neuen Hunger, sondern verfehlter Klimaschutz und zuviel Fleisch. Die SZ erzählt die Geschichte des linken Antizionismus in Deutschland. Netzpolitik.org fragt Politiker nach ihrer Meinung zu Netzsperren, bekommt aber keine Antwort. Der Tagesspiegel porträtiert den Soziologen Hillel Levine, der uns mit Erzählen versöhnen will. Spiegel Online bringt den ersten Nachruf auf Hillary.

NZZ, 07.05.2008

Die Liste der Länder, in denen Christen verfolgt werden, wird immer länger, warnt der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Hans Maier. Er fordert deshalb "die Anerkennung von Religionsflüchtlingen als Flüchtlinge im Sinn der internationalen Konventionen - die Beschränkung auf 'politisch Verfolgte' ist in der heutigen Situation längst weltfremd und illusionär. Sodann wäre ein - weltweit geltendes - 'Recht auf Konversion' anzustreben: das Recht, seine Religion zu wechseln ohne Gefahr für Leib und Leben. (...) Dann könnte kein Land, das in seinem Religionsrecht den Grundsatz 'Tod den Abtrünnigen!' duldet, in Zukunft behaupten, es habe die Menschenrechte akzeptiert".

Weiteres: In Kalifornien interessieren sich immer mehr Sammler für Architekturdenkmäler und retten sie vor dem Verfall, berichtet Lilian Pfaff. Die Oper Bonn hat ihr Tanztheater quasi abgeschrieben, meldet Hartmut Regitz. Besprochen werden ein Moliere-Abend von Stephane Braunschweig in Straßburg und Bücher, darunter Stephan Schlaks Biografie des Politikwissenschafters Wilhelm Hennis und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 07.05.2008

Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann setzt die 68er-Reihe der FR fort und bleibt dabei: Die 68er haben mit der Kontinuität faschistischer Gesinnung in der einstigen BRD aufgeräumt. "Sowenig sie dabei zunächst vermochten, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, so haben doch sie in theoretischer Reflexion wie im praktischen Aufbegehren das Autoritäre der bestehenden Gesellschaftsstruktur, nicht zuletzt aber auch die damit einhergehende 'Obödienzgesinnung' (Meinecke), die die politische Kultur Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert durchzogen und unermessliches Unheil gezeitigt hatte, zum nagenden Thema geschichtlichen Eingedenkens und zivilgesellschaftlicher Emanzipation erhoben."

Weitere Artikel: Daland Segler kritisiert in Times mager die lustigen Sprüche des Katholiken Harald Schmidt über Kindergärten. Besprochen werden der Film "Speed Racer", die Uraufführung eines Hornkonzerts von Krzysztof Penderecki und Bücher, darunter Dieter Hildebrandts Biografie der Sonne (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 07.05.2008

Simone Kaempf bespricht die Installation "Die Erscheinungen der Martha Rubin" der Theatergruppe Signa beim Berliner Theatertreffen. Ursula Wöll hat sich zwei Ausstellungen der Fotografen Rogier Fokke und Joakim Eskildsen über das Leben der Roma und Sinti angesehen (mehr hier und hier). Alexander Cammann liest neue deutsche Zeitschriften. In tazzwei porträtiert Martin Reichert die Zeitschrift Neon und ihre Leser: "Sie sind nämlich längst älter als dreißig, versuchen aber noch immer, eine feste Anstellung in einer Agentur zu bekommen" (so wie die taz-Leser, längst über fünfzig und immer noch nicht fertig mit der Diss).

Und Tom.
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Welt, 07.05.2008

Ist der Klimaschutz verantwortlich für den neuen Hunger in der Welt? Er führt jedenfalls dazu, dass auf Flächen, die Menschen ernähren könnten, Pflanzen für Biokraftstoffe angebaut werden. Ebenso verantwortlich ist allerdings der Anbau für Futterpflanzen, etwa in Brasilien, für den europäischen Fleischbedarf, meint der Naturforcher Josef H. Reichholf: "Ein weitaus wirkungsvollerer Beitrag Deutschlands zur Erhaltung der Biodiversität und gegen den Anstieg des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre wäre eine drastische Verminderung der Importe von Futtermitteln und Biobrennstoffen aus Übersee. Wir müssen zurück zu einem System der Landbewirtschaftung, das auf den eigenen Flächen das Nötige und das darauf Mögliche erzeugt. Wer auf gutem Getreideland Tierfutter anbaut oder Biomassepflanzungen fördert, damit man mit grünerem Gewissen weiterhin Auto fahren kann, darf nicht klagen über den Hunger in der Welt."

Fürs Feuilleton hat sich Rainer Haubrich Christoph Schaubs und Michael Schindhelms Film über den Bau des Pekinger Olympiastadions durch die Basler Luxusarchitekten Herzog und de Meuron angesehen - die übrigens über keinerlei politische Probleme mit dem Regime klagen können: "Man hört Jacques Herzog die Bewunderung an für die Konsequenz, mit der die Chinesen Projekte dieser Größenordnung durchziehen. Eine Demokratie wie die der Schweiz habe auch etwas Lähmendes für Architekturprojekte, sagt er, 'da hat ein Land wie China schon Vorteile'."

Weitere Artikel: Manuel Brug kommentiert die überaus konservative Entscheidung des Chicago Symphony Orchestras für Riccardo Muti als Chefdirigenten. Rainer Moritz, Chef des Literaturhauses in Hamburg, begrüßt Schwarz-Grün. Sven Felix Kellerhoff berichtet über eine Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, die besagt, dass die schlimmsten Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg nicht von der Wehrmacht, sondern von "Griechen an Griechen" begangen wurden. Aufgenommen wird ein Bericht der New York Times, dass Peter Olson, der Chef der amerikanischen Randomhouse-Gruppe und Bertelsmann-Manager, angeblich zurücktreten will.

Besprochen werden der Film "Speed Racer", Ereignisse des Kurzfilmfesitvals in Oberhausen, eine Sibylle Merian-Ausstellung in Amsterdam und die Ausstellung "Zarensilber" in Augsburg.

Aus den Blogs, 07.05.2008

"Markus" beschäftigt sich in Netzpolitik.org weiter mit der Forderung der Musikindustrie nach Netzsperren für Internetnutzer, die sich allzu sehr für ihre Inhalte interessieren: "Am vergangenen Montag habe ich dazu einen kleinen Fragekatalog zu Internetsperrungen, Tauschbörsen und Urheberrechtspolitik an die fünf im Bundestag sitzenden Parteien und ihre Jugendverbände geschrieben, um ihre Position zu erfahren. Meine Hoffnung war, dass diese auch antworten..."

Tagesspiegel, 07.05.2008

Caroline Fetscher porträtiert den Bostoner Rabbiner und Soziologen Hillel Levine, der durch die Technik des Erzählens Aggressionen abbauen will, ein Modell, das er auch europäischen Städten mit ihren Multikultiproblemen empfiehlt: "Was geschieht denn nun genau in den Wort-Workshops? Wie wird erzählt? Wenn israelische Jugendliche sich Geschichten palästinensischer Jugendlicher anhören, sagt Levine, wenn sie Lebens- und Leidenswege von deren Eltern oder Großeltern erfahren und umgekehrt palästinensische Jugendliche vernehmen, was die Eltern und Großeltern ihrer israelischen Gesprächspartner erlitten haben, dann, so beharrt er, 'verändert sich etwas'. Jenseits von arabischen Hetzsendern und staatlich-israelischen Parolen gebe es dann Begegnungen, die auf beiden Seiten Erstaunen, Mitempfinden, Nachdenklichkeit wecken."
Stichwörter: Boston, Europäische Stadt

SZ, 07.05.2008

Karin Harteweg zeichnet die kurze und unerfreuliche Geschichte des linken Antizionismus in Ost- und Westdeutschland nach. Anlass ist eine Rede von Gregor Gysi, der kürzlich mit der Tradition brach und dem Staat Israel zum Sechzigsten gratulierte. "Eindringlich mahnte er zur 'Solidarität mit Israel'. Und er forderte dazu auf, die einseitigen Bekenntnisse zum 'Befreiungskampf des palästinensischen Volkes' aufzugeben und den Nahostkonflikt endlich als vielschichtigen gewaltsamen Konflikt wahrzunehmen. Scharf kritisierte Gysi den unter deutschen Linken verbreiteten Antizionismus, weil er die traumatische Erfahrung des Völkermordes an den Juden im Kern negiert."

Die "Alphamädchen" Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl finden ihren Feminismus genauso wichtig wie den von Alice Schwarzer: "Wenn Feminismus als soziale Bewegung breite Akzeptanz in der Gesellschaft finden will, muss er sich auch um die Probleme der breiten Masse kümmern und ihre Sprache sprechen. Und um herauszufinden, welche Probleme heute viele Menschen beschäftigen, brauchen wir einen öffentlichen feministischen Diskurs." (Gut, kann der dann jetzt endlich anfangen?)

Weitere Artikel: Lothar Müller besucht den Schriftsteller Siegfried Lenz, dessen Novelle "Schweigeminute" gerade erschienen ist, in Sonderhav. Riccardo Muti wird Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra, berichtet Helmut Mauro leicht spöttisch, weil er sich Muti nicht so recht beim Präsidieren von Fund Raising Dinner vorstellen kann. Renzo Piano baut eine Filiale für das Whitney Museum, meldet Jörg Häntzschel. Egbert Holl resümiert das Münchner Theaterfestival "Radikal jung". Ingo Mocek stellt britische Pop-Hypes des Frühjahrs vor. Gerd Busse schreibt zum Tod des niederländischen Schriftstellers J.J. Voskuil.

Auf der Medienseite beschreibt Caspar Busse die gut laufenden Geschäfte von Holtzbrinck. Und Sonja Zekri berichtet über Zensur in Russland, die mit der Verschärfung des Mediengesetzes einen neuen Höhepunkt erreicht hat: "Für die 'Verunglimpfung' eines Politikers oder eines hohen Beamten können nun nicht mehr - wie bisher - nur die Journalisten oder Chefredakteure zur Verantwortung gezogen werden. Es geht auch nicht um Widerrufe oder Schmerzensgeld. Von nun an können die Zeitungen gleich ganz geschlossen werden. Als 'Verunglimpfung' gilt dabei die 'willkürliche Falschinformation, die die persönliche Ehre und Würde beschädigt'."

Besprochen werden der Film "Speed Racer" (der Tobias Kniebe über den Verlust der Körperlichkeit des Actionkinos nachdenken lässt), eine Ausstellung der "Street Photography" von Helen Levitt im Sprengel Museum in Hannover, die Ausstellung "Traces du sacre" im Centre Pompidou und die Aufführung des englischen Theaterstücks "Daniel Hit By A Train" durch das Lone Twin Theatre bei den Wiener Festwochen.

Spiegel Online, 07.05.2008

Gabor Steingart schreibt nach den Niderlagen Hillary Clintons in den jüngsten Vorwahlen gleich einen Nachrtuf auf Hillary: "Die Präsidentschaftsbewerberin Clinton war nicht immer elegant, aber oft beeindruckend. Sie hat die Schwächen des Rivalen regelrecht herausgemeißelt. Die Zukunft wird zeigen, ob sie nicht in vielem recht behält."

FAZ, 07.05.2008

Kerstin Holm liefert Impressionen aus dem Russland von heute, kurz vor dem mit viel militärischem Brimborium begangenen Fest zum Jubiläum des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg und dem mehr oder minder bedeutenden Amtswechsel des Wladimir Putin. Der Alltag freilich sieht eher trostlos aus: "Neunzig Prozent der russischen Berufstätigen arbeiten, Umfragen zufolge, nur des Geldes wegen, ohne Freude. Davon erholt man sich traditionell durch eine Zeitreise in ein hölzernes Häuschen, pflanzt Kartoffeln, sammelt Beeren und labt sich an Selbstgebranntem. Auf dem Weg zu Omas Idylle ist nur die Staumauer der Megastadt zu durchbrechen. Im Durchschnitt stehen Moskaus Autofahrer elf Stunden wöchentlich im Stau."

Weitere Artikel: In der Hirnserie klärt der medizinische Psychologe Ernst Pöppel an vielen Beispielen darüber auf, was die Forschung von erkrankten Hirnen über das Funktionieren von gesunden lernen kann. In der Glosse meint Jordan Mejias zu Riccardo Mutis Übernahme des Chicago Symphony Orchestra: "Ja, Chicago hat einen Coup gelandet. Ohne auch nur den geringsten Mut zu beweisen." Martin Lhotzky berichtet von einer Wiener Tagung der Shakespeare-Gesellschaft, bei der es um "Bühne und Bankett" ging. Frank-Rutger Hausmann erinnert an den italienischen Religionsphilosophen Enrico Castelli, der im Jahr 1946 in Deutschland unterwegs war, deutsche Dichter und Denker traf und danach einen "Deutschlandbericht" schrieb. Der Auslandskorrespondent Joseph Hanimann stellt "sein Paris" vor. Dieter Bartetzko porträtiert den Architekten Martin Elsaesser, dessen alte Frankfurter Großmarkthalle jetzt endgültig vom Neubau der Europäischen Zentralbank durchbohrt werden darf.

Jordan Mejias kolportiert, dass kolportiert werde, dass der amerikanische Random-House-Chef Peter Olson womöglich sehr bald seinen Job verliert. Rüdiger Soldt meldet, dass das mittelalterliche Hausbuch, das im Besitz der Adelsfamilie Waldburg-Wolfegg war, jetzt an einen bayerischen Kunstsammler verkauft wurde, der es aber weiterhin für Forschung und Ausstellung zur Verfügung stellt. Dirk Schümer schreibt zum Tod des ins Deutsche nicht übersetzten niederländischen Autors J.J. Voskuil, den er als Meister der epischen Großkomik feiert und für ein Genie vom Rang eines Pessoa oder Kafka hält. Auf der Medienseite porträtiert Markus Bickel die 25jährige Journalistin Nayla Tueni, die - nach dem Mord an ihrem Vater, der diesen Posten innehatte - demnächst wohl Chefredakteurin der liberalsten arabischen Zeitung al Nahar wird, die im Libanon erscheint.

Besprochen werden die Ausstellung mit "Tempelschätzen des heiligen Berges" in der Bundeskunsthalle, der Premierenabend des neuen Direktors des Göteborg Balletts Johannes Öhman, Alexander Riedels Film "Draußen bleiben" und Bücher, darunter Claire Keegans Erzählungen "Durch die blauen Felder" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).